Spielverlagerung: So triumphierte der BVB beim FCB - viele Gemeinsamkeiten und kleine Unterschiede

Borussia Dortmund feierte am Samstagabend einen wichtigen Sieg beim FC Bayern München. Die Taktikexperten von Spielverlagerung.de werfen exklusiv einen Blick auf die Spielweisen.
Das Spitzenspiel zwischen Bayern München und Borussia Dortmund bot auch das Duell zweier der erfolgreichsten Stürmer der Liga. Robert Lewandowski konnte das Duell gegen seinen Stürmerkollegen gewinnen. Ein Blick auf die vielen Gemeinsamkeiten und kleinen Unterschiede der beiden Torjäger.

München. Das Spitzenspiel der Liga zwischen Bayern München und Borussia Dortmund bot viele interessante Duelle. Die Kader beider Teams sind gespickt mit Stars und Nationalspielern. Dass beide Teams an der Tabellenspitze stehen, hat nicht nur mit den offensichtlichen Stars wie Götze, Robben oder Ribery zu tun, sondern auch mit ihren beiden Stürmern: Robert Lewandowski und Mario Gomez trugen mit ihren Toren maßgeblich zu der großartigen Form ihrer Teams bei.

Harte Zeiten für die Konterstürmer

Der Weg bis zu diesem Punkt war lang. Gerne vergessen wird bei den Lobliedern, dass beide bei ihren Clubs zunächst keine Stammposition erobern konnten. Die Leidensgeschichte, die Lewandowski und Gomez eint, liest sich sehr ähnlich. Beide waren von kleineren Clubs für eine nicht gerade geringe Ablösesumme gekommen. Dieser Vergleich mag zunächst einmal seltsam klingen, war Lewandowski mit knapp 5 Millionen Euro nicht mal ein Fünftel so teuer wie sein Gegenüber Mario Gomez, seines Zeichen teuerster Transfer der Bundesliga-Geschichte. Allerdings muss man bedenken, dass der Pole der teuerste Einkauf nach der Beinahe-Pleite der Dortmunder in den Nuller-Jahren war. Auf beiden lasteten aufgrund der hohen Transfersummen große Erwartungen.

In ihrer ersten Saison beim neuen Verein konnten sie diese allerdings nicht erfüllen. Beide hatten große Eingewöhnungsprobleme mit der Spielweise ihrer Teams. In ihren Stärken waren sie sich sehr ähnlich: Sie waren klassische Konterstürmer, die besonders dann auftrumpften, wenn sie mit dem Ball hinter die gegnerische Abwehrreihe geschickt wurden. Sowohl beim BVB als auch bei den Bayern war jedoch ein anderes Stürmerprofil gefragt: Louis van Gaal wollte für seinen ballbesitzorientierten Fußball einen Stürmer, der vorne Bälle halten und als Anspielstation mitspielen konnte – ein Profil, in das Gomez, gewöhnt an den Stuttgarter Konterfußball, so überhaupt nicht passte. Genau die gleiche Rolle vollführte bei den Borussen Lucas Barrios, hinter dem Lewandowski in die Reservistenrolle musste. Erst in der zweiten Saisonhälfte rutschte er  in die Mannschaft, aber auch nur aufgrund einer Langzeitverletzung Kagawas. Zudem agierte er meist nicht auf seiner Lieblingsposition als Stoßstürmer, sondern musste als Mann hinter der Spitze ran. In der spielstarken BVB-Meisterelf wirkte er so trotz zahlreicher Tore wie ein Fremdkörper.

Die Evolution zweier Stürmer

Es waren schwere Phasen in der Karriere zweier Spieler, die bis dahin nur den Weg nach oben kannten. „Ich ging davon aus zu spielen und dann sagte mir der Trainer: 'Sie sind Stürmer Nummer vier.' Das war hart. Ich dachte, ich spiele keine Rolle mehr. Das hatte ich noch nie erlebt. Aber ich wollte mir nichts anmerken lassen und mich durchbeißen.“, erinnerte sich Mario Gomez in einem Interview mit der Abendzeitung. Ähnlich wie Lewandowski trainierte er wie ein Wilder, um die beim Trainer ungeliebten Schwächen abzustellen. Beide wollten unbedingt beweisen, dass sie es bei einem der Top-Clubs der Bundesliga schaffen können. Gomez lehnte sogar ein Leihangebot des FC Liverpool ab.

Sie waren bereit, ihre Spielweise grundlegend zu verändern. In den nächsten Monaten arbeiteten sie an ihrer Integration ins Spiel der Mannschaft. Sowohl Gomez als auch Lewandowski haben ihre Technik und ihr Passsicherheit stark verbessert. Aber besonders der Sprung in ihrer Defensivleistung ist beachtlich: Waren sie anfangs kaum geeignet für das pressingintensive Spiel ihrer Clubs, entwickelte sich speziell Mario Gomez zu einem mitdenkenden Stürmer. Er greift seine Gegenspieler geschickt an, lenkt so den Spielaufbau des Gegners und weiß genau, wann er wo stören muss. Aber auch Lewandowski wirkt diese Saison beim Pressing, dem wichtigsten taktischen Instrument der Borussia, nicht annähernd so verloren wie noch vor einem halben Jahr.

Nachdem beide zu Beginn bei ihren neuen Stationen abgeschrieben waren, mauserten sie sich zu wichtigen Leistungsträgern. Spätestens in dieser Saison sind beide voll angekommen: Mit 13 (Gomez) bzw. 8 (Lewandowski) Treffern führen sie die Torschützenliste ihrer Vereine klar an. Viel wichtiger ist aber, dass sie mittlerweile wesentlich mehr Ballkontakte und eine bessere Einbindung ins Spiel ihrer Teams verbuchen können. Gerade aus den letztgenannten Gründen gehören sie zu den besten Stürmern der Bundesliga.

Das direkte Duell

Im direkten Aufeinandertreffen konnte man die neu gewonnene Spielstärke der Beiden bewundern. Lewandowski beeindruckte vor allem mit seiner Leistung gegen den Ball. Da die Mittelfeldreihe des BVBs das Pressing gegen den Favoriten tiefer als sonst ansetzte, musste Lewandowski vorne auf alleiniger Flur die gegnerischen Innenverteidiger unter Druck setzen und so ihr Passspiel auf die Außenpositionen lenken. Dies gelang ihm exzellent – am Ende war er der Spieler mit den meisten gewonnen Zweikämpfen auf dem Platz (14). Aber auch Gomez versuchte alles, gut ins Spiel eingebunden zu werden, und war viel unterwegs. Für ihn war es jedoch ein schwerer Abend, da das Spiel meist im Mittelfeld stattfand. Zu ihm kamen nur wenige Bälle durch. Jedoch konnte er in einigen Situationen seine Spielstärke beweisen und leitete unter anderem eine gute Chance ein.

In einem Spiel, das sich durch zwei sich neutralisierende Mittelfeldreihen auszeichnete, konnte man nach einiger Zeit die kleinen Vorteile erkennen, die Lewandowski gegenüber seinem Stürmerkollegen hat. Auch wenn Gomez aufgrund seines enormen Torriechers immer ein wenig mehr im Fokus der Öffentlichkeit steht, ist der Pole in seiner Entwicklung zum modernen Stürmer weiter. Er kann im Zweifelsfall auch zurückfallen oder auf den Außen aushelfen, wodurch Götze oder Kagawa in die Spitze stoßen können. Diese Flexibilität hat ein Mario Gomez (noch) nicht. Gegen den BVB war der deutsche Nationalspieler so in der Spitze isoliert, fand keinen Zugriff auf das Spiel und hatte nur 28 Ballkontakte. Lewandowski war wesentlich präsenter, bot sich für die Konter der Borussen oft auf den Außen an. Am einzigen Treffer des Abends war er maßgeblich beteiligt: Er leitete durch eine Balleroberung gegen Rafinha und einem anschließenden Pass in die Spitze vom linken Flügel aus das entscheidende Tor der Dortmunder ein. 

Gerade dieses Tor bewies, dass Lewandowski in seiner taktischen Flexibilität weiter ist als Mario Gomez. Noch ist es schwer sich vorzustellen, dass auch ihm solch eine Aktion gelingt – dies ist auch der Grund, warum Jogi Löw eher auf Miroslav Klose und nicht auf den Torschützenkönig der Saison 2010/11 setzt. Nicht nur gewann Borussia Dortmund das Duell gegen die Bayern, auch Lewandowski gewann sein „kleines Duell“ gegen Mario Gomez.

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