Jovanovs HSV: Kontinuität im Nachwuchs

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Erstmals seit langer Zeit setzt der HSV in der Talentförderung auf Nachhaltigkeit. "Direktor Sport" Bernhard Peters wird seinen Vertrag verlängern.


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Manchmal tut es ganz gut, die Spiele des Hamburger SV im Beisein neutraler, unabhängiger Beobachter zu sehen. Einer von ihnen ist Fußballtrainer und im Besitz einer UEFA-Pro-Lizenz. Ich will das nicht überbewerten, aber es spricht zumindest dafür, dass er ein wenig mehr vom Fußball versteht als ein gewöhnlicher Zuschauer. Sein Urteil über das Spiel des HSV beim SC Freiburg deckte sich mit den kontrovers diskutierten Aussagen Matthias Sammers im TV. "Sie wollen gar nicht wirklich mitspielen. Fast jeder Ball wird lang geschlagen, die Fehlpassquote ist zu hoch. Das ist eine extrem destruktive Form des Fußballs, die vor allem in unterklassigen Ligen sehr häufig zu sehen ist. Von Profis auf Erstliganiveau in dieser starken Liga muss man mehr erwarten", sagte mein Kollege. Ich sehe es genau so.

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Als ich ihm dann aber noch erzählte, was die Hamburger im Vergleich zu den Freiburgern kosten und verdienen, blieb er völlig sprachlos zurück. Ich hätte allerdings Stunden damit verbringen müssen, um ihm die Hintergründe der völlig unverhältnismäßigen Gehalts- und Transferpolitik des HSV zu erklären. Aufwand, Anspruch und Ertrag sind schon seit Jahren die zentralen Themen rund um diesen Klub. Es ist immer noch nicht gelungen, sie auch nur annähernd in Einklang zu bringen. Ich kann auch nicht sagen, ob das ernsthaft beabsichtigt wird. Aber zurück zum Fußball: Natürlich haben Experten wie Sammer vollkommen recht, wenn sie die Spielweise des HSV kritisieren. Andererseits ist es nicht verboten so spielen zu lassen. Zumal Punkte und Ergebnisse einen Trainer darin bestätigen, richtig gehandelt zu haben.

Gisdols Team spielt emotional am Limit

Es sagt aber sehr wohl etwas über Qualität und Zusammenstellung eines Kaders aus. Gemessen am Preis ist der Fußball häufig (es gibt auch Ausnahmen) eine glatte Sechs. Es sagt auch etwas darüber aus, welche Fortschritte ein Coach mit seiner Trainingsarbeit erzielt. Klar gibt es hin und wieder Tendenzen der Besserung, die will ich gar nicht bestreiten. Die Frage muss lauten: Ist der HSV seit der Amtsübernahme von Markus Gisdol wirklich vom Fleck gekommen? Oder dauert das einfach deutlich länger? Von signifikanten fußballerischen Fortschritten würde ich derzeit nicht sprechen, vielmehr von einer Verbesserung des Zusammenhalts sowie der hohen emotionalen Aufladung. Diesen Zustand aufrecht zu erhalten, ist auch eine zu würdigende Leistung. Nicht jedem Trainer ist das über einen längeren Zeitraum gelungen.

Umso wichtiger finde ich es, Ursachen und Auslöser kleiner Aufschwünge klar zu erkennen. Fiete Arp und Tatsuya Ito beispielsweise haben das Potential dazu, das Spiel des HSV positiv zu verändern. Ungeachtet ihres Alters oder mangelnder Erfahrung. Weil sie vorher in Mannschaften gespielt haben, die mit einem anderen Selbstverständnis auftreten. Bernhard Peters, der Chef der Nachwuchsförderung, sprach mit mir im Interview vor einigen Wochen von einer "Mentalität des Siegens". Es scheint, als würde sie sich in den Jugendmannschaften immer stärker durchsetzen. Das mag auch daran liegen, dass in diesem Bereich und auf den entscheidenden Positionen (zum Beispiel der Trainer) seit 2014 endlich Kontinuität und kein ständiges Durcheinander herrscht. Den Profis würde es gut tun, wenn sie viel stärker von der Mentalität und Qualität der Jugend infiltriert werden würden. Umgekehrt wiederum wäre es fatal.

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Peters soll bis 2020 verlängern

Peters ist es trotz erheblicher Startschwierigkeiten und Widerstände innerhalb der eigenen Organisation gelungen, professionellere Strukturen und Arbeitsprozesse zu implementieren. Ob sie alleiniger oder ausschlaggebender Faktor der jüngsten Erfolge sind - die U21 führt die Regionalliga Nord an, die U19 ist Tabellenführer ihrer Bundesliga-Staffel und die U17 hat nur vier Punkte Rückstand auf den ersten Platz - es lässt sich nicht genau sagen. Für eine umfassende Beurteilung ist es ohnehin zu früh. Dennoch hat sich die Wahrnehmung der Nachwuchsarbeit Stück für Stück verbessert. Peters, der seinen Vertrag bis 2020 verlängern soll, ist nach außen zwar kein "Menschenfänger", wirkt häufig kühl, distanziert, manche sprechen sogar von Arroganz. Aber solange seine Maßnahmen zu einer Verbesserung der Gesamtausbildung führen, sind seine persönlichen Schwächen irrelevant.

Offen bleibt, wie stark der Profibereich in Zukunft von heranwachsenden Spielern profitieren wird oder ob seine zumeist von außen beeinflusste Transferpolitik der Nachwuchsarbeit im Wege steht. Denn jede teure Neuverpflichtung blockiert automatisch einen Kaderplatz, der durch ein eigenes Talent besetzt werden könnte. Klar ist auch: Die beiden Aushängeschilder Arp und Ito wären bei erfolgreicherer Planung und besserer sportlicher Perfomance des Kaders nie so früh in der Bundesliga gelandet. Doch die Not macht bekanntlich erfinderisch.

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