Als der FC Bayern München Mitte Juli 2022 die Verpflichtung des damals 16-jährigen Hertha-Talents Noel Aseko vermeldete, fand Lukas Michelbrink das überhaupt nicht cool. Der heute 20-Jährige, aktuell von Hertha BSC an Drittliga-Topteam Energie Cottbus verliehen, ärgerte sich enorm darüber, dass einer seiner Mitspieler im Nachwuchs der Berliner den Lockrufen aus München folgte.
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"Bayern (ist) einfach übel nervig", hatte Michelbrink wenige Tage zuvor bei X geschrieben, als es schon Medienberichte über Asekos bevorstehenden Abgang in Richtung des Rekordmeisters gab. Michelbrink hatte in der Saison zuvor in Herthas U17 ein hochveranlagtes Mittelfeld-Trio mit Aseko und wahlweise Ibrahim Maza (jetzt Bayer Leverkusen) oder Bence Dardai (jetzt VfL Wolfsburg) gebildet.
Er monierte, dass Bayern schon in der U13 versucht habe, "mich und (ein) paar andere von uns abzuwerben. Haben alle zwei Wochen meine Mutter angerufen und gesagt, wir sollen uns das 'Projekt' doch wenigstens mal anschauen", so Michelbrink. Er selbst blieb lieber in Berlin, wo er auch heute noch unter Vertrag steht – und schoss im Zuge des Aseko-Transfers weiter in Richtung FCB: "Die Kinder sind halt geblendet, können gar nicht einschätzen, wie schlecht ihre Chancen stehen, bei den Bayern Profi zu werden. Bayern nutzt das halt aus und einer von 50 wird dann ein Star, der Rest kickt Regionalliga."
Dass sich Bundesligaklubs schon im Nachwuchsbereich gegenseitig die Talente abwerben und diese so unnötig früh aus ihrem gewohnten Umfeld reißen, ist längst ein bekannter und diskutabler Umstand. Und Michelbrink hat mit letzterer Aussage sicherlich einen Punkt. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass auch für Jugendspieler des FC Bayern noch etwas zwischen "Star" und "Regionalliga" liegt. Aseko ist derzeit das beste Beispiel dafür – mit viel Potenzial nach oben. Bei Leihklub Hannover 96 hat er sich diese Saison in der 2. Bundesliga etabliert, zählt zu den interessantesten und talentiertesten Spielern im Unterhaus. Und möglicherweise erspielt er sich damit derzeit doch noch eine Zukunft im Starensemble des FC Bayern.
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Aseko, in Berlin geboren und als Elfjähriger von Hertha 03 Zehlendorf in den Nachwuchs des größten Klubs der Hauptstadt gewechselt, entwickelte sich bei der Hertha zu einem der größten deutschen Talente im Jahrgang 2005. Entsprechend bitter war es für die Berliner, Aseko an die Bayern zu verlieren.
Dort hatte man den Youngster "schon lange auf unserem Radar", wie der damalige FCB-Nachwuchsboss Jochen Sauer bei Asekos einer Million Euro teuren Verpflichtung verriet. Neben seinen enormen fußballerischen Fähigkeiten verfüge jener auch über "eine große Mentalität, er kann ein Team mitreißen", betonte Holger Seitz (heute Trainer von Bayern II), seinerzeit Sportlicher Leiter am Bayern-Campus.
Damals hatte man beim FCB sicherlich die Hoffnung, dass Aseko heute, rund dreieinhalb Jahre später, möglicherweise schon sein Pflichtspieldebüt für die erste Mannschaft feiern konnte. Dazu kam es allerdings noch nicht, Aseko schaffte es lediglich ein paar Mal in den Spieltagskader der Münchener.
Seine Zeit bei Bayern stand nämlich zunächst unter keinem guten Stern. Aus einer Sprunggelenksverletzung kommend, die ihn die Teilnahme an der U17-EM 2022 gekostet hatte, musste Aseko auch bei seinem neuen Verein noch einige Wochen pausieren. Und dann gingen drei seiner ersten fünf Ligaspiele für Bayerns U19 verloren, das Team tat sich trotz des riesigen Potenzials mit Spielern wie Aleksandar Pavlovic, Paul Wanner, Arijon Ibrahimovic oder Tarek Buchmann schwer und stand vereinsintern in der Kritik.
Für Aseko persönlich hagelte es Anfang November 2022 abermals einen negativen Höhepunkt. Beim Nachwuchs des 1. FC Nürnberg um den heutigen Frankfurt-Star Can Uzun ging Bayerns U19 mit 0:4 baden. Aseko wurde dabei nach 56 Minuten eingewechselt, stand gut eine Viertelstunde später aber schon wieder unter der Dusche. Mit einer Roten Karte flog er vom Platz und wurde für satte vier Spiele gesperrt.
Das erste Halbjahr bei Bayern verlief für Aseko so ziemlich ernüchternd. Immerhin wurde er in der Rückrunde bereits zur U23 hochgezogen, ehe erneut das Verletzungspech zuschlug. Großteile seiner zweiten Spielzeit beim FCB verpasste er: Zuerst war es wieder das Sprunggelenk, dann das Syndesmoseband, dann der Meniskus. Für einen Spieler in der Entwicklung natürlich Gift, so wenig spielen zu können. Und zwei Jahre nach seinem von Misstönen begleiteten Wechsel von Hertha zu den Bayern musste Aseko mental damit klar kommen, dass die Unkenrufe sich bewahrheiten könnten.
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Es spricht für seine mentale Stärke, wie Aseko seine Leidenszeit abgeschüttelt hat. Bayern signalisierte ihm derweil, trotz der Verletzungsprobleme weiterhin an ihn zu glauben, stattete den damals 18-Jährigen im Mai 2024 mit einem Profivertrag aus. Vertrauen, das sich nun zwei Jahre später auszahlen könnte. Denn seither ging es für Aseko meist konstant bergauf.
Er durfte regelmäßig mit dem A-Team an der Säbener Straße trainieren, machte sich zudem mit guten Leistungen für Bayerns zweite Mannschaft in der Regionalliga in der ersten Saisonhälfte 2024/25 für andere Profiklubs interessant. Hannover erhielt den Zuschlag, lieh das Mittelfeldtalent Anfang Februar 2025 für eineinhalb Jahre aus. "Er hat bereits trotz seines jungen Alters eine sehr reife und seriöse Spielweise, agiert auf dem Platz aber gleichzeitig mit einer angenehmen Unbeschwertheit", fasste Hannovers damaliger Sportdirektor Marcus Mann (jetzt bei RB Salzburg) eine bemerkenswerte Mischung in Asekos Spiel zusammen.
96 führte die Leihgabe zunächst über seine zweite Mannschaft heran, die damals noch in der 3. Liga spielte. Erstmals eine Etage höher durfte Aseko am letzten Spieltag der Vorsaison ran – ausgerechnet beim 1:1 im Auswärtsspiel bei Hertha BSC, in seiner Heimatstadt Berlin. "Es hat sich erst etwas surreal angefühlt - ich konnte es kaum glauben", sagte Aseko, der gut 20 Minuten vor Schluss eingewechselt wurde. "Meine Familie und meine ganzen Freunde waren im Olympiastadion, haben zugeguckt und mich unterstützt. Es war ein super schönes Gefühl. Da habe ich mich direkt wohlgefühlt."
Ähnlich gut dürfte sich Aseko rund zweieinhalb Monate später gefühlt haben. Anfang August erzielte er beim Saisonauftakt in Liga zwei das goldene Tor bei Hannovers 1:0-Sieg gegen Kaiserslautern und hatte das einer seiner großen Stärken zu verdanken: Seinem ersten Kontakt. Herausragend schnell legte er sich ein scharfes und nicht einfach zu verarbeitendes Zuspiel im Strafraum mit links genau so zurecht, dass er mit dem zweiten Kontakt mit rechts präzise ins lange Eck abschließen konnte.
Der erste Kontakt ist ein wichtiges Element in Asekos Spiel, bringt er sich damit doch häufig schnell in die richtigen Räume und Positionen. Auffälligste Stärke des 20-Jährigen ist derweil die Mischung aus erstklassiger Technik und Robustheit. Hinzu kommen Schnelligkeit, eine extreme Laufstärke - und seine Gabe, gefühlt überall auf dem Platz zu sein, damit die mannschaftliche Struktur aber nicht zu torpedieren. Ähnlich wie ein französischer Weltmeister, dem er nacheifert.
"Wie der französische Nationalspieler N'Golo Kante", antwortete der deutsche U21-Nationalspieler im Interview mit der DFB-Homepage auf die Frage, wie er sich als Spieler beschreiben würde. "Er ist mein Vorbild, ich schaue gerne zu ihm auf, da seine Spielweise meiner sehr ähnelt." Was ihn von Kante unterscheidet, ist, dass er auch im Angriffsdrittel häufig Einfluss nimmt, insgesamt offensivfreudiger ist als der Franzose, der jüngst zu Fenerbahce wechselte. "Torgefahr ausstrahlen konnte ich schon immer. Ich bin in Berlin aufgewachsen und habe dort sehr viel in den Fußballkäfigen gespielt. Dort lernt man alles – also auch das Offensivspiel. Und das habe ich nie verlernt", erklärt Aseko.
Getty Images SportBayern-Leihgabe Noel Aseko begeistert in Hannover: Namhafte Klubs klopfen an
In Hannover hat er sich längst als Stammspieler etabliert, stand in 19 der 21 bisherigen Zweitligaspiele dieser Saison in der Startelf von Trainer Christian Titz. Dessen Ankunft bei 96 im vergangenen Sommer war für Aseko ein Glücksfall. Habe er im ersten Halbjahr in Hannover noch "nicht immer mein volles Potenzial nutzen" können, änderte sich das unter Titz. Seinen rasanten Aufschwung habe er "auch dem Trainer zu verdanken, der auf mich setzt und mir vertraut. Dafür bin ich sehr dankbar."
Seinen Offensivdrang belegte Aseko bis dato mit drei Toren und vier Assists in der laufenden Spielzeit. Insbesondere sein Auftritt beim 3:0 gegen den Karlsruher SC Ende November sorgte für Furore, als er Hannover mit zwei Torvorlagen auf die Siegerstraße brachte. Speziell die zweite davon war glanzvoll: Bei einer Einzelaktion über rund 60 Meter blieb Aseko zunächst dank seiner Dynamik, seiner Robustheit im Zweikampf und seiner Ballgewandtheit an der Kugel. Und dann hatte er auch noch die Muße, einen genialen Steckpass auf Torschütze Benedikt Pichler zu spielen.
Die 96-Fans belohnten Aseko bei dessen Auswechslung nach gut 80 Minuten mit Standing Ovations, wählten ihn zum Man of the Match. Es war der vorläufige Höhepunkt seiner Entwicklung in Hannover, die in den ersten Monaten noch Geduld gefordert hatte, weil er unter Ex-Trainer Andre Breitenreiter gar keine Rolle in der ersten Mannschaft spielte.
Mittlerweile ist Aseko nicht nur gesetzt bei einem Top-Team der 2. Bundesliga, sondern auch fester Bestandteil von Deutschlands U21-Nationalmannschaft. Jüngst lieferte er beim 3:1 gegen Holstein Kiel eine weitere Gala-Vorstellung inklusive dem nächsten traumhaften Assist. "Noel ist ein sehr ballsicherer Spieler. Er bringt im Spiel immer wieder diese tiefen Läufe. Das ist eine seiner großen Qualitäten - und das ist für den Gegner nicht leicht zu verteidigen", ist Trainer Titz begeistert von seinem Schützling.
Ob er auch kommende Saison noch auf Aseko setzen kann, darf mittlerweile maximal bezweifelt werden. Der Shootingstar weckte wohl schon im Winter Begehrlichkeiten bei mehreren namhaften Vereinen. Ein Bundesligist und Galatasaray sollen zur Jahreswende angeklopft haben, für den Sommer haben laut der Abendzeitung schon neben drei weiteren Bundesligaklubs auch Brighton & Hove Albion, West Ham United und der FC Villarreal Interesse angemeldet. All die Avancen habe Sportdirektor Christoph Freund aber längst abgeblockt, Asekos Rückkehr zum deutschen Rekordmeister sei beschlossene Sache, heißt es.
Hannover wird nach bis Ende April die vereinbarte Kaufoption für Aseko in Höhe von nur einer Million Euro ziehen und der FCB sofort von seiner Rückkaufklausel Gebrauch machen. Damit wird der U21-Nationalspieler für lediglich 2,4 Millionen Euro nach München zurückkehren. Bedeutet: der Rekordmeister könnte den nominellen Nachfolger für Leon Goretzka dann für lediglich 1,4 Millionen Euro verpflichtet haben.
Freund hatte schon im Januar Kontakt zu Aseko, lobte ihn für seinen bisherigen Weg bei 96 und betonte, ihn "sehr intensiv" zu beobachten. An der Säbener Straße wird im Sommer durch den Goretzka-Abgang ein Kaderplatz im zentralen Mittelfeld frei und Aseko könnte sich diesen mit seiner Entwicklung in Hannover durchaus gesichert haben. Zumal er Goretzka als Spielertyp durchaus ähnelt.
Wird Noel Aseko der Goretzka-Ersatz beim FC Bayern München?
Beide verfügen jeweils über eine starke Dynamik, wenngleich Aseko etwas offensiver denkt als Goretzka, häufiger auch in gefährlichen Zwischenräumen seine Stärken zeigen kann und damit zuweilen etwas von Kai Havertz hat.
Es würde gut zu Bayerns aktueller Kaderpolitik passen, auf die Verpflichtung eines möglicherweise teuren externen Goretzka-Ersatzes zu verzichten und stattdessen einfach Aseko die Chance zu geben. Gemeinsam mit Tom Bischof hätte Bayern dann zwei hochveranlagte deutsche Spieler hinter dem gesetzten zentralen Mittelfeld-Duo Joshua Kimmich und Aleksandar Pavlovic, die diesem Druck machen könnten und angesichts der vielen Spiele sicher auf ihre Einsatzzeiten kommen würden. Breit genug wäre die Besetzung allemal, da auch der aktuell fast immer als Rechtsverteidiger eingesetzte Konrad Laimer eigentlich als zentraler Mittelfeldspieler geholt wurde und problemlos aushelfen könnte.
Asekos Vertrag hatte Bayern im Zuge der Leihe nach Hannover jedenfalls bis 2028 verlängert, hier hat man also Klarheit. Hannover würde den Youngster natürlich gerne halten, doch daraus wird höchstwahrscheinlich selbst im Aufstiegsfall nichts mehr. Zu aufsehenerregend ist Asekos Entwicklung mittlerweile. Und selbst wenn Kompany nicht mit ihm planen wollen würde, könnten die Bayern ihn im Sommer für ein Vielfaches der Hannoverschen Kaufoption veräußern.
Ganz egal, wie es im Sommer mit Aseko weiter geht: Dreieinhalb Jahre nach seinem umstrittenen Wechsel von Hertha BSC zu den Bayern ist er trotz mehrerer Schwierigkeiten derzeit eher auf dem Weg, ein Star zu werden.
GettyNoel Aseko: Seine bisherigen Vereine
Zeitraum Verein bis 2017 FC Hertha 03 Zehlendorf 2017 bis 2022 Hertha BSC 2022 bis Februar 2025 FC Bayern München seit Februar 2025 Hannover 96