HINTERGRUND
Spiegelglatt liegt das Schwarze Meer an diesem Donnerstagmorgen da, die Sonne hat die wenigen kleinen Wolken, die sich in der Nacht gebildet hatten, verdrängt, brennt erbarmungslos vom Himmel. Aus dem in Steinwurfnähe gelegenen Fisht-Stadion dringt Musik, beschallt die malerische Strandpromenade von Adler, dem Ort, wo der imposante Olympia-Park von Sotschi die mediterran anmutende Landschaft durchschneidet.
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Hier, im kaukasischen Palmenparadies, bereitet sich die deutsche Nationalmannschaft auf Schweden, den kommenden WM-Gegner vor, trainiert auf einem Trainingsgelände mit Meerblick. Am Samstagabend trifft das DFB-Team an ebenjenem pittoresken Ort auf die Skandinavier, eine Begegnung mit Endspiel-Charakter.
DFB-Team: Partie gegen Schweden hat Endspiel-Charakter
Und das, obwohl gerade einmal eine Woche ins Land gegangen ist, seit das Turnier in Russland begonnen hat. Der Grund für den außerplanmäßigen Druck für Deutschland ist selbstverständlich die Niederlage gegen Mexiko im ersten Spiel. Eine Pleite, die nicht nur in der Heimat, sondern ebenfalls innerhalb des Teams für reichlich Gesprächsstoff gesorgt hat.
Sami Khedira wurde nach dem Spiel gegen Mexiko heftig kritisiertDiesen Umstand bestätigt auch Sami Khedira, als er sich nach der kräftezehrenden Einheit den anwesenden Journalisten stellt. Der Routinier war aufgrund seiner Leistung gegen El Tri in der Presse ganz besonders schlecht weggekommen, fiel durch ungewöhnlich häufige Ballverluste, wovon einer zum entscheidenden Gegentor führte, auf und machte auch im Spiel ohne Ball keinen sonderlich frischen Eindruck.
Sami Khedira gibt sich selbstkritisch
"Ich habe überhaupt kein Problem damit, persönliche Kritik anzunehmen. Es ist verständlich, dass die gekommen ist", gibt sich der Mittelfeldmann von Juventus Turin selbstkritisch und schiebt nach: "Für mich ist das völlig okay und auch nicht neu, ich bin schon viele Jahre dabei. Ich weiß selbst, dass ich kein gutes Spiel gemacht habe."
Neben den zahlreichen Ballverlusten war Khedira vorgeworfen worden, er habe die obligatorische Stabilität im Zentrum vermissen lassen, sei mitverantwortlich für die ständigen, stets gefährlichen Konterangriffe der Mexikaner gewesen. "Wir müssen besser umschalten – jeder Mannschaftsteil. Es geht da nicht ausschließlich um das Mittelfeld”, erklärt der ehemalige Stuttgarter. "Wir sind eine Mannschaft, da muss man wirklich auch zusammenhalten. Da muss man mehr kommunizieren und die Dinge klar ansprechen."
Das sei nach der Pleite am vergangenen Sonntag aber durchaus geschehen, wie Khedira schildert: "Wir haben das gut analysiert und angesprochen. Jetzt gilt es, das Gesprochene auf dem Platz umzusetzen.“ Ob der 31-Jährige für die Umsetzung der Pläne von Beginn an gegen die Tre Kronor mitwirken darf, darüber wird im Vorfeld reichlich diskutiert. Unter anderem Ex-Nationalspieler Stefan Effenberg hatte in seiner Kolumne für T-Online gefordert, Ilkay Gündogan anstelle Khediras in die Startelf zu berufen. "Die Mannschaft braucht einfach gefährliche Bälle aus dem zentralen Raum in die Spitze – das hat gegen Mexiko komplett gefehlt", begründete Effenberg.
"Ich persönlich habe nicht so ein großes Ego"
Khedira selbst könne sich indes durchaus mit einer Reservistenrolle engagieren. Er sagt: "Es geht nicht um Namen. Wir müssen gegen Schweden einen anderen Fußball spielen und dazu brauchen wir eventuell auch neues Personal. Ich würde natürlich gerne jedes Spiel für die Mannschaft machen, aber darum geht es nicht." Er ergänzt: "Ich persönlich habe nicht so ein großes Ego, dass ich sagen würde: ‚Ich muss unbedingt spielen.‘ Ich bin mir sicher, am Samstag steht die Mannschaft auf dem Platz, die für diese Partie am besten passt."
Was vor allem – völlig unabhängig vom Personal - vermieden werden soll, ist ein weiteres Mal von der Ausrichtung des Kontrahenten überrumpelt zu werden. Recht unverblümt spricht Khedira an, dass genau das gegen die flinken, überfallartigen Mexikaner der Fall gewesen sei. "Wir haben gegen Mexiko wie Schuljungen gespielt und uns auskontern lassen“, kritisiert er und verrät zudem: "Sie haben anders gespielt als wir es erwartet haben. Wir haben gedacht, dass sie früher pressen und aggressiver sind, aber sie standen gut. Darauf waren wir nicht vorbereitet."
GettySpielstätte mit Strand-Feeling: Das Fisht-Stadion in SotschiEs bleibt abzuwarten, ob Bundestrainer Joachim Löw seine Startelf tatsächlich auf mehreren Positionen verändert. Dass Marco Reus in der Offensive für mehr Gefahr sorgen, Chancen kreieren soll, gilt als sicher. Er wird entweder für Julian Draxler oder Mesut Özil ins Team rücken. Schon auf der Pressekonferenz nach der überraschenden Niederlage im Moskauer Luzhniki hatte Löw allerdings angekündigt: "Wir werden den Plan jetzt nicht über den Haufen werfen – das machen wir schon mal gar nicht!“
Khedira wird wohl auch gegen Schweden starten
Damit ist nicht nur die taktische Marschroute, sondern auch das Startelf-Grundgerüst gemeint, zu dem auch Führungsspieler Khedira zählt. Voraussichtlich wird er im Duell mit Schweden eine zweite Chance bekommen und neben Toni Kroos in der Zentrale auflaufen.
Die Möglichkeit, hier im Urlaubsort, wo Deutschland während des erfolgreichen Abschneidens beim Confed Cup im vergangenen Jahr residierte, alle Achtelfinal-Chancen zu wahren, die Schmach von Moskau wett zu machen, ist definitiv gegeben. Sofern das, was vorher beschworen wird, das klassische "wir haben aus unseren Fehlern gelernt“, umgesetzt wird und gegen die defensivstarken Nordeuropäer Früchte trägt. Alles auf Null im Palmen-Paradies. Für Khedira und den Rest der Mannschaft.
