Kommentar: Die Krise von Juventus Turin unter Ciro Ferrara

Ginge es nach den Fans von Juventus Turin, wäre Ciro Ferrara schon seit Dezember 2009 nicht mehr Trainer des italienischen Rekordmeisters. Zu krass ist der Abwärtstrend im letzten Vierteljahr. Trotzdem steht die Führungsriege (noch) in Nibelungentreue zu ihrem Coach. Ein falscher Schritt, wie der Autor dieser Zeilen meint.
Kommentiert von Falko BLÖDING

Turin.
Zwischen Anspruch und Realität klafft dieser Tage bei Juventus Turin eine riesige Lücke. Der italienische Traditionsklub ist in der Serie A auf Rang sechs abgestürzt, aus der Champions League ausgeschieden und auch in der Coppa Italia droht gegen Meister Inter Mailand in dieser Woche das Aus. Von den letzten elf Pflichtspielen verlor Juve acht, lediglich drei Partien entschieden die „Bianconeri“ für sich. Wie konnte es zu dieser Talfahrt kommen? Für die Fans ist klar: Die sportliche Führung hat versagt und Trainer Ciro Ferrara muss endlich weg!

Ferrara schafft die Champions-League-Quali


Rückblende: Es läuft die Rückrunde der Saison 2008/09. Coach Claudio Ranieri ist in Turin umstritten. Zu defensiv seine Spielweise, junge Spieler wie Sebastian Giovinco erhalten zu wenig Einsatzzeit, außerdem ist die Qualifikation für die Königsklasse in Gefahr. Der Klub reagiert, feuert
Ranieri und installiert mit Ciro Ferrara zunächst eine Übergangslösung auf der Trainerbank. Ferrara ist einer mit Stallgeruch, ein Verteidigerikone und ein Symbol für die erfolgreichen 90er Jahre der „Alten Dame“. Ferrara schafft die Wende, Juve qualifiziert sich für die Champions League und der Trainer-Novize darf seinen Posten behalten.

Gelungener Start

In Turin träumte man von einem Erfolgsmodell wie beim FC Barcelona, wo mit Pep Guardiola ebenfalls eine ehemaliger Führungsspieler nationalen und internationalen Erfolg mit sich brachte. Die Saisonvorbereitung läuft vielversprechend. Beim „Peace Cup“ überzeugt Juventus und auch der Start in diese Spielzeit gelingt. Nach sechs Spielen ist Turin noch ungeschlagen und liegt nur einen Punkt hinter Tabellenführer Sampdoria auf Platz zwei. Doch es häufen sich Verletzungen und Ausfälle und Ferrara muss seine Formation häufig umbauen. Dabei macht er Fehler.

Welche Taktik darf’s denn heute sein?


Er wechselt zwischen verschiedenen Spielsystemen hin und her. Mal ist es ein 4-4-2, mal ein 4-3-1-2, mal ein 4-2-3-1. Die Mannschaft ist zunehmend verunsichert, erste Misserfolge stellen sich ein. Die Mannschaft gerät in einen Abwärtsstrudel und Ferrara ist nicht in der Lage, das Ruder herumzureißen. Er verblüfft mit merkwürdigen Aussagen wie jener, dass Regisseur Diego keine Mittelfeldspieler sei, sondern ein Stürmer. Sebastian Giovinco, der hochbegabte und bei den Fans beliebte Offensivspieler, erhält unter ihm noch weniger Einsatzzeiten, als es unter Ranieri der Fall war. Juves Angriffsspiel verdient diesen Namen zeitweise nicht. Chancen werden praktisch nicht herausgespielt, der bemühte Diego kann einem nur Leid tun. Zu allem Überfluss verlieren die Gegner auch noch den Respekt vor dem großen Namen Juventus.

Auch das Management macht (e) Fehler


Juves Krise ist aber nicht allein eine Ferrara-Krise. Auch die sportliche Leitung, die bislang trotz aller Schwierigkeiten zu ihrem Trainer steht, hat sich in den letzten Monaten und Jahren nicht mit Ruhm bekleckert. Die Macher Johann Elkann und Jean-Claude Blanc sind keine Fußballfachleute, wie es der umstrittene Ex-Manager Luciano Moggi war. Dessen Nachfolger Alessio Secco steht wegen seiner Transferpolitik ebenfalls in der Kritik. Das Trio hat vornehmlich die wirtschaftliche Seite im Blick, dazu wurde mit dem Stadionneubau ein ehrgeiziges Projekt abseits des Tagesgeschäfts angeschoben. Auf einen Ersatz für den immens wichtigen Pavel Nedved warten sie dagegen in Turin noch heute, auf der linken Außenverteidigerposition besteht ebenso Handlungsbedarf, wie im Sturmzentrum, wo Amauri nur noch ein Schatten seiner selbst ist. Ein erster Schritt in die richtige Richtung ist mit der Verpflichtung von Roberto Bettega als Generaldirektor gemacht worden.

Hiddink, Benitez, Trapattoni oder Gentile?


An der Ablösung Ferraras führt dennoch kein Weg vorbei. Es muss frischer Wind Einzug erhalten, denn nominell verfügt Juve über eine Mannschaft, die durchaus zu höherem berufen ist. Mit punktuellen Verstärkungen kann die Mannschaft Inter Mailand Paroli bieten. Italienische Sportzeitungen berichten, der 42-jährige sei nur noch im Amt, weil kein hochkarätiger Nachfolger verfügbar ist. Die Namen Hiddink und Benitez werden derzeit am heißesten gehandelt, sie könnten der Mannschaft neues Leben einhauchen. Auch eine Übergangslösung bis zum Saisonende mit einem erfahrenen Recken wie Gentile oder Trapattoni ist im Gespräch. Schlechter kann es jedenfalls kaum werden und die Teilnahme an der Champions League ist ein (finanzielles) Muss.

Hoher Anspruch im Umfeld


Die Verantwortlichen betonen dieser Tage immer wieder, dass sie ihr „Projekt“ mit Ciro Ferrara durchziehen wollen. Doch der Schuss kann gewaltig nach hinten losgehen, wenn im nächsten Jahr die Einnahmen aus der Königsklasse fehlen und keine absoluten Topspieler verpflichtet werden können. Der Anspruch im Turiner Umfeld ist riesig: Immerhin ist Juventus italienischer Rekordmeister und war stets Stammgast im Viertelfinale der Champions League. Es gehört zum Selbstverständnis der Tifosi, dass ihr Klub um Titel mitspielt – und schließlich auch gewinnt! Die Geduld ist daher am Ende.

Eure Meinung: Welche Gründe hat die Krise bei Juve? Welche Lösung(en) favorisiert Ihr?