Depressionen im
Profi-Fußball: Gefangen
im Kosmos der
Männerideale

Von Dennis Melzer

Die Gänge, durch die der junge Mann an diesem verhängnisvollen Morgen schlendert, sind verwaist. Normalerweise herrscht hier reges Treiben, eine Komposition aus Erzählungen über hübsche Mädchen und pantomimische Darstellungen, wie man seinen Gegenüber noch vor wenigen Minuten auf dem Trainingsplatz vernascht hat. Das Lachen Heranwachsender aus aller Welt, die ihren Traum leben, die diese Gemäuer in der Mailänder Via Camillo Sbarbaro als ihr Zuhause akzeptieren. All das hat sich gerade in den Frühstücksraum verlagert, wo Martin Bengtssons Teamkollegen sich auf einen trainingsintensiven Tag vorbereiten. Er ist alleine. Nein, dieser Ort wird nie seine Heimat sein.

Vielmehr fühlt sich das, was er früher als Privileg verstanden hatte, so falsch an. In seinem Kopf pocht es, ein unbändiges Hämmern, erschütternde Gedanken, die bereits eine Zeit lang wuchern wie synaptische Schlingpflanzen und schließlich die Kontrolle übernehmen. Die Entscheidung ist gefallen: Er will sein Leben beenden, ein Leben, das von außen betrachtet so sorgenfrei und erstrebenswert wirkt. Angehender Fußballprofi bei Inter Mailand.

Sein Handy hat Martin schon vor Tagen ausgeschaltet, die melancholische Musik von Kurt Cobain und Nick Drake waren jüngst der Halt. Die beiden Songwriter, die in jungen Jahren Selbstmord begingen, Cobain mit einem Kopfschuss, Drake mit einer Überdosis Schmerzmittel. Sie dienen auch in letzter Konsequenz als Vorbilder. Bengtsson betritt sein kleines Zimmer, wankt ins Bad. Ein letztes Mal Durchatmen, bis die Rasierklinge seine Haut durchdringt und die Pulsadern kreuzt. Blut, Dunkelheit.

Der Schwede überlebt und wacht unter dem kalten Neonlicht einer Intensivstation auf. In diesem Moment wird ihm klar: Wenn mein Leben hier noch nicht enden sollte, dann wenigstens die Fußball-Karriere. Doch was treibt einen talentierten 18-Jährigen in die Depression, lässt alles so ausweglos erscheinen, dass der Wunsch des Sterbens sich dermaßen konkretisiert?

Goal hat sich auf Ursachenforschung begeben, mit Bengtsson, Ex-Schiedsrichter Babak Rafati und Sportpsychologin Marion Sulprizio über Depressionen im Fußballsport gesprochen - und die Probleme der Branche sowie den Umgang mit einer Krankheit, die immer noch als Tabuthema behandelt wird, diskutiert.

Bengtsson, der sich nach seinem Suizidversuch von seiner einstigen Leidenschaft lossagt, hat sich mittlerweile ganz und gar den Bildenden Künsten verschrieben, arbeitete zeitweise als Journalist, schrieb Songs in Berlin und studierte Dramaturgisches Schreiben an der Theater-Akademie in Malmö sowieLiterarische Komposition in Göteborg. Eine Vorliebe für das Schöngeistige, die ihm schon immer innewohnt, die er während der Zeit als aufstrebender Fußballer aber gezwungenermaßen unterdrückt.

"Mein Vater war Theater-Schöpfer und meine Mutter Produzentin einer Tanz-Kompanie. Es ging also zuhause sehr kulturell zu. Bücher und Musik spielten eine große Rolle. Fußball war nur eines von vielen Spielen", sagt er im Gespräch mit Goal.

Irgendwann nimmt der Sport allerdings eine größere Rolle in Martins Leben ein, er arbeitet hart, um Profi zu werden, will seinem großen Idol Thomas Brolin nacheifern, der mit seinen Leistungen für Schwedens Nationalmannschaft bei der WM 1994 bleibenden Eindruck beim kleinen Bengtsson hinterlässt.

Er trainiert fünfmal die Woche hart, zwingt sich dazu, auf gesundes Essen umzusteigen. Erstligist Örebro SK erkennt die außergewöhnlichen Fähigkeiten und nimmt ihn unter Vertrag. Als 16-Jähriger debütiert er für die Profis, kurz darauf werden die Nerazzurri-Verantwortlichen bei seinem Agenten vorstellig.

"Ich weiß nicht, wann sie mich das erste Mal spielen sahen, aber 2003 traten sie dann an meinen Berater heran, als ich in der ersten schwedischen Liga spielte", erklärt er und erinnert sich: "Inter war damals einer der größten Klubs der Welt. Ich war super glücklich, als ich die Chance bekam und obwohl ich mir der Schwierigkeiten, die es mitbrachte, so jung in ein anderes Land zu gehen, bewusst war, war die Entscheidung letztlich einfach."

Der Weg einer glanzvollen Karriere scheint jener Tage geebnet. Gleich in seinem ersten Training mit der ersten Mannschaft düpiert Bengtsson den Weltklasse-Verteidiger Marco Materazzi, die Gazetten wollen schon nach wenigen Trainingseinheiten und Spielen in dem Neuankömmling den aufgehenden Stern am Serie-A-Himmel ausgemacht haben.

"Ich wurde toll angenommen von ihnen und auch dem ganzen Personal", verrät der heute 31-Jährige. Alles läuft nach Plan, bis sich Bengtsson eine Meniskusverletzung zuzieht und vier Monate pausieren muss. "Während meiner Knieverletzung, verfiel ich in meine Depression. Die Krankheit warf existenzielle Fragen auf: Wer bin ich, wenn ich nicht Fußball spiele? In der Sommerpause entdeckte ich auf einem Festival Musik, die mich tief berührte. Der Konflikt zwischen meiner künstlerischen und meiner Seite als angehender Fußballprofi wuchs anschließend immer weiter."

Bengtsson kauft sich eine Gitarre und komponiert eigene Songs, widmet sich dem Schreiben von Gedichten. Als Ausgleich dafür, nicht auf dem Platz stehen zu können. Plötzlich hinterfragt der U-Auswahlspieler der Tre Kronor seinen bisherigen Werdegang. Bengtsson wiegt das Leben in einem "Gefängnis", wie er das Jugendinternat Interello bezeichnet, wo "rigide Kontrollen durch den Verein herrschten, weil es einen Monat zuvor einen Vorfall mit neuen Spielern gegeben hatte", die beim Kiffen erwischt wurden, gegen eine freie, selbstbestimmte und kreative Adoleszenz auf.

Eines Tages kehrt Martin nach einem Freundschaftsspiel mit der Nationalmannschaft zurück nach Mailand und findet ein aufgeräumtes Zimmer vor. Songs, Gedichte, Bilder, alles war von den Reinigungskräften auf Befehl des Klubs entfernt worden, weil "das Zimmer eines Profifußballers so nicht aussieht."

Die Aufräumaktion ist der viel zitierte letzte Funke, der Bengtssons kleine Welt in Flammen setzt: "Es hat mich gebrochen, was vor allem daran lag, dass ich schon vorher verwirrt und teilweise gebrochen war. Ich hatte mich in jederlei Hinsicht verloren. Gedanken über Identität und Wege, sich auszudrücken, hatte ich zu diesem Zeitpunkt schon seit Monaten. Ich war an einem Punkt, an dem ich wusste, dass die Kunst zu mir gehört. Dann auf diese Weise bezichtigt zu werden, nicht professionell zu sein, war schlimm und hat mir gezeigt, dass ich nicht in die Fußball-Welt gehöre."

Die Fußball-Welt, dieser eigene reaktionäre Kosmos, eine kleine Enklave, wo das Rollenbild des Mannes noch klar, dafür aber umso rückständiger definiert ist: "Ich konnte meine Gefühle nicht ausdrücken, da ich wusste, dass es in dieser Umgebung als Mann ein Tabu war. Dieses Tabu bestand zu großen Teilen aufgrund der Gepflogenheiten junger Männer, aber auch durch eine generelle Kumpel-Kultur, die herrscht, wenn Männer in einer Gruppe aufeinandertreffen. Dieses Problem geht über den Sport hinaus, aber speziell im Fußball existiert der Nährboden für Dummheit, Sexismus und Homophobie", sagt Bengtsson, der "aus Angst als schwach zu gelten", damals keine professionelle Hilfe in Anspruch nehmen will.

Dabei ist auffällig, dass die Angst, Schwäche zu zeigen, sich wie ein roter Faden durch die Erzählungen zieht, als ständige, unsichtbare Bürde. Nicht nur in Bengtssons Fall, sondern auch in Rafatis, mit dem Goal ebenfalls über das heikle Thema gesprochen hat. Der Bundesliga-Schiedsrichter wird im November 2011 mit aufgeschnittenen Pulsadern von seinen Schiri-Assistenten und einer Servicekraft in einem Kölner Hotelzimmer gefunden. Ein abgebrochenes Sektglas hatte als Werkzeug hergehalten.

Zwei Tage nach dem beispiellosen Vorfall titelt die Bild-Zeitung, Rafatis Selbstmordversuch habe nichts mit dem Fußball zu tun, "private Gründe" sollen den Ausschlag gegeben haben. Der Verband hält sich indes bedeckt, lässt nur verlauten, dass bei dem Unparteiischen ein Krankheitsbild diagnostiziert worden sei, das eine weitere stationäre Behandlung notwendig mache.

"Ich habe es zu keiner Zeit bemerkt, weil uns diese Krankheit absolut fremd war und wir die Symptome nicht zuordnen konnten", sagt Rafati im Gespräch mit Goal. Er glaubt, "die Symptome kennt jeder gelegentlich: Antriebslosigkeit, Schlaflosigkeit, panische Angst, Fehler zu machen, Selbstzweifel und andere körperliche Beschwerden."

Was aber, wenn ebenjene Anzeichen, die vielleicht sogar zunächst für harmlos befunden werden, nicht mehr ab und zu auftreten, sondern einen festen Teil im Leben eines Menschen einnehmen? Was, wenn all das, was sich monatelang angestaut hat, plötzlich zutage tritt? "Mir wurde der Boden unter den Füßen weggerissen. Ich wurde zu einem anderen Menschen, entfernte mich immer mehr von mir selbst und meinen Liebsten und schaute nur darauf, was die Außenwelt von mir wollte und bemerkte gar nicht, was es mit mir machte", schildert Rafati und ergänzt:

"Ich spürte keine Selbst- und Nächstenliebe mehr. Eine Abspaltung zu mir selbst und meiner Familie. Somit wurde ich von Tag zu Tag unberechenbarer. Eine tickende Zeitbombe."

Wird zunächst vermutet, dass Rafatis Depression nicht in Zusammenhang mit seiner Tätigkeit als Bundesliga-Schiedsrichter steht, kristallisiert sich in den folgenden Jahren mehr und mehr heraus, wie sehr der Leistungsdruck als Nährboden dient. "Das spielt eine sehr große Rolle. Aus eigener Erfahrung kann ich aber sagen, dass Leistungsdruck ein Stressverstärker ist und ich mir diesen ganz allein gemacht habe. Heute vermittle ich die Botschaft: Niemand, absolut niemand ist in der Lage, uns zu verletzen oder zu stressen, nur wir selbst lassen das zu."

Marion Sulprizio, Leiterin der Koordinationsstelle von MentalGestärkt, einer Initiative für psychisch kranke oder gefährdete Fußballprofis, differenziert diesbezüglich gegenüber Goal: "Aus der Sicht der Sportpsychologie kommen Depressionen nicht häufiger vor als in der Normalbevölkerung. Allerdings auch nicht seltener." Andererseits weiß die Diplom-Psychologin: "Es gibt im Leistungssport aber auch eine Reihe von belastenden Faktoren, mit denen die Athleten zurechtkommen müssen. Beispielsweise Leistung unter Druck abrufen zu müssen, sich ständig von der Presse beobachtet und bewertet zu fühlen. Sport und Beruf unter einen Hut zu bringen, Gewicht zu erhalten oder zu reduzieren. Wer diesen Belastungen nicht genügend Ressourcen entgegen setzen kann, der ist sicherlich anfälliger für Stress, Burnout oder Depression."

Rafati will im Anschluss an seinen Suizidversuch "nicht wahrhaben, dass ich krank sein soll." Vielmehr sträubt er sich dagegen, Hilfe in Anspruch zu nehmen: "Meine Frau hat mich immer wieder in die Therapie verschleppt, da ich nicht im Ansatz bereit war, freiwillig dorthin zu gehen. Dafür habe ich sie damals gehasst und habe ihr massiv mit Trennung gedroht. Das Problem ist, dass kein Mensch wahrhaben will, dass er möglicherweise krank ist und unbedingt professionelle Hilfe benötigt. Heute kann ich rückblickend sagen, dass meine Frau mein erster Sechser im Lotto war, da sie bedingungslos hinter mir stand und mich imaginär aus dem Grab geholt hat."

Rafati spielt damit auf einen zweiten Versuch an, sich das Leben zu nehmen, ehe er die Therapie vollends zulässt, die letztlich auch Früchte trägt. "Es dauerte danach einige Zeit und es war ein steiniger Weg. Erst einmal musste ich geheilt werden. Neben der Unterstützung meiner Frau und der Therapie ging es nach der erfolgreichen Heilung zunächst darum, wieder zurück in den Alltag zu finden. Heute kann ich über mich selbst lachen, ich nehme Dinge achtsam wahr, ich respektiere mich und bin selbst mein bester Freund. Selbst Kritik nehme ich nicht mehr persönlich, sondern versuche etwas daraus zu ziehen, was ich verändern kann."

Heute steht der 47-Jährige auf der anderen Seite, hat gemeinsam mit seiner Frau die Agentur Rafati gegründet, die es sich zur Aufgabe gemacht hat, Betroffenen zu helfen. Der Ex-Schiedsrichter steht Burnout-Patienten aus allen gesellschaftlichen Bereichen als Mentalcoach zur Seite. Auch Profi-Fußballer zählen zu seinen Klienten, erzählt der gebürtige Hannoveraner: "Ein Beispiel: Ein Bundesligaspieler kontaktierte mich über meine Homepage und sagte zu mir: ‚Sie haben das doch auch alles selbst erlebt. Mein Trainer stellt mich nicht auf und mobbt mich, die Mitspieler belächeln mich, mein Spielerberater macht Druck, die Medien hauen drauf. Zuhause habe ich keinen Bock mehr, mit meiner Frau und den Kindern etwas zu unternehmen."

Besagter Spieler profitiert offenbar von Rafatis Erfahrung und Beistand. "Nach einiger Zeit lernte er, dass nicht andere Menschen an seiner Situation schuld sind und er das Verhalten anderer nicht verändern kann. Er akzeptierte sogar das Verhalten seines Trainers und verstand die psychologischen Zusammenhänge. Heute sagt er: ‚Der Trainer kann mich mal. Ich habe gelernt, selbstbestimmt zu leben.' Er hat nunmehr einen Stammplatz und sein Vertrag wurde um zwei Jahre verlängert."

Obwohl die Krankheit endlich ernstgenommen wird, nimmt kaum ein Fußballer professionelle Hilfe in Anspruch. Dieser Schritt scheint nach wie vor die größte Hürde darzustellen - und die Angst davor, die gesellschaftliche Konvention des Mannseins zu erschüttern.

"Bei uns melden sich einzelne Athleten, aber auch Trainer, Verwandte oder Sportpsychologen von Betroffenen, um Hilfe zu suchen", sagt Salprizio und gibt auf die Frage, ob viele die Krankheit aus Scham verschweigen, zu verstehen: "Ich glaube tatsächlich, dass es hier noch eine hohe Dunkelziffer gibt, denn es ist noch nicht in allen Sportarten und -verbänden gesichert, dass man unproblematisch in das System zurückkehren kann, wenn man sich einmal mit einer derartigen Krankheit geoutet hat und eine Pause in ihrem Leistungssport machen musste."

Seit längerem spricht Rafati vermehrt wieder in der Öffentlichkeit, geht unverblümt darauf ein, dass insbesondere beim DFB noch großer Nachbesserungsbedarf herrscht, was die Thematik Depressionen im Fußball betrifft. "Es geht nur darum, zu performen und das viele Geld, was die Fußballer bekommen, soll alles abdecken. Anprangern möchte der Niedersachse seine Verantwortlichen aber nicht für seinen eigenen Fall: "Für den Suizidversuch bin ich ganz allein verantwortlich, denn in dieser Nacht hatte nur ich selbst Blut unter den Fingernägeln. Ich habe damals den Fehler gemacht, mich auf den Kampf mit ihnen einzulassen, den ich nur verlieren konnte, da sie am längeren Hebel sitzen."

Auch er führt die immer wiederkehrende Problematik der Geschlechterrolle an:

"Männerideale, keine Schwäche zuzulassen, stark sein zu wollen - alles Dinge, die ich falsch auslebte und die mich zur Selbstzerstörung führten."

Bleibt die Frage nach der Veränderung, der es dringend bedarf, damit nicht totgeschwiegen wird, was nicht totgeschwiegen werden darf. "Fragen Sie doch mal beim DFB nach, ob jemand bereit ist, zu erfahren, was schief läuft und daraus resultierend im Profifußball entsprechende Veränderungen vornehmen möchte", sagt Rafati und prophezeit: "Wenn die Verantwortlichen im Fußball entschlossen sind, hat er die notwendige Strahlkraft und entsprechende Reputation, sich diesem gesellschaftspolitischen Thema anzunehmen und dieses zu meistern."

Im Februar 2014 führt Rafati einen löblichen Kampf gegen Windmühlen, im Nürnberger Zeitungs-Cafe Hermann Kersten liest er aus seinem Buch "Ich pfeife auf den Tod" vor, Martin Bengtsson gibt einen kleinen Gig in der deutschen Hauptstadt und zahlreiche engagierte Menschen wie Marion Sulprizio stehen dafür ein, etwas zu ändern. Fünf Monate später wird Andreas Biermann, einst Fußball-Profi beim FC St. Pauli und Union Berlin, tot in seiner Berliner Wohnung aufgefunden. Er hat den Kampf gegen die Depression verloren.