David BeckhamGetty Images

Er war der Staatsfeind Nummer eins! Als David Beckham von einer ganzen Nation zum Teufel gejagt wurde - und er trotzdem zum Helden aufstieg

Der David Beckham, den die Welt heute kennt, unterscheidet sich stark von dem, der vor der Wende zum 21. Jahrhundert bekannt wurde.

Eine Konstante ist jedoch geblieben: Er war und ist ein Superstar, im guten wie im schlechten Sinne. Er war und ist die Verkörperung eines alten Spruchs bei Manchester United: "Gehasst, verehrt, niemals ignoriert". Beckham war einer der ersten Promi-Fußballer. Ein Pionier, der Interessen außerhalb des Fußballs hatte und sich auf sein Image konzentrierte. Am Ende des Sommers 1998 war dieses Image jedoch von Schande geprägt. Er war der meistgehasste Mann Englands. Seine Hitzköpfigkeit und ein Moment der Gereiztheit brachte eine ganze Nation gegen ihn auf. Im Nachhinein erscheint das allerdings alles ziemlich albern.

Nichtsdestotrotz war es ein entscheidender Moment in Beckhams Karriere und Leben. In der heutigen Sprache wäre es ein virales Ereignis, eine klickträchtige Geschichte. Das Achtelfinalspiel der englischen Nationalmannschaft gegen Argentinien bei der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich hätte vor allem wegen der sportlichen Qualität in Erinnerung bleiben sollen. Aber am Ende stand nur eine Rote Karte im Mittelpunkt. Das ist die Geschichte von Beckhams dunkelster Stunde. Davon, wie er sich zurück kämpfte und zu einem der beliebtesten Fußballspieler aller Zeiten wurde.

Dies ist Legacy, der Podcast von GOAL auf dem Weg zur Fußball-Weltmeisterschaft 2026. Jede Woche tauchen wir mit einer Episode ein in die Geschichten und die Legenden des größten Turniers der Welt.

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    David Beckham und sein Aufstieg zum Superstar

    Als die Weltmeisterschaft 1998 bevorstand, war Beckham bereits seit drei Jahren Stammspieler bei Manchester United. Er gehörte zusammen mit seinen Teamkollegen Paul Scholes, Ryan Giggs, Nicky Butt, Gary und Phil Neville zur berühmten "Class of '92". Es war ein neuer Anfang für die Red Devils, die nach dem Austritt aus der Football League die erste Ausgabe der Premier League gewannen. Die Aussichten waren rosig. Unter der Leitung des legendären Sir Alex Ferguson wurde United zur dominierenden Kraft in England. Der schottische Trainer predigte eine Kultur der Disziplin und Arbeitsmoral, der Beckham bis ins Detail folgte. Er verbrachte unzählige Stunden auf dem Trainingsplatz, um seine Fähigkeiten zu perfektionieren, an seinem Spiel zu arbeiten und es zu verfeinern. Dieses Engagement, gepaart mit seinem großen Talent, machte den rechten Flügelspieler zu einem der besten Freistoßschützen der Geschichte.

    Beckham schaffte den Sprung zu den Profis der Red Devils während der Meisterschaftssaison 1995/96, doch erst in der folgenden Spielzeit sorgte er auch selbst für Furore. Der Engländer wurde zum besten Jungspieler der Premier League 1996/97 gewählt und gab sein Debüt in der englischen Nationalmannschaft wenige Wochen nach dem Ende der Heim-Europameisterschaft 1996, die für England mit einer der bittersten Niederlagen endete - im Elfmeterschießen im Halbfinale gegen Deutschland.

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    David Beckham und die Vorzeichen eines WM-Albtraums

    Obwohl Beckham damals im September 1996 erst 20 Jahren jung war, war er direkt einer der Schlüsselspieler der Three Lions. Er kam in jedem Qualifikationsspiel für die WM 1998 zum Einsatz und auch für ihn selbst lief es bei United prächtig. Zum ersten Mal in seiner Karriere wurde er zum besten Vorlagengeber der Premier League, und doch endete die Saison mit einem Nackenschlag, schließlich verloren die Red Devils den Titel an Arsenal. Zudem war Englands Nationaltrainer Glenn Hoddle unzufrieden mit der Mentalität des jungen "Posterboy" aus Manchester, der für Hoddle zu sehr mit den Gedanken bei seiner bevorstehenden Hochzeit mit der Spice Girl Victoria Adams war. Und genau diese Unzufriedenheit ließ er Beckham auch spüren.

    "Er war wirklich nicht mit seinen Gedanken bei der Weltmeisterschaft", erklärte Hoddle, nachdem er seinen Ausnahmespieler in den ersten beiden Gruppenspielen nicht in die Startelf stellte. "Er muss lernen, sich zu beruhigen. Je schneller er das lernt, desto besser wird er als Spieler." Beckham selbst bestritt dies jedoch öffentlich und machte die Kontroverse damit nur noch größer. "Ich habe mich immer auf Fußball konzentriert. Das stand immer an erster Stelle, vor allem anderen. Nichts steht mir im Weg. Ich brauchte nur die Chance, dort zu spielen und zu zeigen, was ich kann. Ich bekam diese Chance, in der Rolle, die ich wollte, und ich habe meine beste Leistung für England abgeliefert."

    Dieser Gegenangriff Beckhams erfolgte am Vorabend des Achtelfinals gegen Argentinien und er kam nicht von ungefähr. Schließlich hatte Beckham bei seiner einzigen Startelf-Chance, die ihm Hoddle in der WM-Vorrunde gegeben hatte, mit einem Traumfreistoß gegen Kolumbien reichlich Argumente gesammelt.

    Doch nun stand das Duell mit der so gefürchteten wie verachteten Albiceleste an. Für viele Anhänger der Three Lions war die Niederlage gegen Diego Maradonas "Hand Gottes" vor damals zwölf Jahren noch in frischer Erinnerung. Verlieren war also für Beckham und seine Mitspieler qua Heimatbefehl verboten. Was folgte, war eines der denkwürdigsten WM-Spiele aller Zeiten.

  • Diego Simeone, David BeckhamGetty Images

    David Beckham brennen in der "Schlacht von Saint-Etienne" die Sicherungen durch

    Die FIFA setzte die großen Schiedsrichter-Namen auf das brisanteste Achtelfinal-Duell in Frankreich an. Dem erfahrenen und zuverlässigen Kim Milton Nielsen aus Dänemark wurde die Ehre der Spielleitung zuteil. Argentinien begann schon vor dem Spiel mit den Psychospielchen und bat darum, trotz seiner nominellen Rolle als "Heimmannschaft" in den dunkelblauen Trikots spielen zu dürfen, da man glaubte, dass dies gegen die Engländer Glück bringen würde. 

    Innerhalb von fünf Minuten nach Anpfiff ging die Albiceleste bereits in Führung. Englands Torhüter David Seaman brachte Diego Simeone im Strafraum zu Fall und Top-Stürmer Gabriel Batistuta verwandelte eiskalt. Doch beim folgenden Angriff bekam England selbst einen Elfmeter zugesprochen, weil Michael Owen von Roberto Ayala zu Fall gebracht worden war. Auch Alan Shearer verwandelte aus elf Metern.

    Owen selbst erzielte dann in der 16. Minute einen der legendärsten Treffer der WM-Geschichte. Bei einem Solo über den halben ließ er die argentinischen Abwehrbullen wie eine Schülermannschaft stehen und traf wuchtig in den Winkel. Nicht minder legendär war dann das, was die Albiceleste auf der Gegenseite kurz vor der Pause anstellte: Javier Zanetti vollendete eine schlitzohrige Freistoßvariante ebenfalls in den Winkel.

    Die atemlosen ersten 45 Minuten, die sich wie eine Ewigkeit anfühlten, gingen schließlich zu Ende, doch Beckhams Abend war bereits 60 Sekunden nach dem Wiederanpfiff beendet. Bei einem Zweikampf um einen hohen Ball fiel er zu Boden, weil Simeone ihm mit dem Ellenbogen in den Rücken gestoßen hatte. Der Argentinier hielt den Engländer anschließend noch kurz am Boden fest. Beckham, zu diesem Zeitpunkt 23 Jahre alt, reagierte vor den Augen des Schiedsrichters mit einem Fersentritt. Simeone erhielt die Gelbe Karte, Beckham flog mit Rot vom Platz. England war nun nur noch zu zehnt. 

    Beckham ließ sich auf das Spiel mit dem durchtriebenen Simeone ein und verlor das Privatduell - genau wie die Three Lions ihre Partie gegen Argentinien. Wie schon so oft zuvor und danach schied England im Elfmeterschießen aus. Doch der Mann, dem das Land die Schuld für das WM-Aus gab, war Beckham.

  • David BeckhamGetty Images

    David Beckham wird zum Staatsfeind Nummer eins: "Ein dummer Junge!"

    "Zehn heldenhafte Löwen, ein dummer Junge", lautete eine der vielen vernichtenden Schlagzeile am Tag nach dem Ausscheiden. Die Überschrift stammte vom Mirror. "Beck-home" lautete die Version der Sun. "Ein Moment der Verrücktheit, der die Hoffnungen auf den Pokal zunichte machte", schrieb die Daily Mail

    Dabei hatte Beckham Simeone mitnichten ins Gesicht geschlagen und war auch nicht komplett ausgerastet. Die Aktion gar als "gewalttätig" abzutun, wäre ebenfalls so übertrieben gewesen, wie die Reaktionen aus England, die nun über den 23-Jährigen hereinbrechen sollten. England schaffte es schließlich in Unterzahl sogar bis ins Elfmeterschießen. Und dennoch gruben Presse und Menschen eines Landes nun das Kriegsbeil gegen einen jungen Mann aus. Der Mirror setzte auf sein Titelblatt ein Dartboard, Beckham wurde buchstäblich zur Zielscheibe. Beckham-Puppen wurden verbrannt und aufgehängt, Morddrohungen wurden an ihn geschickt, und eine Radio-Umfrage in Manchester ergab, dass 61 Prozent der Fans nicht wollten, dass er jemals wieder für die Three Lions spielt.

    Beckham versteckte sich nicht, sondern entschied sich dafür, sich der Situation zu stellen. "Das ist zweifellos der schlimmste Moment meiner Karriere", sagte er nach dem Spiel. "Ich werde meine Aktion stets bereuen. Ich habe mich bei den Spielern und dem Management entschuldigt und möchte, dass alle englischen Fans wissen, wie sehr es mir leidtut." 

    "Ich stand im Tunnel und sah mir die letzten Minuten und das schreckliche Elfmeterschießen an. Das war schlimmer als alles andere. Da wurde mir erst richtig bewusst, was ich getan hatte. Ich dachte immer wieder daran, dass ich, wenn ich auf dem Platz gestanden hätte, einer der Elfmeterschützen gewesen wäre. Die anderen hatten ohne mich so viel geleistet, und ich hatte sie bitter enttäuscht." 

    Nach seiner Rückkehr zu Manchester United wurde Beckham regelmäßig von den gegnerischen Fans ausgebuht und verspottet. Selbst als er wieder für England spielte, wandten sich die Fans gegen ihn. Während der 2:3-Niederlage gegen Portugal bei der EM 2000, bei der Beckham beide Tore für England vorbereitete, wurde er von seinen eigenen Fans angefeindet. Nach zwei Jahren voller Hass und Beschimpfungen ließ der Flügelspieler erneut seinen Emotionen freien Lauf und zeigte denen, die ihn nicht in Ruhe lassen wollten, den Mittelfinger. Während die Medien ihn zuvor für sein Verhalten kritisiert hatten, entschieden sie diesmal, zu ihm zu stehen. Vielleicht weil sie sich der Schäden bewusst waren, die sie zuvor angerichtet hatten.

  • David Beckham und sein Kampf gegen Depressionen

    In der Netflix-Dokumentation aus dem Jahr 2023 über Beckham erklärte seine Partnerin Victoria, ihr damaliger Verlobter sei "klinisch depressiv" gewesen. 

    Beckham selbst sagte: "Ich wünschte, es gäbe eine Pille, die man nehmen könnte, um bestimmte Erinnerungen auszulöschen. Ich habe einen dummen Fehler gemacht. Das hat mein Leben verändert. 'Wie fühlst du dich dabei, dein Land im Stich zu lassen?', 'Du bist eine Schande'. Wir waren in Amerika, standen kurz vor der Geburt unseres ersten Kindes, und ich dachte: 'Es wird schon gut gehen, in ein oder zwei Tagen werden die Leute es vergessen haben.' Ich glaube, ich habe noch nie darüber gesprochen, einfach weil ich es nicht kann. Es fällt mir schwer, über das zu sprechen, was ich durchgemacht habe, weil es so extrem war. Wo immer ich hinging, wurde ich jeden Tag beschimpft. Es ist schwer, die Straße entlangzugehen und zu sehen, wie die Leute dich auf eine bestimmte Art ansehen, dich anspucken, beschimpfen, dir solche Dinge ins Gesicht sagen. Ich habe nichts gegessen, ich habe nicht geschlafen. Ich war ein Wrack. Ich wusste nicht, was ich tun sollte. Der Chef [ Sir Alex Ferguson] rief mich an. Er fragte: 'David, wie geht es dir?' Ich glaube, ich war sehr emotional. Er sagte: 'Wie geht es dir, mein Junge?’ Ich sagte: ‘Nicht so gut, Boss.' Er sagte: ‘Okay, mach dir keine Sorgen, mein Junge.'" Für Änderung sorgte nur ein Umstand, verriet Beckham: "Sobald ich auf dem Platz stand, fühlte ich mich sicher."

  • David Beckham sorgt für seine persönliche Erlösung - und schießt England zur WM

    Trotz der persönlichen Kritik gelang es Beckham, sich auf seinen Job zu konzentrieren. Er wurde in dieser Zeit zu einem der besten Spieler der Welt. Er belegte den zweiten Platz bei der Wahl zum Ballon d'Or 1999, als United als erste englische Mannschaft das Triple gewann. Beckham war weltweit bekannt für seine Freistöße und Flanken. 2001 ging der Film mit dem Titel "Kick it like Beckham" in Produktion. Das Leben bestand aus mehr als dem, was an diesem einen Abend im Jahr 1998 in Saint-Etienne passiert war. 

    Dennoch sehnte sich Beckham weiterhin nach der Gunst der englischen Fans. Er wollte seine Fehler wiedergutmachen. Die Entscheidung, ihn im November 2000 zum Kapitän der Three Lions zu ernennen, war bei weitem nicht unumstritten, wurde aber dennoch akzeptiert. Mit der Ernennung von Sven-Göran Eriksson zum ersten ausländischen Trainer Englands gab es Hoffnung, dass diese Generation die jahrzehntelange Durststrecke beenden und einen Titel holen würde. Wenngleich England im WM-Qualifikationsspiel Deutschland mit 5:1 besiegte, musste es am letzten Spieltag noch einen Punkt gegen Griechenland holen, um sich einen Platz bei der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea zu sichern. 

    Doch England lag in der Nachspielzeit völlig überraschend mit 1:2 zurück. Sekunden vor Schluss erhielten die Gastgeber einen Freistoß knapp 30 Meter vor dem Tor. Es gab nur einen Mann, der diese Aufgabe übernehmen konnte. Drei Jahre voller Schmerz und Verbitterung konnten mit einem einzigen Schuss seines rechten Fußes ausgelöscht werden. Beckham trat an, und der Rest ist Geschichte. "Ich kann es nicht glauben", sagte Kommentator Gary Bloom völlig fassungslos: "David Beckham schießt das Tor, das England zur WM-Endrunde bringt! Verleiht diesem Mann den Ritterorden!" 

    England war für die Weltmeisterschaft qualifiziert, und erneut ging es gegen Argentinien, diesmal in der Gruppenphase. Und diesmal ging Beckham als Sieger heraus. England erhielt einen Elfmeter, als Owen von Pochettino gefoult wurde. Und natürlich schoss Beckham. "Haltet die Gläser zu Hause bereit", sagte John Motson auf der Tribüne, als Beckham noch einmal tief Luft holte. "Jetzt könnt ihr sie zerschlagen, Beckham hat für England getroffen!", lautete der nächste Satz. 

    England schied im Viertelfinale gegen den späteren Sieger Brasilien aus, obwohl die Selecao nach dem Platzverweis Ronaldinhos über 40 Minuten lang in Unterzahl spielte. Und tatsächlich dauert die Titel-Durststrecke der Three Lions bis heute an, weil auch die "Goldene Generation" um "Becks" keinen Titel gewinnen konnte. Aber Beckham hatte seinen Moment der Genugtuung. Er war nicht mehr der Feind Englands, sondern ein Held und eine Legende. Bis heute haben nur zwei Männer – Peter Shilton und Wayne Rooney – mehr Spiele für die Nationalmannschaft bestritten.

    Beckham ist eines der bekanntesten Sportgesichter des Planeten und gilt als Vorreiter und Vorbild, sowie als grandioser Spieler. Darüber hinaus wurde er während seiner Karriere als inoffizieller Botschafter seines Landes angesehen. Er beendete seine Karriere mit insgesamt 146 Toren in 724 Spielen, gewann 17 Titel und spielte in fünf verschiedenen Ländern für diverse Vereine. Bis heute wird er von allen Teams geliebt, für die er gespielt hat – ManUnited, Preston North End, Real Madrid, LA Galaxy, AC Mailand und Paris Saint-Germain. Die Aufregung um seine Rote Karte bei der WM 1998 ist heute besser in Erinnerung als der tatsächliche Hass auf Beckham, was ein für alle Mal beweist, dass er diese Dämonen ausgetrieben hat.

    Oh, und 2025 wurde Beckham von König Charles III. zum Ritter geschlagen. Erheben Sie sich, Sir David Beckham.

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