Revolution in Luxemburg: Viel mehr als nur ein Zwergenaufstand

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In Luxemburg hat der Deutsche Reinhold Breu die Jugendausbildung auf den Kopf gestellt. Talente wie Thill sollen seine ambitionierten Ziele umsetzen.


EXKLUSIV

Kirgisistan, St. Kitts und Nevis und Madagaskar. Was klingt wie eine absurde Auswahl an Antworten bei "Wer wird Millionär?" sind in Wahrheit drei Beispiele von Ländern, die in der FIFA-Weltrangliste vor Luxemburg stehen. Man könnte diese Auswahl beliebig durch andere Fußball-Zwerge erweitern. Antigua und Barbuda zum Beispiel. Oder Burundi. Luxemburg wird auf der Liste des Fußball-Weltverbands auf Platz 135 geführt, mitten im Niemandsland und umgeben von fußballerischen Zwergen, die weder professionelle Strukturen aufweisen noch jemals auch nur in der Nähe eines großen Turniers waren.

Natürlich, ist man geneigt zu denken, natürlich gehört der kleinste der Benelux-Staaten zu diesen Nobodys, ist es doch mit nicht einmal 600.000 Einwohnern winzig. Doch ein Mann schickt sich an, dieses Schattendasein zu beenden. Er wurde in Deggendorf geboren und spricht in leisen, beeindruckend geschliffenen Sätzen, aus denen eine bayrische Färbung herauszuhören ist, ins Telefon. Er heißt Reinhold Breu, ist 46 Jahre alt und seit 2011 als Technischer Direktor beim luxemburgischen Verband angestellt.

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Als Spieler unter anderem für Austria Wien und Eintracht Trier aktiv, setzte früh sein Interesse an Taktik und Ausbildung ein. Er wurde Trainer, erst bei den neu ins Leben gerufenen DFB-Stützpunkten, dann in Regensburg. Dort arbeitete er später als Nachwuchskoordinator, in selber Rolle auch bei Trier. Schon früh beinhaltete seine Jobbeschreibung, das große Ganze im Blick zu haben. 2011 dann also Luxemburg. Ein Abenteuer, heuerte er doch als Pionier beim Verband an, dessen Präsident Paul Philipp etwas gegen das Zwergendasein unternehmen wollte und dafür externes Know-How suchte. "Ganz normal mit Bewerbung" habe er dann den Posten bekommen. Den Posten, auf dem er mit seinem Team eine beeindruckende Struktur installierte, die heute bereits Resultate zu Tage fördert.

Viele Talente spielen in Deutschland

Denn da ist ja nicht nur Vincent Thill, der Wunderknabe des FC Metz, der sowohl aufgrund seines Talents als auch aufgrund seines Auftretens das Interesse diverser Top-Klubs geweckt hat und der medial wahlweise als "Jahrhunderttalent" oder "Luxemburgs Messi" betitelt wird. Breu muss bei solchen Vergleichen schmunzeln, er hat schon so viele Talente gesehen, dass er genau weiß, dass derlei Parallelen in den Gazetten zwar Teil der Branche, aber keineswegs zutreffend sind. Neben Thill hat sich still und heimlich eine ganze Reihe von Talenten gebildet. Nie spielten so viele Nachwuchskicker im Ausland.

Da ist zum Beispiel Ryan Johansson, der vor einem halben Jahr zum FC Bayern wechselte. Da sind Yannick Schaus von Bayer Leverkusen und Florian Bohnert von Schalke 04. Da sind Leandro Barreiro und Remi Jonathans von Mainz 05. Da ist Jan Ostrowski von Eintracht Frankfurt und Christopher Martins Pereira von Olympique Lyon. Oder Dylan Loic Nsidjine Kuete vom 1. FC Köln oder Loris Tinelli von Anderlecht. Hinzu kommen einige Talente, die bei Trier oder Saarbrücken in den Jugend-Kadern stehen.

Dass so viele junge Spieler in Deutschland und Frankreich spielen, ist keineswegs normal. Schließlich agieren die Jugendteams dort auf Top-Niveau, nur, wer gut genug ist, hat eine Chance. Dass von überhaupt nur 8000 Jugendfußballern (zum Vergleich: In Deutschland sind es alleine deutlich über 70.000 Jugend-Mannschaften) so viele ebendieses Niveau mitgehen können, ist das Verdienst von Breu.

GFX Reinhold Breu Luxemburg

Zentrale Ausbildung, Förderkader, Spielkontrolle

"Wir können uns es nicht leisten, dass uns ein Talent entgeht", sagt Breu im Gespräch mit Goal. Deshalb sichten er und seine Mitarbeiter stundenlang Videomaterial. Eine weitere Maßnahme: "Wir sind ebenfalls nicht in der Position, körperlich schwächere Spieler aussortieren zu können. Deshalb haben wir eine eigene Mannschaft für Talente, die in ihrer körperlichen Entwicklung noch Zeit brauchen." In Luxemburgs Jugendausbildung ist eine grundlegende Strukturänderung vonstattengegangen. "Unter der Woche trainieren alle unserer U-Kader gemeinsam, am Wochenende sind sie dann bei ihren Vereinen. Das ist einzigartig", erzählt Breu. Wie in Frankreichs legendärer Jugendschmiede Clairefontaine hat man die Ausbildung dahingehend zentralisiert, dass man sie ein Stück weit aus der Hand der Vereine nimmt und mehr vom Verband aus steuert.

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"Professionalisierung und die bestmögliche Ausbildung sind zentral für unsere Entwicklung. Wir wollen Spieler ausbilden, die wettbewerbsfähig sind", so Breu, der als Ziel ausgibt, irgendwann an einem großen Turnier teilzunehmen. Auch, wenn es aktuell nicht danach aussieht, alle glauben an den eingeschlagenen Weg, Ergebnisse von A- und U-Nationalmannschaften zeigen, dass einiges richtig läuft. Verändert hat sich die gesamte Einstellung im Verband.

"Wir reagieren nicht mehr nur auf stärkere Gegner, sondern treten mit einer eigenen Spielvorstellung auf." Agieren anstatt immer nur zu reagieren. Kontrolle ausüben, anstatt immer kontrolliert zu werden - ambitionierte Ziele. Sie sind es, weswegen Philipp Breu geholt hat. Vorbild ist etwa Island, "das bei der EM einfach sein eigenes Ding durchgezogen hat, mit Selbstbewusstsein und einer eigenen fußballerischen Idee", wie Breu es ausdrückt.

Inspiration durch Island, Spanien, Guardiola oder Simeone

Inspirieren lässt man sich im Großherzogtum selbstredend nicht nur von isländischer Forschheit, sondern vor allem von allerlei Qualitätsstandorten. Von den Nachwuchsakademien in Deutschland natürlich. "Alles dort ist unfassbar professionell, nichts wird dem Zufall überlassen", sagt Breu, dessen Blick aber ebenso oft gen Süden geht. Nach Spanien. Dort arbeite man noch länger auf Weltklasse-Niveau, was die Jugendarbeit angehe. Besonders die Qualität beim Spanischen Verband, trotz der großen Auswahl Spieler wie Iniesta oder Xavi zu fördern, die in der Jugend körperlich eigentlich zu schwach waren, beeindruckt Breu.

Generell ist er jemand, der über den Tellerrand blickt, der sich nie auf eine Taktik festlegen würde, der immer offen für Fortschritte ist. Egal, ob Pep Guardiola, Diego Simeone oder Antonio Conte – fußballerisch fließen allerlei Einflüsse in die Ausbildung, die man den in der verbandseigenen Akademie trainierenden Talenten angedeihen lässt.

Und die geben einiges zurück. Die U15 schlug etwa die Türkei (4:1) oder den großen Nachbarn Belgien (4:2), der bekannt ist für seine gute Jugendarbeit. "Man nimmt uns inzwischen ganz anders wahr", sagt er. "Wir können gegen jeden mitspielen. Ich merke, wie die Wertschätzung steigt." Er erzählt von einer Einladung des DFB, bei der man gegen einen DFB-Förderkader ein 0:2 aufholte und am Ende knapp mit 2:3 unterlag. "Wir haben richtig guten Fußball gespielt", freut sich Breu.

GFX Reinhold Breu Luxemburg

Die Begeisterung steigt

Ein elementarer Teil ist auch die Identifikation mit dem Land, mit der Philosophie. "Natürlich wollen wir verhindern, dass wir Spieler ausbilden, die dann später für ein anderes Land auflaufen." So wie Miralem Pjanic, der bis zur U19 noch für Luxemburg spielte. Der Ausländeranteil in Luxemburg beträgt fast 50 Prozent, in Zukunft sollen Spieler, die für zwei oder gar mehrere Länder auflaufen könnten, sich im Zweifel eher für als gegen die Roten Löwen entscheiden. Wie Gerson Rodrigues, der in der 2. niederländischen Liga sein Geld verdient.

"Wir wollen, dass sich unsere Spieler voll und ganz mit unserer Idee identifizieren", lautet die Idee, die aufzugehen scheint. Die Zahl der Jugendkicker im Land steigt, das Interesse an der Nationalmannschaft ebenso. Grund sind etwa Achtungserfolge wie das tapfere 1:3 gegen Vize-Europameister Frankreich oder das forsche 1:3 gegen den Nachbarn aus Holland. Und natürlich auch Vincent Thill, an dem man ja doch nicht vorbei kommt, wenn es um Fußball in diesem kleinen Land geht.

Thill und Johansson als Hoffnungsträger

Thill ist erst 17 und doch schon Protagonist einer 11-Freunde-Reportage, Teil diverser Rankings der größten Talente und umworben von allen Granden Europas. Dem FC Bayern soll er abgesagt haben, ein Wechsel zum FC Barcelona zerschlug sich ebenfalls. Er soll das Aushängeschild eines Teams werden, das in ein paar Jahren so weit sein soll, in der Qualifikation für ein großes Turnier realistische Chancen zu haben, es zu packen. Nimmt man Bayern-Kicker Johansson dazu, hat man ein Duo mit enormem Potential.

Und es kommen neben den im Ausland Tätigen Talenten weitere von unten nach. Der 15-jährige Yann Hoffmann zum Beispiel, der für die TSG 1899 Hoffenheim spielt. Und dann sind da eben auch noch die vielen, die im eigenen Land spielen. Denn dank der qualitativ hochwertigen Trainer und der zentralen Verbandsausbildung ab der U10 steigt die Qualität der heimischen Nachwuchskicker kontinuierlich – und der Plan Breus nimmt immer weiter Formen an.

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Das zeigen Spiele wie die Siege der A-Nationalmannschaft gegen Albanien (62 Plätze vor Luxemburg in der Weltrangliste) oder Griechenland (97 Plätze vor Luxemburg). Und eben auch die Siege der U18 und der U15 gegen Belgien (125 Plätze vor Luxemburg). Beim Erfolg der U18 stand übrigens Reinhold Breu an der Seitenlinie. Denn so sehr ist Luxemburg dann eben doch noch Zwerg, dass der Technische Direktor die U16 und die U17 nebenbei trainiert. Für ihn perfekt: So kann er Pionierarbeit im Kleinen leisten und gleichzeitig das große Ganze angehen.

Tradition und Fortschritt

Der Wahlspruch der Luxemburger lautet übrigens: "Mir welle bleiwe wat mir sinn" - "Wir wollen bleiben, was wir sind." Breu würde das so unterschreiben. Nur eben mit einem Zusatz: Bleiben, was wir sind, und gleichzeitig nach vorne gucken, etwas Neues werden. Vorankommen, ohne die Wurzeln zu vergessen. Darum geht es im Kern bei der Arbeit dieses Deggendorfer Pioniers, der übrigens selbst auch bleibt, was er ist. Oft fährt er in sein bayrisches Haus, um die "Akkus wieder aufzuladen".

Ehe es wieder nach Luxemburg geht. Zum Fußball-Zwerg, der derzeit der ganzen Welt zweierlei beweist. Erstens, dass die FIFA-Weltrangliste keinerlei Aussagekraft über den fußballerischen Entwicklungsstand hat. Und zweitens, dass man so viel bewegen kann, wenn man einen Plan verfolgt – und mit allem für dessen Umsetzung kämpft, das einem zur Verfügung steht. Wider alle Hindernisse. Und für einen Traum, für den sich der Kampf lohnt. Für den Traum, Altes zu überwinden und Neues zu schaffen.  

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