HINTERGRUND
Seit seiner Rückkehr ins Präsidentenamt überlässt Uli Hoeneß das Reden nach den Spielen des FC Bayern lieber anderen. Für gewöhnlich schreitet er strammen Schrittes an den Reportern vorbei, die wieder und wieder vergeblich um ein ausführliches Statement bitten. Hoeneß wünscht einen schönen Abend, und geht. Manchmal, an guten Tagen nach besonderen Spielen, lässt er sich aber wenigstens zu einem kurzen, beiläufigen Kommentar hinreißen. Der Dienstag war so ein Tag.
Analyse: Bayern zwingt PSG in die Knie
"Ich bin sehr zufrieden", sagte Hoeneß in einer ziemlich genüsslichen Art und Weise, als er um kurz nach Elf die Allianz Arena verließ. Der FC Bayern, sein FC Bayern, hatte Paris Saint-Germain oder Saint-Germain Paris, wie Trainer Jupp Heynckes gerne zu sagen pflegt, gerade mit 3:1 (2:0) besiegt. Für den Gruppensieg hatte es zwar nicht gereicht, aber den hatte im Vorfeld ohnehin niemand zum Ziel ausgerufen. Viel wichtiger war es den Münchnern nach eigenen Aussagen, das Spiel zu gewinnen, eine Botschaft an Europa zu senden und zu "zeigen, dass wir immer noch Titelanwärter sind und große Spiele gewinnen können", wie es Kingsley Coman formuliert hatte.
Das neuerliche Kräftemessen mit PSG war für die Bayern ja auch so etwas wie eine Revanche, eine willkommene Gelegenheit zur Wiedergutmachung für das 0:3 im Hinspiel. Und genau das ist den Münchnern gelungen. "Wir haben mit dem heutigen Spiel untermauert, dass wir nicht nur wettbewerbsfähig in der Champions League sind, sondern dass wir auch Ambitionen haben", sagte ein zufriedener Jupp Heynckes hinterher.
FC Bayern: Hinrunden Aus für Robben?
Die Partie habe er mit seiner Mannschaft gewissenhaft vorbereitet, erzählte der 72-Jährige, und er hätte sich ruhig selbst ein wenig auf die Schulter klopfen können, denn er war es, der die richtigen Lehren aus dem Hinspiel gezogen hatte. Nachdem die Münchner im Prinzenpark vom überfallartigen Konterspiel der "Galacticos" (Karl-Heinz Rummenigge) um Neymar, Kylian Mbappe und Edinson Cavani überrumpelt worden waren, überließen sie diesmal PSG den Ball. Bayern stand tiefer, kompakter, besser. Für die Gäste wurden die Räume in der Folge enger, die Möglichkeit, das Tempo ihrer Superstars auszuspielen, geringer.
Müller und Hummels mit Vorbehalten
"Wichtig war, nicht in Konter zu laufen. Wenn die Maschine bei Paris einmal anläuft, wird es sehr schwer. Wir haben PSG heute ein bisschen mehr den Ball gegeben. So kamen ihre Stärken dann nicht ganz so gut zum Vorschein", sagte Sebastian Rudy, während Heynckes erklärte: "Man kann nicht sorglos gegen Saint-Germain Paris spielen. Das ist eine Kontermannschaft, die sehr schnelle Spieler hat. Deshalb muss man taktisch dementsprechend agieren, und das haben wir heute gemacht." Sehr klug habe seine Mannschaft gespielt, lobte der Coach. Und wer dafür federführend verantwortlich ist, der darf Paris Saint-Germain nennen, wie er will.
Man könnte nun ja meinen, bei den Bayern wären alle rundum zufrieden nach solch einem Spiel. Insbesondere, wenn man bedenkt, dass Heynckes in seiner Startformation auf Manuel Neuer, Thiago Alcantara, Juan Bernat, Arjen Robben, Jerome Boateng, Javi Martinez, Arturo Vidal und Thomas Müller verzichten musste beziehungsweise verzichten wollte, während PSG in Bestbesetzung antrat. Und die meisten waren ja auch zufrieden. Sportdirektor Hasan Salihamidzic war sogar "sehr zufrieden", weil er "ein sehr, sehr gutes Spiel", gesehen hatte. Trainer Heynckes und Präsident Hoeneß sowieso. Corentin Tolisso und Niklas Süle genauso.


Thomas Müller und Mats Hummels dagegen hatten ihre Vorbehalte. Es lief die 83. Minute, der FC Bayern führte durch die Tore von Robert Lewandowski (8.) und Tolisso (37./69.) bereits mit 3:1, da wurde der erneut herausragend gute James Rodriguez zur Auswechslung gebeten. Und während der Kolumbianer, seinen linken Zauberfuß, der Treffer eins eingeleitet und Treffer zwei sensationell vorbereitet hatte, in goldenen Schuhen verpackt, mit kleinen Schritten vom Platz schlich, gestikulierte Hummels wild mit den Armen. Es wirkte, als ginge dem Weltmeister das alles zu langsam. Nach Abpfiff diskutierte Hummels dann mit Co-Trainer Peter Hermann, ehe er im Spielertunnel verschwand, und dabei einen ziemlich unzufriedenen Eindruck machte.
Wollte er also, dass die Münchner vehementer auf zwei weitere Tore spielen, um doch noch den Gruppensieg zu erreichen? Gut möglich. "Mats ist voller Ehrgeiz. So wie ich ihn kenne, wollte er 4:1 oder 5:1 gewinnen. Er spielt im Moment überragend und wollte wahrscheinlich noch das vierte oder fünfte Tor machen", sagte Heynckes.
Hummels dagegen wollte in der Interviewzone nicht sprechen, dafür sprach Müller, und erklärte die Problematik mit dem Gruppensieg. "Man war ein bisschen hin und her gerissen auf dem Platz, auch als es 3:1 stand, ob man jetzt nochmal mehr Risiko gehen soll. Wir hätten ja noch das 5:1 gebraucht, aber dann gibst du natürlich wieder Räume her", sagte Müller: "Wir hätten vom Ergebnis her natürlich nichts zu verlieren gehabt, aber uns ging es ja auch darum, das Spiel zu gewinnen. Das war die Vorgabe des Trainers. Da haben wir uns innerlich dann eher dafür entschieden, das Spiel zu gewinnen. Davon können wir uns nichts kaufen, aber wir haben uns ordentlich präsentiert."
"Der Schiri hat scheinbar auch Eure Artikel gelesen"
Als dann die nach einem 3:1-Sieg etwas unglücklich formulierte Frage aus dem Reporter-Gewimmel kam, ob sich der FC Bayern denn diesmal auf Augenhöhe bewegt habe mit Paris, war Müller pikiert. "Wir haben heute 3:1 gewonnen. Natürlich hatte Paris auch noch ein, zwei, drei gute Möglichkeiten, aber man hatte nicht das Gefühl, dass uns da eine Übermannschaft total überlegen war. Wir sind immer noch der FC Bayern."
Müller berichtete kurzerhand von der im Hinspiel sehr eindeutigen Eckballstatistik von 18:1, "und dann wird so getan, als ob Paris einen Zaubertrank hätte. Die haben natürlich in der Offensive sehr gute Spieler, aber man sollte mal ein bisschen runter vom Gas gehen, wenn es drum geht, andere Mannschaften so hochzuheben. Ich glaube, der Schiri hat scheinbar auch Eure Artikel gelesen. Ich hatte das Gefühl, ich bin bei einem Auswärtsspiel in Paris, so wie der die manchmal geschützt hat. Also wir sind schon noch der FC Bayern, ne?!", sagte Müller - und machte sich davon.
Dem Ur-Bayer schien es gewaltig zu missfallen, dass diese Mannschaft aus Paris, vor einigen Jahren noch irgendwo in der Mittelmäßigkeit versunken, plötzlich mitunter zum Favoriten deklariert wird im Duell mit seinen Münchnern. Nur zu gern hätte er ihnen den sicher geglaubten Gruppensieg noch vor der Nase weggeschnappt, aber dafür war die Partie dann doch nicht eindeutig genug.
"Wir haben noch dran geglaubt, einen hohen Sieg einzufahren, vor allem nach dem 2:0", sagte Rudy und fügte an: "Solange es noch möglich ist, glaubt man immer dran als Fußballer. Sonst ist man hier falsch." Es wirkte, als wäre das 3:1 einigen Münchnern doch ein bisschen zu wenig gewesen. Als wäre es ihnen doch ernster gewesen mit dem "unwahrscheinlichen Wunschtraum", wie Hummels einen Erfolg mit vier Toren Unterschied im Vorfeld des Spiels bezeichnet hatte.
Dabei hätte es den Bayern eigentlich auch egal sein können mit dem Gruppensieg. "Wir haben gewonnen. Ich glaube, das ist genug. Wenn man sieht, wer auf dem ersten und wer auf dem zweiten Platz steht, ist es alles egal. Es ist nicht einfach im Achtelfinale, aber wir sind auch kein leichter Gegner", sagte Salihamidzic. Und genau das weiß spätestens seit Dienstagabend auch wieder ganz Europa.




