Es gibt diesen einen Moment im Juni 2023, der eigentlich gar nicht in das Bild passt, das sich die Fußballwelt über zwei Jahrzehnte von Zlatan Ibrahimovic gemacht hat. Er steht im Mailänder San Siro, die Tränen fließen, die Stimme bricht. Es ist das Ende einer Ära.
SPOX"Ich bin ein Ferrari": Neue Worte mussten für den einzigartigen Zlatan Ibrahimovic erst erfunden werden
Ibrahimovic war nie einfach nur ein Stürmer. Er war ein Solitär in einem System, das Individualität (viel) zu oft unterdrückt. Um ihn zu verstehen, muss man zurück zum Beton von Rosengard, einem sozialen Brennpunkt von Malmö in Schweden.
Dort wuchs Ibrahimovic als Sohn eines bosnischen Vaters und einer kroatischen Mutter auf. Dort formte sich sein Charakter. Dort lernte er harte Selbstbehauptung. Rosengard legte den Grundstein für einen Spieler, der nie stromlinienförmig war. Und für das, was er später als "Zlatan-Style" vermarktete.
Als der 19-jährige Ibrahimovic im Sommer 2000 ein Angebot des FC Arsenal erhielt, bestand Trainer Arsene Wenger darauf, dass er zuvor noch bei einem Testspiel mitmacht. "Zlatan macht keine Vorsprechen", erwiderte er. Ibrahimovic wollte nicht Teil einer beliebigen Liste von Bewerbern sein - er wollte der Maßstab sein, an dem gemessen wird. Der Ansatz "Ich gegen den Rest der Welt" blieb sein Treibstoff.
Getty"Eroberer" Zlatan Ibrahimovic kam, um zu herrschen
"Man kann den Jungen aus dem Ghetto holen, aber niemals das Ghetto aus dem Jungen", sagte er einmal über seine Herkunft - ein Satz, der tief blicken lässt. Ibrahimovic kultivierte das Anderssein, auch auf dem Platz. Wo andere den Ball zur Sicherheit lieber quer legten, suchte er stets das Besondere, das weniger Wahrscheinliche. Seine zahlreichen akrobatischen, spektakulären Tore spiegelten denselben Geist wider, mit dem er sprach: kompromisslos, überraschend, einzigartig.
Ibrahimovics Stationen als Profi lesen sich wie die Reiseroute eines Eroberers: Ajax Amsterdam, Juventus Turin, Inter Mailand, FC Barcelona, AC Mailand, Paris Saint-Germain, Manchester United, Los Angeles Galaxy und wieder Milan. Überall brachte er dieselbe Botschaft mit: Ich bin nicht hier, um mich anzupassen, sondern um zu herrschen.
Besonders deutlich wurde das bei seinem Gastspiel in Barcelona unter Pep Guardiola. Dort kam es gewissermaßen zum Clash der Philosophien: Auf der einen Seite der Kollektivgedanke und die totale taktische Disziplin, auf der anderen der Rebell Ibrahimovic, der sich nicht in ein Korsett zwängen lassen wollte. Sein Urteil über Guardiola fiel gewohnt drastisch aus. "Ich bin ein Ferrari und du fährst mich wie einen Fiat", warf er dem Trainer vor.
Getty Images Sport"Liebes Los Angeles, gern geschehen!"
Diese Nonkonformität drückte Ibrahimovic nicht nur sportlich durch seine Mischung aus Akrobatik und Physis aus, sondern vor allem durch seine Sprache. Mit dieser Kombination baute er sich eine Aura auf, die größer war als mancher Klub: Selbstbewusstsein, Provokation und die Fähigkeit, mit nur einem Satz für Unterhaltung zu sorgen. Seine Sprüche waren keine PR-Gags, sie markierten verbale Grenzen.
Als er Manchester United 2018 verließ, um in die USA zu wechseln, gab er seinen Transfer mit einer ikonischen Zeitungsanzeige in der Los Angeles Times höchstselbstbekannt. Über eine ganze Seite stand geschrieben: "Liebes Los Angeles, gern geschehen!"
Ibrahimovic inszenierte sich konsequent als Fußball-Gottheit und brach mit der ungeschriebenen Regel, dass ein Sportler demütig zu sein habe. Er bewies, dass man auch mit einem riesigen Ego kollektiven Erfolg beinahe garantieren kann - natürlich nur, solange die Leistung all das Pathos rechtfertigt. Doch das tat sie fast immer. 32 Titel sammelte Ibrahimovic in seiner Karriere.
AFPDas Verb "zlataner" fand Einzug in die französische Sprache
Sie war zugleich der Beweis dafür, dass man als Rebell das System nicht nur stören, sondern es sich untertan machen kann. "Ich weiß nicht viel über die Spieler der Ligue 1 - aber sie kennen mich", sagte Ibrahimovic den Journalisten bei seiner Ankunft in Paris. Wenig später fand das Verb "zlataner" (ein Synonym für "überwältigen") Einzug in den französischen Sprachgebrauch.
Das ist die Essenz von Ibrahimovic: Er definierte stets seine Umgebung, nie definierte die Umgebung ihn. Während sich andere Spieler medial aus Angst vor Shitstorms bereitwillig zu glatten Oberflächen polieren lassen, blieb der Schwede die grobe Kante des Profigeschäfts.
Selbst als sein Körper im hohen Alter Tribut forderte, blieb sein Geist der eines Aufständischen. Im Januar 2020 war Ibrahimovic mit 38 nach Mailand zurückgekehrt. Der Verein lag am Boden und stand auf Platz elf.
Getty"Ich kam als König, ich gehe als Legende": Karriereende mit fast 42
Am Ende erreichte man Rang sechs und die Teilnahme an der Qualifikation zur Europa League. Ibrahimovic erklärte: "Es ist kein Geheimnis, dass ich alt bin, aber das ist nur eine Zahl. Ich habe nicht mehr die gleiche körperliche Verfassung wie früher, aber das kann ich mit Intelligenz ausgleichen. Es tut mir leid, dass ich erst zur Saisonhälfte gekommen bin. Wäre ich vom ersten Tag an dabei gewesen, hätten wir die Meisterschaft gewonnen."
Dieser unerschütterliche Glaube an die eigene Überlegenheit, gepaart mit der Fähigkeit, diesen Glauben auch Realität werden zu lassen, machte Ibrahimovic einzigartig. Er brauchte keine Kapitänsbinde, um der Anführer zu sein. Er benötigte auch keine Bestätigung von außen, um zu wissen, wer er war. "Ich kam als König, ich gehe als Legende", sagte er bei seinem Abschied aus Paris.
Als Ibrahimovic im Juni 2023 mit fast 42 Jahren von der Bühne schied, war klar: Er hatte mehr geprägt als nur Torstatistiken. Er hinterließ Momente, die in der kollektiven Erinnerung weiterleben. Und er hat gezeigt, dass man im Profifußball überleben kann, ohne seine Seele an die Erwartungen der Massen zu verkaufen.
Zlatan Ibrahimovic: Statistiken seiner Karriere
Zeitraum Verein Spiele Tore Vorlagen 1999-2001 Malmö FF 8 3 3 2001-2004 Ajax Amsterdam 110 48 17 2004-2006 Juventus Turin 92 26 21 2006-2009 Inter Mailand 117 66 29 2009-2010 FC Barcelona 46 22 13 2010-2012 AC Mailand 85 56 24 2012-2016 Paris Saint-Germain 180 156 62 2016-2018 Manchester United 53 29 10 2018-2019 LA Galaxy 58 53 15 2020-2023 AC Mailand 78 37 11