Spielverlagerung: HSV mit offensiver Ausrichtung auf dem Weg der Besserung

Vom Rasen auf die Taktiktafel - Spielverlagerung.de analysiert wöchentlich ein Bundesliga-Spiel exklusiv auf Goal.com. Heute: Das Duell zwischen Hamburg und Wolfsburg.
Hamburg. Trainer Thorsten Fink konnte in seinem ersten Spiel als HSV-Trainer einen Punkt gegen Felix Magaths Wolfsburger erringen. Schon vor dem Spiel betonte der aus Basel gekommene Coach, er wollte dem Nordklub eine offensive, attraktive Spielweise verleihen. Wie spiegelte sich das taktisch in seinem ersten Auftritt wieder? Tobias Escher, Autor beim Fußballtaktik-Portal Spielverlagerung.de, wirft einen Blick auf das neue Spielsystem unter Fink.

Bereits im ersten Spiel konnte man einige Umstellungen im Spielsystem des HSV erkennen. Taktisches Herzstück im 4-4-2 System der Hamburger war die Rolle Rincons. Im eigenen Spielaufbau fiel er zwischen die beiden Innenverteidiger, um aus einer tief liegenden Position die Bälle zu verteilen. Der Venezolaner konnte auf dieser Position seine Stärken ausspielen: Rincon ist zwar unter Druck kein großartiger Techniker, er besitzt dafür eine hervorragende Spielintelligenz und Passstärke. Schon bei der Copa America konnte er in diesem Sommer in einer taktisch ähnlichen Rolle überzeugen, dort wurde er zum Spieler des Turniers gewählt. Nachdem er als klassischer Sechser seine Nationalmannschaftsform noch nicht in den Verein transferieren konnte, zeigte er in einer taktisch neuen Rolle seine beste Saisonleistung. Kein anderer Akteur auf dem Platz spielte so viele Pässe (62), auch seine Passgenauigkeit war mit fast 90% ausgezeichnet.

Sehr offensive Außenverteidiger

Diese taktische Maßnahme belebte nicht nur den Spielaufbau der Hamburger, sondern auch ihr Flügelspiel. Durch das Zurückfallen Rincons konnten die Außenverteidiger weiter vorrücken. Die Viererkette wurde so bei eigenem Ballbesitz zu einer Dreierkette und das System so zu einem effektiven 3-5-2. Westermann auf Rechts und Aogo auf Links gingen immer wieder mit nach vorne. Auf den Flanken sollten sie so für Gefahr sorgen. Das klappte besonders im Falle von Aogo, der zusammen mit Jansen ein gefährliches Angriffsduo bildete. Die zahlreichen Möglichkeiten, die sich der HSV in der ersten Halbzeit erspielte, kamen fast alle über die Flügel.

Ihre taktische Aufstellung mit der flexiblen Umstellung von Vierer- auf Dreierkette brachte ihnen eine Dominanz über das Spiel. Allerdings hat auch dieses System seine Schattenseiten: Durch die sehr hohe Position der Außenverteidiger wird die Defensive anfällig für Konterangriffe über die Flanken. Sobald sich die Außenverteidiger wieder zurück orientiert haben, kann Rincon wieder ins Mittelfeld vorrücken. Es entsteht wieder eine Viererkette. Bei schnellen Gegenstößen sind die Außen jedoch unbesetzt, so dass der Gegner mit einem langen Ball in diesen Bereichen freie Räume vorfinden kann. Eine Handvoll Mal legten die Wolfsburger diese Schwächen offen. Nicht nur fiel ihr früher Treffer nach einer Flanke von Ochs von der linken Hamburger Abwehrseite, auch danach konnte der Ex-Frankfurter mehrere Male frei angespielt werden. Die Wolfsburger blieben allerdings bei ihren Kontern zu ungenau, nur 68% ihrer Pässe kamen an. So war der HSV über weite Strecken der ersten Halbzeit überlegen. Schon zur Pause war der Rückstand aufgrund der zahlreichen HSV-Chancen glücklich für die Wölfe.

HSV nach der Pause noch offensiver

So richtig in Fahrt kamen die Hamburger nach dem Wiederanpfiff. Fink richtete sein Team mit der Einwechslung Diekmeiers (für Rajkovic) noch offensiver aus. Westermann, der seltener als sein Counterpart Aogo Vorstöße auf dem Flügel wagte, rückte in die Innenverteidigung und wurde durch einen sehr offensiven Flügelverteidiger ersetzt. Durch Diekmeiers häufiges Aufrücken konnte wiederum Töre, der nominell Rechtsaußen spielte, öfters in die Mitte rücken, ohne den Raum auf dem Flügel unbesetzt zu lassen. Auf diese Art kreierte man mit Töre, Sechser Kacar und den leicht hängenden Spitzen Petric und Guerrero eine Mittelfeldüberzahl. Der HSV konnte nun gegen die tief stehenden Wolfsburger aus der Zentrale heraus ein feines Kurzpassspiel aufziehen. Doppelpässe, vertikale Flachpässe und Ablagen kennzeichneten ihre Angriffe. Auch der Ausgleichstreffer durch Petric fiel nach einer schönen Kombination durch die Mitte.

Erst in der Schlussphase kamen die Wolfsburger wieder vermehrt zu Torschüssen. Hier zeigte sich eine wesentliche Baustelle beim HSV: Der Mannschaft fehlte nach dem anstrengenden Spiel die Kondition. Ab der 65. Minute war den Hamburger anzumerken, dass die Kraft nach der laufintensiven Anfangsphase der zweiten Halbzeit zurückging. Am Ende wirkten sie K.O., obwohl die Spieler „nur“ 112km gelaufen sind. Zum Vergleich: Die Spieler von Borussia Dortmund laufen pro Spieltag zwischen 120 und 125km. Der HSV scheint konditionell nicht auf der Höhe zu sein, was bereits einige Male in dieser Saison zu sehen war.

HSV auf dem Weg der Besserung

Am Ende wurden die Wölfe ihnen aber nicht mehr gefährlich. Die Hamburger kamen zu einem Punkt, bei besserer Chancenverwertung hätten es drei sein können. Trotz des verpassten Sieges kann sich Fink über einen gelungenen Auftakt freuen. Dass die taktische Marschroute des ehemaligen Bayernspielers bereits im ersten Spiel so deutlich zutage tritt, war nicht zu erwarten. Insgesamt war es eine der stärksten Leistungen des HSV in dieser Saison. Gerade im Kombinationsspiel zeigten die Hamburger zum ersten Mal in dieser Saison das Potenzial, das die individuell starken Einzelspieler auszeichnet. Mit dieser proaktiven Spielweise kann der Bundesliga-Dino durchaus auf einige Punkte aus den nächsten Spielen hoffen.

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