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14. Juli 2025
Europameisterschaft der Frauen
Deutschland
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Christian Wück

Eine besorgniserregende Aussage offenbart das große DFB-Problem: Bundestrainer Christian Wück muss bei der EM einer Wahrheit jetzt ins Gesicht sehen

Die DFB-Frauen müssen sich von der 1:4-Klatsche gegen Schweden schnellstmöglich erholen. Vor allem die Abwehr wird in dieser Woche ein großes Thema sein.

Schweden zeigt Deutschland gnadenlos alle Schwächen auf. So oder so ähnlich könnte die Überschrift zum 1:4 der DFB-Frauen im letzten Gruppenspiel der EM 2025 lauten. Während sich der Bundestrainer hinterher in seiner Analyse sehr auf die Rote Karte von Carlotta Wamser und deren Folgen fokussiert, muss er sich intern aber einem viel größeren Problem widmen.

Auch von einer Krisensitzung am Sonntag wurde berichtet, die das Team wieder auf Kurs bringen soll. Vor allem die Abwehr der Deutschen wackelt seit dem ersten Spieltag – und ist, anders als es Christian Wück wahrhaben möchte, die große Achillesferse des Teams. Sind diese Probleme aber überhaupt noch zu lösen?

  • DFB-Frauen: Individuelle Qualität ist ein Problem

    Offensichtlich geworden ist in den ersten drei Spielen dieses Turniers: In der Defensive reicht die individuelle Qualität nicht. Nach dem Ausfall von Giulia Gwinn haftet zu viel Verantwortung an Janina Minge. Die Innenverteidigerin, eigentlich im zentralen Mittelfeld ausgebildet, ist sowohl im Spielaufbau als auch bei der Konterabsicherung der Dreh- und Angelpunkt des Teams.

    Gerade auf der linken Defensivseite haben die Deutschen aber eine große Schwachstelle. Alle bisherigen Gegner haben sich diese Seite in der Analyse herausgegriffen und sich dort mal mehr, mal weniger Chancen herausgespielt. Im Fokus steht hier natürlich Linksverteidigerin Sarai Linder.

    Die Wolfsburgerin spielt bisher ein wechselhaftes Turnier. Zwar hatte sie gegen Dänemark und Polen auch gute Momente, insgesamt gelang es den Gegenspielerinnen aber zu oft, sie aus ihrer Position zu ziehen und die Lücken dahinter zu bespielen.

    Beim zweiten Gegentor gegen Schweden ist Linder beim Zweikampf gegen Smilla Holmberg schlecht positioniert, macht ihr den Weg zum Laufduell komplett auf. Dass sie dann das Tor mit einem Klärungsversuch fast schon selbst schießt, ist unglücklich, aber die Fehler passieren vorher.

    Auch Rebecca Knaak war mit dem Tempo und dem Niveau der Schwedinnen überfordert. Beim 1:1-Ausgleich orientiert sie sich in der defensiven Umschaltsituation falsch, schaut nur auf den Ball und erlaubt es Stina Blackstenius, sich in ihrem Rücken zu lösen. Fehler, die auf diesem Niveau nicht passieren dürfen.

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    Auch Christian Wück muss sich hinterfragen

    Dennoch reicht es nicht aus, mit dem Finger auf einzelne Spielerinnen zu zeigen und zu schlussfolgern, dass das eben das Maximum der Leistungsfähigkeit ist. Denn das ist es nicht. Auch wenn Deutschland die Weltklasse in der Abwehr fehlt, haben all diese Spielerinnen ihre Stärken und Qualitäten.

    Die wichtigere Frage mit Blick auf die Tore ist eher: Warum gelingt es dem Team nicht, kollektiv besser zu verteidigen? Wück wollte hinterher nichts von einem zu hohen Risiko in seinem Ansatz wissen. "Es war jedenfalls nicht der Plan, vier Gegentore zu kassieren", antwortete er im ZDF etwas gereizt auf die sehr vorsichtige Nachfrage, ob er seine Herangehensweise für das Viertelfinale überdenken müsse. Ohnehin habe er keine Unterzahlsituationen gesehen – auch beim zweiten Tor der Schwedinnen sei man gut aufgestellt gewesen.

    Eine Sichtweise, die man nachvollziehen kann. Neben dem Stellungsfehler von Knaak sind auch der unglückliche Klärungsversuch von Minge sowie die zu verhaltene Rückwärtsbewegung von Elisa Senß zu nennen. Trotzdem kann sich Wück nicht komplett von dieser Kritik freimachen.

    Beim Stand von 1:0 standen nämlich nicht nur zahlreiche Spielerinnen direkt am oder im gegnerischen Strafraum, sie waren auch schlichtweg nicht gut gestaffelt. Ein Umstand, der in den bisher 13 Wück-Spielen zu oft vorkam.

  • DFB-Frauen: Das Risiko ist nicht das Problem

    Das Risiko ist die eine Seite der Geschichte. Ein Begriff, der vor allem im Zusammenhang mit offensivem Fußball überstrapaziert wird. Während ein hohes Pressing oft mit Risiko verknüpft wird, ist das bei verhaltenem Defensivfußball selten bis gar nicht der Fall. Allerdings kann es auch andersherum sein: Ein hohes, gut strukturiertes Pressing kann die Risiken minimieren, weil ein Gegner sich nicht entfalten kann. Ein tiefes, passives Pressing kann ein großes Risiko darstellen, weil der Gegner zu viel Zeit am Ball bekommt.

    Im Fall der DFB-Frauen dürfte es der richtige Ansatz sein, die Defensive zu entlasten, indem man sich auf die starke Offensive fokussiert. Nur geht dieser bisher nicht ausreichend auf. Einer von mehreren Gründen ist, dass keine klaren Abläufe zu erkennen sind.

    Das geht bereits in Ballbesitz los. Wenn wie beim schwedischen Ausgleich viele Spielerinnen offensiv positioniert sind, dann braucht es zumindest eine Staffelung, die es erlaubt, bei einem Ballverlust direkt ins Gegenpressing zu kommen. Die Anordnung der deutschen Spielerinnen war jedoch nicht gut.

    Schon in den anderen Spielen fiel auf, dass nahezu jeder Ballverlust ein gefährlicher Konter für den Gegner sein kann. Erfolgreiche Gegenpressingmomente gibt es nur selten. Ein strukturelles Problem.

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    DFB-Frauen müssen ihr Mittelfeld in den Griff bekommen

    Ebenso wie der Spielaufbau. Natürlich kann man auch hier die Fehler von Ann-Katrin Berger in den Mittelpunkt rücken und sich damit zufriedengeben. Die Wahrheit ist aber, dass der deutsche Spielaufbau seit Monaten nicht gut genug ist. Ob unter Druck oder gegen tiefstehende Gegner: Es gibt zu wenig Bewegung ohne Ball, die ballführende Spielerin hat zu wenige Optionen.

    Berger neigt freilich dazu, den Ball etwas zu lange zu halten, weil sie auf eine spielerische Lösung aus ist. Aber die Frage ist viel eher, warum ihre Mitspielerinnen sie immer wieder in diese Situationen zwingen, indem sie ihr kaum Anspielstationen bieten. Hinzu kommt, dass der Bundestrainer ihr mit der öffentlichen Kritik keinen Gefallen getan, vielleicht sogar zur Verunsicherung beigetragen hat.

    Auch die Rolle der Sechserinnen muss hinterfragt werden, was das Freilaufverhalten anbelangt – aber auch, was die Defensivarbeit betrifft. Senß und Sjoeke Nüsken sind gute Zweikämpferinnen, aber gegen Schweden wurden sie überspielt, halfen oft auch nicht aus, wenn der Gegner auf dem Flügel Überzahl hatte.

  • Ratlosigkeit bei den DFB-Frauen?

    "Schweden hat die eine Seite überladen", stellte Janina Minge nach der Partie im ZDF fest. Tatsächlich agierten die Schwedinnen mit vielen Spielerinnen auf der linken Defensivseite der Deutschen.

    Viel besorgniserregender war aber, was Minge danach sagte: "Da wussten wir nicht, wie wir es machen sollten." Eine Aussage, die Fragen aufwirft. Dass Schweden mit Überladungen agiert, ist nicht neu, dürfte also eigentlich in der Analyse vorher Thema gewesen sein. Dass man selbst auf dem linken Flügel Schwächen hat, war ebenfalls klar. Umso überraschender ist es, wie überrascht die DFB-Frauen offenbar von diesem Ansatz waren. Sie wirkten nach dem Ausgleich nahezu überrumpelt.

    Wück sprach nach dem Spiel davon, dass man bis zur Roten Karte "auf Augenhöhe" gewesen sei. Da stand es aber schon 1:3 aus deutscher Sicht. Selbst die gute Anfangsphase war geprägt durch einen offenen Schlagabtausch. Zwar mit etwas mehr Chancen für das DFB-Team, aber auch mit einer großen Chance zur Führung für Schweden.

    Es ist nachvollziehbar, dass Wück zumindest bei seinen öffentlichen Aussagen optimistisch bleiben will und muss. Intern wartet in nur einer Woche aber ein ganzer Berg voller Arbeit auf ihn. Einer, den er sich in der Vorbereitung auf dieses Turnier zum Teil auch selbst aufgehalst hat. Einer, der in so kurzer Zeit nur schwer zu lösen sein wird.