Um zu erklären, weshalb RB Leipzig in der ersten Halbzeit am Samstagabend so überlegen war, erfand Niko Kovac kurzerhand ein neues Wort. "Schnibbliger" seien die Sachsen gewesen, sagte Borussia Dortmunds Trainer. Was er mit diesem ungewöhnlichen Ausdruck konkret meinte, erklärte der 54-Jährige nicht. Letztlich waren die Gäste "sehr viel aggressiver, einfach besser", erklärte Kovac bei Sky.
Getty Images SportDas stimmte vollauf, die Leipziger hatten den BVB in allen Belangen im Griff - vermutlich werden sie also tatsächlich auch "schnibbliger" gewesen sein. Die Westfalen waren mit dem 0:2 zur Pause, überhaupt erst der zweite Rückstand der Dortmunder in dieser Saison, sehr gut bedient.
"Einfach alles" müsse man besser machen, lautete die lapidare Ansage von Kovacs Bruder und Co-Trainer Robert zur Pause. Denn: "Wir haben es in der Umsetzung des Matchplans nicht gut gemacht", sagte Sportdirektor Sebastian Kehl, der vor Anpfiff noch tönte, er sei sehr optimistisch, denn "wir haben einen guten Matchplan heute".
Der Plan des BVB, die Leipziger Außenstürmer zu doppeln, ging gehörig in die Hose. Die Gäste waren insgesamt nicht aktiv genug, schlampig im eigenen Ballbesitz und reagierten nicht gut auf zweite Bälle. Es fehlten Energie und Spritzigkeit im Spiel nach vorne. Das ist gewiss auch nachvollziehbar, wenn man bedenkt, dass die Roten Bullen ohne englische Woche ins Spiel gehen konnten.
Getty Images SportDer Pseudo-Meisterkampf hielt nur drei Spieltage lang an
So wird es Dortmund auch gegen den nächsten Gegner in der Liga ergehen. Während die Schwarz-Gelben unter der Woche in der Champions League einen 2:0-Vorsprung bei Atalanta Bergamo ins Ziel bringen müssen, kommt der FC Bayern ausgeruht in den Signal Iduna Park. Und nun mit acht statt sechs Punkten Vorsprung vor dem BVB.
Die Borussia sollte sich dafür nicht grämen. Der Pseudo-Meisterkampf mit dem Tabellenführer aus München und sechs Zählern Rückstand hielt nur drei Spieltage lang an. Er war eine reine Illusion, weil die Bayern trotz ihres Nachlassens im Vergleich zum ersten Halbjahr weiterhin die bessere Mannschaft sind und eine stärkere Saison spielen.
Einen Titel wird der BVB in dieser Spielzeit nicht feiern können, doch es gibt dennoch einige Faktoren, die man als großen Erfolg verbuchen kann. Beispielsweise nämlich just die Tatsache, dass es nun eben nur acht und nicht neun Punkte Abstand auf den Rekordmeister sind.
Getty Images SportNiko Kovac schließt beim BVB alte Baustellen
Einen ansehnlichen Spielvortrag in Ballbesitz bekommt Kovacs Mannschaft zwar immer noch kaum hin, aber er hat zweifelsfrei wichtige Werte geschaffen und innerhalb des Kaders implementiert. Einen davon nannte der Coach nach Abpfiff in Leipzig selbst. "Was in der zweiten Halbzeit passiert ist: Mentalität! Das war immer das geflügelte Wort hier", sagte Kovac. "Das ist Mentalität, das ist Klasse, das ist wieder Aufstehen. Deswegen haben wir uns den Punkt auch verdient."
Dass die Borussia innerhalb einer Partie nach vielen sehr schwachen Minuten nicht aufgibt und sich effektiv berappelt, Widerstände überwinden kann, war in den vergangenen Jahren eine lange nicht geschlossene Baustelle. Gleiches gilt für die Stabilität und Konstanz, mit der der BVB mittlerweile auftritt. Erst eine Niederlage in 23 Spielen, die zweitwenigsten Gegentreffer der Liga und der Fakt, dass man in den letzten 31 Ligaspielen stets ins Tor traf, sprechen Bände.
Unter Kovac spielt das Team mit einer guten Fokussierung, mit viel Wille, Leidenschaft, Glaube und Geschlossenheit - auch bei ungünstigen Spielverläufen. Zuvor reichte oft ein simpler Rückschlag, um aufzudecken, wie fragil die Einheit auf dem Platz wirklich ist. Nun herrschen Schärfe, Aggressivität und Intensität in den meisten Spielphasen ergebnisunabhängig vor.
AFP"Was trinkste?" Kovac erhält großes Lob von Matthäus
Allerdings ist dies nur die kurzfristige Betrachtung. Doch die zählt eben auch und genau sie bestimmt das Narrativ der Dortmunder Verantwortlichen seit Kovacs Übernahme. Hat man lediglich die zwei vorherigen Spielzeiten vor Augen, in denen der BVB nur Fünfter und Vierter wurde, sind die Entwicklungen unter Kovac eindeutig positiv zu bewerten. Und sie sind teils sogar historisch: 52 Punkte hatte zu diesem Zeitpunkt schließlich noch nie ein Bundesliga-Zweiter auf dem Konto.
Dortmund wird sich anders als zuletzt mit hoher Wahrscheinlichkeit souverän für die Königsklasse qualifizieren. Das ist im Grunde das höchste Gut dieses Klubs, die Millionen aus der CL finanzieren das Geschäftsmodell und bieten darüber hinaus frühzeitige Planungssicherheit.
"Was Niko die letzten zwölf Monate geleistet hat, hat selten ein Trainer vor ihm bei Borussia Dortmund geschafft", jubilierte Experte Lothar Matthäus am Samstag schon vor Spielbeginn. Kovac freute dies natürlich. Er entgegnete lachend: "Was trinkste?"
Getty Images SportDer BVB auf Platz zwei - das natürliche Habitat des Klubs
Ein etwas erweiterter Blick ordnet den zweiten Platz des BVB jedoch besser ein. In den acht Spielzeiten vor 2023/24 belegten die Westfalen fünfmal diesen Rang am Saisonende. Er ist eigentlich das natürliche Habitat des wirtschaftlich zweitpotentesten Vereins des Landes - und er muss auch sein Anspruch sein.
Momentan sieht es so aus, als würde sich die Dortmunder Bilanz nach dem letzten Saisonspiel so lesen: Platz zwei in der Liga, Achtelfinale in der Königsklasse und ein zu frühes Aus im DFB-Pokal. Das wäre weder besonders gut noch besonders schlecht. Und rein vom Ergebnis her auch keine riesige Verbesserung zum Vorjahr (BL-Platz vier, CL-Aus im Viertelfinale, Ende in Runde zwei im Pokal).
Es ist noch eine Weile hin, doch Kovacs Aufgabe im neuen Spieljahr muss es sein, die Konstanz in der Liga weiter aufrecht zu erhalten und das Team noch länger in den Pokal-Wettbewerben zu halten. Das würde nicht nur seine erste volle Saison in Dortmund vergolden. Es würde auch die Chancen auf einen echten Kampf um die Meisterschaft erhöhen.
BVB-Spielplan: Die nächsten Spiele von Borussia Dortmund
Termin Spiel 25. Februar, 18.45 Uhr Atalanta Bergamo - BVB (Champions League) 28. Februar, 18.30 Uhr BVB - FC Bayern München (Bundesliga) 7. März, 18.30 Uhr Köln - BVB (Bundesliga)

