Die unglaubliche Geschichte von Dado Prso: Kettenraucher, Trinker, Legende

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Dado Prso wurde in der Jugend aussortiert, wog mit 21 mehr als 100 Kilo und rauchte zwei Schachteln am Tag. Später wurde er Superstar und Volksheld.


HINTERGRUND

In einem dunklen Hinterhof der nordfranzösischen Stadt Rouen steht ein 19-Jähriger mit kräftigen Armen und schraubt an einem Auto herum. Es riecht nach Benzin, die kleine Werkstatt platzt fast vor Werkzeugen, Autoteilen und all den Dingen, die ihr bisheriges Wirken als Arbeitsstätte sonst noch angesammelt hat. Der junge Mann, unter dessen blauem Overall sich ein beachtlicher Bauch wölbt, wischt sich eine seiner langen dunklen Strähnen aus dem Gesicht, die sich aus seinem Pferdeschwanz gelöst hat, legt seinen Schraubschlüssel zur Seite, um draußen eine zu rauchen. Mehr als zwei Schachteln sind es am Tag. Dazu fast jeden Abend: Bier und Schnaps in einer der kleinen Bars, die in der Nähe seiner winzigen Wohnung liegen und in denen er mit anderen Arbeitern in rauchiger Luft gegen die Sorgen antrinkt.

Er verdient wenig, ist Kettenraucher, wiegt mehr als 100 Kilogramm und hat ein Alkoholproblem. Während er dünnen Rauch in die Abendluft der Normandie bläst, deren Blau langsam der Nacht weicht, denkt er an unbezahlte Rechnungen und an seine verpasste Chance, es bei Hajduk Split zum Fußball-Profi zu schaffen. Beschweren will er sich aber nicht. Natürlich nicht. Schließlich hat er es aus dem Elend des Jugoslawien-Kriegs ins sichere Frankreich geschafft. Er hat einen Job. Und er mag seine Teamkollegen bei Rouen, wo er zwar nur selten zum Einsatz kommt, aber sich wenigstens etwas dazu verdient. Im Jahr 1995 lebt Dado Prso das Leben der vielen anderen, die Talent mitbringen, es aber nie auf die große Bühne schaffen.

Vier Tore in der Königsklasse

Zeitsprung ins Jahr 2003. Das Stade-Louis-II erstrahlt im Glanz der Fluchtlichtmasten und ist ausverkauft. Im Fürstentum heißt es: Königsklasse, die Besten der Besten. Die AS Monaco empfängt das spanische Team Deportivo La Coruna. Auf dem Platz stehen damals etwa ein blutjunger Patrice Evra, der spätere Barca-Star Ludovic Giuly und bei den Spaniern Juan Carlos Valeron. Und: ein Kroate mit breiten Armen, Pferdeschwanz und stahlharten Muskeln.

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Das Spiel wird zu einem Fußball-Fest. Beide Mannschaften spielen teilweise wie im Rausch. Es reiben sich alle verwundert die Augen, nach 67 Minuten steht es 8:3 für die Gastgeber. Acht Minuten später wird der vierfache Torschütze und Mann des Spiels ausgewechselt. Fast 20.000 Menschen erheben sich und beklatschen den Held des Abends. Nun ist Dado Prso ein gefeierter Star. Wie wurde in zehn Jahren aus dem Automechaniker aus Rouen einer der in dieser Saison besten Stürmer Europas?

Gescheitert bei Hajduk, Flucht vor dem Krieg

Prsos wie ein Märchen anmutende Geschichte beginnt im Jahr 1974. In der kroatischen Hafenstadt Zadar kommt er als Sohn eines Taxifahrers und dessen Frau zur Welt. Die Familie hat nicht viel Geld, kommt aber gut über die Runden. Prso ist klein und schmächtig, kein Vergleich mit dem wuchtigen Stürmer, als der er später zum Publikumsliebling avanciert. 1986, da ist er zwölf, wird er von Hajduk Split entdeckt, einem der besten Teams Jugoslawiens. Er zeigt zwar Talent, wird aber nach sechs Jahren als körperlich zu schwach und technisch zu wenig versiert aussortiert. Gerade einmal ein Jahr spielte er als 18-Jähriger für den heutigen Viertligisten Pazinka Pazin, dessen bekanntester Spieler er bis heute ist.

Der Kroatienkrieg verändert alles, plötzlich geht es nicht mehr um eine Restchance auf eine Profikarriere, sondern vor allem um die eigene Sicherheit. Zehntausende sterben, mehr als 200.000 Menschen werden aus ihrer Heimat vertrieben. Auch die Prsos, die sich nach einigen Monaten der Ungewissheit in Frankreich niederlassen. In Rouen, dieser so schönen Stadt in der Normandie. Doch selbstredend hat Prso für den Fluss oder die berühmte Kathedrale nichts übrig. Er vermisst seine Freunde, mit denen er in Kroatien abends so gerne trank. Er vermisst das warme Wetter der Adria. Er spricht kein Wort Französisch, weiß nicht, wohin mit sich. Erst recht nicht, als er beim Zweitligisten der Stadt, dem FC Rouen nach drei Jahren, in denen er nur wenig verdient, scheitert.

GFX Dado Prso

Eine Rettung namens Carole

Im Jahr 1996 steht er vor dem Nichts. Er schläft wenig, trinkt zu viel, raucht Kette, ist Stammgast in diversen Nachtclubs und Casinos. "Damals war ich fett wie ein Schwein", sagte er 2004. Auch der Job in der Autowerkstatt macht ihm keinen Spaß. Ihm fehlt die Struktur im Leben, einmal trinkt er nachts so viel, dass er sich betrunken die Hand bricht. Es fehlt nicht viel zum völligen Absturz. Die Wende, das "größte Glück in seinem Leben", wie er selbst sagt, hört auf den Namen Carole. Er verliebt sich und das junge Paar zieht gemeinsam weg aus Rouen. In die Sonne der Cote d'Azur, nach St. Raphael, ans andere Ende des Landes.

In der Sonne und an der Seite seiner Frau, die er schon bald heiratet, blüht Prso auf. "Im Privatleben ging es von da an für mich bergauf", sagt er, was noch untertrieben ist. Denn er speckt mehr als 20 Kilo ab, schränkt seinen Zigaretten- und Alkohol-Konsum deutlich ein, findet einen Job. Er heuert, aus reiner Liebe zum Fußball und nicht etwa als letzter Versuch, es zu schaffen, beim Viertligisten Stade Raphaelois an, einem Provinz-Klub, bei dem er alle überrascht. Denn aus dem Nichts kommt da ein großer, breiter Kroate daher, der im Kopfballduell nicht zu bezwingen ist und aus allen Lagen Bälle mit seinem wuchtigen Vollspann aufs Tor bringt.

Über Ajaccio nach Monaco

Bei einem seiner Viertligaspiele, in dem er einen Doppelpack erzielt und in Zweikämpfen die gegnerischen Vorstopper aussehen lässt, als seien sie Kinder, die gegen einen Modell-Athleten antreten, sitzt ein Scout der AS Monaco auf der Tribüne und traut seinen Augen nicht. 1997 wechselt er als 23-Jähriger zum Top-Team. Dort spielen aber Kaliber wie Thierry Henry, weshalb man ihn in die 2. Liga zum Korsika-Klub Ajaccio verleiht.

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Anders als bei Rouen und auch Monaco baut man dort sofort auf ihn und anders als damals verpasst er kein Training, hört mit dem Trinken ganz auf. Er schießt in zwei Jahren 21 Tore – und plötzlich ist er ein begehrter Mann. Mehrere Klubs klopfen an und auch im Fürstentum will man ihn unbedingt zurück. Samt Frau und Kind geht es 1999 also ganz nach Monaco. Dort muss er sich aber auch nach Henrys Abgang starker Konkurrenz erwehren. Ein junges Talents namens David Trezeguet wird ebenso bevorzugt wie der Italiener Marco Simone. 2002 dann der nächste Schock der von Stolpersteinen gepflasterten Karriere des Dado Prso.

Prso muss neu laufen lernen

Bei einer Routine-Untersuchung wird eine schwerwiegende Fehlstellung im rechten Unterschenkel festgestellt. Er muss operiert werden, sein Knochen wird dabei, um korrigiert werden zu können, gebrochen. "Eigentlich musste ich von neuem zu laufen lernen", sagt er. Und beweist erneut den durch seine Frau Carole neu erlangten Kämpferwillen. Er arbeitet jeden Tag stundenlang, um es zurück zu schaffen – und endlich in der ersten Reihe zu spielen, die nach dem Abgang von Wunderstürmer Trezeguet seit 2000 frei war.

Nach acht Monaten steht er wieder auf dem Platz und trifft nur 180 Sekunden nach seiner Einwechslung. Dabei bleibt es nicht. Prso erzielt bis zum Ende der Saison elf weitere Tore und schießt Monaco in die Champion League. Sein Trainer Didier Deschamps sagt, der Kroate sei der größte Kämpfer, den er je gesehen habe.

Dado Prso

Playoff-Held für die Ewigkeit

Der Traum geht weiter. In der Königsklasse führt er Monaco mit sieben Toren sensationell ins Finale, das zwar mit 0:3 gegen den FC Porto verloren geht, aber bis heute als größter Erfolg der Klubgeschichte gilt. Seine vier Tore gegen Deportivo La Coruna werden erst Jahre später von einem gewissen Lionel Messi überboten. Und auch seine Vergangenheit holt ihn auf angenehme Weise ein. In Kroatien registriert man seine starken Leistungen. Otto Baric nominiert ihn erstmals im März 2003 – und Prso trifft, bereits 29 Jahre alt, prompt gegen Belgien.

Durch seine aufopferungsvolle Art, seine sympathische Art und seine ehrlichen Aussagen avanciert er in Windeseile zum Publikumsliebling der Kroaten. Zum Helden wird er, als seine beiden Treffer in den EM-Playoffs Kroatien zum Turnier nach Portugal schießen. "Kroatien hat einen neuen Helden", schreibt die Tageszeitung Vesnik damals. Kroatien scheidet zwar aus, Prso trifft aber beim starken 2:2 gegen Frankreich und die Superstars Henry, Zidane und Co..

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Glücklicher Karriereherbst in Glasgow

Bereits vor dem Turnier hatte er bekannt gegeben, dass er nach Glasgow zu den Rangers wechseln würde. Für die Offerte der Schotten schlug er Angebote aus der Premier League und aus Spanien aus. Vor allem, weil ihm die Mühen und die Wertschätzung so gefiel, die die Hauptstädter beim Werben um ihn zeigten. Er hat nicht vergessen, dass er noch wenige Jahre zuvor in einer Auto-Werkstatt arbeitete, unglücklich war, rauchte und soff.

2004 der Wechsel und auch im blauen Trikot wird er zum Liebling der Massen. 31 Tore schießt er in drei Jahren Schottland, gewinnt 2005 vor dem verhassten Rivalen Celtic den Titel. Die WM 2006 in Deutschland, bei der in jedem der drei Gruppenspiele 90 Minuten auf dem Platz steht, nimmt er noch mit. Danach macht er Schluss, mit nur 32 Jahren will er Zeit für die Familie, das viele Geld, das er verdient hat, für schöne Dinge ausgeben.

Denn Dado Prso weiß, dass er viel Glück hatte, dass seine Geschichte wahrhaftig ein modernes Fußball-Märchen ist. Dass er privilegiert ist, dass es genauso sein Schicksal hätte sein können, noch heute fettleibig und unglücklich an Autos zu schrauben. Ohne Hoffnung und immer mit dem fernen Gedanken im Kopf, dass er fast Profi geworden wäre. Und dass er stattdessen abgehängt, pleite und alkoholkrank ist. Oder wie er selbst sagt: "Ich bin ein Beschenkter. Niemals werde ich vergessen, was mir der Fußball gegeben hat. Tausende Menschen haben mich geliebt und ich kann meiner Frau dadurch geben, was sie verdient. Daran denke ich jeden Tag."

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