Philipp Lienhart: Ein österreichischer Real-Profi im Freiburger Idyll

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Philipp Lienhart wechselte im vergangenen Sommer auf Leihbasis von Real Madrid zum SC Freiburg. Goal hat sich mit ihm zum Gespräch getroffen.


EXKLUSIV

Freiburg zeigt sich an diesem Dienstagmorgen im April von seiner schönsten Seite: Ein strahlend blauer Himmel wölbt sich über die malerische Stadt, im Hintergrund erstreckt sich die Idylle des angrenzenden Schwarzwaldes, eine Gruppe Kinder spielt an der Dreisam, ebenjenem Fluss, dem das Stadion des SC einst seinen Namen verdankte.

Am angrenzenden Trainingsgelände verarbeitet die Mannschaft von Trainer Christian Streich die 0:2-Niederlage gegen den VfL Wolfsburg. Als Nils Petersen eine Hereingabe von Christian Günter per Direktabnahme in den Winkel hämmert, grummelt ein älterer Herr zu sich selbst auf Badisch: "Warum ned am Samschtig so?" Das fragen sich auch die Spieler. Warum wird es plötzlich wieder brenzlig? Es hatte doch zwischenzeitlich nichts darauf hingedeutet, dass die Breisgauer auf den letzten Metern der Spielzeit noch einmal um den Klassenerhalt bangen müssen.

SC Freiburg Training Der Trainingsplatz des SC Freiburg

Philipp Lienhart, dessen Saisonverlauf quasi sinnbildlich für den des Klubs steht, ist ganz besonders emsig bei der Sache, ärgert sich, als einer seiner Pässe in den Füßen des Gegners landet. Der Österreicher will seinem Coach unbedingt zeigen, dass er auf den Platz, nicht auf die Bank, gehört. Genau da ist er allerdings derzeit leidender Stammgast, nachdem er zunächst stets in der Abwehrzentrale gesetzt war, dann aber gleich zweimal von langfristigen Verletzungen zurückgeworfen wurde.

"Es hat recht lange gedauert, bis ich wieder fit wurde. Es gibt aber immer wieder Gespräche mit dem Trainer, in denen kommuniziert wird, was gut läuft oder was besser werden muss", erklärt Lienhart nach der Trainingseinheit in der Lounge der SC-Geschäftsstelle im Gespräch mit Goal . Er wirkt ruhig, sehr reflektiert und lässt sich für seine Antworten Zeit.  

Lienhart wird im Juli 1996 in Lilienfeld, einer kleinen Stadt in Niederösterreich, geboren. Bereits als Zehnjähriger wechselt er in die Nachwuchsakademie von Rapid Wien, besucht das Gymnasium in der Maroltingergasse, mit dem der 32-fache Meister kooperiert. Bei den Hauptstädtern durchläuft der Innenverteidiger sämtliche Jugendmannschaften und kommt in der Saison 2013/14 für die Zweitvertretung der Rapid in der Regionalliga Ost zum Einsatz.

Lienhart: "Im ersten Moment war ich sogar etwas geschockt"

Im Anschluss an besagte Spielzeit dann die riesige "Überraschung", wie Lienhart es ausdrückt: Real Madrid bekundet Interesse an dem hochgewachsenen Defensivmann. "Damit hätte ich überhaupt nicht gerechnet. Im ersten Moment war ich sogar etwas geschockt, habe mich danach aber natürlich unglaublich gefreut. Das ist ja nun wirklich nichts Alltägliches", führt er aus. Er wechselt im Sommer 2014 tatsächlich zu den Königlichen, wird zunächst auf Leihbasis für ein Jahr verpflichtet, im Anschluss besitzt Real eine Kaufoption, die sich auf rund 800.000 Euro beläuft.

"Wenn man die Chance bekommt, für Real Madrid zu spielen, dann fällt die Entscheidung nicht besonders schwer", sagt er mit einem Lächeln auf den Lippen. Dennoch ein großer Schritt, die Heimat zu verlassen, gerade in einem Alter, in dem einem neben Fußball gewiss noch andere Dinge im Kopf herumschwirren: Freunde, Liebe, Grenzen austesten. "Es war auf jeden Fall nicht einfach. Ich konnte kein Wort Spanisch", verrät Lienhart im Hinblick auf seine Anfangszeit in Spanien und schiebt nach: "Ich habe dort im Internat gelebt, deshalb funktionierte die Integration wunderbar. Mir wurde auch eine Spanischlehrerin an die Seite gestellt, das hat das Ganze dann viel einfacher gemacht."

Philipp Lienhart SC Freiburg DM Philipp Lienhart (r.) mit Goal-Redakteur Dennis Melzer

In der A-Jugend der Blancos setzt er sich auf der Stelle durch, kommt beispielsweise in sämtlichen Youth-League-Spielen über die volle Distanz zum Einsatz und erzielt einen Treffer in der Königsklasse der Nachwuchskicker. Mit seinen Leistungen überzeugt er die Real-Verantwortlichen, die von ihrer Kaufoption Gebrauch machen. "Mein Ziel war, dass ich mich bestmöglich im Spiel und im Training anbiete, damit sie mich auch fest verpflichten. Dass sie sich dann tatsächlich zu diesem Schritt entschieden haben, hat mich sehr glücklich gemacht. Das war auch ein persönlicher Erfolg, für den ich sehr hart gekämpft und gearbeitet habe", schildert Lienhart.

Der erste Österreicher, der für Real Madrid spielte

Zunächst läuft er in der zweiten Mannschaft des zwölfmaligen Champions-League-Siegers auf und zählt schnell zu den Leistungsträgern im Team, für das damals noch kein Geringerer als Zinedine Zidane an der Seitenlinie steht. "Das war eine ganz wunderbare Erfahrung", schwärmt Lienhart von seinem prominenten Ex-Trainer und ergänzt: "Ich habe natürlich versucht, alle Tipps, die er mir gegeben hat, umzusetzen. Ich wollte einfach so viel wie möglich von ihm mitnehmen."

Philipp Lienhart Real Madrid Philipp Lienhart kommt auf einen Pflichtspieleinsatz in Reals Profi-Team

Das gelingt dem zweikampfstarken Top-Talent offenbar außerordentlich gut. Rafael Benitez, Übungsleiter der A-Mannschaft, beruft Lienhart sogar zwei Mal in den Galacticos-Kader. Reicht es Mitte Oktober 2015 in der Liga-Partie gegen Levante noch nicht für eine Einwechslung, darf er gegen Cadiz in der Copa del Rey zwölf Minuten mitwirken – und Geschichte schreiben: Erstmals in der 116-jährigen Klub-Historie sammelt ein Österreicher Spielzeit für das Profi-Team Reals.

Doch, was geht in einem jungen Fußballer vor, wenn er für einen der ruhmreichsten Klubs der Welt auf dem Platz steht? "Ich habe in dem Moment gar nicht wahrgenommen, für wen ich eingewechselt werde (James Rodriguez, Anm. d. Red.). Ich war unheimlich stolz, dass ich für Real Madrid auflaufe und selbstverständlich überglücklich", erzählt Lienhart und erinnert sich: "Der Trainer hat mich als Rechtsverteidiger eingesetzt und mir einfach nur gesagt, dass ich selbstbewusst auftreten soll und mich auch ruhig etwas trauen darf."

Philipp Lienhart Cristiano Ronaldo Philipp Lienhart im Trainingsduell mit Cristiano Ronaldo (Quelle: Instagram, philipp_lienhart)

In den Genuss, gemeinsam mit Cristiano Ronaldo ein Pflichtspiel zu bestreiten, kommt der 21-malige U21-Nationalspieler zwar nicht, etliche Trainingseinheiten absolviert Lienhart aber mit dem Superstar. Eine Ehre, die den wenigsten Fußballern zuteilwird. "Er ist sehr ehrgeizig, möchte immer gewinnen. Wie er auf und neben dem Platz arbeitet, beispielsweise im Kraftraum, das ist schon extrem beeindruckend", weiß Lienhart, der vor allem auch Ronaldos Umgang mit unerfahreneren Spielern hervorhebt: "Cristiano ist ein großes Vorbild vor allem für die Jungen. Auch mir hat er immer geholfen, wo er konnte. Wenn es irgendwelche Probleme gab, konnte ich immer zu ihm kommen."

Über Madrid nach Freiburg

Nach drei Jahren ist seine Zeit in der spanischen Metropole– zumindest vorerst – vorbei. Lienhart entscheidet sich dafür, beim Sport-Club aus Baden als Leihspieler anzuheuern. Auch, weil der SCF natürlich weit über die Grenzen der Bundesrepublik hinaus einen hervorragenden Ruf genießt, insbesondere, wenn es um die Entwicklung von verheißungsvollen Jungspielern geht.

Aus Madrid ins beschauliche Freiburg, wie groß ist die Umstellung? Für Lienhart stellt sie kein großes Problem dar: "Ich bin in einem kleinen Dorf in Österreich geboren. Deshalb bin ich die Ruhe gewohnt. Da war der Schritt nach Wien und später nach Madrid größer als der Schritt zurück in eine kleinere Stadt. Freiburg hat alles, was man braucht."

Philipp Lienhart SC Freiburg

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"Ich hatte einfach von Anfang an ein sehr gutes Gefühl. Ich habe mich auch im Vorfeld über den Verein erkundigt. Auch vom Trainer habe ich immer mal wieder Interviews gesehen, deshalb war ich sofort davon überzeugt, hierher zu wechseln", begründet der mittlerweile 21-Jährige und lässt durchblicken, mit welch großer Hingabe Trainer Streich mit seinen Akteuren arbeitet: "Er ist definitiv ein Vorbild für uns, hat sehr viel Erfahrung, die er jeden Tag an uns weitergibt. Man kann unheimlich viel von ihm lernen. Auch in der Kabine findet er immer die richtigen Worte."

Zukunft aktuell noch ungewiss

Wie es nach der Saison mit Höhen und Tiefen weitergeht, weiß Lienhart indes noch nicht. Seine Leihe endet, in Madrid besitzt er noch einen Vertrag bis 2019. Der Bundesligist hätte die Möglichkeit, eine im Kontrakt verankerte Kaufoption zu ziehen. Medial kommuniziert wird bislang nicht einmal der Hauch einer Tendenz. Auch er gibt sich auf die Frage nach seiner Zukunft bedeckt, lässt lediglich verlauten, dass es ihm "sehr gut" in Freiburg gefalle. 

Um ihm das abzukaufen, bedarf es keiner großen Anstrengung. Man muss nur einmal kurz den Blick über die pittoreske Szenerie schweifen lassen. Ein wunderschönes Idyll, dieses Freiburg.

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