Was für ein episches Viertelfinale! Fußball kann so schön, so ästhetisch, so schnell, magisch und anspruchsvoll sein. Nichts davon aber trifft auf die Partie am Samstagabend zu – und das war gut so.
Getty ImagesDFB-Frauen mit heroischem Abnutzungskampf gegen Frankreich: Jetzt bloß nicht überdrehen – ein Kommentar
Wück wählt einen anderen Ansatz
Vor allem gut für Deutschland, das Frankreich einen heroischen Kampf geboten hat. Es war ein Abnutzungskampf, ein hartes Stück Arbeit mit vielen Zweikämpfen, wenig Spielrhythmus und immenser Spannung. Es war die andere Seite des Fußballs, die nicht minder spektakulär ist.
Vor allem aber war es die einzige Art und Weise, wie die DFB-Frauen dieses Spiel gewinnen konnten. Das wusste auch Christian Wück, der vor der Partie Änderungen an Personal und System vornahm. Statt weiter naiv darauf zu vertrauen, dass sein sehr offensiver Ansatz doch noch zündet, nahm er einen Schritt Abstand und fokussierte sich darauf, das französische Spiel zu zerstören, den Gegner zu nerven. Mit Erfolg.
Keine Lösung, die nachhaltig sein wird, aber eine, die in diesem Moment fast schon alternativlos war und die stärksten Qualitäten eines besonderen Teams hervorbrachte und die das Turnier retten kann, eher schon gerettet hat.
Getty ImagesDFB-Frauen: Ziemlich beste Freundinnen
Denn eines ist ganz klar: Deutschland hat die Erwartungen mindestens erfüllt, vermutlich sogar schon übertroffen. Natürlich wird häufig und gern über den Anspruch einer großen Nation gesprochen, immer um den Titel mitzuspielen. Die Realität ist aber, dass der deutsche Fußball sowohl bei den Männern als auch bei den Frauen nicht mehr zur absoluten Weltspitze gehört.
Also nicht zu den drei, vier Nationen, die die unstrittigen Top-Favoriten sind. Es wäre keine Riesenüberraschung gewesen, hätten sich die DFB-Frauen in der Gruppenphase noch schwerer getan oder wären sie jetzt im Viertelfinale ausgeschieden. Die Gründe dafür sind vielschichtig, liegen vor allem im strukturellen Bereich und auf der Entwicklungsebene.
Andererseits ist es auch keine große Überraschung, zu was dieses Team dennoch fähig ist. In der Bewertung ist es also ein Balanceakt zwischen berechtigter Kritik an dem, was nicht so gut läuft und realistischer Einordnung, dass es aktuell zumindest nicht extrem viel ist, was nach oben fehlt.
Umso wichtiger ist es aber, diesen Halbfinaleinzug als genau das zu bewerten, was er ist: ein sehr großer Erfolg. Es ist kaum möglich, die Leistung der Spielerinnen überzubewerten. In Unterzahl gegen Frankreich derart zu bestehen, ausgerechnet defensiv den Laden weitestgehend zusammenzuhalten, obwohl genau das zuvor eine große Schwäche war – das ist eine bemerkenswerte Leistung.
Eine Leistung des Willens, der Laufbereitschaft und letztlich auch des Teamgeists, der seit einigen Monaten, sogar Jahren prägend für die DFB-Elf ist. Als stünden dort nicht nur Teamkolleginnen auf dem Feld, sondern beste Freundinnen, die alles füreinander geben.
Nicht blenden lassen! DFB-Frauen haben weiter viel Arbeit vor sich
Was klischeehaft klingt, ist die allergrößte Stärke eines Teams, das fußballerisch große Limitationen hat. Da darf man auch nicht drumherum reden: Deutschland hat Probleme, wenn es um Kreativität, Struktur und klare Abläufe im Spiel nach vorn geht. Das ist etwas, was mit Blick in die Zukunft Sorgen bereiten muss.
Aber das ist zum jetzigen Zeitpunkt eben ein Thema für die Zeit nach der Europameisterschaft – weil es vor dem Turnier offenbar versäumt wurde, intensiver daran zu arbeiten. Der mittel- und langfristige Trend ist für dieses Turnier für den Moment aber egal. In maximal zwei verbliebenen Spielen kann man auch auf dieselbe Art und Weise gewinnen wie jetzt gegen Frankreich.
Eben mit Abnutzungskampf, Glauben und der Zerstörung des gegnerischen Spiels. Nur blenden lassen sollte man sich von dem Erfolg gegen Frankreich nicht. Die Zeit wird kommen, in der diese Qualitäten nicht mehr ausreichen, um die Schwächen im technischen und fußballerischen Bereich zu kaschieren.
Getty ImagesDeutschland kann Spanien Probleme bereiten
Vielleicht schon gegen Spanien, das einen deutlich saubereren und schnelleren Ballbesitzfußball pflegt als Frankreich. Die Französinnen, auch das ist ein großer Teil der Wahrheit, zeigten eine sehr schwache und uninspirierte Leistung.
Aber auch Spanien war nicht unverwundbar im bisherigen Turnierverlauf. Zwar haben die Weltmeisterinnen ein größeres Arsenal an Mitteln, um einem Abnutzungskampf, wie ihn das Team von Wück gestern führte, aus dem Weg zu gehen. Doch auch die Deutschen haben jetzt eine Art Wendepunkt im Turnier erlebt.
Einer, der sie weit tragen kann. Auch wenn man die Erwartungshaltung angesichts der vielen, immer noch vorhandenen Probleme erstmal drosseln sollte. Egal, was am Mittwoch passiert: Die DFB-Frauen haben aus der komplizierten Ausgangslage schon jetzt sehr viel gemacht.
Und am Samstagabend mal wieder bewiesen, dass sie ein ganz besonderes Team sind. An dieses Viertelfinale wird man sich unabhängig vom Ausgang des Turniers noch lange erinnern.
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