Spielverlagerung: Gladbach nach dem klaren Sieg gegen Schalke endgültig als Spitzenteam etabliert

Die Kollegen von Spielverlagerung widmen sich diesmal dem Überraschungsteam Borussia Mönchengladbach - und zeigen auf, welch großen Anteil Lucien Favre am Erfolg der „Fohlen“ hat.

Borussia Mönchengladbach begeistert seit Lucien Favres Amtsantritt mit schnellem Ein-Kontakt-Fußball. Oftmals werden die Fohlen auf ihre taktische Disziplin in der Defensive und die Konterstärke rund um ihre Stars Reus und Arango reduziert. Dabei sind sie mittlerweile ein hochmodernes Team, das auch aus dem Spielaufbau aus der Abwehr punktet.

Mönchengladbach. Nach dem 3:0-Erfolg über den FC Schalke 04 steht Gladbach auf dem dritten Tabellenplatz. Doch auch nach dem neuerlichen Erfolgserlebnis stapeln die Verantwortlichen tief. Zu präsent ist noch die Entwicklung der letzten Saison, als die Fohlen erst in allerletzter Sekunde gerettet wurden.

Favre konzentrierte sich zunächst auf die Defensive

Trainer Favre übernahm damals ein Team, das defensiv arg zu wünschen übrig ließ. Sein erstes Augenmerk war die Stabilisierung der eigenen Verteidigung. In zig Trainingsstunden übte er mit seinem Team das Verschieben im 4-4-2 ein, stets im Raum und meist ohne Ball. Seine Mannschaft sollte im Abstiegskampf lernen, das eigene Tor durch Verdichten der Räume im Mittelfeld und Verschieben zu den gegnerischen Außenspielern dicht zu halten.

Bereits nach wenigen Wochen zeigte sein Training die erhoffte Wirkung, die Borussia halbierte die durchschnittliche Anzahl an Gegentoren. Nun übte er mit seinem Team einen schnellen Konterfußball ein. Nach Balleroberung wurden die Bälle schnell nach vorne gespielt, die Stürmer legen sie auf die Außenpositionen ab, welche wiederum die Stürmer in den Raum schickten. Landeten die Pässe in den ersten Spielen noch häufig in den Füßen der Gegner, gewannen sie nach und nach an Genauigkeit. Mit leidenschaftlichem Konterfußball schafften sie den nicht für möglich gehaltenen Klassenerhalt.

Mehr Spielkontrolle in der neuen Saison

Auch in der neuen Saison hält Favre an seinem 4-4-2 System fest. Irrtümlicherweise wird der fünfmalige Meister daher oft auf seine Defensivqualitäten reduziert. Bei einer statistischen Betrachtung wird schnell deutlich, dass diese These nur schwer haltbar ist: Mit durchschnittlich 53% Ballbesitz rangieren sie in der Bundesliga auf den dritten Rang, nur Bayern München (66%) und Borussia Dortmund (54%) dominieren den Gegner stärker. Auch in Sachen Passgenauigkeit (80%) gehören sie als Zweiter zur Elite der Liga.

Diese Statistiken deuten an, wie Favre sein Team weiterentwickelt hat. Die Gladbacher sind nicht mehr von Lücken in der gegnerischen Defensive nach Balleroberungen abhängig, sie können sich Freiräume über ihren starken Spielaufbau selber erarbeiten. Die Stürmer bewegen sich sehr viel und versuchen immer wieder, sich der gegnerischen Deckung zu entziehen. Durch die große Passgenauigkeit der eigenen Verteidiger kann der Ball im Spielaufbau so lange in den eigenen Reihen gehalten werden, bis sich eine Anspielstation feilbietet.

Kombinationsspiel kombiniert mit Dribblings

Danach geht es meist sehr schnell: Wie bei ihren Kontern spielt die Borussia mit enormen Tempo und meist nur einem Kontakt. Vertikalpass, Ablage, Vertikalpass – in guten Momenten können sie über nur drei Stationen das ganze Feld überbrücken. Die starken Passspieler Arango und der sehr mannschaftsdienlich spielende Hanke versuchen immer wieder, über Doppelpässe und Schnittstellenbälle ihre Mitspieler in Szene zu setzen.

Selbst wenn sie damit nicht immer vor das gegnerische Tor kommen, schaffen sie es doch, sich in freie Räume zu kombinieren. Hier kommen die Dribbelkünstler Herrmann und Reus ins Spiel: Sobald diese auch nur wenige Meter freien Raum haben, können sie zu ihren Dribblings und genialen Aktionen ansetzen. Gegen Schalke war dies beim 0:1 zu sehen, in der nach einer schnellen Kombination Reus an den Ball kam, seine Gegenspieler mit einer Drehung abschüttelte und aus spitzem Winkel den Führungstreffer erzielte.

Auch Gladbach nicht unbesiegbar

Natürlich sind auch die momentanen Überflieger nicht unschlagbar. Ihre kompakte Defensive geht oft auf die Kosten der Beteiligung an der Offensive. Sowohl die Sechser als auch die Außenverteidiger interpretieren ihre Rolle eher defensiv, so dass sich in vielen Situationen nur vier Spieler in der gegnerischen Hälfte beteiligen. Gut verschiebende, kompakte Gegner versagen diesen Spielern den Raum. Zudem sind sie in ihrem eigenen Spielaufbau recht abhängig von der Passstärke von Jantschke und Dante, die übrigen Verteidiger und Sechser können nicht ganz auf diesem Niveau mithalten. Der BVB setzte Dante beispielsweise über 90 Minuten matt, beim 1:1 in der Hinrunde sahen die Gladbacher daher im Spielaufbau nicht so sicher aus wie sonst.

Schalke 04 beachtete jedoch keine dieser Regeln. Arglos ließen sie Dante und Co. gewähren, besonders auf den Flügeln waren sie immer einen Schritt langsamer als ihre Gegenspieler. Das direkte Duell der Champions League-Aspiranten ging so klar an die Underdogs aus Mönchengladbach. Die nächsten Gegner werden gewarnt sein: Die Borussia ist ein echtes Spitzenteam, ohne volle Konzentration und eine ausgetüftelte Taktik geht nichts.