Ricardo Rodriguez FC Zurich FC BayernGetty

Schwere Krankheit, Kindheit im sozialen Brennpunkt: Ricardo Rodriguez' Spiel des Lebens


HINTERGRUND

Die Opfikonstraße im Zürcher Vorort Schwamendingen. Kleine, mit dunkelroten Ziegeln gedeckte Reihenhäuser säumen den Wegesrand, in unregelmäßigen Abständen zieren verschiedene Laubbäume die Szenerie, hauchen der typischen, in diesem Fall etwas fahlen Peripherie, ein wenig Leben ein. Im Hintergrund drängeln sich etliche graue Plattenbauten dicht aneinander, der Schornstein des Recyclinghofes Hagenholz durchschneidet die Luft. Im Nordwesten der bevölkerungsreichsten Schweizer Stadt, fernab vom malerischen Zürichsee, entstand hier ein Ballungsraum für die weniger Betuchten.

Erlebe die Serie A live und auf Abruf auf DAZN. Jetzt Gratismonat sichern!

Eine Agglomeration von Migranten, Arbeitslosen, Abgehängten, die Schwamendingen den negativ konnotierten Beinamen "Bronx von Zürich" einbrachte. Hier nahm eine in der helvetischen Fußballhistorie beispiellose Geschichte ihren Anfang. Die Geschichte dreier Brüder, die von ganz unten kamen – und Karriere machten: Roberto, Ricardo und Francisco Rodriguez.

Während Francisco und Roberto in der heimischen Liga für den FC Luzern beziehungsweise FC Zürich spielen, steht der Zweitgeborene seit zwei Jahren beim großen AC Mailand unter Vertrag, ist als Linksverteidiger beim 18-maligen italienischen Meister gesetzt. Zudem hat er es als Einziger des Geschwister-Trios in die Schweizer A-Nationalmannschaft gebracht, 2014 wurde Ricardo als bester Fußballer der Alpenrepublik ausgezeichnet. Dabei hatte er von allen den wohl beschwerlichsten Weg zu beschreiten, litt er doch als Kind an einer Krankheit, die ihn beinahe das Leben gekostet hätte: "Meine Eltern mussten sehr auf mich aufpassen. Bis ich drei Jahre alt war, war ich oft im Spital. Es stand 50:50, dass ich überlebe", erklärte der 26-Jährige jüngst in einem Interview mit dem Tagblatt und bezog sich damit auf eine schwerwiegende Zwerchfellhernie, die bereits vor der Geburt festgestellt worden war. Bedeutet, dass sämtliche Organe durch ein Loch im Zwerchfell in den Brustkorb gelangt waren, was bei Nichtbehandlung zum Ersticken geführt hätte.

Ricardo Rodriguez: "Schlimmer war, dass ich beim Laufen immer müde wurde und schlecht Luft bekam"

"Es ist mehr als eine Erinnerung. Ich muss sie immer noch ständig massieren, damit das Gewebe nicht verklebt", sagte Rodriguez im September vergangenen Jahres gegenüber dem Red-Bull-Magazin The Red Bulletin. Gemeint war die zehn Zentimeter lange Narbe, die seit jeher knapp oberhalb des Bauchnabels in der Waagerechten prangt. Das Relikt einer lebensrettenden Operation. Der ehemalige Wolfsburger ergänzte: "Ich musste ständig immer wieder ins Krankenhaus zur Kontrolle. Mit der Mutter. Immer und immer wieder. Das war aber nicht so schlimm. Schlimmer war, dass ich beim Laufen immer gleich müde wurde und schlecht Luft bekam. Auf dem Spielplatz musste ich den anderen Kindern immer hinterherhecheln."

Nicht nur der gesundheitliche Aspekt gab Ricardos Eltern Anlass zur Sorge, in der Folge fiel er in der Schule häufig negativ auf, zeigte kein Interesse am Unterrichtsstoff und blieb ihr manchmal gleich ganz fern. "Ich ging nicht gerne in die Schule, hatte viel Unsinn im Kopf", wurde er vom Tagblatt zitiert. "Manchmal schwänzte ich oder wurde vom Schulleiter nach Hause geschickt. Hausaufgaben wollte ich sowieso nie von mir aus machen. Und es gab auch Schlägereien. Ich musste ab und zu den Gleichaltrigen zeigen, wie es läuft."

Die einzige große Leidenschaft, die sich durch das dichte Geäst von Armut, Schulproblemen und Krankheit Bahn brach, war von Beginn an das Fußballspielen. Ein risikobehaftetes Hobby für ein Kind, das noch immer mit den Auswirkungen seines Leidens zu kämpfen hatte. "Jedes Mal, wenn ich vom Fußball nach Hause kam, dachte ich: 'Gott sei Dank hat der Bauch gehalten', aber auch: ' Mein Körper ist jetzt stärker als vorher'", erinnerte sich Rodriguez.

Ricardo Rodriguez FC Zurich FC BayernGetty

Der Werdegang Ricardos vom Straßenkicker in die größten Arenen der Welt, verlief dabei anders, war weniger von der romantischen Vorstellung des Profidaseins getrieben und  hatte nur bedingt den klassischen "vom Bordstein zur Skyline"-Charakter. Vielmehr wurde der talentierte Defensivmann mit spanisch-chilenischen Wurzeln von einem untypischen Pragmatismus angetrieben. Kein Traum, vielmehr ein alternativloses Muss, wie Ricardo selbst sagte. "Das war ein Vorhaben. Ich wollte Fußballprofi werden, um meiner Familie zu helfen. Aus der Armut, aus der Gegend damals. Vor allem meiner Mutter, die so viel für mich getan hatte, wollte ich ein besseres Leben schenken. Aus Liebe, aber auch aus Dankbarkeit."

Einen Plan B gab es für Rodriguez nie

Aufgrund der unzähligen Undiszipliniertheiten in der Schule und der daraus resultierenden Perspektivlosigkeit in der "normalen" Arbeitswelt, hatte er sich keinen Plan B zurechtgelegt. Selbst ein Praktikum als Hausmeister bei der Oerlikoner Eisenbahn endete außerplanmäßig verfrüht: "Das war meine erste Schnupperlehre. Die Schule vermittelte mir diese. Am zweiten Tag wurde mir langweilig, weil mein Kumpel nicht mehr kam. Also nahm ich den Gabelstapler, fuhr herum – und in eine Türe. Die war dann kaputt, der Chef stauchte mich ganz schön zusammen."  

Im Alter von zwölf Jahren manifestierte sich Ricardos "Vorhaben", zu dieser Zeit spielte er bereits beim FC Zürich, neben den Grasshoppers das fußballerische Aushängeschild der Stadt. "Da merkte ich, ich hab's mehr drauf als die meisten und entschied ich mich, Fußballprofi zu werden", sagte er dem Red Bulletin, in einer ihm nach wie vor innewohnenden Nüchternheit. Während seiner Zeit als Jugendlicher konnte Ricardo sich dabei stets auf die Eltern verlassen, die alle drei Söhne – trotz der knapp bemessenen finanziellen Mittel -  gleichermaßen förderten.

"Wir hatten damals einen alten Hyundai. Fast ein Totalschaden, überall ramponiert, aber er fuhr. Mit dem brachte mein Vater meine Brüder und mich täglich zu unseren Klubs, Grasshoppers, FC Zürich und Schwamendingen, und holte uns nacheinander wieder ab. Ich vergesse dieses Bild nie: mein Vater in dem alten, rostigen Hyundai, wir dazu als Passagiere mit unseren Fußballtaschen. Jeden Tag diese irre Expedition durch Zürich."

Beim FCZ wusste man von den unzähligen Komplikationen in Ricardos Leben, trotzdem räumten die Klub-Verantwortlichen dem Rohdiamanten eine Chance ein. Ex-Zürich-Sportchef Fredy Bickel sagte vor vielen Jahren in einem Gespräch mit dem Blick: "Schule, Fußball und sein körperlicher Zustand mit den diversen Arztbesuchen, waren schwierig, unter einen Hut zu bringen. Alle mussten Zugeständnisse machen. Ricardo hat es uns zurückgegeben, schon lange bevor er sich ins Rampenlicht spielte." Zwei Jahre nach seinem Debüt für die erste Mannschaft rief der Außenverteidiger, der mit der U17-Nati 2009 den Weltmeistertitel einstrich, einige Interessenten aus ganz Europa auf den Plan. Letztlich setzte der VfL Wolfsburg gegen die Konkurrenz durch und schnappte sich den umworbenen Youngster, der während seiner fünfjährigen Zeit in der Autostadt einmal den DFB-Pokal mit den Wölfen gewann.

PSG bekundete im Sommer Interesse 

Die nächste Station hieß Mailand und bei den Rossoneri setzte sich der 58-fache Nationalspieler auf der Stelle durch, kommt auf 49 Pflichtspieleinsätze für Milan. Davon, dass sich der Traditionsverein aus der Lombardei in den vergangenen zehn Jahren kontinuierlich zu einem – sportlich betrachtet – Durchschnittsklub entwickelt hat, will er nichts wissen. "Milan bleibt Milan", sagte er im Tagblatt-Interview und schob nach: "Da kann jeder sagen, was er will. Glauben Sie mir, bei Milan wollen viele gerne spielen." In diesem Sommer schlug er sogar ein Angebot von Paris Saint-Germain aus, um in der Modemetropole zu bleiben: "Ja, das Interesse war da. Aber ich bin noch bei Milan. Ich spiele im San Siro, einem Weltklassestadion."

Ricardo Rodriguez Tattoo Switzerland

Und so muss man konstatieren, dass das Leben, das so verhängnisvoll für Ricardo begonnen hatte, es doch noch gut mit ihm meinte. Auch, dank der eigenen Willenskraft und der großen Unterstützung, die ihm seine Familie immer entgegenbrachte. Umso schlimmer wog der Verlust von Mutter Marcela, die vor drei Jahren einem Krebsleiden erlag. In der gemeinsamen Autobiografie der Brüder "Roberto, Ricardo, Francisco Rodriguez – drei Brüder, eine Familie", gab Ricardo einen tiefen Einblick in seine Gefühlswelt: "Es war, als würde für mich eine Welt zusammenbrechen."

Aus Dankbarkeit ließen sich alle drei Marcelas Konterfei tätowieren – Francisco trägt die Mutter auf dem linken, Roberto auf dem rechten Oberarm, während Ricardo sich für seinen rechten Unterarm entschied. Es soll eine nie versiegende Verbundenheit symbolisieren, vermitteln, dass man trotz Ruhm und Geld nie die Bodenhaftung verloren hat. "Sie können mir glauben: Ich habe nie vergessen, wo ich herkomme", sagte Ricardo Rodriguez einmal. Aus der unscheinbaren "Bronx von Zürich", mit den Reihenhäusern und Plattenbauten, den wenigen Laubbäumen und dem Schornstein am Ende der Straße.

Werbung
0