Spielverlagerung: Wayne Rooney überrascht in neuer Rolle

Bei Uniteds 2:0-Sieg gegen den rumänischen Vertreter Otelul Galati ragte Rooney in der Rolle als Spielmacher heraus. Taktisches Experiment oder Option für die Zukunft?
Manchester. Wayne Rooney ist ein Weltstar des Fußballs: Bei Manchester United, einem der besten Clubs der Welt, ist er der herausragende Spieler. Doch oftmals wird seine Rolle im Weltfußball nur wenig gewürdigt – zunächst Christiano Ronaldo und jetzt Lionel Messi stahlen ihm das Scheinwerferlicht als weltbester Fußballer. In der Tat ist Rooney wohl einer der komplettesten Spieler der Welt, wenn nicht sogar der kompletteste. Er vereint Torgefahr, Technik und Bissigkeit im Spiel gegen den Ball wie kaum ein zweiter. Herausstechende Schwächen besitzt er keine. Sowohl in der Defensivarbeit als auch in der Spielübersicht hat er sich in den letzten Jahren kontinuierlich verbessert.

Rooneys Transformation vom Stürmer zum Spielmacher

Der englische Superstar wurde durch seine Leistungen für die „Red Devils“ immer zentraler. In den letzten zwei Jahren ließ sich beobachten, wie die Rolle von Rooney sich immer weiter zurückzog. Durch seine guten Fähigkeiten als Ballverteiler ließ er sich zunächst immer öfter aus dem Sturmzentrum zurückfallen, um aus einer tieferen Position das Spiel zu gestalten. In der letzten Saison gipfelte das mit einer zeitweise kongenialen Partnerschaft mit Hernandez: Rooney holte zwischen den gegnerischen Abwehrreihen den Ball und spielte Schnittstellenpässe auf den pfeilschnellen Mexikaner oder auf die Außen.

Auch in den ersten Partien der neuen Saison agierte Rooney nicht als klassischer Stoßstürmer, sondern als offensiver Spielmacher. Zuletzt verlagerte sich sein Spiel sogar noch weiter nach hinten: Nach der Roten Karte gegen Evans im Manchester-Derby agierte er zentral vor der Abwehr. Gegen Otelul Galati schickte Sir Alex Ferguson ihn zum ersten Mal von Beginn an auf der „Sechser“-Position auf das Feld. Konkret bedeutete dies, dass Rooney die Rolle eines tiefliegenden Spielmachers übernahm. Aus der Zentrale heraus verteilte er die Bälle, leitete Gegenangriffe ein oder drosselte wenn nötig das Tempo. Zusammen mit Anderson kümmerte er sich offensiv wie defensiv um die Mittelfeldzentrale.

Fazit: Rooney vollführte die Rolle als tiefliegender Ballverteiler mit Bravour. Er spielte 98 Pässe, von denen 90% ankamen. Noch besser liest sich seine Statistik bei langen Bällen: Von 24 gespielten langen Pässen kamen 18 Stück an – 75 Prozent. Das ist ein höchst guter Wert, gerade wenn man bedenkt, dass Rooney sehr viele Vertikalpässe auf die Flanken spielte. Seine Spielübersicht war schon immer eine seiner Stärken, und auf der tiefliegenden Position kommt seine Passstärke noch mehr zum Tragen.

Beeindruckend war auch, wie er selbst in schwierigen Situationen abgeklärt handelte. In der zweiten Halbzeit, als Galati nach einem 0:1-Rückstand alle Kräfte mobilisierte und United über den ganzen Platz jagte, bewahrte er selbst unter höchstem Druck die Ruhe. Selbst gegen zwei, drei Gegenspieler verschaffte er sich mit einer technisch starken Körperdrehung Platz, um mit einer klugen Spielverlagerung Raum zu schaffen. Hier schimmerte seine jahrelange Erfahrung als Stürmer durch, der auf engstem Raum Chancen kreieren musste.

Experiment geglückt. Was nun?

In einer United-Mannschaft, die über weite Teile des Spiels fahrig wirkte, war er das ordnende Element. Das dürfte insbesondere Ferguson erfreuen. Die Positionen im zentralen Mittelfeld sind aktuell eine seiner größten Baustellen. Egal, ob United mit einem 4-4-2 und einem 4-2-3-1 auftritt, sie spielten stets mit zwei Spielern zentral vor der Abwehr. Zu Saisonbeginn überzeugte das Duo Cleverley / Anderson. Beide sind sehr dynamische Spielertypen, die am liebsten Angriffe in der gegnerischen Hälfte aufziehen. United konnte so viel Druck erzeugen und gerade schwächere Gegner hinten reindrücken. Allerdings ist keiner der beiden ein klassischer, tief liegender Ballverteiler.

Dass United solch einen Spieler bitter nötig hat, wurde an den letzten Spieltagen immer deutlicher. Gerade bei der historischen Niederlage gegen Stadtrivalen Manchester City fehlte eine ordnende Hand in der Zentrale. Ferguson dürfte die Leistung von Anderson und Fletcher in jenem Spiel gar nicht geschmeckt haben. Rooney könnte der Versuch sein, diese Lücke zu schließen. Die Alternativen sind nicht zahlreich. Scheinbar wurde noch kein Ersatz gefunden für Paul Scholes, der vor seinem Karriereende diese Position wie kaum ein anderer auf der Welt verkörperte.

Rooney bringt alles mit, was ein tief liegender Spielmacher braucht. Seine Leistung im Champions League Match war formidabel, auch wenn er im ersten Spiel über 90 Minuten auf dieser Position noch in einigen Situationen leichte Orientierungsschwierigkeiten zeigte. Ferguson könnte ihn wohl noch öfter hier einsetzen wollen. Fraglich ist nur, welcher Spieler an seiner Seite auflaufen könnte. Am natürlichsten wäre wohl die Kombination mit einem dynamischen Spielertypen, der viele Bälle gewinnt. Anderson, eigentlich recht laufstark, machte gegen Galati nicht den besten Eindruck, spielte viele schwache Pässe und verlor einige Zweikämpfe. Es wäre interessant zu sehen, wie Rooney mit dem Ballgewinner Fletcher harmoniert, oder auch mit dem etwas offensiver spielenden Cleverley.

Egal mit welchem Partner, es dürfte nicht sein letzter Auftritt im zentralen Mittelfeld gewesen sein. Rooney könnte damit seiner herausragenden Flexibilität – er kann sowohl als Stoßstürmer, Außenstürmer oder offensiver Mittelfeldspieler agieren – eine weitere Note hinzufügen. Seine Performance in der neuen Rolle war zu keiner Zeit ungewohnt, vielmehr fragte man sich als Zuschauer, wieso er nicht schon viel öfter so tief liegend gespielt hat. Spätestens nun wird deutlich, was für ein kompletter Spielertyp Rooney ist – höchstwahrscheinlich der kompletteste auf diesem Planeten.

Spielverlagerung.de
Taktiktafeln, Vierketten, Spielsysteme – das ist die Welt von spielverlagerung.de. Auf ihrer Internetseite analysieren sie Fußballspiele aus ihrer taktisch-gefärbten Brille.