Der BVB legt die Probleme in Finks Spielsystem beim HSV offen

Die Niederlage des HSV gegen Dortmund zeigt, dass Thorsten Finks Spielsystem noch nicht so weit ist, wie viele Beobachter dachten. Gerade das Mittelfeld offenbarte Schwächen.
Die Taktikseite Spielverlagerung.de analysiert jede Woche exklusiv ein Bundesligaspiel für Goal.com. Diese Woche zeigen sie auf, wieso Leverkusen mit zwei Stürmern starke Probleme gegen Hannover 96 hatte – und wie das glückliche Unentschieden viele grundlegende Probleme der Werkself offenlegte.

Hamburg. Thorsten Fink ist kein Mann der leisen Worte: Seit seinem Amtsantritt versucht er unaufhörlich, seinen Spielern und auch dem Hamburger Umfeld neues Selbstvertrauen einzutrichtern. Auch taktisch scheint er überzeugt von seinem System. Schon im ersten Spiel unter seiner Führung war zu erkennen, wo er mit dem HSV hin wollte: Sein System mit den tief fallenden Sechsern und den aufrückenden Außenverteidigern hatte sicher nicht nur zufällig starke Ähnlichkeiten mit dem Spielsystem seiner Ex-Mannschaft aus Basel. Mit der neuen Taktik gelangen den Hamburgern zuletzt neun Punkte aus fünf Spielen. Den ersten wirklichen Härtetest mussten sie jedoch erst zum Rückrundenstart gegen den BVB bestehen.

Loch im Mittelfeld

Die Dortmunder legten offen, dass der HSV taktisch noch nicht so weit ist, wie viele vor der Winterpause dachten. Der Meister stellte den Bundesliga-Dino mit seinem Pressing vor große Schwierigkeiten: Die tief fallenden Sechser fanden im Spielaufbau oft keine Anspielstationen. Dadurch dass sowohl Rincon als auch Kacar oft zwischen die Innenverteidiger zurückfielen, fehlte eine Präsenz auf der Position vor der Abwehr. Dieses Loch im zentralen Mittelfeld lässt sich auf der Spielfeldgrafik gut erkennen. Bei Spielen des FC Basels füllen die Stürmer und die Außenstürmer durch kluges Einrücken diese offenen Bereiche. Der HSV hingegen ist hier noch nicht so weit. Jansen, Tesche und Lam boten sich aus der offensiven Dreierreihe fast nie als Anspielpartner an.

Diese Lücke war taktisch das größte Problem des HSVs. Den Dortmundern genügte es, die Passwege auf die Außen zu schließen, denn in der Mitte gab es für den HSV keine Anspielstationen. Den Verteidigern blieben so im Aufbau meist nur zwei Möglichkeiten: Entweder sie spielten einen Quer- oder Rückpass, was keinen Raumgewinn brachte – oder sie wählten den riskanten Pass nach vorne. Dieser wurde aber konsequenterweise von den gut verschiebenden Dortmundern abgefangen. Auch in der Defensive hatte dieses Loch große Konsequenzen, die Borussia zog fast jeden Angriff durch das offensive Mittelfeld auf. Kagawas starke Leistung hing auch damit zusammen, dass er auf der Zehner-Position meist ohne Gegenspieler war. Fast allen Dortmunder Toren ging ein schneller Angriff durch die Mitte voraus – ein eklatanter Mangel in der Strategie der Hamburger.

Außenverteidiger sehr offensiv

Die hohe Rolle der Außenverteidiger, der gegen manche Teams so vortrefflich funktionierte, ist gegen pressingstarke Gegner wie den BVB zudem defensiv sehr risikoreich. Diekmeier und Aogo rückten weit in die gegnerische Hälfte und kreierten durch Flanken einige Chancen. Allerdings fehlten sie in diesen Situationen in der Defensive. Gerade bei Ballverlusten in der eigenen Hälfte konnten die Dortmunder durch schnelle Pässe in die Spitze die zurückbleibende Dreierkette des HSV unter Druck setzen. Die HSV-Verteidiger hielten dabei oft zu große Abstände, so dass es den Dortmundern ein leichtes war, ihre Konterstärke auszuspielen. Am Ende hatte der HSV Glück, dass sie nur fünf Tore fingen – Klopps Mannschaft hatte durchaus die Chance auf mehr Treffer.

Fink hielt über 90 Minuten an seinem System festhielt, obwohl die Mängel bereits zur Halbzeit mehr als ersichtlich waren. Statt einer taktischen Umstellung brachte er mit Petric einen weiteren Stürmer für Sechser Kacar, was die Lücke im Mittelfeld verstärkte. Der ehemalige Bayern-Spieler wollte offensichtlich auch in der Niederlage an seiner Spielidee festhalten. Nach den zahlreichen guten Auftritten war dies der erste, echte Rückschritt für ihn und sein System.

Dabei darf aber auch nicht vergessen werden, dass ein solch komplexes System Zeit braucht. In diesem Spiel wurde offensichtlich, dass sich die offensiven Mittelfeldspieler und Stürmer noch nicht voll darauf eingestellt haben, im Spielaufbau als Anspielstation zu dienen. Hierdurch wurden die limitierten Fähigkeiten von Kacar und Rincon, gerade im Spiel gegen den Ball, gnadenlos aufgezeigt. Zudem fehlte mit Töre ein Spieler, der die Rolle als einrückender Außenstürmer zuletzt besser ausführte als Jansen und Lam in dieser Partie. Thorsten Fink muss nun daran arbeiten, diese Fehler abzustellen und sein System weiterzuentwickeln, um weitere Blamagen dieses Ausmaßes zu verhindern. Von seinen Ansprachen zum Thema Europapokal sollte er nach dieser Niederlage aber besser Abstand nehmen…