EM-Geschichte: Die Endrunde 2004

Die Endrunde 2004 brachte einer der größten Sensationen der EM-Geschichte hervor - Otto Rehhagel führte den krassen Außenseiter Griechenland zum Titel.
GASTGEBER - PORTUGAL

1999 erhielt Portugal den Zuschlag und den Vorzug vor den Konkurrenten Spanien sowie Österreich/Ungarn (die sich als Co-Gastgeber beworben hatten) und durfte die im Jahr 2004 stattfindende zwölfte Europameisterschaft austragen.

Das Turnier wurde zwischen dem 12. Juni und dem 4. Juli ausgetragen - und zwar in zehn Städten: Aveiro (Estadio Municipal de Aveiro), Braga (Estadio Municipal de Braga), Coimbra (Estadio Cidade de Coimbra), Guimaraes (Estadio D. Afonso Henriques), Faro/Loule (Estadio Algarve), Leiria (Estadio Dr. Magalhaes Pessoa), Porto (Estadio do Dragao and Estadio do Bessa Seculo XXI) und Lissabon (Estadio da Luz and Estadio Jose Alvalade).

Die Eröffnungszeremonie stand dabei ganz im Zeichen der großen Entdecker der portugiesischen Geschichte. So ließ man eine Schiffsattrappe durch einen See von Fahnen der Teilnehmer gleiten -  was die griechischen Medien und Fans dazu veranlasst haben dürfte, ihrem als Außenseiter gehandelten Nationalteam den Spitznamen „Das Piratenschiff“ zu geben, weil es den begehrten Pokal gewissermaßen der europäischen Fußball-Elite „geklaut“ hat.

QUALIFIKATION

DIE SCHLAGZEILEN AUS DEM JAHR 2004...
* Südafrika wird als Ausrichter der WM 2010 ausgewählt

*  Die französische Nationalversammlung verabschiedet ein Gesetz, das das Tragen und Zurschaustellen von religiösen Gegenständen oder Kleidungsstücken verbietet

* Michael Schumacher gewinnt den fünften Formel-1-Titel in Folge und den siebten seine Karriere. Damit wird er zum erfolgreichsten Fahrer überhaupt

* Eine der schlimmsten Naturkatastrophen aller Zeiten wird durch ein Erdbeben im Indischen Ozean ausgelöst, in dessen Folge eine riesige Tzunami-Welle größe Teile der dortigen Region zerstört

* Portugals Männer gewinnen bei der Olympiade in Athen die Silbermedaillen im 100-Meter-Lauf (Francis Obikwelu) und im Straßenradsport (Sergio Paulinho)
50 Konkurrenten mussten sich um die 15 zu vergebenden EM-Plätze streiten, während Portugal als Gastgeber automatisch dabei war. Die Teams wurden in zehn Gruppen aufgeteilt, von denen die Sieger ein Ticket für die Endrunde erhielten. Zudem traten die Zweitplatzierten in einer Play-off-Runde gegeneinander an, um die verbleibenden fünf Teilnehmer zu ermitteln.

Die Franzosen marschierten souverän und ohne Punktverlust durch die Gruppe 1, dabei erzielte die Equipe 29 Tore und musste lediglich zwei Gegentreffer hinnehmen. Die zweitplatzierten Slowenen lagen am Ende zehn Punkte hinter Frankreich. In Gruppe 2 hingegen war es wesentlich enger, Dänemark sicherte sich einen Zähler vor Rumänien und Norwegen, das den zweiten Rang belegte, den Gruppensieg.

Die ungeschlagenen Tschechen gewannen die Gruppe 3  vor den Niederländern, die sie in Prag mit 3:1 besiegten.

In Gruppe 4 ließ Schweden Lettland einen Punkt hinter sich, während Deutschland die Gruppe 5  ohne Niederlage vor Schottland als Tabellenführer beendete.

Griechenland setzte sich einen Zähler vor Spanien in Gruppe 6 durch, mit dem gleichen Abstand ließen die ungeschlagenen Engländer in Gruppe 7 die Türkei hinter sich. In Gruppe 8 gab es einen Dreikampf, an dessen Ende Bulgarien die direkte Qualifikation erreichte und Kroatien auf Platz zwei vor Belgien landete. Italien landete in Gruppe 9 vor den Walisern auf Rang eins, Gleiches gelang den Schweizern in Gruppe 10, in der sich Russland mit dem Platz dahinter begnügen musste.

In den Play-offs musste die Niederlande in Schottland eine überraschende 0:1-Niederlage hinnehmen, konnte nicht zuletzt dank eines Hattricks von Ruud van Nistelrooy im Rückspiel in Amsterdam aber mit 6:0 gewinnen. Zudem setzte sich Kroatien gegen Slowenien durch (1:1 und 1:0), und auch Spanien (2:1 und 3:1 gegen Norwegen), Russland (0:0 und 1:0 gegen Wales) sowie Lettland (1:0 und 2:2 gegen die Türkei) konnten ein EM-Ticket ergattern.

ENDRUNDE

TOP-TORJÄGER
                              
Milan Baros
R. van Nistelrooy
Wayne Rooney
J. Dahl Tomasson
A. Charisteas
Frank Lampard
Henrik Larsson
Zinedine Zidane
Nation            
Tschechien
Niederlande
England
Dänemark
Griechenland
England
Schweden
Frankreich
Tore
5
4
4
3
3
3
3
3
Die Euro 2004 hatte einige Überraschungen parat, wobei die größte natürlich der EM-Sieg Griechenlands war. Deutschland, Italien und Spanien mussten bereits in der Vorrunde die Segel streichen. Portugal wurde im Eröffnungsspiel geschockt - und zwar nicht zum letzten Mal. Frankreich wurde im Viertelfinale von Griechenland ausgeschaltet, befand sich aber in bester Gesellschaft.

Griechenland besiegte im Auftaktmatch Portugal mit 2:1, und nur die wenigsten hätten damit gerechnet, dass diese beiden Teams auch im Finale wieder aufeinandertreffen würden. Aber Portugal erholte sich schnell von dem Schock und gewann die Gruppe A, während die Griechen vor Spanien und Russland auf dem zweiten Platz landeten.

Frankreich gewann in Gruppe B gegen England mit 2:1 und stürmte ungeschlagen an die Tabellenspitze, die Briten - mit einem 18-jährigen Wayne Rooney - folgten ihnen dank Siegen gegen die Schweiz und Kroatien ins Viertelfinale.

In Gruppe C gab es drei punktgleiche Teams, von denen Schweden als Gruppensieger hervorging, während Dänemark vor Italien auf Rang zwei landete.

Tschechien und die Niederlande setzten sich in Gruppe D durch, wobei das Team von Coach Karel Brückner alle drei Partien gewinnen konnte. Wie erwartet schloss Lettland die Vorrunde als Letztplatzierter ab, die große Überraschung war aber das Ausscheiden der Deutschen, die nicht ein Spiel gewinnen konnten.

Ab dem Viertelfinale kam es zum ersten und einzigen Mal zur Anwendung des „Silver Goals“. Stand es nach der regulären Spielzeit unentschieden und erzielte ein Team in der ersten Halbzeit der Verlängerung einen Treffer, hatte der Gegner bis zur Pause Zeit, den Ausgleich zu erzielen - andernfalls hätte die führende Mannschaft gewonnen. Bei Gleichstand wäre es in die zweite Halbzeit der Verlängerung und in ein eventuelles Elfmeterschießen gegangen.

Das erste Viertelfinale ging auch sogleich in die Verlängerung, nach 90 Minuten stand es zwischen Portugal und England 1:1, nach der Verlängerung 2:2 - beide Tore fielen in der zweiten Hälfte der Zusatz-Spielzeit. Im Elfmeterschießen verlor - wie sollte es anders sein - England mit 5:6.

Auch zwischen Schweden und der Niederlande gab es ein Elfmeterschießen, nachdem in den 120 Minuten zuvor kein Treffer fiel - „Oranje“ gewann letztlich mit 5:4. Zudem setzte sich Tschechien mit 3:0 gegen Dänemark durch, Frankreich musste sich nach einem Tor von Angelos Charisteas gegen Griechenland mit 0:1 geschlagen geben.

Im Halbfinale schossen Cristiano Ronaldo und Maniche Portugal gegen die Niederlande zum 2:1-Sieg, während Traianos Dellas gegen Tschechien für das einzige „Silver Goal“ der EM-Geschichte sorgte und die Griechen so ins Endspiel beförderte.

DAS FINALE
Portugal - Griechenland 0:1

Während mit dem Finaleinzug von Gastgeber Portugal vielleicht noch zu rechnen war, kam Griechenlands Erreichen des Endspiels einer Sensation gleich. Otto Rehhagels Team hatte wirklich niemand auf dem Zettel - der Sieg im Eröffnungsspiel war schließlich der erste bei einem großen Turnier überhaupt, zuvor konnte man sich lediglich zweimal für einen derartigen Wettbewerb qualifizieren.  Dank disziplinierter Defensivarbeit aber machte man es den Gegnern schwer und kam so mit effektiven Kontern zum Erfolg - die Liste der Opfer wuchs stetig.

So musste Portugal - wie drei Wochen zuvor - auch diesmal die Segel streichen und sich dem „Piratenschiff“ geschlagen geben - obwohl man technisch deutlich überlegen war und ohne Zweifel die besseren Individualisten in den eigenen Reihen hatte.

Das Team von Luiz Felipe Scolari konnte das griechische Abwehrbollwerk nicht überlisten, der Frust unter den Zuschauern war deutlich spürbar - und wurde nach 57 Minuten noch größer: Nach einer Ecke köpfte Angelos Charisteas zum 1:0 ein. Weil Luis Figo, Cristiano Ronaldo, Rui Costa & Co. es auch in der Folge trotz fünf Minuten Nachspielzeit nicht vermochten, noch einmal zurückschlagen, sollte dies der einzige Treffer im Endspiel bleiben - „Euro Harry“ hatte Griechenland zur Europameisterschaft geköpft und Europas Fußballwelt geschockt.

SPIELER DES TURNIERS

Zehn Jahre nach seinem Länderspieldebüt führte Griechenlands Kapitän Theodoros Zagorakis sein Team zu dessen größtem Erfolg. Gegen Teams, die seiner Mannschaft fußballerisch in der Regel überlegen waren, stachelte er seine Mitspieler zu ungeahnten Höchstleistungen an - der pure Siegeswille und der große Kampfgeist waren förmlich spürbar.

Im damaligen Alter von 33 absolvierte er bei der Euro seine 120. Partie im Dress von Griechenland und wurde so zum Rekordnationalspieler seines Landes. Seine Vereinskarriere führte ihn über PAOK Saloniki, Leicester City (mit denen er den League Cup gewann), AEK Athen und Bologna - und auch wenn sein Marktwert vielleicht nicht sonderlich hoch war, hätte das Ansehen größer kaum sein können.

Nachdem Zagorakis seine Fußballschuhe an den Nagel hingen, wurde er Präsident von PAOK und half dem Verein dabei, sich finanziell zu konsolidieren und zu stabilisieren. Dieses Amt hatte er noch heute inne.

HIGHLIGHT DES TURNIERS

In einem denkwürdigen Finale von zwei Teams mit taktischen Gegensätzen war das „Goldene Tor“ von Angelos Charisteas der entscheidende Moment. Dank einer guten griechischen Defensivleistung reichte dieser eine Treffer - und sorgte für einen nicht für möglich gehaltenen EM-Sieg des krassen Außenseiters.

Giourkas Seitaridis hatte zuvor eine Ecke rausgeholt, die Angelos Basinas in die Mitte brachte - wo Charisteas sich gegen Costinha durchsetzte und einnickte.

SPIEL DES TURNIERS
England - Portugal 2:2 n.V., 6:5 n.E.

England erwischte in Lissabon den perfekten Start und ging bereits in der dritten Minute in Führung, als Keeper David James den Ball nach vorne drosch und der Ball bei Michael Owen landete, der zum 1:0 einnetzte. Nach 37 Minuten allerdings musste Wayne Rooney verletzt vom Platz und wurde durch Darius Vassell ersetzt - ein schwerer Rückschlag für die „Three Lions“. Sieben Minuten vor Schluss konnte Portugal schließlich ausgleichen, eine Flanke von Simao Sabrosa landete auf dem Kopf von Helga Postiga, von wo aus die Kugel ins Netz ging - 1:1.

In der 110. Minute Rui Costa hämmerte Rui Costa das Leder zur portugiesischen Führung in die Maschen. Frank Lampard konnte nach einer Ecke zwar noch egalisieren, weil David Beckham und Vassell im Elfmeterschießen aber vergaben, zerstörte Portugals Keeper Ricardo mit seinem Schuss vom Punkt alle englischen EM-Träume.