Liverpool-Trainer Jürgen Klopp fragt sich immer noch, warum. Er fragt sich, wie es sich wohl angefühlt hätte. Er versucht, sich vorzustellen, wie sein Sohn reagiert hätte. Denn als Vater stand er nicht vor der Schule, als sein Sohn zum ersten Mal dorthin musste. Der vom Stürmer zum Verteidiger umgeschulte Kicker ging an diesem Tag beim damaligen Zweitligisten Mainz 05 zum Training.

Er hat es im Nachhinein immer bedauert, dass er sich so entschieden hat, nur um die Regeln einzuhalten. Aber aus jeder schlechten Erfahrung scheint Klopp zu lernen, zu wachsen. Ein Jahrzehnt später, als Klopp selbst der Trainer war, bekam deshalb Mittelfeldspieler Fabian Gerber sofort einen Tag frei, um an der Geburtstagsfeier seiner Mutter teilnehmen zu können – auch wenn das in der Macho-Kultur der Bundesliga in den Neunzigern für viel Aufsehen gesorgt hätte.

Klopp macht die Dinge auf seine Art und Weise. Und dazu gehört vor allem, dafür zu sorgen, dass sich Andere wohlfühlen. Er möchte, dass sich die Leute frei fühlen – frei von dem Druck, immer auf der Suche nach Bestätigung von Außen zu sein. Das ist einer der wichtigsten Aspekte seiner Herangehensweise als Trainer. 

“Die geschäftliche Seite des Fußballs ist für die Spieler nicht jeden Tag schön”, sagt der 50-Jährige Goal.

“Wenn man sich nur wie eine Nummer fühlt, wenn man meint, dass man nur geliebt wird, wenn man Bestleistung bringt, fühlt man sich nicht gut. Deshalb versuche ich, dass sich die Spieler von der Kritik von Außen abkoppeln.” 

“Kritik ist wichtig. Aber sie hat immer die Tendenz, entweder zu negativ oder zu positiv zu sein. Man macht drei Tore und alle sagen ‘Fantastisch! Wie hat sich das angefühlt?’. Niemand interessiert sich für den, der den entscheidenden Pass gespielt hat oder den, der das andere Tor gemacht hat.“

“Ich als Trainer weiß dann schon, dass der Spieler im nächsten Spiel nicht wieder drei Tore machen wird. Damit muss man umgehen können. Deshalb ist es eine der wichtigsten Aufgaben meiner täglichen Arbeit mit der Mannschaft, den Spielern zu helfen, ein unabhängiger und selbstbewusster Mensch zu sein.“

Von den kritischen Stimmen und den Jubelstürmen unbeeindruckt zu bleiben, ist etwas, das Klopp selbst während seiner 17-jährigen Trainerkarriere, die ihm bislang viele Erfolge brachte, lernen musste: Er schaffte mit Mainz den historischen Aufstieg, mit Borussia Dortmund zwei Meisterschaften in Serie. Allerdings gab es natürlich auch Momente, in denen er stark unter Druck stand – so wie in der Winterpause der Saison 2014/15, als sich die Borussia mitten im Abstiegskampf befand. “Das war schlimm”, erinnert er sich. 

Aber Klopp blieb überzeugt von seinen Methoden. “Ich habe gesagt: ‘Ich glaube nicht, dass ich viele Fehler gemacht habe.’ Und die Leute haben gesagt: ‘Jetzt hat er völlig den Verstand verloren.’ Ich habe außerdem gesagt, dass ich als Trainer besser als noch vor drei Jahren bin. Niemand wollte das hören, aber das war egal. Wir waren von uns überzeugt und haben so lange weitergemacht, bis es wieder funktioniert hat.”

Dortmund kam stark zurück und belegte am Ende den siebten Platz, der zur Qualifikation zur Europa League reichte. Klopps unerschütterliches Selbstvertrauen wurde ein paar Monate später mit Zahlen unterfüttert, als die Statistikabteilung ihm zeigte, dass Dortmund in der schlimmen Hinrunde “die seltsamste Saison aller Zeiten” gespielt hatte. Der BVB hatte die zweitmeisten Chancen herausgespielt und die zweitwenigsten Möglichkeiten für die Gegner zugelassen. Aber unerklärlicherweise gelang es dem Team nicht, die den Chancen entsprechenden Treffer zu erzielen. Und auf der anderen Seite führte fast jeder Schuss des Gegners zu einem Gegentor.

“Keine Zweifel haben”, unterstreicht er. “Man kann immer etwas in Frage stellen, aber man darf nie Zweifel haben. Wir müssen auch Fragen stellen, wenn wir gewinnen. Ich erwarte keine Perfektion von mir oder meinem Team, aber es ist ganz normal, dass man Fragen stellt.”

“Auch nach einem Sieg fragen wir uns sofort, wie wir das nächste Spiel beginnen sollen, wie wir die Form halten können und so weiter. Das sind für mich keine Zweifel. Es ist nicht so weit gekommen, dass ich dachte ‘Mein Gott, was kann ich der Mannschaft jetzt sagen?’ Es gibt immer Erklärungen und Antworten.”

Die Inspiration für seine stoische Einstellung kommt dabei aus einer ungewöhnlichen Ecke: Als Teenager las Klopp gerne ‘Clever and Smart’, einen Comic über zwei Geheimagenten, die regelmäßig das Unglück anziehen und trotz aller Verletzungen, die sie erleiden, im nächsten Bild wieder unbeschadet auftauchen. 

“Die kurze Regenerationszeit der Beiden war brillant”, sagte er Journalisten in Mainz im Jahr 2005. “Es war egal, ob sie von einer Dampfwalze überrollt wurden oder von einer 800 Meter hohen Klippe gefallen sind – es ging einfach immer weiter!” Oder, um es mit anderen Worten zu sagen: Es gibt immer das nächste Spiel, in dem man es besser machen kann.

Aber es gibt doch sicherlich auch Tage, an denen die ausgestrahlte positive Stimmung abflaut, zumindest ein kleines Bisschen? Gehört nicht auch ein wenig Schauspielerei zum Trainerberuf dazu, weil man immer Optimismus verbreiten muss? 

Klopp, der sich das Witzeerzählen aneignete, indem er sich Kassetten von Kabarett-Auftritten anhörte und später im Schwarzwald an der weiterführenden Schule Theater spielte, streitet ab, dass es nötig ist, in der Kabine eine Rolle zu spielen. 

“Ich schauspielere nie”, sagt er und erinnert sich an den Tag im Februar 2001, als er über Nacht vom Spieler zum Trainer in Mainz wurde – mitten im Abstiegskampf, in dem es wenig Hoffnung gab. “Ich erinnere mich daran, dass ich gesagt habe, dass das die beste Mannschaft von Mainz war, in der ich je gespielt habe. Und dass es schwer für mich wäre, als Spieler überhaupt in die Startelf zu kommen. Ich war von der Qualität des Teams richtig überzeugt und deshalb musste ich selbst nichts mehr machen. Ich musste den Spielern nur das vermitteln, von dem ich überzeugt war. Und irgendwann haben sie dann begonnen, mir zu glauben.”

Nachdem Klopp die Raumdeckung seines Mentors Wolfgang Frank wieder eingeführt hatte, gelang der Klassenerhalt in dieser Saison. Danach verpasste der Klub zweimal in Folge den Aufstieg hauchdünn, bevor der Sprung in die Bundesliga im dritten Anlauf schließlich gelang.

“Mir war klar, dass ich keine Erfahrung als Trainer hatte, aber ich war so begeistert von der Chance, die ich bekam, dass ich nie daran dachte, dass ich auch entlassen werden könnte. Mir ist erst Jahre später klargeworden, dass mir niemand eine zweite Chance gegeben hätte, wenn Mainz mich rausgeworfen hätte. Das war schon ein wenig ein Himmelfahrtskommando.”

Wenn man Klopps Begeisterung für den Fußball hört, fällt es schwer zu glauben, dass es auch eine Phase gab, in der ihm der Sport keinen großen Spaß mehr machte. Er spielte als durchschnittlich talentierter, schlechtbezahlter Stürmer und Abwehrspieler für Mainz in der unteren Tabellenregion der 2. Bundesliga in den Achtzigern und Neunzigern. Fußball kam ihm meist wie ein “Überlebenskampf” vor.  

“Ich hatte keinen anderen Job. Ich musste lernen, mit diesem Druck umzugehen und ich musste immer mit mir kämpfen, weil ich wegen meines fehlenden Talents meist frustriert war”, sagt er. Als Kind und Heranwachsender hatte er für seinen Dorfverein TSV Glatten im Schwarzwald geglänzt und danach beim TuS Ergenzingen. Klopp hatte aber schnell verstanden, dass es richtig schwer werden würde, um es zum Profi zu schaffen. 

“Ich bin zu einem Probetraining zu Eintracht Frankfurt gekommen und habe mich umgesehen: ‘Oh, die sind richtig gut.’ Ich habe Andi Möller gesehen. Der war gleichalt, wie ich damals 19 Jahre alt. Ich habe mir gesagt: ‘Wenn das Fußball ist, mache ich einen komplett anderen Sport.’ Er war Weltklasse. Ich war noch nicht mal irgendeine Klasse.” 

Klopp fand seine echte Bestimmung erst, als er die Schuhe gegen die Taktiktafel tauschte und das schaffte, was man gerne als Gesamtkunstwerk bezeichnet: ein hochentzündliches Gemisch aus spektakulärem Angriffsfußball, eine besondere Verbindung zu seinen Spielern und auf den Tribünen Fans, die sich die Seele aus dem Leib schreien. Das war in Mainz so, in Dortmund auch – und nun geschieht es in ähnlicher Weise an der Anfield Road. 

“Dass man eine Situation schafft, in der sich jeder wichtig fühlt, jeder weiß, was er machen muss, man sich gegenseitig respektiert und jeder sich gebraucht fühlt: So sollte es im Leben sein”, sagt Klopp über seine Versuche, den Verein zu einer Einheit zu machen, die dann die Ziele erreichen kann.

“So sollen sich die Leute an die Zeit, die man in einem Fußballverein verbracht hat, erinnern. Für mich ist das Leben eine Ansammlung von Erfahrungen, guten und schlechten. Ich bekomme eine Gänsehaut, wenn ich mich an die guten erinnere. Und das ist richtig cool. Vielleicht ist das eine Überlebenstechnik. Wenn andere Leute das Gleiche fühlen, sind wir zusammen auf einer großen Reise. Und wenn wir dann zurückblicken, können wir nicht anders und müssen grinsen.”

“Deshalb muss man dafür sorgen, dass sich jeder als Teil des Projekts versteht. Das ist leicht für mich, denn ich weiß, dass die Fans sehr wichtig sind. Vielleicht sehen andere Leute manche Sachen anders und vergessen die Fans manchmal, aber ich vergesse nie die Leute, die wichtig für uns sind. Es ist leicht für mich, ihnen den Respekt zu geben, den sie verdient haben.” 

Jürgen Klopp ist Teil der Kampagne "New Balance Fearlessly Independent Since 1906". Klicke hier, um mehr zu erfahren!