Spielverlagerung: Dortmunds unbesungene Helden entscheiden

Borussia Dortmund triumphierte am Samstag im Derby gegen Schalke. Die Taktikexperten von Spielverlagerung.de werfen exklusiv einen Blick auf dieses Spiel.
Derbyzeit ist Heldenzeit: Bei den Aufeinandertreffen der Ruhrpott-Rivalen werden Geschichten geschrieben, die in vielen Fällen in die Ewigkeit eingehen. Beim diesjährigen Derby waren es nicht die Stars, die herausragten. In einem taktisch geprägten Spiel blieben vor allem starke Defensivspieler in Erinnerung. Ein Blick auf die unbesungenen Helden des BVB.

Dortmund. Felipe Santana hat wohl einen der undankbarsten Jobs der Bundesliga. An 30 von 34 Spieltagen in der Saison sitzt er auf der BVB-Bank. Als grundsolider Innenverteidiger, der in fast jeder anderen Bundesligamannschaft als Stammspieler gesetzt wäre, hat er das große Pech, hinter Hummels und Subotic nur die Nummer drei bei den Schwarz-Gelben zu sein. Seine Chance, einen bleibenden Eindruck bei Fans und auch seinem Coach zu hinterlassen, beschränkt sich auf wenige Einsätze im Jahr. Gegen den FC Schalke 04 nutzte er diese Chance.

Wenig spielerische Klasse

In einem Derby, dem die spielerischen Highlights fehlten, war er einer der unbesungenen Helden. Seine taktisch kluge Spielweise war ein Garant dafür, dass die kreativlosen Schalker nie gefährlich wurden. Deren Angriffe folgten stets dem gleichen Muster:  Ausgangspunkt war ein Pass zu einem der beiden Außenverteidiger, welcher den Ball vertikal nach vorne auf die Außenstürmerposition spielen sollte. Dass sie mit diesem eindimensionalen Spiel nicht durchkamen, war auch ein Verdienst des brasilianischen Innenverteidigers: Immer wieder löste er sich aus der Viererkette, um den umtriebigen Huntelaar zu verfolgen. Wenn Fuchs versuchte, diesen auf der linken Flanke anzuspielen, war Santana stets bei ihm. Er musste dabei nicht viele Zweikämpfe eingehen, denn meist reichte seine schiere Präsenz, um das Schalker Konterspiel zu stören. Unter Druck gelang den Offensivkräften der Königsblauen nichts, und so konnte Santana dazu beitragen, dass Schalke in der ersten Halbzeit nicht ein einziger Schuss auf das gegnerische Tor gelang.

Doch auch die Dortmunder hatten in der Offensive nicht ihren besten Tag erwischt. Gegen eine tief verteidigende Schalker Mannschaft taten sie sich schwer, mit Kombinationen hinter die Abwehrreihe zu gelangen. War das schnelle Spiel in den gegnerischen Strafraum in der vergangenen Saison noch ihre Paradedisziplin, funktionierte es im Derby selten. Aus dem Spiel heraus kam in der ersten Halbzeit nicht ein einziger Pass in den Schalker Strafraum. Weder Götze noch Blaszczykowski konnten der Partie ihren Stempel aufdrücken. So fielen die Dortmunder Treffer passenderweise nach Standartsituation. Auch hieran war Santana beteiligt: Er erzielte das wichtige 2:0 (61.), das die kurze, pressingintensive Drangphase der Knappen kurz nach der Halbzeit beendete. In der Defensive immer Herr der Lage, offensiv mit einem wichtigen Treffer – besser kann der Arbeitsnachweis eines Innenverteidiger kaum aussehen.

Dominantes Mittelfeld

Aber auch andere Akteure ragten beim BVB heraus. Besonders im defensiven Mittelfeld zeigte der Meister (mal wieder) eine schnörkellose Leistung. Trotz des Ausfalles von Sven Bender, dem nimmermüden Ausputzer vor der Abwehr, entstanden um den Mittelkreis keine Löcher, die Schalke hätte nutzen können – auch deswegen mussten diese sich auf ihr einseitiges Spiel über die Außen verlassen. Moritz Leitner glänzte als Bender-Ersatz. Er war eifriger Lückenfüller, der im Zusammenspiel mit Sebastian Kehl immer dort aushalf, wo er gebraucht wurde. Am Ende war der Jungstar mit 12,67km mehr unterwegs als alle anderen Spieler, auf Platz zwei folgte mit Kehl (12,02) passenderweise sein Mittelfeldpartner.

Letzterer war auch im Spiel nach vorne eine der wenigen Lichtgestalten auf dem Feld: Von seinen 52 Pässen  kamen 85% an. Dieser hohe Wert beeindruckt besonders, wenn man bedenkt, dass Kehl mehr Vertikal- und weniger Quer- und Rückpässe als sonst spielte. Oft genug schaffte er es, die offensive Dreierreihe des BVBs einzusetzen, zu selten machte diese etwas aus seinen Pässen. Dass die Dortmunder im letzten Drittel wenig schlagkräftig waren, kann man ihm nicht ankreiden. Mit feinem Passspiel und einer gewohnt starken Defensivleistungen war es einer der besten Auftritte des Mittelfeldstrategen in dieser Saison.

Bei Schalke ragt nur der Keeper heraus

Beim FC Schalke 04 hingegen braucht man nach Helden nicht lange zu suchen. In der Offensive gab es nicht einen einzigen Spieler, der nur annähernd Normalform erreichte. Die Stürmer waren über 90 Minuten hinweg abgemeldet, von den Außen kamen bis auf wenige gelungener Dribblings von Baumjohann keine Impulse und auch an Holtby in der Zentrale lief das Spiel vollkommen vorbei. Einzig die Innenverteidiger überzeugten mit Zweikampfstärke in der Anfangsviertelstunde. Nach frühen gelben Karten mussten sich aber alle drei zentralen Ballgewinner, Jones, Matip und Papadopoulos, in der Schlussphase zurückhalten, weshalb die Dortmunder in der zweiten Halbzeit mehr Zeit und Raum im Zentrum bekamen. Zudem fielen alle Schalke-Akteure bei Standardsituationen in einen Tiefschlaf, den ihre Rivalen zweimal eiskalt ausnutzten.

Tragische Figur auf Seiten der Königsblauen wurde so Lars Unnerstall. An und für sich erfüllte er alle Voraussetzungen für einen Derby-Helden: Mit seinen außerordentlichen Paraden vereitelte er gleich mehrere hochkarätige Chancen. Vor allem sein Reflex gegen Lewandowski in der Nachspielzeit konnte sich sehen lassen. Doch bei den Gegentoren war er machtlos und wurde von seinen Vordermännern im Stich gelassen. Am Ende wird sich aufgrund der verdienten 0:2-Niederlage seines Teams niemand mehr an die starke Leistung des Torhüters erinnern. Auch das sind Geschichten, die so ein Ruhrderby schreibt.

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