Ist das Spielsystem von Bayern München zu starr?

Am Wochenende gab es für die Bayern den ersten Sieg der Rückrunde. Dennoch war es keine besonders überzeugende Vorstellung des Rekordmeisters.

Die Taktikseite Spielverlagerung.de analysiert jede Woche exklusiv ein Bundesligaspiel für Goal.com. Trotz des 2:0-Sieges gegen Wolfsburg ist nicht alles eitel Sonnenschein bei den Bayern. Bis zum Gomez-Führungstreffer in der 60. Minute konnten sie sich gerade einmal vier Torschüsse erspielen, die andere Hälfte ihrer mageren zehn Torversuche verbuchten sie in den letzten zehn Minuten des Spiels. Haben die Bayern ein Kreativitätsproblem?

München. Bei der Betrachung der individuellen Spieler im Mittelfeld von Bayern München klingt diese Idee zunächst absurd: Seit der Wiedergenesung Robbens kann Jupp Heynckes auf seine beste Mannschaft zurückgreifen. Mit den passstarken Kroos und Schweinsteiger im zentralen Mittelfeld und Ribery auf Linksaußen sind die Bayern nominell bestens besetzt. Doch noch klappt das Zusammenspiel der vier Akteure nicht.

Ribery und Robben aus dem Spiel genommen

Ein grundlegendes Problem ist die starre Interpretation der Außenpositionen. Das 4-2-3-1-System ist relativ breit ausgelegt, da sowohl Robben als auch Ribery gerne von der Grundlinie aus zu ihren schnellen Dribblings ansetzen. So erhöhen sich auch die Abstände zwischen den einzelnen Akteuren, was gerade schnellen Kurzpasskombinationen nicht zugute kommt. Das Kombinationsspiel war sowohl gegen Wolfsburg als auch gegen Gladbach eins der großen Probleme der Bayern..

Dies zeigt sich besonders in Form der beiden Außenstürmer. Dem Gegner fällt es oftmals leicht, die beiden Dribbelkünstler mit zwei Verteidigern von ihren Mitspielern zu isolieren – einer drängt ihn im Dribbling an die Außenbahn, der andere sichert den Passweg nach hinten zum Außenverteidiger ab. Das berühmt-berüchtigte „Doppeln der Außen“, das den Rekordmeister in der Spätzeit des Louis van Gaals so viele Punkte gekostet hat, ist aktuell bei Bayern-Gegnern wieder schwer in Mode.

Dass es durchaus taktische Wege gibt, gegen solche Verteidigungsmaßnahmen anzukommen, bewiesen die Münchener in der Hinrunde. Damals richteten sie ihr Angriffssystem stark auf die linke Seite aus. Der zentrale und der rechte Mittelfeldspieler rückten ein, um Ribery auf Linksaußen Anspielmöglichkeiten zu eröffnen. Der Franzose hatte so mehr Optionen, dem Gegner wurde es schwerer gemacht, den nächsten Schritt vorauszuahnen. Auch war die Interpretation der Positionen wesentlich flexibler. Oftmals fand sich Ribery im Zentrum wieder, während Kroos nach links ging – ein taktischer Kniff, der für eine ungenaue Zuteilung bei der gegnerischen Defensive sorgte.

Robben noch nicht wieder bei 100 Prozent

Mit der Genesung Robbens musste Heynckes das Spielsystem umstellen. Es mag paradox klingen, dass ein solcher Weltklassemann einem Team taktisch nicht gut tut, allerdings fühlt sich der Niederländer noch nicht so heimisch in den Offensivrochaden wie seine Mitspieler. Zwar ging er bereits einige Male in den letzten beiden Spielen ins Zentrum, allerdings fühlt er sich noch immer an der Seitenlinie am wohlsten, genauso wie Ribery. Heynckes ist jedoch noch eine taktische Antwort schuldig, wie er zwei klassischen Außenstürmern ordentliche Unterstützung zukommen lassen will. Schweinsteiger verteilte gegen Wolfsburg die Bälle aus der Tiefe, Kroos und Müller waren nicht agil genug als Verbindungsspieler. Die mangelnden Anspielstationen waren einer der Hauptgründe, warum die beiden Flügelflitzer die schwächsten Passwerte bei den Bayern hatten (Robben: 71% , Ribery: 74%, Teamdurchschnitt: 88%).

Es war keine Überraschung, dass gegen Wolfsburg die besten Spielzüge Seitenverlagerungen von einer Flanke auf die andere waren. Robben und Ribery sind besonders stark, wenn sie Tempo aufnehmen und auf den Gegenspieler zulaufen können. Aktuell sehen sie sich jedoch bei der Ballannahme mit mehreren Gegenspielern konfrontiert, ohne dass die Mittelfeldspieler ballnahe Anspielstationen schaffen. Auch die große Zurückhaltung der Außenverteidiger im Offensivspiel tut dem Spiel der Münchener nicht gut.

Den Bayern fehlen durch das starre Spiel über die Außen Tempo in den Aktionen und in den Kombinationen. So sind sie im Moment auf Standardsituationen oder Geistesblitze angewiesen. Aus dem Spiel heraus kreieren sie nur wenige Chancen. Doch aller Weltuntergangsstimmung in München zum Trotz: Heynckes hat schon zu Beginn der Saison bewiesen, dass er eine taktisch nicht perfekt eingestellte Mannschaft auf die Erfolgsspur zurückführen kann. Damals folgte der überraschenden Auftaktniederlage gegen Gladbach ein hart erkämpfter Sieg über Wolfsburg. Die Bayern-Fans müssen hoffen, dass die Serie wie in der Hinrunde weitergeht.

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