Kaum ein Fußballspiel bewegt die Massen mehr: Das Duell zwischen Real Madrid und dem FC Barcelona euphorisiert und polarisiert gleichermaßen, teilt Fans auf der ganzen Welt in zwei Lager. Ein ganz besonderes Ereignis vor 74 Jahren entfachte aus der einstigen Rivalität eine tief verwurzelte Feindschaft.
Mit starrem Blick sitzt Luis Miro da. Frei nach dem Watzlawickschem "Man kann nicht nicht kommunizieren" lassen die regungslosen Gesichtszüge immerhin erahnen, dass irgendetwas nicht stimmt. Innerlich kocht er vor Wut, einzig anmerken lassen darf er sich das nicht. Heimlich ballt er die Faust in seiner Hosentasche, als der Mann, der gerade zur Mannschaft gesprochen hatte, im Begriff ist, die Kabine zu verlassen. Der Gipfel eines Tages voller Demütigungen, er ist erreicht. Obwohl: nein, noch nicht in Gänze, es bleiben ja noch 45 Minuten.
Eine weitere Dreiviertelstunde Schmach, das hatte der Uniformierte soeben befohlen. Mit gezogener Waffe. So lauten zumindest einige der zahlreichen Überlieferungen.
Dieser 13. Juni 1943 wird in die Geschichtsbücher eingehen. Als Geburtsstunde einer bis heute tief verwurzelten Feindschaft, der Erzrivalität im Weltfußball. Real Madrid gegen den FC Barcelona. Was ist an diesem Tag geschehen, was hatte den Schergen veranlasst, Barcelona-Torhüter Miro und dessen Teamkollegen in der Halbzeit mit einer Pistole zu bedrohen?
Luis Miro spielte von 1939 bis 1943 beim FC Barcelona
Um die Hintergründe nachvollziehen zu können, muss ein wenig zurückgespult werden. Auslöser der horrenden Maßnahmen ist das Halbfinal-Hinspiel der Copa del Generalismo. Barcelona, damals gemeinsam mit Athletic Bilbao Dominator in Spanien, hatte die Blancos, die zu dieser Zeit bei weitem keine Spitzenmannschaft sind, im heimischen Camp de Les Corts mit 3:0 verprügelt und bloßgestellt zurück in die Hauptstadt geschickt. Dorthin, wo Francisco Franco, seines Zeichens skrupelloser Diktator und Real-Anhänger in Personalunion, in jener Zeit sein Machtzentrum aufgebaut hatte.
Die Katalanen wollen sich nicht beugen. Sportlich ebensowenig wie in politischer Hinsicht. Schon damals mit ausgeprägtem Revoluzzer-Sinn ausgestattet, begehren die Katalanen gegen das Regime auf, streben nach Unabhängigkeit, weg von den faschistischen Franquisten, die von Kastilien aus ihr Unwesen treiben und ganz Spanien mit ihrem eisernen Griff infiltrieren. Die Aufmüpfigen im Norden, sie sind Franco ein Dorn im Auge. Eine Niederlage der Königlichen in Barcelona steht symbolisch auch immer als politische Pleite, als Schwäche Francos. Schwäche, die sich ein narzisstischer Autokrat nicht leisten darf.
Kurzerhand erklärt Franco, der bei seiner Machtergreifung im Jahr 1939 vielsagend proklamiert hatte, dass sein Regiment "auf Bajonetten und Blut" und nicht "auf heuchlerischen Wahlen" basiere, das Ganze zur Chefsache. Er setzt alle Hebel, derer es bedarf, in Bewegung.
Ernesto Teus, Journalist bei der Marca, dem parteiischen Haus- und Hofblatt Reals, schreibt zunächst einen scharfmachenden Artikel mit dem Ziel, die Anhänger in Stimmung zu bringen, die empfangene Häme aus dem Hinspiel kanalisieren, um dem Kontrahenten mit dem größtmöglichen Hass zu begegnen.
Soldaten des Franco-Regimes im Estadio Chamartin
Als die Barcelona-Delegation an der Spielstätte, am Estadio de Chamartin, ankommt, beschert das vollkommen euphorisierte, geifernde und mit Trillerpfeifen ausgestattete Publikum der Mannschaft einen ohrenbetäubenden Empfang. 20.000 feindselige Fans verwandeln das Rund in eine Szenerie, die an eine römische Gladiatorenarena erinnert, in der gerade – zur Unterhaltung der Zuschauer – zwei karthagische Sklaven einen erbitterten Überlebenskampf gegeneinander austragen.
Josep Valle, der damals für Barca spielt, erinnerte sich: "Die Atmosphäre ist kaum zu beschreiben. Selbst die Ordner riefen uns zu, dass wir verlieren werden. Als wir den Platz betraten, schlug uns ein monumentales Pfeifen entgegen." Auch Angel Mur, Mitglied im FCB-Trainerstab, meinte: "Mein Trommelfell wäre beinahe geplatzt. Das Chamartin war an diesem Tag wie das Kolosseum in Rom."
Schon im Vorfeld der Begegnung stattet Jose Finat y Escriva, Chef der franquistischen Staatssicherheit, den Gästen in der Umkleide einen Besuch ab. Die "großzügige" Regierung habe ihnen die unpatriotische Haltung aus dem Hinspiel verziehen, sagt er, weist aber recht nachdrücklich darauf hin, dass sich etwas Ähnliches nicht wiederholen sollte, sofern die Protagonisten keine verheerenden Konsequenzen spüren wollen. Miro und seine Mitspieler gehorchen, lassen die Herabwürdigung kampflos über sich ergehen.
Weil Steine, Flaschen und Münzen in seine Richtung geschmissen werden, hält der Schlussmann sich von seinem eigenen Tor fern, verbringt die meiste Zeit außerhalb seines Strafraums, in dem sich mittlerweile eine beeindruckende Menge an Gegenständen angesammelt hatte. Die unzähligen Angriffe der Hausherren landen beinahe ausnahmslos im Netz. Sabino Barinaga, Antonio Alsua Alonso, Curta und Botella schenken ihm einen Treffer nach dem anderen ein, sodass zur Pause ein unglaubliches, ein abgekartetes 8:0 zugunsten Reals auf der Anzeigetafel steht.
Mit gesenktem Haupt schlurfen die Barca-Akteure in die Katakomben. Sie wollen im Anschluss an die Unterbrechung nicht mehr zurück aufs Feld. Bis der einleitend erwähnte Franco-Adjutant das Ansinnen des Führers mittels Androhung von Waffengewalt doch noch durchbringt, die Truppe um den bemitleidenswerten Miro zurück auf den Rasen scheucht. Drei weitere Tore muss der Keeper hinnehmen, eines darf Barcelona schießen. Die denkwürdige Begegnung endet 11:1.
So titelte die Marca nach dem denkwürdigen Spiel - rechts das Endergebnis
Sid Lowe, Autor des Clasico-Buches "Fear and Loathing in LaLiga", ordnet die Demontage in seinem Werk ein: "Elf zu eins, das ist der höchste Sieg, den Real jemals gefeiert hat. In der Geschichte der Blancos wird diese Partie immer wieder als 'majestätisch' dargestellt, die Spieler gelten offiziell als 'Helden'. In der Wahrnehmung der Fans spielt dieser Triumph aber kaum eine Rolle. Sie wissen ja, wie er zustande gekommen ist."
Ganz anders verhält es sich in Barcelona, wie Lowe weiß: "Diese Schmach nimmt in der Historie von Barca eine deutlich wichtigere Rolle ein. Dies war der Moment, als Real Madrid sich erstmals als Verein Francos demaskierte. Es war das prägendste Ereignis in der Rivalität der Beiden."
Dabei darf allerdings nicht außer Acht gelassen werden, dass selbst beim FC Barcelona schon seit 1936 teils glühende Franco-Gefolgsleute das Präsidentenamt bekleideten.
Der letzte Chef, der nicht "auf Linie" mit dem Caudillo war, wurde während des Bürgerkrieges, am 6. August 1937, von Truppen des Diktators hingerichtet. Sein Name: Josep Sunyol, zuvor als Anwalt und Journalist tätig. Der Sohn einer wohlhabenden katalanischen Familie engagierte sich in der linksgerichteten Partei "Esquerra Republicana", außerdem gründete er das ebenfalls als linksliberal geltende Sportmagazin "La Rambla". Eine politische Gesinnung, die damals mit dem Tode sanktioniert wurde.
Der frühere Barca-Präsident Josep Sunyol wurde vom Regime hingerichtet
Im Zuge der Gleichschaltung durch das klerikalfaschistische Regime wird Enrique Pineyro Queralt 1940 als Präsident installiert, um den Klub zu entpolitisieren, was vielmehr bedeutet, Barca regimetreu zu agitieren. Trotz seiner Loyalität ist Queralt nach dem 1:11 in Madrid dermaßen desillusioniert, dass er seinen Posten freiwillig räumt.
"Die Behörden ernannten danach Colonel Vendrell zum neuen Präsidenten, obwohl dieser nie Fußballfan gewesen war, noch nicht einmal ein Spiel verfolgt hatte. Er bekam den Auftrag, die Beziehungen zu Madrid zu verbessern", erklärt Xavier Garcia Luque, Herausgeber des Buches "El Caso Di Stefano" gegenüber Goal.
Luque führt weiter aus: "Bei Real wurde der Präsident ebenfalls ausgetauscht. Santiago Bernabeu, der sein komplettes Leben schon bei den Königlichen tätig war, übernahm. Er kannte Real aus dem Effeff, wusste ganz genau, wie er den Verein, der damals höchstens durchschnittlich war, an die Spitze Europas bringt. Außerdem umgab er sich mit vielen Schlüsselfiguren des Regimes, was sicherlich auch zuträglich war."
Wie exzellent sich Los Merengues tatsächlich unter dem späteren Namensgeber des neuen Stadions entwickelten, ist hinlänglich bekannt. Real zählt zu den erfolgreichsten Mannschaften überhaupt, vereint seither die besten Spieler des Planeten. Egal, ob Alfredo di Stefano, Ferenc Puskas, Francisco Gento, Zinedine Zidane oder Cristiano Ronaldo, die Madrilenen stehen wie kaum ein anderer Verein für das Extraordinäre. Das Konstrukt ist schon lange kein handelsüblicher Fußballklub mehr, Real hat sich als Global Player, als galaktische Weltmarke etabliert.
Und so können die Fußballbegeisterten, die verzückt über die Schönheit des Spiels, das Erhabene, das Real Madrid ausstrahlt, innehalten, das, was sich 1943 im Chamartin abgespielt hat, kaum greifen. Einen Gegner mit Androhung von Vergeltung zum Verlieren zu bewegen, Kontrahenten einzuschüchtern, zu indoktrinieren, übersteigt die Vorstellungskraft.
Umso beruhigender, dass der Clasico, das Spiel der Spiele, 74 Jahre nach den skandalösen Ereignissen von Madrid, ausschließlich mit sportlichen und nicht mit tatsächlichen Waffen entschieden wird, etwaige Demütigungen ohne Hinterzimmergemauschel nur auf dem Platz stattfinden. Weil die unbändige Rivalität geblieben ist. So, wie sich das für ziemlich beste Feinde gehört.
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