Ronaldo WM 2002GOAL

Ein Aberglaube sorgte für einen heftigen Zoff und wurde zum Symbol für Brasiliens letzten Titel: Die dramatische Geschichte hinter Ronaldos kurioser WM-Frisur von 2002

Das Wort "Skin" hat mittlerweile eine vielfältige Bedeutung. Eins zu eins übersetzt bedeutet es "Haut". Aber im modernen Slang der Gaming- und Social-Media-Welt bezieht es sich auf das gesamte Outfit, den Look, das Kostüm. Es ist die Gesamtheit von Accessoires. Große Fußballer hatten mehrere solcher sogenannter "Skins" im Laufe der Jahre und jede steht für ein anderes Kapitel ihrer Geschichte. 

Ronaldos legendärste "Skin" war die aus dem Sommer 2002. Eine Fahrt des Rasierers auf dem Schädel des Brasilianers, ein paar kurze Haare als Überbleibsel direkt über seiner Stirn am vorderen Ende des Kopfes und schon sah "Il Fenomeno" äußerst merkwürdig, ja fast wahnwitzig aus. Doch mit dieser legendären Frisur lief er im WM-Finale gegen Deutschland zur Höchstform auf und bescherte Brasilien seinen bislang letzten Stern auf dem Trikot.

Ronaldo sorgte für einige der legendärsten Momente des Sports und wurde überall, wo er spielte, zum Torschützenkönig. Zu Beginn seiner Karriere bei Cruzeiro in Brasilien und der PSV Eindhoven in den Niederlanden trug er noch eine gewöhnliche Frisur, die zu seinem erfrischenden Lächeln passte. Beim FC Barcelona machte er dann den Look mit rasiertem Kopfhaar populär - und wurde auf dem Platz mit explosiven Läufen, atemberaubenden Dribblings und präzisen Abschlüssen zu einem der besten Stürmer der Welt.

Während er die "Nerazzurri-Skin" bei Inter trug, befand er sich wohl retrospektiv betrachtet auf dem Höhepunkt seiner körperlichen Leistungsfähigkeit, bis sein Körper eben nachgab - besonders ein für den Fußballer Ronaldo elementarer Teil schien einfach nicht mehr mitmachen zu wollen. Das Knie. Es war so schlimm, so verheerend, dass im April 2000 sogar ein Karriereende im Raum stand. Ronaldo hatte sich gegen Lazio Rom abermals schwerst verletzt.

Auch deshalb wurde seine "Cascão-Frisur", wie man das Büschel Haare fortan taufte, zwei Jahre später zum Symbol seiner Wiederauferstehung. Die Apotheose eines Helden in Gelb und Grün. Ein Look, der nicht nur sein Image für immer prägte, sondern auch eine ganze Weltmeisterschaft. Und dabei begann alles als Scherz aus Aberglaube in einem Moment, der für Brasiliens WM-Hoffnungen brenzliger war, als viele angenommen hatten.

  • Ronaldo und das Verletzungspech: Auch während er WM 2002 sah es nicht gut aus

    Die Brasilianer haben eine besondere Art, selbst in schwierigen Zeiten den Humor zu behalten. Trotz endloser sozialer Herausforderungen immer noch bekannt dafür, gerne und viel zu lachen. Das Lächeln nach Brasiliens 2:1-Comeback-Sieg gegen England im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 2002 hielt allerdings nicht lange an.

    Ronaldinho, das Genie hinter dem schlitzohrigen Siegtreffer per Kunst-Freistoß aus über 30 Metern, stand aufgrund seiner Roten Karte im Halbfinale nicht zur Verfügung. Aber die wirklich schlechte Nachricht betraf Ronaldo.

    Brasiliens Mittelstürmer verspürte in der ersten Halbzeit gegen England Schmerzen im Oberschenkel und wurde 20 Minuten vor Spielende ausgewechselt. Schon während der Feierlichkeiten nach dem Spiel wusste er, dass es sich um eine ernsthafte Verletzung handelte.

    "Ich möchte, dass Sie mich für das nächste Spiel fit machen. Ich möchte wissen, ob Sie gut sind", sagte Ronaldo zu Mannschaftsarzt Jose Luiz Runco. Der Stürmer befürchtete, eines der wichtigsten Spiele seiner gesamten Karriere zu verpassen - und setzte den Staff unter Druck. SIe sollten alles tun, um ihn für das Halbfinale gegen die Türkei einsatzbereit zu machen.

    Von dem berüchtigten Krampfanfall wenige Stunden vor dem Finale der WM 1998 bis zu jener Forderung im Jahr 2002 an seinen Teamarzt hatte das Verletzungspech Ronaldo wie kaum einen anderen großen Spieler auf Schritt und Tritt verfolgt. 

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  • Ronaldo musste vor der WM um seine Karriere bangen

    Die härteste Prüfung kam in jenem April 2000 in Rom, als er sich bei einem Spiel in der Coppa Italia mit Inter gegen Lazio abermals schwer am rechten Knie verletzte. Ohne Gegnereinwirkung war ihm bei seinem Comeback-Versuch die zuvor schon lädierte Patellasehne, die ihn fünf Monate lang außer Gefecht gesetzt hatte, endgültig gerissen. Ein Antritt, ein Übersteiger-Versuch, ein Ausfallschritt und das Knie implodierte. Die anschließenden Bilder des vor Schmerzen weinenden Ronaldo waren herzzerreißend und gingen um die Fußball-Welt.

    Die Chronologie seiner Verletzungen war davor schon alarmierend. Ende 1998 fiel Ronaldo aufgrund einer Entzündung in beiden Knien für mehrere Monate aus. Im Januar 1999 kehrte er zurück, doch die Schmerzen hielten an. Im April 1999 fiel er für weitere acht Wochen aus. Im Mai 1999 folgte eine leichte Oberschenkelzerrung, und im November desselben Jahres erlitt er einen Teilriss seiner rechten Kniesehne. Als er an diesem Abend von Rom endlich zurückkehrte, gab das Knie endgültig nach. 

    Es wurde anschließend viel gemunkelt und gerätselt. War es das schon mit der Karriere dieses so begnadeten Stürmers? Immerhin: Ronaldo war da erst 23. Doch es kam anders. Der Brasilianer schuftete abermals in der Reha, arbeitete und quälte sich für sein Comeback und die Chance auf die WM-Teilnahme. 

    Und als Brasiliens Trainer Luiz Felipe Scolari den endgültigen Kader Brasiliens für das Turnier in Japan und Südkorea bekanntgab, hatte Ronaldo seit jener Nacht in Rom immerhin schon 19 Spiele bestritten, drei davon über die volle Spielzeit. Doch die Sorgen blieben.

    Nach fast zwei Jahren ohne viel Spielpraxis wurde er direkt in das intensivste und wichtigste Turnier der Welt geworfen. Und nicht nur das. Auf seine Schultern - und lädierten Knie - ruhten die abermals riesigen Titel-Hoffnungen einer fußballverrückten Nation.

    Erst bei der WM schaffte Ronaldo es wieder, zwei Spiele am Stück über 90 Minuten zu bestreiten - gegen Costa Rica und Belgien. Doch es lief prächtig. Bis zum Viertelfinale gegen England schoss er fünf Tore, das Phänomen schien endgültig zurückgekehrt und die Körper stabil genug, um die großen Hoffnungen zu tragen.

  • Ronaldo bei der WM 2002: "Wenn du noch ein halbes Bein hast, spielst du!"

    Doch dann kam eben jenes Viertelfinale und damit die neuen Sorgen. Ronaldo wollte Ruhe ausstrahlen, doch das gelang ihm nicht. Ein guter Schauspieler war nicht an ihm verloren gegangen.  Damalige Berichte verwiesen auf sein ungewöhnliches Schweigen und seinen ernsten Gesichtsausdruck. Auch Trainer Scolari und Mannschaftsarzt Runco waren beunruhigt. Erste Untersuchungen ergaben, dass sich Ronaldo keinen Muskelriss zugezogen hatte. Dennoch plagten den am Ende besten Torschützen des Turniers weiterhin Schmerzen.

    Teamarzt Runco sagte damals im Interview mit der brasilianischen Zeitung O Globo: "Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Jeder Fall ist einzigartig. Ich glaube, dass er spielen wird, aber ich kann es nicht garantieren." Während seine Teamkollegen auf dem Platz trainierten, verbrachte Ronaldo seine Tage mit Physiotherapie, Elektrotherapie und Kryotherapie. Man ließ nichts unversucht, doch trotz Ronaldos bis dato blitzsauberen Turniers, wurden die kritischen Stimmen lauter.

    Jene, die schon bei Ronaldos Nominierung von einem Risiko gesprochen und vehement Romario - immerhin Brasiliens und Südamerikas Fußballer des Jahres - im Kader sehen wollten. In den Monaten vor der WM hatte Ronaldo fünf Muskelverletzungen erlitten - alle am rechten Oberschenkel. Und keine davon war so schnell verheilt wie in den fünf Tagen, die nur zwischen dem Sieg gegen England und dem anstehenden Halbfinale gegen die Türkei lagen.

    Trainer Scolari gabs damals dennoch kämpferisch optimistisch: "Seine Verletzung macht uns Sorgen. Aber ich vertraue unserem medizinischen Team - und vor allem der Willenskraft des Spielers. Ich glaube nicht, dass er das Halbfinale verpassen wird. Wir brauchen jetzt jeden. Wenn man noch ein halbes Bein hat, spielt man. Ronaldo weiß, dass Brasilien ihn braucht. Er ist der technische und emotionale Anführer dieser Mannschaft."

  • Ronaldo FrisurGetty Images

    Ronaldos legendäre WM-Frisur entstand aus Aberglauben: Die Geburt des "Cascão"

    Und tatsächlich. Am Vorabend des Halbfinals lächelte das Phänomen wieder - und erklärte in einem Interview mit dem japanischen Fernsehsender Nippon TV, dass er bereit sei, gegen die Türkei spielen: "Ich war müder als die anderen, aber ich werde fit sein. Ich habe in kurzer Zeit so viele Spiele bestritten. Nach zwei Jahren ohne Fußball war das sehr intensiv."

    Vielleicht auch, um das Schicksal zu überlisten und sich nicht erneut zu verletzten, nahm Ronaldo einen radikalen und vom Aberglauben geprägten Schritt vor."Ich habe mir vor den Spielen immer den Kopf rasiert. Dieses Mal habe ich aber eine Stelle stehen lassen. Ich ging den Hotelflur entlang und alle lachten, machten Witze, neckten mich und sagten, ich hätte nicht den Mut, so zum Training zu erscheinen", schilderte Ronaldo die Szenen, nachdem er sich seine neue "Haut" verpasst hatte.

    Scolari hingegen war stinksauer auf den "lächerlichen" neuen Look seines Star-Stürmers. "'Was soll diese Frisur?'", habe er Ronaldo gefragt: "Ich war nervös, verärgert. Warum fängt er jetzt damit an? Was, wenn es nach hinten losgeht? 'Hast du mich um Erlaubnis gefragt?' Ich war wirklich stinksauer!"

    Aber der Trainer machte sich vor allem sportliche Sorgen um sein Phänomen: Denn Ronaldo bewegte sich während des letzten Trainings nur behäbig. Seine Teilnahme am Halbfinale blieb daher trotz aller öffentlich getätigten Aussagen fraglich. Doch da war ja noch diese Frisur, die auch auf der Pressekonferenz vor dem Halbfinale im Fokus der Presse stand. "Ich kann all die kleinen Kinder, die sie kopiert haben, nicht enttäuschen", sagte er Ronaldo grinsend.  und behielt den fragwürdig aussehenden Haarschnitt.

    Das Halbfinale wurde somit auch ein wenig zum "Haar-Duell" ausgerufen. Immerhin hatte sich der türkische Mittelfeldspieler Ümit Davala einen äußerst gefährlich aussehenden und kurioses Irokesen-Schnitt verpasst. Und sogar eine kollektive Idee gab es: Im Falle eines Sieges über Brasilien, würden sie sich alle eine Glatze rasieren lassen, hieß es aus Kreisen der türkischen Mannschaft.

    Ronaldo bestätigte nach der WM, dass es auch ein gewisses Kalkül von ihm war, sich einer derart kuriose Frisur zuzulegen. Er habe die die Aufmerksamkeit darauf richten wollen - und weg von seiner Blessur. "Ich war nur zu 60 Prozent fit, also habe ich mir den Kopf rasiert. Alle redeten nur über meine Verletzung. Als ich mit dieser Frisur zum Training kam, hörten alle auf, über die Verletzung zu reden", erzählte er 2017 der The Sun

  • Ronaldo WM 2002Getty Images

    Ronaldo bei der WM 2002: Der magische Zehenstoß nach schwacher erster Halbzeit

    Die erste Halbzeit dieses Halbfinales offenbarte aber dann doch, dass Ronaldo nicht im Vollbesitz seiner Kräfte war. Zumindest für etwaige TV-Experten war Ronaldo der schlechteste Spieler Brasiliens auf dem Platz. 

    In der Übertragung des brasilianischen TV-Senders Globo forderte Kommentator Walter Casagrande seine Auswechslung und sagte: "Mit ihm spielen wir wie mit einem Mann weniger." Der legendäre brasilianische Trainer Mario Zagallo gab später zu: "In der Halbzeitpause dachte ich auch, dass Ronaldo ausgewechselt werden sollte. Jeder sah, dass er nicht in Form war."

    Doch das Besondere an Fußball-Genies ist nun mal: Sie kreieren Magisches, wenn man es am wenigsten erwartet oder gar damit abgeschlossen hat, das da noch etwas kommt. Und so kam Ronaldo in der zweiten Halbzeit zurück auf den Platz und zauberte entscheidend los. 

    "Ich konnte nicht mit der Innenseite meines Fußes schießen, das hätte die Verletzung verschlimmert. Also sah ich die Chance und schoss mit der Fußspitze. Perfekt.", schilderte er später die spielentscheidende Szene, als er in der 49. Minute von Gilberto Silva in Szene gesetzt wurde,  umringt von drei Gegenspielern aus 14 Metern ansatzlos mit der sogenannte Pike abzog und ins rechte untere Eck traf.

    Brasilien ging mit 1:0 in Führung, das WM-Finale vor Augen. Aus Schmerz entstand Kunst. Ronaldo wurde in der 68. Minute ausgewechselt und Brasilien brachte das Ergebnis über die Zeit. "Als ich zwei Tage zuvor seinen Haarschnitt sah, wusste ich, dass er spielen würde", lachte Scolari nach dem Spiel.

  • Ronaldo bei der WM 2002: Erlösung und Ruhm

    Der "Cascão-Haarschnitt", benannt nach einer der berühmtesten Zeichentrickfiguren Brasiliens, ging in dieser Nacht in die Fußballgeschichte. Aber ein letzter Schritt stand noch aus: das WM-Finale und damit einhergehend Ronaldos bis dahin wohl größtes sportliches Trauma. Eines, das er seit vier Jahren und dem 0:3 im Stade de France gegen Frankreich mit sich herumschleppte. 

    Doch diesmal plagten ihn keine mysteriösen Krämpfe und diesmal war es nicht Zinedine Zidane, der sich mit zwei Treffern im Endspiel unsterblich machte. Gegen Deutschland schlug die Stunde des des geschundenen und auch ein wenig entstellten Phänomens. 

    Sein Final-Doppelpack gegen den untröstlichen Oliver Kahn sicherte Brasilien den fünften WM-Titel. Ronaldo wurde mit acht Toren Torschützenkönig des Turniers und sein kurioser Haarschnitt zum Symbol dieses Triumphs. Ronaldo behielt die Frisur noch Monate nach dem Finale - wohl auch, um Legendenbildung zu betreiben. Das ist ihm mehr als gelungen.

    Noch heute denken die Brasilianer an Ronaldo und diesen berüchtigten Haarschnitt zurück, der ihnen ihren bisher letzten WM-Titel einbrachte – absurd, unvergesslich und für immer legendär.

  • Ronaldo: Leistungsdaten und Karrierestatistiken

    Verein/MannschaftSpieleToreTorvorlagen
    Real Madrid17710434
    Inter Mailand995911
    PSV Eindhoven57547
    FC Barcelona494713
    Cruzeiro28224
    AC Milan2095
    Brasilien996232
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