Meret Felde IMAGO / STEINSIEK.CH
23. Jan. 2026
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M. Felde

"Andere Ligen zeigen, wie es funktionieren kann": Wie die Bundesliga beim Schutz spielender Mütter hinterherhinkt

Andere Ligen machen es vor, Deutschland zögert: Warum Mutterschaft im Profifußball hier weiter ein Karriere-Risiko bleibt.

"Ich muss schon sagen, dass ich nicht hundertprozentig damit gerechnet habe, wieder zu spielen. Es war auf jeden Fall eine Möglichkeit, meine Karriere zu beenden." 

Die Freiburgerin Meret Felde beschreibt damit ein Risiko, das im deutschen Profifußball noch immer über vielen Spielerinnen schwebt: Mit einer Schwangerschaft wird die sportliche Zukunft ungewiss. 

  • Die Mittelfeldspielerin ist eine der wenigen, die den Weg zurück geschafft haben. Sieben Monate nach der Geburt ihrer Tochter stand sie wieder in der Bundesliga auf dem Platz – möglich nur, weil ihr Verein mitspielte. "Es gab auf jeden Fall das Verständnis und die Abmachung, dass man reagieren kann, wenn ich mich nicht gut fühle oder die Nacht sehr anstrengend war." Wie sie im Gespräch mit Indivisa schildert, habe der SC Freiburg ihr von Beginn an signalisiert, den Weg der Mutterschaft mitzugehen.

    Was wie ein modernes Comeback-Märchen klingt, ist in Deutschland jedoch keineswegs selbstverständlich. Für viele Fußballerinnen bleibt eine Schwangerschaft ein Glücksspiel – trotz entsprechender FIFA-Regeln. Ende 2020 hat der Weltverband erstmals verbindliche Schutzbestimmungen aufgestellt: mindestens 14 Wochen Mutterschaftsurlaub, zwei Drittel des Gehalts, Kündigungsschutz. Doch Probleme gibt es weiterhin.

    Das prominenteste Beispiel: Sara Björk Gunnarsdottir. Die ehemalige Wolfsburgerin wurde 2021 schwanger, damals stand sie beim Spitzenklub Olympique Lyon unter Vertrag. Nach eigenen Angaben reagierten die Verantwortlichen zunächst positiv auf ihre Schwangerschaft, ihr sei umfassende Unterstützung zugesichert worden. Doch wenig später überwies der Verein nur noch einen Teil ihres Gehalts und stellte die Zahlungen schließlich ganz ein. Erst vor dem FIFA-Tribunal bekam Gunnarsdottir Recht.

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    Warum der FIFA-Schutz für viele Spielerinnen zu kurz greift

    Hinzu kommt eine Schwachstelle, die auch deutsche Spielerinnen betrifft: Der FIFA-Schutz greift nicht, wenn ein Vertrag während der Schwangerschaft endet. Genau das erlebte Sandra Jessen. Die Isländerin stand bei Bayer Leverkusen unter Vertrag – allerdings nur bis Juli 2021, kurz vor der Geburt. Mitten in der Babypause war sie plötzlich vereinslos, kehrte zunächst zu ihrem Heimatverein nach Island zurück, bevor sie später zum 1. FC Köln wechselte. 

    Dieses Szenario dürfte viele Spielerinnen abschrecken, auch wenn das deutsche Arbeitsrecht bereits weitreichenden Schutz bietet: Nach dem Mutterschutzgesetz gilt ein Beschäftigungsverbot sechs Wochen vor und acht Wochen nach der Geburt, Kündigungen sind in dieser Zeit unzulässig. Aus diesem Grund haben "die FIFA-Standards für Spielerinnen in Deutschland nicht so viel mehr gebracht", sagt Felde. "Der DFB sollte schon daran interessiert sein, über diese Mindeststandards hinauszugehen und uns noch mehr Unterstützung zu geben."

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    Das Hoffenheimer Modell als Blaupause für die Liga?

    Die einzige deutsche Lösung, die diese Lücke bislang schließt, kommt von der TSG Hoffenheim. Dort können Schwangere ihren Vertrag seit dieser Saison einseitig um ein Jahr verlängern – zu mindestens gleichen Konditionen. Ein Novum. "Ich empfinde das als sehr positives Zeichen““, so die 26-jährige Spielerin vom SC Freiburg. Ein solches Modell bedeute vor allem Planungssicherheit, für Spielerinnen ebenso wie für Vereine. Aber auch medizinisch wäre ein langsamerer Wiedereinstieg oft sinnvoller. "Der Druck, so schnell wie möglich wieder auf dem Platz zu sein, wäre deutlich geringer", sagt Felde. "Klar wollen wir schnell zurück, aber mit einem Baby verschieben sich Prioritäten.“

    Andere Vereine der Frauen-Bundesliga ziehen bislang nicht mit, Hoffenheim bleibt damit ein Einzelfall.

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    "Da können wir uns in der Bundesliga noch etwas abschauen": Der Blick ins Ausland zeigt, was möglich ist

    Dabei liegen funktionierende Modelle längst auf dem Tisch. In Norwegen erhalten Spielerinnen automatisch eine Vertragsverlängerung um ein Jahr, wenn sie sich vor Ablauf in der zwölften Schwangerschaftswoche befinden. In der US-Liga NWSL gehören sechs Monate voll bezahlter Mutterschutz, medizinische Betreuung, Kinderbetreuung und familienfreundliche Reiseplanung zum Standard. Almuth Schult sagte nach ihrem Wechsel nach Kansas City: "In den USA ist es am einfachsten, Fußball und Familie zu vereinbaren.“ In der NWSL werde an viele Dinge gedacht, die in Deutschland bislang kaum Beachtung fänden. 

    Auch Australien geht weiter als Deutschland: In der A-League Women gibt es bis zu zwölf Monate Elternzeit, garantierte Rückkehr und Unterstützung durch die Spielergewerkschaft. "Andere Ligen zeigen in interessanten Modellen, wie es funktionieren kann. Da können wir uns in der Bundesliga sicherlich noch etwas abschauen“, so Felde. 

    Offen bleibt in Deutschland auch, was nach der Geburt und dem Mutterschaftsurlaub konkret passiert. Während es nach Verletzungen klare Reha- und Wiedereingliederungspläne gibt, fehlt ein vergleichbarer Standard für Mütter im Profifußball. "Es gibt dieses Schema F noch nicht, schlussendlich muss man auch vieles individuell für die Spielerin angepasst angehen, wie wir es auch in Freiburg gemacht haben. Trotzdem wäre es gut, einen groben Plan zu haben, an dem man sich orientieren kann, bevor man zurückkehrt."

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    Mütter als Gewinn für den Frauenfußball

    Der Frauenfußball in Deutschland begnügt sich also mit dem Minimum. Dabei könnte ein anderer Umgang die Qualität der Liga stärken. Felde meint: "Natürlich gibt es die Möglichkeit, dass jemand nach einer Schwangerschaft aufhört. Aber davon sollte man nicht von vornherein ausgehen." 

    Viele Beispiele zeigen das Gegenteil, allerdings vor allem aus der amerikanischen Liga. Crystal Dunn, Sydney Leroux, Amy Rodriguez und Alex Morgan fanden in der NWSL nach ihren Geburten nicht nur zurück, sondern erreichten erneut Top-Niveau. Auch Felde verließ den Sport-Club damals als Stammspielerin und kann auch als solche zurück. Die Mutterschaft habe ihr sogar zusätzliche Stärke gegeben: "Wenn ich Zeit in den Fußball investiere und dafür Stunden ohne meine Tochter bin, dann will ich daraus auch etwas ziehen. Das motiviert mich noch mehr, Leistung zu bringen und dann dafür auch belohnt zu werden."

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    "Das lockt Spielerinnen an": Warum Mutterschutz ein Standortvorteil werden kann

    Für sie ist Familienfreundlichkeit längst ein Kriterium bei Vertragsgesprächen. Entscheidend seien Wertschätzung und das Gefühl, dass ein Verein den Weg mit Kind wirklich mittrage. Genau hier wird der Handlungsbedarf in der Bundesliga sichtbar. Bleiben verbindliche Lösungen aus, könnten Spielerinnen mit Kinderwunsch dorthin wechseln, wo Strukturen verlässlicher sind. "In anderen Ligen ist das schon länger normal und verbreiteter und das lockt natürlich auch Spielerinnen an", sagt Felde.

    Noch hängt viel vom Goodwill einzelner Vereine ab. Damit aus Einzelfällen eine Selbstverständlichkeit wird, bräuchte es jedoch mehr als Mindeststandards.