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28. Nov. 2025
UEFA Nations League A
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Endlich Schluss mit dem Spanien-Fluch? Drei Gründe, die diesmal für Deutschland sprechen

Vier Monate nach dem Aus im EM-Halbfinale gegen Spanien haben die deutschen Frauen die Chance auf eine Revanche. Vor dem erneuten Aufeinandertreffen im Nations-League-Finale hat sich bei den DFB-Frauen allerdings einiges getan. Hier kommen drei Gründe, die Hoffnung geben.

EM-Viertelfinale der Männer, EM-Halbfinale der Frauen – für die deutschen Fußballerinnen und Fußballer war in den vergangenen zwei Jahren gleich doppelt gegen Spanien Schluss. Nun kommt es zum erneuten Duell der beiden Top-Nationen – allerdings mit veränderten Vorzeichen.
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    1. Nicole Anyomi - die plötzlich klare erste Stürmerwahl

    Wenn es in diesen Tagen einen Namen gibt, der der DFB-Elf Hoffnung für das anstehende Spiel gegen Spanien verleiht, dann ist es Nicole Anyomi. Im Halbfinale gegen Frankreich (1:0/2:2) war die 25-Jährige jeweils erste Wahl in der Sturmspitze. Dabei sah ihre Situation noch vor wenigen Monaten ganz anders aus. Unter Bundestrainer Wück kam Anyomi zunächst nicht über eine Reservistenrolle hinaus. Im Mai sprach sie offen darüber, dass der Austausch mit dem Trainerteam zu gering sei. Kurz darauf musste sie eine EM-Teilnahme aufgrund von Knieprobleme absagen. Inzwischen hat sich das Bild jedoch gedreht. "Sie spielt aktuell auf einem ganz anderen Niveau und kann für uns wieder ein entscheidender Faktor werden", so Wück. 

    Wie recht er damit hat, stellte Anyomi bereits eindrucksvoll in den Nations-League-Duellen mit Frankreich unter Beweis. Besonders im Rückspiel war sie die treibende Kraft im deutschen Offensivspiel. Anders als Giovanna Hoffmann, die beim EM-Halbfinale gegen Spanien noch gesetzt war und aktuell verletzt fehlt, verbindet Anyomi konsequente Defensivarbeit mit deutlich mehr Präsenz und Qualität im Offensivspiel.

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    Anyomi trifft so effizient wie keine andere

    Ihre Zahlen unterstreichen das: Ein Spiel ohne Torbeteiligung gab es zuletzt im September. Seit Sommer 2024 verwandelt die Frankfurterin nahezu jeden dritten Abschluss – eine Effizienz, mit der keine andere Bundesliga-Spielerin, die seitdem zweistellig getroffen hat, auch nur annähernd mithalten kann.

    Im DFB-Dress suchte Anyomi allerdings lange ihre Rolle. Seit ihrem Debüt 2021 wurde die Angreiferin im Nationalteam lange hin- und hergeschoben – mal Joker, mal Flügel, sogar als Außenverteidigerin. Jetzt aber scheint sich das Zentrum für sie zu öffnen. Und genau dort sucht Wück eine moderne Stürmerin, die sein spielerisch orientiertes System tragen kann. Eigenschaften, die im deutschen Sturm zuletzt fehlten. Lea Schüller – diesmal aus familiären Gründen nicht dabei – ist als klassische Stürmerin zwar wertvoll, bringt aber im Spiel gegen den Ball nicht alles mit, was Wück sich vorstellt. 

    Die Umstellung von Schüller auf Hoffmann während der EM erklärte der Bundestrainer damit, dass man auf dieser Position Bälle festmachen und sich durchsetzen müsse. Gegenüber ihrer Konkurrenz im Sturm (Hoffmann fällt mit Kreuzbandriss aus, Shekiera Martinez und Selina Cerci sind Alternativen) ist Anyomi kompletteste Lösung und vielleicht genau jene Komponente, die Deutschland beim EM-Aus gegen Spanien gefehlt hat.

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    2. Jule Brand: Das Zehnerproblem scheint gelöst

    Neben Anyomi rückte in den vergangenen Wochen noch eine zweite Spielerin in den Mittelpunkt: Jule Brand. Mit ihr scheint Bundestrainer Christian Wück eine Schwachstelle geschlossen zu haben, die im EM-Halbfinale gegen Spanien besonders schmerzhaft sichtbar wurde – die Zehnerposition. Dem deutschen Spiel fehlte ein verbindendes Element zwischen Mittelfeld und Angriff, welches Wück nun in Jule Brand gefunden zu haben scheint.

    Wenngleich die gelernte Außenstürmerin damit auf ungewohnter Position agiert, erfüllte sie diese Rolle bereits im Nations-League-Halbfinale gegen Frankreich mit erstaunlicher Selbstverständlichkeit. Mal ließ sie sich tief fallen, mal stieß sie in die Spitze vor und schuf damit genau jene Dynamik, die der deutschen Offensive zuletzt gefehlt hatte. "So eine Überraschung kann vielleicht auch mal was beim Gegner bewirken. Dass es so gut funktioniert, wusste keiner von uns davor", sagte Klara Bühl nach dem Spiel. "Es ist natürlich schön, wenn du flexible Spieler hast, die du so einsetzen kannst und das Spielsystem immer noch genauso funktioniert, die Automatismen laufen."

  • "Sie macht Dinge, die sie machen möchte" - Brands Stärke als Freigeist

    Brand sei eine Spielerin, die "auf dem Platz Dinge macht, die sie machen möchte, die nicht abgesprochen sind", fügt Wück hinzu. "Sie zieht gern von außen nach innen - und da dachten wir uns, dass wir sie gleich in die Mitte stellen.“

    In dieser neuen Rolle avancierte Brand plötzlich zu einem entscheidenden Element im deutschen Offensivverbund. Als Freigeist kann sie Lücken aufreißen, Überzahlsituationen schaffen und damit auch Anyomi wertvolle Zuarbeit leisten.

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    3. Rückenwind vom Verein: Bayern und Wolfsburg bringen Euphorie

    Einen weiteren Vorteil bringt die deutsche Mannschaft aus der Liga mit: Mit viel Selbstvertrauen reisen die Leistungsträgerinnen von Bayern und Wolfsburg an. Und von denen gibt es einige im DFB-Kader: Sechs Spielerinnen des FC Bayern und fünf Wolfsburgerinnen stehen im Aufgebot für das Nations-League-Finale.

    National wie international präsentieren sich beide Vereine in herausragender Verfassung. Bayern führt die Bundesliga souverän an, Wolfsburg folgt sechs Punkte dahinter – und beide Klubs wirken spielerisch gefestigt, dominant und überzeugt von ihrem Plan. Diese Stabilität zeigt sich auch in der Champions League: Die Münchnerinnen haben sich nach der Schmach gegen den FC Barcelona (1:7) inzwischen rehabilitiert. Zuletzt gab es Siege gegen Juventus Turin, Titelverteidiger Arsenal und Paris Saint-Germain. Die Teilnahme an der K.o.-Phase ist den Bayern-Frauen bereits gewiss. Auch Wolfsburg holte drei Siege aus den ersten vier Spielen, vergangene Woche besiegte man Manchester United mit 5:2. Als Tabellenvierter der Königsklasse haben die Wölfinnen sogar noch direkte Viertelfinal-Qualifikation in der Hand.

    Diese Euphorie dürfte jetzt auch der deutschen Nationalmannschaft zugutekommen. Mit Bühl, Giulia Gwinn und Franziska Kett haben drei Münchnerinnen Chancen auf einen Startelfeinsatz gegen Spanien. Selbiges gilt für Camilla Küver und Janina Minge vom VfL Wolfsburg. Mit ihren jüngsten Erfolgen auf Klubebene im Rücken dürfte die Bayern/Wolfsburg-Fraktion, die immerhin fast die Hälfte aller Spielerinnen des DFB-Kaders ausmacht, für das notwendige Selbstverständnis sorgen, das Deutschland zuletzt häufiger fehlte.