Spielverlagerung: Der FC Bayern München ist wieder da

Bayern München ist dank Robben und Ribery zurück. Die Taktikexperten von Spielverlagerung.de werfen exklusiv einen Blick auf dieses Spiel.

Zwei Tore gegen Werder Bremen, dazu einen Elfmeter rausgeholt: Franck Ribery findet unter Heynckes zu alter Stärke zurück. Die taktischen Freiheiten, die er unter dem neuen Coach Heynckes genießt, lassen den Franzosen aufblühen.

München. Mit Vollgas läuft Franck Ribery auf die Viererkette von Werder Bremen zu. Thomas Müller und Mario Gomez ziehen die Außenverteidiger auf sich, Franck Ribery macht eine Körpertäuschung, Schuss, Tor. Der Treffer zum 1:0 gegen Werder Bremen versinnbildlichte, in welch bestechender Form der Münchener Linksaußen derzeit ist. Wer den Franzosen am Wochenende spielen sah, kann kaum glauben, dass er vor nicht allzu langer Zeit ganz andere Leistungen brachte. Seine vermeintlich egoistische Spielweise, so schien es, passte nie so recht zum Fußballmodell des Ex-Trainers Louis van Gaal. Einige Stimmen forderten sogar seinen Abschied aus München. Doch unter Heynckes fand der Flügelflitzer zu verloren geglaubter Stärke zurückgefunden: Acht Tore und sechs Assists sprechen eine deutliche Sprache. Auch am Samstag glänzte er, mit zwei erzielten Treffern und einem rausgeholten Elfmeter avancierte er zum Matchwinner. Ein wesentlicher Grund für seine Wiederauferstehung ist die neue Strategie, die der neue Trainer in München spielen lässt.

Ribery mit mehr Freiheiten

Die flexiblere Taktik von Heynckes ist wesentlich besser zugeschnitten auf den Starspieler als das starre Korsett von Louis van Gaal. Die neu gewonnene Flexibilität im Bayernspiel lässt sich besonders an der offensiven Dreierreihe in ihrem 4-2-3-1 System festmachen: Unter Louis van Gaal sollten die Spieler auf den Außen ihre Positionen möglichst durchgehend halten. Dies hatte den Vorteil, dass die Abwehrspieler im Spielaufbau vielfältige Anspielmöglichkeiten in der Breite hatten. In den Hochzeiten des van Gaalschen Dominanzfußballs konnte das Spiel so von einer Flanke zur anderen verlagert werden, ohne dass der Gegner eingreifen konnte, der Passsicherheit der Bayern-Akteure sei Dank. Im Zweifelsfall kreierte man so zwar keine Chancen, spielte aber den Gegner, welcher ständig zum Verschieben gezwungen wurde, müde. Zum Ende der van Gaal Ära hatte dies aber den starken Nachteil, dass die Bayern-Gegner Robben und speziell Ribery leicht aus dem Spiel nehmen konnten. Dadurch dass Teams wie Dortmund oder Hannover jeweils zwei Verteidiger auf die Flügelzange der Bayern ansetzten, waren diese auf ihren Positionen von ihren Kollegen isoliert und konnten kaum noch ins Spiel eingreifen.

Diese Saison setzte Heynckes an dieser Schwachstelle an. Durch die Verletzung Robbens zu Beginn der Spielzeit bestand das offensive Mittelfeld aus Ribery, Kroos und Müller. Diese drei interpretieren ihre Position wesentlich flexibler als noch in der letzten Saison. Speziell Dribbelkünstler Ribery hat mehr Freiheiten und kann befreiter aufspielen. Oft zieht es den Linksaußen in die Zentrale oder gar auf den rechten Flügel. Auch Kroos interpretiert seine Rolle auf der „Zehner“-Position nicht starr, sondern schafft mit dem Franzosen auf der linken Flanke Überzahlsituationen. Um Ribery sind so immer mindestens eine, wenn nicht sogar zwei Anspielstationen. Diese ziehen Gegenspieler auf sich, was wiederum freien Raum für die Dribblings des Franzosen schafft. Für die Gegner ist es so wesentlich schwerer, mehrere Verteidiger auf den Flügelstürmer anzusetzen.

Auch defensiv verbessert

Ribery kann in seiner neuen Rolle seine Stärken besser ausspielen. Wenn er Tempo aufnehmen und seine Gegenspieler überlaufen kann, sind seine Dribblings für die Gegenspieler fast nicht zu verteidigen. Auf engem Raum hat er jedoch größere Probleme als beispielsweise Schweinsteiger, Kroos oder auch Robben. Durch die vorhandenen Freiräume, die Müller und Kroos ihm in dieser Saison verschaffen, kann er öfters in seine Tempodribblings gehen als in der vergangenen Spielzeit, als ihm oft zwei Gegenspieler auf dem Fuß standen. Sobald er erst einmal Höchstgeschwindigkeit erreicht hat, können Verteidiger seine Finten und Tempovariationen meist nur mit einem Foul stoppen. Kein Wunder, dass er mittlerweile der zweitmeist gefoulte Bundesligaspieler ist – öfter wurde nur Wolfsburgs Mandzukic von den Beinen gerissen.

Dass der Franzose die neue Taktik zu schätzen weiß, liegt daher auf der Hand. Nicht nur einmal lag der Superstar mit seinem Ex-Coach van Gaal im Clinch, weil er seine Position in dessen System als zu starr empfand. Der knorrige Niederländer erinnerte ihn gerne daran, dass Fußball ein Teamsport sei - wenn er alleine spielen wolle, solle er zum Tennis gehen. Nur wenige Monate später klingen diese Sätze wie ein Hohn, wenn man bedenkt, wie stark Ribery sich in der Defensive einbringt. Zwar wird aus ihm wohl nie ein Defensivspezialist, seine Zweikampfquote hat sich seit dem letzten Jahr aber schon verbessert. Teilweise ist er kaum wiederzuerkennen, wenn er mit hohem Tempo gegnerische Außenverteidiger bis weit in die eigene Hälfte verfolgt und ihnen den Ball abnimmt. Seine Defensivarbeit ist scheinbar seine Art, sich bei Jupp Heynckes zu bedanken. Seine acht Tore und sechs Vorlagen sprechen eine deutliche Sprache: Franck Ribery hat zu alter Stärke zurückgefunden und ist ein wesentlicher Grund für den Münchener Höhenflug unter Heynckes.

Spielverlagerung.de
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