Was haben Jamal Musiala, Alphonso Davies, Josip Stanisic, Malik Tillman, Nicolas Kühn und Angelo Stiller gemeinsam? Sie alle haben in dieser Saison wichtige Rollen bei Champions-League-Teilnehmern gespielt und große Titel gewonnen. Musiala, Davies und Stanisic wurden mit dem FC Bayern deutscher Meister, Tillman triumphierte mit der PSV Eindhoven in den Niederlanden, Kühn mit Celtic Glasgow in Schottland und Stiller gewann mit dem VfB Stuttgart den DFB-Pokal.
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Sie alle verbinden aber nicht nur ihre jüngsten Erfolge, sondern auch ihre gemeinsame Vergangenheit: Vor fünf Jahren gewannen sie mit der Reserve des FC Bayern die 3. Liga. Hätten sie aufsteigen dürfen und wären sie zusammengeblieben, womöglich würden sie mittlerweile gemeinsam um die ganz großen Titel kämpfen.
Musiala, Davies, Stanisic, Tillman, Kühn und Stiller sind nämlich nur die absolute Spitze dieser bemerkenswerten Mannschaft. Etliche weitere Spieler schafften es in Europas Top-5-Ligen: Keeper Christian Früchtl (US Lecce), die Verteidiger Chris Richards (FA-Cup-Sieger mit Crystal Palace), Flavius Daniliuc (Hellas Verona) und Derrick Köhn (Werder Bremen), Mittelfeldspieler Woo-Yeong Jeong (Union Berlin), die Stürmer Fiete Arp (Holstein Kiel) und Joshua Zirkzee (Europa-League-Finalist mit Manchester United).
Dazu kommen Legionäre in der Schweiz, in den Niederlanden, Belgien, der Türkei sowie eine ordentliche Zweitliga-Fraktion in Deutschland. Ach ja, auch aus dem damaligen Trainer ist was geworden. Das war nämlich Sebastian Hoeneß, längst Erfolgscoach in Stuttgart.
ImagoKwasi "Otschi" Wriedt: Torschützenkönig und Führungsspieler
Kwasi Wriedt kommt quasi nicht mehr aus dem Grinsen heraus, wenn er sich an damals erinnert. So lange her, so schöne Erinnerungen, so super Kicker. "Ich habe gemerkt, dass viele Spieler eine besondere Qualität haben", sagt Wriedt im Gespräch mit SPOX. "Aber dass es so viele ganz nach oben schaffen, hat mich schon überrascht." Wriedts Stolz auf die Entwicklung seiner ehemaligen Kollegen ist förmlich zu spüren - sogar über den Videocall aus seinem Auto am Rand irgendeiner Straße in der Türkei.
"Otschi", so wird er wegen seines zweiten Vornamens Okyere genannt, spielte vergangene Saison für Sanliurfaspor in der zweiten türkischen Liga, kürzlich wechselte er zu Alemannia Aachen. Anders als für all die Talente war das damalige Meisterjahr für Wriedt nicht der Startschuss einer großen Karriere. Sondern gewissermaßen die Saison seines Lebens. Mit 24 Treffern kürte sich Wriedt zum Torschützenkönig der 3. Liga. Den klubinternen Rekord von Thomas Müller brach er locker, den ligaweiten von Darmstadt-Legende Dominik Stroh-Engel verpasste er nur knapp.
Wriedt war damals 25 Jahre alt, einer von nur vier Spielern über 23. Gemeinsam mit den Mittelfeld-Routiniers Timo Kern (29), Maximilian Welzmüller (29) und Nicolas Feldhahn (32) führte er die blutjunge und nach dem Aufstieg aus der Regionalliga frisch zusammengewürfelte Mannschaft an. "Wir sind mit dem Ziel Klassenerhalt in die Saison gegangen", erinnert sich Wriedt. "Und das galt auch noch in der Winterpause."
Abstiegskampf noch im Winter - doch dann kam Angelo Stiller
Die Münchner Reserve startete mit drei Pleiten aus vier Spielen in die Saison. Nach dem 8. Spieltag rangierte sie zwischenzeitlich sogar unter dem Strich, zum Jahreswechsel auf Platz 15 mit nur sechs Punkten Vorsprung auf die Abstiegszone. Was passierte bloß in dieser einmonatigen Winterpause? Zaubertrank, Doping, Schamane, Transfer-Offensive? Nein, alles falsch. "Im Winter ist Angelo Stiller dazugekommen", sagt Wriedt. "Das war die entscheidende Änderung. Mit seinen Qualitäten hat er die ganze Mannschaft nach vorne gebracht."
In der Hinrunde hatte der damals 18-jährige gebürtige Münchner noch für die U19 gespielt, ehe ihn Hoeneß in der Winterpause zur Reserve hochzog. Seitdem heißt es: Wo Hoeneß ist, ist Stiller auch - später bei der TSG Hoffenheim, mittlerweile in Stuttgart. Hoeneß machte Stiller zum Nationalspieler. Aber im Januar 2020 erstmal zum neuen Chefstrategen im defensiven Mittelfeld der Bayern-Reserve. Einher ging eine Taktik-Umstellung vom 4-2-3-1 zur Raute.
Stiller und heimlich setzten die Münchner zum Triumphzug an. Sechs Siege aus sieben Spielen. Abstiegsgefahr bestand keine mehr. Tabellenführer MSV Duisburg war nach 27 von 38 Spieltagen plötzlich nur noch sechs Punkte entfernt. Aber dann kam Corona. Wie die ganze Welt hielt auch die 3. Liga inne. Für fast drei Monate, erst Ende Mai ging es weiter.
ImagoSiegeszug nach dem Restart: Die großen Vorteile der Bayern-Reserve
"Vor dem Restart waren wir eine Woche in einem Quarantäne-Hotel in München. Diese Zeit hat uns richtig zusammengeschweißt. Das war sehr prägend", erinnert sich Wriedt. "Nach all der Einsamkeit haben wir viel zusammen gelacht, viel Tischtennis gespielt." Und viel gesungen, zumindest die klubinternen Corona-Neuzugänge.
Weil die A-Jugend-Bundesliga abgebrochen wurde, folgten die besten U19-Spieler ihrem ehemaligen Kollegen Stiller zur Reserve. Darunter Christopher Scott, Torben Rhein, Tillman und Musiala. "Zum Einstand mussten sie singen", erzählt Wriedt. Tillman habe es "sehr, sehr gut gemacht". Bei den anderen verweigert er sicherheitshalber eine Auskunft. Zu Musiala nur so viel: "Er war brutal schüchtern."
Wichtiger als für die Unterhaltung waren die neuen Talente ohnehin für das Trainingsniveau. "Dank der U19-Spieler konnten wir mit einer großen, ausgeglichenen Truppe trainieren", sagt Wriedt. "Das war ein Vorteil gegenüber den anderen Vereinen." Denen fehlte nämlich die Möglichkeit, sich mit hochklassigen Elf-gegen-elf-Spielen in Form zu bringen.
Der andere große Vorteil war die hochprofessionelle medizinische Abteilung: Corona-Fälle blieben bei der Bayern-Reserve aus und die Belastungssteuerung funktionierte ähnlich tadellos wie bei den Profis. Während Hansi Flicks Mannschaft nach dem Restart zum Triple marschierte, eroberte die Reserve die 3. Liga.
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"Vor dem ersten Spiel nach dem Lockdown hat Sebastian Hoeneß eine bewegende Ansprache gehalten", erzählt Wriedt. "Er hat uns daran erinnert, wie besonders es ist, dass wir in diesen Zeiten unserem Beruf nachgehen dürfen. Diese Rede hat uns emotional sehr gepackt." Spricht Wriedt über seinen ehemaligen Trainer, kommt er aus dem Schwärmen nicht mehr heraus. "Das Gesamtpaket Sebastian Hoeneß ist ganz besonders, menschlich und fachlich."
Angezündet von Hoeneß' Worten starteten die Münchner in die dichte Schlussphase der Saison - elf Spiele in fünf englischen Wochen. Auf den Auftaktsieg gegen den FC Ingolstadt folgte ein 3:2 gegen Preußen Münster: Wriedts Lieblingsspiel der ganzen Saison, und zwar aus mehreren Gründen.
Einerseits ging es mit Münster gegen den großen Rivalen seines Ex-Klubs VfL Osnabrück. Andererseits schoss er einen Doppelpack, sein zweites Tor war das entscheidende kurz vor Schluss. Dazu hatte die Partie auch noch eine politische Dimension. Wenige Tage zuvor wurde der dunkelhäutige George Floyd in den USA von einem Polizisten ermordet. "Das hat mich und ein paar andere von uns sehr bewegt", erinnert sich Wriedt. "Deshalb haben wir nach meinem ersten Tor zu seinen Ehren gejubelt." Der Mord war Auslöser großer Protestwellen, die in der internationalen Bewegung "Black Lives Matter" mündeten.
Eine Woche nach dem emotionalen Triumph gegen Münster hatte Musiala seinen ersten großen Auftritt. Gegen den FSV Zwickau kam er Mitte der zweiten Halbzeit beim Stand von 0:0 ins Spiel und sorgte mit einem Doppelpack für die Entscheidung. "Cold as ice", nannte ihn Hoeneß anschließend. Mit 17 Jahren und 104 Tagen avancierte Musiala zum zweitjüngsten Torschützen der Drittliga-Geschichte. Jünger war nur David Alaba.
In der Woche darauf stellte sich Tillman mit einem Doppelpack gegen Waldhof Mannheim vor. "Er konnte auf jeder Position spielen und hat gar keine Anpassungszeit benötigt. Das war schon sehr krass", erinnert sich Wriedt. Tillman zeichnete sich später in der Saison noch für einen weiteren großen Moment verantwortlich: das Siegtor im Derby gegen den TSV 1860.
ImagoJoshua Zirkzee und Alphonso Davies mischten schon bei den Profis mit
Während Musiala und Tillman nach dem Restart erste Akzente setzten, waren andere Talente im Laufe der Saison bereits von der Reserve zu den Profis aufgestiegen. Linksverteidiger Davies avancierte unter Trainer Hansi Flick sogar zum Stammspieler. Zirkzee erzielte bei seinen ersten beiden Einwechslungen kurz vor Weihnachten direkt zwei wichtige Tore. Der damals 18-jährige Stürmer lebte den Traum aller, aber alle freuten sich für ihn.
"Ich kann mich genau erinnern, wie wir gemeinsam gejubelt haben, als Josh bei den Profis diese zwei wichtigen Tore geschossen hat", sagt Wriedt. "Jeder hat sich mit jedem gut verstanden. Es gab keinen Neid untereinander. Im Vergleich zu meinen anderen Stationen war die Teamchemie in dieser Mannschaft ganz besonders." Trotz der gewaltigen Fluktuation! Insgesamt kamen im Laufe der Saison schließlich 36 Spieler zum Einsatz.
Zwischendurch mal ein kurzer Blick auf ein paar weitere - mittlerweile prominente - Kicker der damaligen Mannschaft. Richards und Köhn waren in der Viererkette gesetzt. Stürmer Arp verpasste große Teile der Saison verletzt. Im Tor wechselten sich Früchtl und Ron-Thorben Hoffmann ab. Offensivallrounder Kühn kam im Winter per Leihe von Ajax Amsterdam und wurde anschließend meistens nur eingewechselt. Rechtsverteidiger Stanisic pendelte zwischen Bank und Startelf. Als angehender Bundesligaspieler galt er nicht - von allen Spielern der damaligen Mannschaft habe Stanisics Entwicklung Wriedt "am meisten überrascht".
ImagoFehlende Spielerlaubnisse und eine Rasur: Das dramatische Saison-Finale
Mit einer 5:1-Gala gegen den SV Meppen - Dreierpack Wriedt - eroberten die Münchner am 33. Spieltag erstmals die Tabellenführung. Und gaben sie bis zum Saisonende nicht mehr her. Obwohl sie die letzten zwei Spiele ohne ihren Toptorjäger und auch ohne Linksverteidiger Köhn auskommen mussten. Die beiden hatten schon bei Willem II Tilburg in der Eredivisie unterschrieben. Das Saisonfinale der 3. Liga fiel in den Juli und somit in die neue Saison.
"Bayern hat praktisch bis zum Anpfiff um eine Spielerlaubnis gekämpft, aber Willem II ist hart geblieben", erinnert sich Wriedt. Gemeinsam mit Kumpel Köhn, auch er gebürtiger Hamburger, verfolgte Wriedt die Spiele von der Tribüne. "Derrick und ich haben permanent geschrien, angefeuert, taktische Anweisungen gegeben." Ohne die beiden Stammspieler kamen die Münchner gegen Duisburg nicht über ein Remis hinaus und verloren am letzten Spieltag sogar gegen den 1. FC Kaiserslautern - doch auch die Konkurrenz patzte.
Nachdem die eigene Partie abgepfiffen war, verfolgten die Münchner auf dem Rasen am Handy das Parallelspiel von Verfolger Würzburg. "Als es vorbei war, sind wir komplett durchgedreht", sagt Wriedt. Und haben dann den Rasierer aufgedreht. "Fiete Arp hat Paul Will noch auf dem Platz den Kopf geschoren. Er hatte zwei Monate vorher gesagt: Wenn wir Meister werden, rasiert er sich die Haare ab."
Trotz Meistertitel: Die Bayern-Reserve durfte nicht aufsteigen
Am Ende stand ein hauchzarter Vorsprung von einem Punkt auf Würzburg und Eintracht Braunschweig. Der Titel sorgte für gleich zwei Premieren: Erstmals gewann die Zweitvertretung einer Profimannschaft die 3. Liga, erstmals ein Aufsteiger. "Das ist eine wahnsinnige Leistung, eine Sensation", jubilierte NLZ-Chef Jochen Sauer. "Zumal wir auch sehr viele junge Spieler eingesetzt haben, 17/18-Jährige, die zuvor noch nie in der 3. Liga dabei waren. Es ist gar nicht hoch genug einzuschätzen, was die Mannschaft dieses Jahr geleistet hat."
Der Vorstandsvorsitzende Karl-Heinz Rummenigge sprach von einem "außerordentlichen Erfolg". Genau wie Sportvorstand Hasan Salihamidzic hatte auch Rummenigge mehrere Heimspiele besucht. Trainer-Legende Hermann Gerland, der mit einer Mannschaft um Paolo Guerreiro und Zvjezdan Misimovic 2004 die damals drittklassige Regionalliga Süd gewonnen hatte, schaute auch auswärts oft zu.
"Es war schön, dass so wichtige Personen unsere Leistung wertgeschätzt haben. Das ist nicht selbstverständlich. Ich habe im ganzen Verein ein großes Interesse an uns gespürt", sagt Wriedt. Vereint war der Klub im Unverständnis über das Aufstiegs-Verbot der DFL. "Es ist schade, verdient hätten sie es", befand Rummenigge. Am Morgen nach dem Titelgewinn trafen sich die Mannschaft in München zum gemeinsamen Frühstück, dann zerfiel sie in ihre Einzelteile.
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Für gleich sechs Talente war die Saison damit aber noch nicht vorbei: Musiala, Tillman, Zirkzee, Hoffmann, Bright Arrey-Mbi und Oliver Batista-Meier reisten mit den Profis Ende August zum Finalturnier der Champions League nach Portugal, Davies war als Linksverteidiger zudem längst gesetzt. Auf die Drittliga-Schale folgte der Henkelpott. "Das motiviert mich extrem, bei solch großen Spielen mal selbst auf dem Platz zu stehen", sagte Musiala.
Bereits in der darauffolgenden Saison sammelte er dann auch schon regelmäßige Einsatzzeiten bei den Profis, mittlerweile ist er der beste und bestbezahlte Spieler der Mannschaft. Drittligameister-Kollege Davies, einer seiner engsten Freunden, hat neulich ebenfalls verlängert. Stanisic etablierte sich nach einer Leihe zu Leverkusen als zuverlässiger Kaderspieler.
Zirkzee ließ sich mangels Einsatzchancen bei den Profis zunächst zweimal verleihen, ehe er 2022 für 27,5 Millionen Euro zum FC Bologna wechselte. 2024 zog er für 42,5 Millionen zu Manchester United weiter. Auch Richards und Tillman absolvierten zunächst Leihen und verabschiedeten sich dann fest, beide brachten dem FC Bayern je zwölf Millionen Euro ein. Kühn wechselte 2022 für lediglich 500.000 Euro zu Rapid Wien, bei Celtic hat er seinen Marktwert mittlerweile multipliziert. Insgesamt nahm der FC Bayern für die Drittliga-Meister bereits 64 Millionen Euro ein.
Einer der prägendsten ging aber ablösefrei: Angelo Stiller. Nach der grandiosen Rückrunde hatte er berechtigte Hoffnungen auf einen Durchbruch bei den Profis, bekam aber Tiago Dantas und Marc Roca vorgesetzt. Einen "Schlag ins Gesicht" nannte er diese Transfers. Etwas gekränkt folgte er Hoeneß 2021 ablösefrei nach Hoffenheim und dann nach Stuttgart. "Ihn im VfB-Dress zu sehen, zerreißt mir ein bisschen das Herz", klagte Holger Seitz später.
Seitz war nicht nur Hoeneß' Vorgänger als Trainer der Bayern-Reserve, sondern auch sein Nachfolger. Zwischenzeitlich hatte er sich in eine administrative Rolle am Campus zurückgezogen. In der darauffolgenden Saison schlitterte der Meister mit dem alten, neuen Trainer und einer runderneuerte Mannschaft in den Abstiegskampf. Im April übernahmen die Ex-Profis Martin Demichelis und Danny Schwarz im Duett, aber auch sie konnten nichts mehr retten. Zehn Monate nach dem Meistertitel folgte der Abstieg, die Rückkehr in die 3. Liga gelang bis heute nicht.



