Spielverlagerung: So verlief das irre Bundesliga-Spiel zwischen Hannover und Schalke

Das 2:2 zwischen Hannover und Schalke 04 war in der Schlussphase ein dramatisches Spiel. Die Taktikexperten von Spielverlagerung.de werfen exklusiv einen Blick auf die Spielweisen.
Hannover. Das Spiel Hannover 96 gegen Schalke 04 war in der ersten Halbzeit ein unerwarteter Anblick. Obwohl normalerweise die Hannover als Konterteam der Liga bekannt sind, waren es diesmal die Schalker, die auf Gegenstöße lauerten. Bei den Königsblauen lässt sich langsam, aber sicher die Spielphilosophie Stevens erkennen. Der Niederländer ist ein Trainer, der aus einer sicheren Defensive auf schnelles Umschaltspiel setzt. Seine Mannschaft baut sich fünf bis zehn Meter vor dem eigenen 16er in zwei Viererketten auf, die eng beieinander stehen. Bei einem Ballgewinn wird der Ball auf die Außen gespielt, von wo direkt Schnittstellenpässe hinter die aufgerückte Viererkette des Gegners gewagt werden sollen.

96 dominant

Aufgrund der abwartenden Taktik der Schalker entwickelte sich ein für Hannover’sche Verhältnisse seltsames Spiel. Obwohl normalerweise die Niedersachsen nicht für sonderlich viel Ballbesitz verbuchen können, hatten sie in der ersten Halbzeit bis zu zwei Drittel davon. Plötzlich waren ganz neue Qualitäten bei den Niedersachsen gefragt: Sie mussten eine dicht gestaffelte Abwehr knacken.

Hierbei ließ sich erkennen, dass Slomka das Spiel seiner Mannschaft seit der letzten Saison weiterentwickelt hat. Der eigene Spielaufbau fällt ihnen mittlerweile leichter als letzte Saison. Besonders überraschten sie in der ersten Halbzeit mit vielen Positionswechseln. Gerade Ya Konan und Schlaudraff auf Außen wechselten oft miteinander und sorgten so für Verwirrung in der Schalker Defensive. Auch Sturmspitze Abdellaoue ließ sich oft zurückfallen, um im Mittelfeld Überzahlsituationen zu schaffen. Ein Durchkommen gab es gegen die dichten Abwehrreihen der Königsblauen jedoch zu Beginn nicht. Obwohl die Niedersachsen klar die dominierende Mannschaft waren, kamen sie selten vor den Kasten von Unnerstall. Die Schalker verteidigten zu gut. Matip und Papadopoulos verfolgten die Stürmer geschickt, wenn sie sich zurückfallen ließen, und nahmen sie so aus dem Spiel. Ihre eigene Defensivordnung gaben sie selbst bei Kontern, an denen selten mehr als drei Spieler teilnahmen, nicht auf.

Die Schalker Taktik ging auf, als in der 26. Minute ihr erster gefährlicher Konter die Führung markierte. Pukki, der sich mit seiner Sprintstärke genau der richtige Stürmer für das Schalker System war, vollendete einen Pass von Fuchs. Der Vorsprung hielt nicht lange, ehe Papadopoulos mit einem unglücklichen Eigentor den Ausgleich erzielte (29.). Unverdient war das Tor der Hannoveraner nicht – sie investierten wesentlich mehr in den Spielaufbau als ihre Gegner, die selten mit mehr als drei Spielern die Mittellinie überquerten. Durchschnittliche 61% Ballbesitz zur Halbzeitpause sprechen hier Bände.


Schalke muss nach Rückstand mehr investieren


Nach der Pause änderte sich das Spiel zunächst wenig. Die Hausherren kamen nun ein wenig näher an das Tor der Schalker, da sich ihr Spiel über die Außen verbesserte. Zudem nutzten sie nun effektiver Spielverlagerungen, mit denen sie Löcher in die enge Defensive der Gäste reißen konnte. Dies funktionierte, da die Schalker die gerade nicht bespielte Flanke oft ungedeckt ließen. In der 59. Minute verlagerte 96 das Spiel intelligent von der linken auf die rechte Flanke, von der Schlaudraff mit dem Außenrist seine Flanke genau auf den Kopf von Abdellaoue brachte. Dieser hatte keine Mühe, einzunetzen.

Die Führung der Hannoveraner ließ die Schalker zum ersten Mal in diesem Spiel aktiv werden. Um den Rückstand aufzuholen, störten sie nun früher und rückten weiter raus. Es entwickelte sich erstmals in dieser Partie ein konstruktives Aufbauspiel bei den Königsblauen. Dabei fiel jedoch auf, dass Stevens eher destruktive Aufstellung in diesem Bereich Hürden birgt: Jones in der Mittelfeldzentrale ist kein allzu begabter Passspieler und hat seine Stärken in der Defensive. So lastete der Spielaufbau zu sehr auf Holtby, dem noch ein wenig die Erfahrung auf der Sechserposition fehlt, um die Lasten des Teams zu schultern. Es war daher keine Überraschung, dass der Ausgleichstreffer nicht nach einem ruhigen Spielaufbau, sondern nach einem Konter erzielt wurde – Farfans Solo nach einem Abwurf Unnerstalls vollendete der Finne Pukki (73.).

In der Schlussphase entwickelte sich ein offenes Spiel. Nachdem Schalke nun auch noch auf das Führungstor drängte und die Hannoveraner etwas müde wirkten, taten sich in beiden Abwehrreihen Löcher auf. Da beide Teams über ein gutes Konterspiel verfügen, lief das Spiel nun von Strafraum zu Strafraum. Chancen auf den Sieg hatten beide Teams, auch wenn die Schalker am Ende einen fitteren Eindruck als ihre Gegner machten. Es blieb aber dennoch beim 2:2. Es war ein weiterer Schritt auf dem Weg Stevens, Schalke zu einem effektiven Konterteam zu wandeln.

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