Antoine Semenyo Bournemouth 2026Getty Images

"Ich habe geweint": Antoine Semenyo wollte mit dem Fußball aufhören und spielte nie für einen großen Klub - jetzt ist er Manchester City 75 Millionen Euro wert

Am 14. Januar 2025 feiert Omar Marmoush einen perfekten Abschied von Eintracht Frankfurt: In seinem letzten Spiel für den Bundesligisten führt der zu diesem Zeitpunkt 25 Jahre alte Ägypter sein Team mit einem Tor und zwei Assists zu einem 4:1-Erfolg gegen den SC Freiburg. Wenige Tage später geht der Wechsel des herausragend aufspielenden Angreifers für 75 Millionen Euro zu Manchester City über die Bühne.

Gut ein Jahr später, am 7. Januar 2026, wiederholt sich die Geschichte in England: Antoine Semenyo krönt sein überragendes Halbjahr beim AFC Bournemouth und liefert auch bei seinem letzten Auftritt für die Cherries ab. In der 95. Minute erzielt der Offensivspieler mit einem sehenswerten Distanzschuss den Siegtreffer beim 3:2-Erfolg gegen Tottenham – und das auch noch an seinem 26. Geburtstag. "Wenn das sein letztes Spiel für Bournemouth war, dann gibt es keinen besseren Abschied als auf diese Art. Das ist wie in einem Film, und keiner hat das mehr verdient als er", schwärmt Noch-Teamkollege Marcus Tavernier anschließend bei Sky Sports. Zwei Tage später verkündet Manchester City, dass der Wechsel für 75 Millionen Euro Ablöse endgültig in trockenen Tüchern ist.

  • Überraschend kommt der Abschied für Bournemouth keineswegs. Der Vertrag mit Semenyo war zwar erst im Sommer verlängert worden, allerdings im Wissen, dass die bis zum 10. Januar gültige Ausstiegsklausel in Höhe von 75 Millionen Euro finanzstarke PL-Klubs wie City und die ebenfalls interessierten FC Liverpool oder Manchester United wohl eher nicht abhalten würde. ManCity erhielt den Zuschlag, allerdings laut The Athletic ohne dabei offiziell die Klausel zu ziehen, was Bournemouth noch etwas mehr Geld und City etwas bessere Konditionen (Zahlung innerhalb von 24 Monaten) bietet.

    Gerüchte um einen Wechsel zum Serienmeister der vergangenen Jahre hatte es bereits seit längerem gegeben, der Klub aus dem unteren Tabellenmittelfeld hatte jedoch dafür gekämpft, Semenyo so lange wie möglich einsetzen zu können. Das hat sich angesichts des märchenhaften Abschieds offensichtlich für beide Seiten gelohnt. "Er war großartig. Er hat alles gegeben und war bis zum Ende voll bei der Sache. Ich denke, es ist gut, dass ihm der Fußball dafür diesen Moment geschenkt hat", hob Bournemouth-Coach Andoni Iraola die vorbildliche Einstellung seines ehemaligen Schützlings hervor.

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  • Bristol City v Lincoln City - Carabao Cup Third RoundGetty Images Sport

    Semenyo scheiterte als Jugendlicher in mehreren Probetrainings

    Diese Demut dürfte auch mit seinem steinigen Werdegang zu tun haben. Dass der auf beiden Flügeln sowie auch als Mittelstürmer einsetzbare Offensivspieler nun im nicht mehr blutjungen Alter von 26 Jahren den Sprung zu einem absoluten Spitzenklub geschafft hat, war so vor einigen Jahren noch überhaupt nicht abzusehen. 

    Als Jugendlicher spielte Semenyo nie in der Akademie eines Premier-League-Teams. Er fiel in Probetrainings beim FC Arsenal und den Tottenham Hotspur durch, aber auch bei kleineren Klubs wie Crystal Palace, Fulham und Millwall. Besonders hart traf ihn die Absage von Palace, nachdem er dort bereits für längere Zeit hatte mittrainieren dürfen. 

    "Mein Vater erzählte mir von einer Szene, in der ich hätte abspielen müssen, stattdessen selbst abschloss und nicht traf. Und er sah, wie der Trainer aus der Entfernung nur den Kopf schüttelte", erzählte Semenyo selbst vor gut einem Jahr bei Football Focus. Von diesem Moment an sei seinem Vater – früher in Ghana ebenfalls Fußballprofi – klar gewesen, dass der Klub sich gegen eine Verpflichtung entscheiden werde. Kurz darauf sei er tatsächlich ins Büro einbestellt worden und habe die schlechte Nachricht erhalten. "Ich erinnere mich, wie ich zum Auto zurück ging, es war sehr emotional, ich habe geweint."

  • Semenyo wollte die Fußballschuhe an den Nagel hängen

    Er habe sich anschließend auf die Schule konzentrieren und sogar eine Zeit lang komplett mit dem Fußballspielen aufhören wollen, erzählt Semenyo. "Ich wollte lieber Basketball spielen und Zeit mit meinen Freunden verbringen", verriet er in einem Sky-Interview. Über das Fußballprogramm am South Gloucestershire and Stroud College, unter der Leitung des ehemaligen englischen Fußballprofis David Hockaday fand er schließlich doch wieder zurück zum Fußball, und im Alter von 18 Jahren erhielt er schließlich eine Chance bei Bristol City. "Ich bin auf jeden Fall ein Spätstarter. Ich war ziemlich klein und stämmig", sagt Semenyo rückblickend. Sein Mentor Hockaday habe ihm jedoch beigebracht, an seine Stärken zu glauben und das nötige Selbstbewusstsein zu entwickeln. Zudem sei er gewachsen und habe sich körperlich weiterentwickelt.

    Für Semenyo ging es nach seinem Wechsel zu Bristol erst einmal durch die Niederungen des englischen Fußballs, mit Leihen zu so illustren Namen wie Bath City oder Newport County. Der Durchbruch ließ auf sich warten, die erste Liga schien weit entfernt. Herausragende Zahlen konnte der zunächst als Mittelstürmer eingesetzte Youngster nämlich nicht liefern. In der Championship-Saison 2020/21 gelangen ihm etwa in 44 Zweitliga-Spielen für Bristol City lediglich zwei Treffer und vier Torvorlagen. Im Jahr danach aber etablierte sich Semenyo, inzwischen meist auf dem Flügel aktiv, kam bei 31 Einsätzen auf acht Tore und zwölf Assists.

  • AFC Bournemouth v Manchester City - Emirates FA Cup Quarter FinalGetty Images Sport

    Kontinuierlicher Fortschritt in den vergangenen Jahren

    Vor drei Jahren, im Januar 2023, folgte der Wechsel in die Premier League, für rund 11,5 Millionen Euro Ablöse zum ein halbes Jahr zuvor aufgestiegenen AFC Bournemouth. Auch da hatte Semenyo zunächst Anlaufschwierigkeiten (nur ein Tor in seiner ersten Halbserie), konnte sich aber langsam etablieren und hatte einen wichtigen Anteil daran, dass der Klub in den beiden vergangenen Spielzeiten als Zwölfter und Neunter jeweils im Mittelfeld der englischen Eliteklasse landete.

    Erneut steigerte er sich kontinuierlich, aus acht Toren und drei Torvorlagen in seiner ersten vollständigen PL-Saison wurden in seiner zweiten kompletten Spielzeit elf Tore und sechs Assists - und im vergangenen Halbjahr machte er nun mit 13 Torbeteiligungen in 21 Spielen noch einmal einen weiteren Schritt nach vorne.

    An seiner stetigen Verbesserung hat der spanische Trainer Andoni Iraola einen wichtigen Anteil. Dieser habe ihm anhand von vielen Spielszenen aufgezeigt, wie er sich verbessern und effektiver werden könne, erklärt der ghanaische Nationalspieler. Seine Bilanz für die nicht für den Afrika-Cup qualifizierten Black Stars (32 Spiele, drei Tore) ist allerdings noch ausbaufähig.

  • Semenyo ist mit beiden Füßen und auf beiden Flügeln stark

    Zu Semenyos größten Stärken zählt neben seiner Schnelligkeit und Robustheit die Beidfüßigkeit. Wie nur wenige Spieler im Spitzenfußball – etwa Ballon d'Or-Gewinner Ousmane Dembele – ist er mit beiden Füßen ähnlich gut, und kann auch auf beiden Flügeln eingesetzt werden. Das verdeutlicht etwa eine Statistik: In der laufenden Saison kam Semenyo 47-mal zum Abschluss, davon 21-mal mit rechts, 24-mal mit links und zweimal mit dem Kopf.

    Für City-Coach Pep Guardiola bietet er noch einmal ein anderes Spielerprofil als die ebenfalls häufiger auf den Flügeln eingesetzten Edeltechniker Phil Foden oder Rayan Cherki. Zudem erhofft sich Guardiola von ihm wohl mehr Zielstrebigkeit als von anderen Außen wie Jeremy Doku oder dem aktuell verletzten Savinho. Laut The Athletic liegt Semenyo mit seinen 47 Abschlüssen (ohne Elfmeter) derzeit auf Rang zwei der PL-Rangliste – hinter City-Mittelstürmer Erling Haaland. 

  • Manchester City FC v Chelsea FC - Premier LeagueGetty Images Sport

    Für Marmoush sind die märchenhaften Zeiten vorbei

    Nun hofft der im internationalen Fußball noch eher unbekannte Name ohne Europapokal-Erfahrung sich auf noch höherem Niveau zu beweisen. Dem Vernehmen nach soll Star-Trainer Guardiola der entscheidende Faktor gewesen sein, weshalb er unbedingt zu City und nicht einem der vielen namhaften Konkurrenten habe wechseln wollen. Nach der kontinuierlichen Entwicklung der vergangenen Jahre könnte er unter dem Spanier im stets dominant auftretenden City-Team noch einen weiteren Schritt nach vorne zu machen.

    Allerdings bleibt abzuwarten, wie kontinuierlich Guardiola wirklich auf ihn setzt und ob er in ihm nicht lediglich eine willkommene Kader-Ergänzung sieht. Dass für den Trainer des aktuellen Tabellenzweiten die Höhe der Ablöse dabei keine allzu große Rolle spielt, mussten in der Vergangenheit schon andere teuer verpflichtete Spieler erfahren.

    Auch für Semenyos 'Vorgänger', den knapp ein Jahr älteren Marmoush, verlief das City-Abenteuer bisher nicht so märchenhaft wie sein Abschied aus Frankfurt. Der aktuell beim Afrika-Cup weilende Offensivspieler kam nach einem ordentlichen ersten Halbjahr in der laufenden Saison bisher nur zu Kurzeinsätzen – und hat nun noch einen Konkurrenten mehr.

  • Antoine Semenyo: Seine Leistungsdaten

    MannschaftSpieleToreVorlagen
    AFC Bournemouth1103213
    Bristol City1252121
    Newport County3262
    AFC Sunderland700
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