Von Ricardo Infante bis Erik Lamela: Die Geschichte des Rabona

Einer der spektakulärsten und schwierigsten Tricks des Fußball ist ins Rampenlicht zurückgekehrt. Goal wirft einen Blick zurück auf die Ursprünge des "Rabona".

In journalistischen Kreisen in Italien kursiert die Anekdote, dass der Basketball-Korrespondent der Tageszeitung Corriere dello Sera, Zelio Cucchi, sich in den 1970ern bei seinem Chefredakteur darüber beschwert habe, wie wenig sein Sport in der Zeitung berücksichtigt wird. Er soll seine Ausführungen nicht einmal beendet haben, als Fußball-Journalist Guido Lajolo dazwischengrätschte: "Sei ruhig! Ein 'Roccotelli-Kreuz' ist mehr wert als die gesamte Basketball-Meisterschaft."

Der Wahrheitsgehalt dieser Geschichte ist nicht belegt, ihre Existenz aber beweist zumindest, wie viel Einfluss ein noch immer relativ unbekannter Flügelspieler auf die Geschichte des Calcio hatte. Giovanni Roccotelli gilt für viele in Italien als Erfinder des "incrociata", besser bekannt als "Rabona" - jenem Kunstschuss, mit dem zuletzt Tottenham Hotspurs Erik Lamela für Aufsehen gesorgt hatte, als er damit im letzten Monat in der Europa-League-Begegnung gegen Asteras Tripolis ein Tor erzielte.

Roccotelli, der einst für Cagliari kickte, wurde am 26. September 1976 in einem Spiel der Serie B erstmals bei einer Ausführung des "Überkreuzschusses" von einer Kamera eingefangen. Etwa 16 Monate später, als er für Ascoli spielte, bereitete Roccotelli dann tatsächlich ein Tor mit einem "Rabona" vor. In der gleichen Saison erzielte er später auf diese Weise in einem Spiel gegen Brescia erstmal selbst einen Treffer, und Mitte der 80er netzte Roccotelli mit seinem Trick sogar per Freistoß ein, als er im Pokal mit Nocerina gegen Juve Stabia spielte.

In Italien ist Roccotelli zu einem Synonym für den "Überkreuzschuss" geworden und bekam den Spitznamen "Padre della Rabona" (Vater des Rabona) verliehen. Der Gepriesene selbst behauptet, er habe den Schuss in seiner Kindheit erfunden.

"Eines Tages hatte ich auf der Straße eine unerklärliche Intuition", so Roccotelli in einem Interview mit Il Messaggero. "Der Ball lag zu meiner linken, dann habe ich meinen rechten Fuß hinter das linke Knie befördert und geschossen. Verwundert habe ich zu mir selbst gesagt: 'Oooh, was hast du gemacht?!' Später haben wir einen Namen dafür gefunden, den Rabona. Aber für uns hieß der Schuss 'l'incrociata'."

Roccotelli leitet in Quartu Sant'Elena, eine Stadt in der Nähe von Cagliari, inzwischen seine eigene Fußballschule. Vor der Schule ist eine Wandmalerei zu sehen, auf der er im Trikot Cagliaris seinen legendären Trick vollzieht.

'Padre della Rabona' | Eine Wandmalerei mit Roccotelli vor seiner Fußballschule in Cagliari

Roccotelli sagt, dass er selbst für Pele der Erfinder des Rabona sei: "Vor langer Zeit kam Pele nach Italien und sprach über den Überkreuzschuss. Ich schwöre, dass er gesagt hat: 'Ich weiß, dass es einen guten italienischen Spieler gibt, der Rabonas macht. Ein Kerl mit einem Schnurrbart. Sie haben mir von ihm erzählt.' Wen sonst könnte er gemeint haben als mich? Und ihr könnt euch meine Genugtuung nicht vorstellen!"

Für die meisten Südamerikaner und einen Großteil der Fußballwelt ist jedoch Ricardo Infante der Entdecker des Rabona. Am 19. September 1948 führte Estudiantes gegen Rosario Central mit 2:0, als der Ball gut 30 Meter vor dem Tor vor den Füßen des Angreifers landete. Infante merkte, dass der gegnerische Torwart weit vor dem Tor stand, hatte aber nicht genug Zeit, sich das Leder auf seinen starken rechten Fuß zu legen - so improvisierte er. Mit einem unglaublichen Ergebnis: Er drehte den rechten Fuß um sein linkes Knie und beförderte die Kugel so auf das Tor.

"Der Ball flog in die obere Tor-Ecke, obwohl ich nie geglaubt hätte, dass er dort einschlagen würde", erinnerte sich ein noch immer ungläubiger Infante im Jahr 1998, zum 50. Jahrestag seines Geniestreichs. Aber: "Dieses Tor hat nie die Anerkennung bekommen, die es verdient gehabt hätte. Damals gab es keine TV- und Medien-Berichterstattung von jedem Spiel."

Was erklären würde, warum die Meldung seines Kunstschusses nie Italien erreicht hat. Infantes Erfindung blieb aber trotzdem nicht unbemerkt. So hat ein Foto-Journalisten der Zeitung El Argentino festgehalten, wie der Ball ins Netz fliegt, zudem hat das Blatt El Grafico am nächsten Tag eine Zeichnung abgedruckt, die den Kunstschützen in Aktion zeigt.

El Grafico hat dem Ganzen auch den Namen "Rabona" gegeben. Im Spanischen heißt das umgangssprachliche Wort so viel wie "die Schule schwänzen". El Grafico hat Infantes Tor als einen Akt von unbedarfter Unverfrorenheit interpretiert, wie sie nur Schulkinder an den Tag legen können. Die Zeitung überredete den Schützen dann sogar, sich in einer Schuluniform ablichten zu lassen, um seine Genialität darzustellen. Es war ein origineller Name für einen originellen Schuss, und so gehörte der Ausdruck "Rabona" bald zum festen Inventar des südamerikanischen Fußball-Lexikons.

Trotzdem ist der Name Infante nach wie vor eher ungeläufig. Aber sein Einfluss ist unbestritten. So gehörte der Rabona zum Repertoire eines Diego Maradona, der ihn im Verein und für sein Land erfolgreich einsetzte, um Tore vorzubereiten. Mit Claudio Borghi zelebrierte ein anderer in Italien spielender Argentinier den Kunstschuss ebenfalls, als er sich in den 80ern in seiner Blütezeit befand. Obwohl er zugab, den Rabona nur deshalb perfektioniert zu haben, "weil ich mit links nicht schießen konnte. Ich hatte keine andere Wahl, als den Rabona zu nutzen!"

Auch der frühere italienische Spielmacher Roberto Baggio nutzte den Überkreuzschuss in den 90ern in der Serie A, während Lamela, Angel Di Maria und Ricardo Quaresma moderne Verwender des Rabona sind. Keine Frage, der Rabona hat die Runde gemacht.

Im derzeit teilweise herrschenden Klima von Korruption, Unfairness und Schwalben ist der Rabona ein Ausdruck von Impulsivität, Genialität und Innovation. Er wirkt wie eine willkommene Erinnerung daran, warum Fußball etwas Schönes ist - und daran, warum Basketball immer noch nur auf den hinteren Seiten der italienischen Sportzeitungen zu finden ist.


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