bvb⒞Getty Images

Eine erschreckende Bilanz bestätigt ein altbekanntes Muster: Das Desaster des BVB könnte gravierende Folgen haben

"Das Spiel ist genau so gestartet, wie wir es nicht wollten", sagte Niko Kovac. Trotz warnender Worte aller Verantwortlichen von Borussia Dortmund in den vergangenen Tagen, gar mehrfach ausgesprochen, legte der BVB im Rückspiel bei Atalanta Bergamo so los, wie es sich die Italiener vermutlich gewünscht haben.

  • BVB-Desaster: Eine Szene kurz vor Wiederanpfiff wird zum Sinnbild

    Sinnbildlich für eine absurd schlechte Leistung über weite Strecken der Partie war jedoch vielmehr das, was sich beim Anstoß zur zweiten Halbzeit abspielte. Die Italiener, die da bereits mit einem 2:0 im Rücken das Hinspielergebnis egalisiert hatten, standen fast mit der gesamten Mannschaft rund um den Mittelkreis parat und signalisierten: Es herrscht weiter Angriffsmodus! Anschließend dauerte es elf Sekunden, da war die nächste gefährliche Flanke in den Dortmunder Strafraum geflogen.

    Kleinigkeiten wie diese belegen: Die Mannschaft des BVB war am Mittwochabend in der Lombardei zu keinem Zeitpunkt in der Lage, der Gier der Hausherren etwas entgegen zu setzen. Auch nicht einmal unmittelbar nach der Pause, als man in den Minuten zuvor in der Kabine sicherlich erste deutliche Worte zur schwachen Darbietung gefunden hatte.

    "Fußball ist ein Kontaktsport. Du musst bereit sein, über den Punkt zu gehen", sagte Kovac anschließend. "Dazu gehört in erster Linie auch Körperlichkeit. Du musst präsent sein und dem Gegner den Schneid abkaufen - mit deiner Gestik, Mimik und der Intensität im Zweikampf. Das haben wir nicht getan."

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    BVB gegen Atalanta-Leidenschaft völlig chancenlos

    Atalanta aber schon. Trainer Raffaele Palladino hatte eine "aggressive" Mannschaft angekündigt, sie folgte ihm von Sekunde eins an. Bergamo bewies jedoch auch fußballerisch, warum es 2026 in der Serie A noch kein Spiel verloren hatte, dabei Lazio, Inter Mailand sowie Juventus Turin schlug und dass der dezente Auftritt in Dortmund in der Vorwoche nur ein Ausrutscher war.

    Unter diesen Voraussetzungen lieferte der BVB eine Leistung zum Schämen ab. Extrem hektisch in Ballbesitz, viel zu weit weg von den Gegenspielern, gegen die Körperlichkeit und Leidenschaft der Italiener völlig chancenlos. In Halbzeit eins betrug die Passsquote im Angriffsdrittel vielsagende 63 Prozent.

    Dass Dortmund im zweiten Abschnitt besser wurde, durch Karim Adeyemis Tor zum 1:3 auf Kurs Verlängerung war und gegen Spielende körperlich fitter erschien als Bergamo - genauso geschenkt wie Gregor Kobels spielentscheidender Patzer in aller letzter Sekunde. Denn am Ende stand ein hoch verdientes Aus, ganz unabhängig vom dramatischen Schlussakt. 

  • FC Augsburg v Borussia Dortmund - BundesligaGetty Images Sport

    BVB-Aus in Bergamo: Schon der finanzielle Aspekt ist erschreckend

    "Wir haben zu viele Fehler gemacht, bei den Toren auch fleißig mitgeholfen und damit Bergamo richtig stark gemacht. Von daher müssen wir uns Kritik sicherlich gefallen lassen, sie ist berechtigt", sagte ein konsternierter Sportdirektor Sebastian Kehl, der vor Anpfiff noch von einem "unglaublich wichtigen Spiel für den Verein, für alle Beteiligten" sprach.

    Dass das Aus in Bergamo für Dortmund mehr als eine Niederlage ist, zeigt sich nämlich gleich auf mehreren Ebenen. Jemand wie Kehl hat natürlich auch den finanziellen Aspekt im Hinterkopf. Elf Millionen Euro an Prämie hat der BVB nun verspielt - mit ihrer Einnahme allerdings fest gerechnet.

    Kehl bestätigte dies zähneknirschend: "Das bedeutet natürlich erst einmal nichts Gutes. Dieses Weiterkommen und die Einnahmen waren eingeplant, aber wir werden unseren Weg weitergehen und daraus unsere Schlüsse ziehen. Wir werden das intern aufarbeiten und damit auch umgehen können."

  • Leitet das BVB-Desaster in Bergamo den großen Umbruch ein?

    Hinzu kommt ein Verlust des sportlichen Renommees auf höchster Bühne. Der BVB hatte zuletzt in sechs der vergangenen sieben Spielzeiten das Achtelfinale der Königsklasse erreicht, nun ist eine Runde eher Schluss. "Wir hatten eine sehr gute Ausgangsposition, um vielleicht sogar unter die besten Acht zu kommen und haben uns das dann selbst auch ein Stück weit kaputt gemacht", sagte Kehl.

    Mit diesem Auftritt haben sich die Westfalen gewissermaßen die Saison zerschossen. Das wieder einmal viel zu frühe Pokal-Aus und das Verpassen des Mindestziels in der Champions League trüben die Wahrnehmung einer zumindest ergebnistechnisch konstant guten Bundesligasaison.

    Bleiben nun noch elf Ligapartien ohne englische Wochen, in denen der BVB seine derzeit neun Punkte Vorsprung auf Platz vier - eventuell reicht sogar Rang fünf für die CL-Qualifikation - ins Ziel zu bringen hat. Für mehr muss man Ende Februar schon nicht mehr kämpfen. Ein Szenario, das dem Anspruch des Vereins nicht gerecht wird.

    Kehl, der sich von all dem "extrem enttäuscht" zeigte, sagte dazu: "Mit dem Szenario sich auseinanderzusetzen, dass man jetzt diesen Wettbewerb auch nicht mehr hat, bedeutet elf Bundesligaspiele, elf Mal samstags. Natürlich haben wir eine klare Aufgabe und Erwartungshaltung zu erfüllen."

    Das gilt in den nächsten Monaten auch außerhalb des Platzes, gerade für Kehl und Sport-Geschäftsführer Lars Ricken. Noch gänzlich unklar ist, wie das Team der Borussia zur neuen Saison aussehen wird. Im Transfergeschäft wird man vermutlich mit einem hochkarätigen Verkauf planen müssen, um Neueinkäufe gegen zu finanzieren.

    Felix Nmecha, Karim Adeyemi, Serhou Guirassy, Nico Schlotterbeck - sie sind die werthaltigsten Spieler im Kader und sie dürften sich nach der nächsten titellosen Saison ernsthafte Gedanken machen, ob ihre langfristige Zukunft wirklich in Dortmund liegt. Dazu laufen gleich vier Verträge aus (Julian Brandt, Emre Can, Niklas Süle, Salih Özcan), bei denen bislang noch nicht eine Entscheidung verkündet wurde. Gut möglich also, dass der BVB gar zu einem größeren Umbruch gezwungen sein wird.

  • Gregor Kobel Borussia Dortmund 2026IMAGO / DeFodi Images

    BVB stellt sich die Qualitätsfrage und offenbart eine erschreckende Bilanz

    Doch selbst wenn dieser ausbleibt: Nicht nur die Begegnung in Bergamo hat die Frage nach der Qualität dieses Teams aufgeworfen. Dortmund schleppt seit Jahren schon zu viele inkonstante Spieler mit, die Außenverteidiger Julian Ryerson und Daniel Svensson verkörpern keine internationale Spitzenklasse, dem Kader fehlen echte Leader.  

    Mit welcher Vorsicht man den souveränen zweiten Platz in einer in der Spitze schwächelnden Bundesliga trotz der hohen Punktausbeute genießen muss, zeigt sich beim Blick auf die internationalen Auftritte der Dortmunder. Gegen Bergamo kassierte man im insgesamt zehnten CL-Spiel das dritte Mal vier Gegentore, insgesamt schlug es hinten stolze 21-mal ein.

    "Wir haben sehr viele Gegentore kassiert. Ich glaube, das ist eine Erkenntnis, die wir mitnehmen müssen", sagte Kehl. "Vier Tore hier zu kassieren, ist einfach zu viel. Deswegen waren die Schwankungen, die wir gezeigt haben, auch nicht ausreichend, um unter die besten 16 Mannschaften zu kommen. Ich glaube aber, dass die Mannschaft das absolut im Tank hat."

    Die erschreckende Bilanz gegen stärkere Gegner allerdings spricht eine andere Sprache. Von 14 Auftritten gegen Klubs wie ManCity, Juventus, Tottenham und Inter oder auch Bayern, Leipzig, Stuttgart und Leverkusen gewann die Borussia nur drei (Frankfurt im Pokal, Leverkusen in der Liga, Bergamo in der CL). Dies ist mehr als ein Trend.

    Kehl wehrte sich dennoch deutlich gegen eine Qualitätsdebatte: "Wir haben häufig genug in der Saison bewiesen, dass dieser Kader Qualität hat. Wir haben gerade am Samstag in Leipzig ein sehr emotionales Spiel gesehen, in der Liga haben wir ein Spiel verloren. Wir werden jetzt keine Abrechnung stattfinden lassen."

    Wer jedoch dauerhaft zur europäischen Spitze zählen will, darf in solchen Spielen nicht auseinanderfallen. Genau das aber ist in Bergamo passiert - wieder einmal. Die Darbietung des BVB war kein Betriebsunfall, sondern fügt sich nahtlos in ein bekanntes Muster.

    Gegen starke Gegner fehlt Dortmund zu oft die Reife, die Widerstandsfähigkeit, die Konsequenz. Solange sich das nicht ändert, bleibt der Abstand zur europäischen Spitze größer, als es der nationale Tabellenplatz vermuten lässt. Es geht längst nicht nur um ein Aus in den Playoffs, sondern um die grundsätzliche Frage, wofür dieser BVB eigentlich stehen will.

Häufig gestellte Fragen

Er kam am 15. Oktober 1971 in West-Berlin zur Welt. Aufgewachsen ist er ebenfalls dort – als Sohn kroatischer Einwanderer.

Niko Kovac blickt auf eine lange Karriere als Profifußballer zurück. Ab 1991 war der Kroate im Profibereich aktiv, ehe er 2009 seine Laufbahn beendete.

Niko Kovac begann seine fußballerische Laufbahn in der Jugend von Rapide Wedding. 1989 wechselte der Kroate zu Hertha 03 Zehlendorf, ehe er zwei Jahre später bei Hertha BSC in der 2. Bundesliga anheuerte. Dort reifte er zum Profi und schloss sich 1996 Bayer Leverkusen an, für das er drei Jahre lang spielte.

Nach zwei Spielzeiten beim Hamburger SV (1999–2001) wechselte Kovac zum FC Bayern München, wo er bis 2003 aktiv war und insgesamt drei Titel gewann: 2001 den Weltpokal sowie 2003 das Double aus Deutscher Meisterschaft und DFB-Pokal.

Anschließend kehrte er zu Hertha BSC zurück – und damit zu seinem ersten Profiklub. Nach drei weiteren Saisons in Berlin wechselte er nach Österreich zu RB Salzburg, wo er 2009 seine aktive Karriere beendete.

 


Vier Titel hat Niko Kovac bislang in seiner Trainerkarriere gewonnen. Seinen ersten Titel holte er 2018: Damals sicherte sich der Kroate mit Eintracht Frankfurt den DFB-Pokal. 

Nach seinem Wechsel zum FC Bayern München gewann er in der Saison 2018/19 zunächst den Supercup. Unter Kovac als Cheftrainer konnten sich die Münchner zum Saisonende das Double aus Deutscher Meisterschaft und DFB-Pokal sichern. 

Sowohl als Trainer als auch als Spieler konnte Niko Kovac einige Erfolge feiern. Die Champions League hat er bislang jedoch noch nicht gewonnen.

Sechs Cheftrainerposten hat Niko Kovac in seiner Karriere bislang inne gehabt. Nach seiner Berufung als Trainer der kroatischen Nationalmannschaft war Kovac für Eintracht Frankfurt, den FC Bayern München, AS Monaco und den VfL Wolfsburg tätig. Aktuell ist der Kroate beim BVB als Trainer unter Vertrag.

Vor allem während seiner Zeit an der Seitenlinie des FC Bayern München, aber auch in der kroatischen Nationalmannschaft hat Kovac einige Stars trainiert. Unter Kovac liefen bei den Bayern Topspieler wie Arjen Roben, Franck Ribery, Thomas Müller, Manuel Neuer, Robert Lewandowski oder Mats Hummels auf.  Bei Kroatien trainierte Kovac zudem Stars wie Luka Modric oder Ivan Rakitic. 

Zahlen nennt er nicht. Bei Wolfsburg lag sein Jahresgehalt bei etwa 4 Millionen Euro, in Dortmund soll es laut Medien bei rund 3,5 Millionen liegen – brutto, versteht sich.

Er hat eine Tochter – ihr Name ist Laura. Weitere Kinder sind nicht bekannt.

Seit 1999 ist er verheiratet – mit seiner Jugendliebe aus Schulzeiten. Ihr Name ist in der Öffentlichkeit nicht präsent, die Beziehung gilt aber als beständig.

Niko Kovac wurde in seiner Karriere noch nie zum Welttrainer des Jahres gekürt. Bei der seit 2010 jährlich von der FIFA vergebenen Auszeichnung landete der Kroate bislang auch noch nicht unter den ersten drei.

Ein offizieller Spitzname ist nicht überliefert. Die Medien nennen ihn schlicht bei seinem Namen – Niko Kovac. Alles andere wäre auch unnötig gewesen.

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