Spielverlagerung: Borussia Dortmund geht früh drauf

Vom Rasen auf die Taktiktafel - Spielverlagerung.de analysiert wöchentlich ein Bundesliga-Spiel exklusiv auf Goal.com. Heute: Das Duell zwischen Stuttgart und Dortmund.
Dortmund/Stuttgart. Die junge Truppe aus Dortmund ist berühmt-berüchtigt für ihre aggressive, kämpferische Spielweise. Doch auch sie können nicht 90 Minuten lang Vollgas geben, meint Taktikblogger Tobias Escher von Spielverlagerung.de. Anhand des Spielverlaufs gegen den VfB Stuttgart zeigt er, dass die Verteidigungsstrategie des Meisters einem bestimmten Rhythmus folgt – und dass in Fußballtaktik auch sehr viel Psychologie stecken kann.

Das Herzstück des Dortmunder Spiels war sowohl in dieser als auch in der Meistersaison ihr Pressing. Mit ihrer kämpferischen Klasse verteidigen sie auf dem ganzen Feld. So wird der Gegner auch in dessen eigener Hälfte gestört. Schon direkt nach dem Ballverlust sind die Borussen hellwach und versuchen, direkt wieder in Ballbesitz zu kommen. Ihr Kurzpassspiel auf engem Raum erfüllt hierzu neben der Erarbeitung von Torchancen einen weiteren Zweck: Bei Ballverlusten sind mehrere Spieler in der Nähe, die den Gegner direkt wieder unter Druck setzen können.

Das Spiel der Borussen ist deshalb sehr kraftraubend; ständig den Gegner zu jagen, ist logischerweise anstrengender als eine abwartende Strategie. Nicht umsonst ist der BVB Laufmeister der Liga, an vielen Spieltagen mit Topwerten über 120 gelaufenen Kilometern. Dennoch können auch sie nicht 90 Minuten lang ihr laufintensives Spiel durchziehen. Daher gibt es im Dortmunder Spiel Phasen, in denen sie sich in die eigene Hälfte zurückziehen und den Gegner kommen lassen. Der BVB kommt so etwas zur Ruhe, ehe sie wenige Minuten später wieder attackieren. Diese Abwechslung von Pressing- und Ruhephasen folgt bei dem BVB meist dem gleichen Schema, unabhängig von Wettbewerb oder Gegner.

Das Dortmunder Schema

Dieses Wechselspiel war in der Partie gegen Stuttgart besonders deutlich zu erkennen. Der BVB begannen das Spiel wie die Feuerwehr – wie so oft unter Klopp. Direkt vom Beginn weg suchten sie die Zweikämpfe, gingen auf dem ganzen Platz direkt auf den Gegner. 41 Zweikämpfe bestritten sie in dieser Phase, so viele wie zu keinem anderen Zeitpunkt des Spiels. Viele davon wurden in der gegnerischen Hälfte geführt, ein Großteil (fast 70%) gewonnen. Schon in den ersten fünf Minuten erarbeitete sich der BVB drei große Chancen, davon ein Pfostentreffer durch Lewandowski. Auch wenn die Anfangsviertelstunde in Punkto Toren die erfolgloseste der Borussia ist, hat das Pressing eine psychologische Wirkung. Der Gegner wird von den dominant auftretenden Dortmundern direkt nach dem Anpfiff eingeschüchtert.

Auf diese Anfangsoffensive folgt eine ruhigere Phase im BVB-Spiel. Sie zogen sich wie in fast allen Spielen nach rund 10 bis 15 Minuten etwas zurück und ließen den Gegner kommen. Die Stuttgarter wussten das auszunutzen und gewannen in der Folge an Passsicherheit. Sie kamen nun erstmals zu einigen Torchancen. Besonders gut nutzten sie aus, dass Piszczek oft aufrückte. Okazaki wurde in solchen Situationen mit hohen Bällen hinter ihm angespielt und versprühte viel Gefahr. Verteidiger Tasci erzielte folgerichtig das Führungstor nach einem Freistoß, den der Japaner rausholte (22.). Gegen tiefer stehende Dortmunder gingen die Schwaben in Führung.

Wer nun erwartete, der BVB würde von seiner Strategie abweichen, irrte. Vor der 30. Minute kehren die Dortmunder nur in äußersten Notsituationen zu ihrem Angriffspressing zurück. Es ist interessant zu beobachten, wie wenig sich das Team durch Rückstände aus dem Konzept bringen lässt. Die mentale Stärke ist eine große Stärke der Mannschaft von Motivator Klopp. So warteten sie auch in diesem Spiel bis zehn Minuten vor der Pause, ehe sie erneut dem Gegner ihr Spiel diktierten. Die Stuttgarter wurden ob des aggressiven Gegners in die eigene Hälfte gedrückt. Der Treffer zum Ausgleich in der Nachspielzeit durch Piszczek war vollends gerechtfertigt.

Die Psychologie des Pressings

Auch nach der Pause wiederholte sich das Muster: Auf aggressiven Beginn folgte eine ruhige Phase, ehe sie in der Schlussviertelstunde ihre Kräfte nochmals bündelten. Gut zu sehen war dies anhand der Torschussstatistik: Direkt nach dem Wiederanpfiff hatten sie sieben Torschüsse, in der Phase zwischen der 60. und 75. Minute jedoch nicht einen einzigen. Kurz vor Schluss hatten sie nochmals vier große Möglichkeiten zwischen der 85. und 89. Minute. Zum Vergleich: Der VfB hatte in der ganzen zweiten Halbzeit „nur“ 6 Torschüsse. Hier zeigt sich auch die konditionelle Stärke des Meisters, der auch kurz vor Schluss die letzten Reserven aus sich herauskitzeln kann.

Natürlich ist Pressing nur ein Faktor unter vielen, wenn es um die Entscheidung eines Spiels geht. An der Spielweise von Dortmund lässt sich allerdings erkennen, wie eng verzahnt Taktik mit psychologischen Faktoren sein kann. So ist es kein Zufall, dass der BVB immer kurz nach dem An- und kurz vor dem Abpfiff am aggressivsten zu Werke geht. In diesen Phasen kann man den Gegner am besten einschüchtern, zudem sind Tore hier wertvoller. Hier bewahrheitet sich die alte Binsenweisheit des frühen Rückstandes bzw. des psychologisch wichtigen Zeitpunktes vor der Pause. Psychologe Klopp weiß um diese Faktoren und richtet seine Taktik seit mehreren Jahren darauf aus.

Gegen Stuttgart war der Meistertrainer damit jedoch nicht erfolgreich. Gerade in der zweiten Halbzeit ließ seine Mannschaft viele Chancen liegen. Stuttgart nutzte zudem die ruhigeren Phasen im BVB-Spiel sehr gut aus und agierte in diesen sehr dominant. Dennoch legte das Spiel deutlich den Rhythmus der Dortmunder Mannschaft offen.

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