Spielverlagerung: Gladbach macht gegen Bayer vieles richtig - nur der Abschluss stimmt nicht

Vom Rasen auf die Taktiktafel - Spielverlagerung.de analysiert wöchentlich ein Bundesliga-Spiel exklusiv auf Goal.com. Heute: Das Duell zwischen Gladbach und Leverkusen.
Mönchengladbach. Ein Spiel symptomatisch für den Saisonverlauf: Bayer Leverkusen gerät nach einer guten ersten Hälfte ins Hintertreffen, während Borussia Mönchengladbach nach einer guten zweiten Halbzeit durch eine schwache Torausbeute zwei Punkte verliert. Die Taktikanalyse zeigt, wieso Bayer Leverkusen nach einem guten Anfang stark nachließ, wo die Stärken von Gladbach lagen – und warum manche spielentscheidenden Wendungen so schwer zu erklären sind.

Auf der Suche nach dem Vertikalpass

Dass Borussia Mönchengladbach vor dem Spiel am neunten Spieltag in der Tabelle vor Gegner Bayer Leverkusen stehen würde, hätten die wenigsten erwartet. Unter Lucien Favre entwickelte sich die Mannschaft vom Abstiegskandidaten der letzten Saison zur Überraschungsmannschaft. Oft werden die Fohlen nur auf ihre Konterstärke reduziert, dabei ist ihr Spiel vielfältiger. Sie suchen nicht in jeder Situation den direkten Weg zum gegnerischen Tor. Vielmehr lassen sie den Ball so lange in den eigenen Reihen zirkulieren, bis sich die Möglichkeit zu einem Pass nach vorne (Vertikalpass) ergibt. Die Stürmer, dieses Mal Hanke und Reus, sind ständig in Bewegung, um Lücken zu öffnen und anspielbar zu werden. Ein immer wiederkehrendes Muster ist das Ablegen des Balles durch die Stürmer, die wiederum sofort durchstarten, um eine Anspielstation zu werden. Diese Kombination Vertikalpass-Ablage-Vertikalpass wird teilweise öfters hintereinander angewendet, um sich schnell von der eigenen Viererkette vor das gegnerische Tor zu kombinieren. 

Ein Weg, diese Gladbacher Stärke nicht zur Entfaltung kommen zu lassen, ist das aggressive Stören ihrer Verteidiger. Hiermit setzt man am Ausgangspunkt der meisten Angriffe der Gladbacher an. In der ersten halben Stunde taten die Leverkusener dies mit vergleichsweise großem Erfolg. Kießling und Schürrle störten beide weit vorne und sorgten dafür, dass die Pässe der Gladbacher Innenverteidiger Stranzl und Dante unter Druck ungenau gespielt wurden. Allerdings hatten auch die Gladbacher ein gutes Mittel gegen die Leverkusener Angriffe: Sie verschoben sich sehr weit zum Ball und ließen die Räume zwischen Abwehr und Mittelfeld sehr eng. So war der ballführende Leverkusener bis zu vier Gegenspielern ausgesetzt. Da die Leverkusener Spieler bei Angriffen weit auseinander stehen, um die Breite des Spielfeldes auszunutzen, konnten die Gladbacher durch ihre kluge Abwehrarbeit den Ballführenden oft isolieren.

Leverkusen geht in Führung

Durch ihre starke Defensive neutralisierten sich beide Teams in der Anfangsphase. Den ersten Torschuss gab es durch Reus erst in der 17. Minute, zwei Minuten später hatte auch Schürrle die erste Leverkusener Chance, als er alleinstehend an ter Stegen scheiterte. Die darauf folgende Ecke brachte den etwas überraschenden Leverkusener Führungstreffer. Ballack leitete die Ecke auf den freistehenden  Reinartz weiter, der nur einnetzen musste. Mit dieser schönen Variante untermauerte die Werkself ihre Stärke nach Standardsituationen.

Nach dem Führungstreffer zogen sich die Leverkusener zurück, wodurch die Gladbacher etwas mehr Kontrolle über das Spiel gewinnen konnten. Dies war ein entscheidender Fehler von Dutts Elf: Nun fanden die Gladbacher Verteidiger zu ihrem Spiel. Bis zu diesem Zeitpunkt gelangen dem Team von Lucien Favre nur wenige Vertikalpässe. Das änderte sich ab der 30. Minute schlagartig. Besonders Jantschke und der oft zurückfallende Arango, der öfters mit Herrmann die Seiten tauschte, wussten Reus und Hanke in der Spitze einzusetzen. Die Leverkusener begannen in der Viererkette zu schwimmen. Wie bereits bei der Derby-Niederlage gegen Köln zeigte sich ihre Vierkette anfällig für Schnittstellenpässe.

Gladbach erarbeitet sich Chance um Chance

In der letzten Viertelstunde vor und in der ersten nach der Pause gab es so Chance um Chance für Gladbach. Der Verzicht auf ein Pressing gegen die gegnerischen Verteidiger gepaart mit der hohen Leverkusener Abwehrreihe lud die Heimmannschaft ein, langen Ball um langen Ball zu spielen. Reinartz und Schwaab verspekulierten sich ein ums andere Mal, so dass Reus und Hanke immer öfter frei zum Tor ziehen konnten. Einzig die Querlatte und ein klasse aufgelegter Bayer-Keeper Leno verhinderten den Ausgleich. Gladbach drückte jetzt: 15 ihrer 21 Torschüsse verbuchten sie nach der Pause. Überragender Mann war Reus, der sich acht Torschüsse erarbeitete. Die Gladbacher Dominanz hatte jedoch einen Wermutstropfen: Sie erzielten das Tor nicht. Erst in der 65. Minute war Reus erfolgreich, zu einem Zeitpunkt, als Gladbach bereits fünf oder sechs Großchancen liegen ließ. Keine Mannschaft der Bundesliga braucht statistisch so viele Torschüsse für ein Tor wie Gladbach.



Trotz der schlechten Chancenausbeute schafften die Gladbacher in der 72. Minute durch Herrmann den Führungstreffer. Da zuvor auch noch Gonzalo Castro mit einer roten Karte des Feldes verwiesen wurde (68.), schien die Hoffnung der Leverkusener geschwunden. Die Gladbacher spielten die Partie routiniert runter, die Leverkusener kamen kaum noch in der gegnerischen Hälfte an den Ball. Als die Gladbacher Fans gerade mit Sprechchören den ersten Heimsieg über Leverkusen nach über 20 Jahren feiern wollten, torpedierte Schürrle die Party. Mit einem Sonntagsschuss sorgte er für den unerwarteten Ausgleich. Angekündigt hat sich das Tor nicht.

Borussia Mönchengladbach war zwar über weite Teile des Spiels die bessere Mannschaft, musste allerdings abermals der schwachen Chancenverwertung Tribut zollen. So verlor man erneut wichtige Punkte im Kampf um die vorderen Plätze. Bayer Leverkusen hingegen war spielerisch unterlegen, kann sich aber auf seine Einzelkönner verlassen. Diesmal war es Schürrle, der über fast 90 Minuten untertauschte und dann mit seinem Schuss Leverkusen einen Punkt sicherte in einem Spiel, in dem sie ab der 30. Minute taktisch unterlegen waren. Manchmal braucht es eben nicht nur eine gute Taktik, um erfolgreich zu sein.

Spielverlagerung.de
Taktiktafeln, Vierketten, Spielsysteme – das ist die Welt von spielverlagerung.de. Auf ihrer Internetseite analysieren sie Fußballspiele aus ihrer taktisch-gefärbten Brille.