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Der Armut entflohen und die Premier League im Blick: Gift Orban arbeitet sich nach oben

Gift Orban ist zweifellos ein poetischer Name. Das Leben ist ein Geschenk, auf englisch "Gift", so heißt es klischeemäßig. Die einzige Person, die dem vielleicht nicht zustimmt, ist Gift selbst. Orban hatte eine  traumatische Kindheit in Afrika. "Ich bin ein Kind der Straße", sagte er der belgischen Sport-Seite Sporza.

"Meine Eltern hatten beide ein eigenes Zuhause, mein Vater in Nigeria und meine Mutter in Togo, aber ich habe als kleiner Junge in den Vororten von Lagos begonnen, Fußball zu spielen." Als Kind sah Orban viele Dinge, die kein Kind jemals sehen sollte. "Menschen wurden verletzt, unter dem Einfluss von Alkohol und Drogen", erinnerte er sich. Orban hat die hässlichen Seiten des Lebens gesehen. "Ich war vor Kurzem mit einem Freund ein paar Tage in Brüssel. Als wir zu unserem Auto zurückkamen, war es komplett durchwühlt. Geld, Bankkarten, Reisepass, alles weg. Mein Freund hatte Angst, aber ich? So etwas habe ich früher jeden Tag erlebt."

  • Gift Orban will mit dem Fußball der Armut entkommen

    Orban hat noch immer mit seiner schwierigen Kindheit zu kämpfen. "Es war sehr hart und ich möchte lieber nicht darüber sprechen. Meine Probleme kann ich Ihnen nicht erklären", sagte er in einem L'Équipe-Interview. "Sie würden es nicht verstehen, weil Sie in Europa geboren wurden. Wenn man in Frankreich arm ist, kann der Staat helfen. In Afrika gibt dir niemand etwas - und du verhungerst. Deshalb wollen wir dort alle Fußball spielen."

    "In Benue (dem Teil Nigerias, in dem Orban aufwuchs, Anm. d. Red.) ist Leben unmöglich, wenn deine Familie kein Geld hat", betonte er. "Das alles treibt mich an. Ich will das nie wieder erleben. Wir mussten jeden Tag unser Essen besorgen. Jetzt möchte ich allen armen Menschen helfen, Waisen, jedem, der ein Leben wie meines oder sogar ein noch härteres hat."

    Er wendete sich direkt an den französischen Interviewer. "Wissen Sie, was Armut ist? Armut in Europa und Afrika - das ist nicht vergleichbar. Dort schläfst du an unerträglichen Orten. Dann wachst du auf und es gibt nichts zu essen. Stellen Sie mir dazu bitte keine weiteren Fragen mehr“, sagte er.

    @seriea

    Orban per il 2-0! 💛💙⚽️ #calcio #football #footballedit #seriea #napoliverona

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  • Gift Orban: "Habe vor nichts mehr Angst"

    Orban ist ein besonderer Mensch, so viel ist klar. "Ich sage, was ich denke", gab er zu. "Ich bin ehrlich. Menschen, die mich nicht kennen, denken, ich sei seltsam. Aber wenn du auf mich zugehst, wirst du sehen, dass ich sehr respektvoll bin. Ich habe Dinge durchgemacht, die mich geprägt haben, die mich zu dem gemacht haben, was ich bin. Ich habe vor nichts mehr Angst."

    Das ist den Leuten in Italien zweifellos auch aufgefallen. In Italien spielt Orban für Hellas Verona, wo er ebenfalls nicht davor zurückschreckt, zu zeigen, wer er ist. Nachdem er vor einigen Wochen gegen Napoli zum 2:0 getroffen hatte, rannte er zur Kurve der Napoli-Fans, und feuerte mit einer imaginären Pistole ein paar Kugeln in die Luft. Danach machte er weiter und zeigte den Fans mit den Händen ein Messer - um sich damit die Kehle durchzuschneiden. 

    Das brachte ihm eine Gelbe Karte ein - und Napolis Spieler drehten danach auf und machten den 0:2-Rückstand beim 2:2-Unentschieden noch wett. Erst vor einigen Wochen machte Orban in Italien wieder Negativ-Schlagzeilen, als es ihm gelang, eine Rote Karte zu bekommen, während der Ball nicht einmal im Spiel war. Er beleidigte angeblich den Schiedsrichter und wurde für zwei Partien gesperrt.

  • Keine Lust auf Jugend-Akademie

    Es sind Charakterzüge, die Hellas akzeptieren kann. Der Nigerianer ist der unangefochtene Top-Torschütze des Tabellenletzten - auch wenn das nicht sonderlich schwer ist, denn Orban ist der einzige Spieler, der für seinen Klub in der Serie A mehr als zwei Tore erzielt hat. Orban steht bislang bei sieben Treffern.

    Das Toreschießen macht Orban schon seine ganze Karriere lang. "Als Kind habe ich die ganze Zeit am Strand gespielt. Im Sand spielt man nicht nur Fußball, man entwickelt auch alle Muskeln", erklärte er. Im Alter von dreizehn Jahren meldete ihn sein Vater bei in einer Jugend-Akademie an, obwohl der Angreifer von dieser Idee anfangs nicht sonderlich begeistert war.

    "Ich brauchte meine Freiheit. Auf der Straße konnte ich mein eigenes Ding machen, während sie dich in einer Jugend-Akademie anschreien." Trotzdem lag sein Vater mit der Entscheidung richtig. Als Bison FC, Orbans Jugendteam, ein Fußballturnier organisierte, saßen schon zahlreiche ausländischen Scouts auf der Tribüne.

  • Gift Orban bekommt die zweite Chance in Norwegen

    Ein Scout von Stabaek aus Norwegen interessierte sich besonders für Orban. Der schnelle und kräftige Stürmer wurde zu einem Probetraining eingeladen. Orban beeindruckte zwar, überzeugte aber nicht vollends - und deswegen wurde er zunächst wieder weggeschickt. Einige Monate später, als Stabaek verzweifelt einen Stürmer suchte, meldete sich der Klub erneut bei ihm.

    Emefie Atta Aneke war im Rückblick klar, wie wichtig diese zweite Einladung war. "Wenn Stabaek nicht noch einmal nachgedacht hätte, hätte es Orban wahrscheinlich nie nach Europa geschafft“, sagte der Berater des Stürmers in einem Interview mit The Athletic.

    Aber Gift Orban bekam die zweite Chance in Europa - und diesmal nutzte er sie. "Der Trainer brachte mich zum ersten Mal und ich habe sofort einen Doppelpack erzielt. Das Gleiche auch im nächsten Spiel. Dann lief es bei mir. Aber ich muss zugeben: Das Leben dort war schwierig. Zum ersten Mal habe ich Temperaturen um und unter null Grad erlebt. Und die norwegische Sprache ...", seufzte der Stürmer. "Bla, bla, bla. Das tat meinen Ohren weh! Ich mochte dieses Land wirklich nicht. In meinem Kopf hatte ich schon entschieden, dass ich mein Bestes geben würde, um den nächsten Schritt zu machen. Ich konnte dort einfach nicht bleiben."

  • 'Black Haaland' überzeugt in Belgien

    Sein gewünschter Transfer würde schnell zustande kommen. Die Scouting-Abteilung von KAA Gent – die zuvor bereits Jonathan David entdeckt hatte – wurde auf ihn aufmerksam. Samuel Cardenas, Leiter des Scoutings bei Gent, musste allerdings bei den Belgiern viel Überzeugungsarbeit leisten. Nach monatelangem Flehen lenkte der Klub ein und zahlte Stabaek 4,5 Millionen Euro für Gift Orban – damals der zweitteuerste Transfer der Gent-Geschichte.

    Orban stellte sofort unter Beweis, dass er jeden Cent wert war. Im ersten Halbjahr erzielte er 20 Tore in 22 Spielen für Gent. Innerhalb von nur acht Monaten gelangen ihm fünf Hattricks, was ihm in den sozialen Medien schnell den Spitznamen 'Black Haaland' einbrachte.

    Orban stellt auch im Europapokal einen besonderen Rekord auf. In einem Conference-League-Spiel gegen Basaksehir aus der Türkei benötigte Orban nur 205 Sekunden, um seinen Hattrick zu machen – der schnellste aller Zeiten in Europa. In Belgien fällt Orban durch seine Schnelligkeit, seinen Torinstinkt und seine Schusskraft auf. Letztere demonstrierte er auch gegen Standard Lüttich, als er den Ball direkt nach dem Anstoß aufs Tor schoss - und die Kugel gegen die Latte prallte. 

    Kein Wunder also, dass Orbans Name auch auf den Scouting-Listen der noch größeren Klubs auftauchte. Vor allem Tottenham Hotspur war sehr daran interessiert, den torhungrigen Nigerianer zu verpflichten. Doch am Ende entschieden sich die Spurs für Brennan Johnson.

  • Nach Stationen in Frankreich und Deutschland jetzt in Italien

    In seinem zweiten Jahr in Belgien läuft es für Orban nicht mehr so gut. Er kann nicht an seine Torquote aus dem vorherigen Jahr anknüpfen und hat Schwierigkeiten, seinen Frust darüber zu verbergen. Trainer Hein Vanhaezebrouck degradiert ihn deshalb immer öfter zum Einwechselspieler – sehr zum Unmut des Stürmers. 

    "Es ist nicht einfach für ihn", äußerte sich der Trainer zu seiner Entscheidung. "Letztes Jahr war er der Held und alles, was er anfasste, wurde zu Gold. Jetzt erlebt er die andere Seite der Medaille, aber das kann ihn für die Zukunft nur stärker machen." 

    Ein Transfer erweist sich als unvermeidlich, auch wenn Gent am Ende 'nur' vierzehn Millionen Euro erhält. Das ist deutlich weniger als die rund dreißig Millionen Euro, die im Sommer davor gefordert worden war. Olympique Lyon bedient sich in Gent und holt neben Orban auch Malick Fofana.

    In Lyon kommt Orban jedoch kaum zum Einsatz. Mit der Klublegende Alexandre Lacazette vor ihm bekommt er nur wenige Minuten. Es folgt ein schneller Abgang, auch aufgrund von Lyons schwieriger finanzieller Situation - und Orban fügt seinem Fußball-Lebenslauf ein weiteres Land hinzu: Deutschland.

    Bei der TSG Hoffenheim startet der Stürmer hervorragend in sein neues Abenteuer und erzielt vier Tore in sieben Spielen. Doch dann kommt er nicht mehr auf die Einsatzminuten - und bald folgt der nächste Wechsel. Diesmal ist es Hellas Verona, das Orban im Sommer für eine Saison per Leihe holt – mit Kaufoption. 

    Allerdings scheint der Abstieg für das Schlusslicht der Serie A das wahrscheinlichste Szenario zu sein. Dass ein Abstiegskandidat dann eine Kaufoption über acht Millionen Euro zieht, erscheint eher unwahrscheinlich. Daher ist die Möglichkeit gegeben, dass Orban im Sommer erneut den Klub wechselt. 

    "Mein größter Traum ist es, in der Premier League zu spielen", sagt er. "Manchester United, Liverpool, Manchester City. Für Arsenal hingegen kann ich mich nicht so begeistern. Es sieht immer so aus, als wollten sie dort keine Titel gewinnen. Ich will dorthin gehen, wo sie das tun."

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