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Marcel Halstenberg exklusiv: "Bei Leipzig am Anfang jeden Tag Muskelkater"

RB Leipzig kann am Mittwochabend gegen den FC Bayern die Tabellenführung erobern. Auch wenn der Kracher in der Allianz Arena verloren geht, ist das bisher Geleistete der Roten Bullen einzigartig. Niemals war ein Aufsteiger besser. Ein Gesicht des Erfolgs ist Marcel Halstenberg. Der 25-Jährige ist auf der linken defensiven Außenbahn gesetzt.

Ausgerechnet gegen die Bayern droht er nun aufgrund einer Zerrung des Hüftbeugers auszufallen. Dennoch zeigt er sich im exklusiven Goal-Interview mehr als glücklich über die bisherige Saison. Außerdem spricht er über seine Dortmunder Zeit, seinen besonderen Weg und den beeindruckendsten Mitspieler bei Leipzig.

Zu Beginn eine kleine Quizfrage für Sie: Wissen Sie noch, was Sie am 13. Februar 2011 gemacht haben?

Marcel Halstenberg: Gute Frage. Weiß ich nicht auf die Schnelle. (lacht)

An diesem Tag spielten Sie mit Hannovers U23 in der Regionalliga Nord gegen RB Leipzig. Was hätten Sie damals jemandem gesagt, der Ihnen gesagt hätte, dass Sie fünfeinhalb Jahre später bei Gegner Leipzig Stammspieler in der Bundesliga sind und am Mittwoch bei einem Sieg Platz eins von den Bayern zurückerobern können?

Halstenberg: Wahrscheinlich, dass er spinnt. (lacht)

Wie erleben Sie die bisher unfassbare Saison von RB?

Halstenberg: Das ist natürlich gerade eine sehr schöne Momentaufnahme. Klar war es vor fünf Jahren mein Ziel, eines Tages in der Bundesliga zu spielen. Dass das mit Leipzig klappt, hätte ich zum damaligen Zeitpunkt natürlich nicht gedacht. Aber umso schöner, dass es bisher so gut läuft.

Ihre Freunde und Bekannten dürften ziemlich von den Socken sein.

Halstenberg: Man merkt, dass bei jedem Spiel, egal ob zuhause oder auswärts, viele Leute, die ich kenne, vorbei kommen. Das Interesse ist enorm, was in der 2. Liga nicht in diesem Ausmaß der Fall war. Daran merkt man schon, dass man ganz oben, in der Bundesliga angekommen ist. Die Reaktionen sind großartig. Alle freuen sich und sagen, dass ich den richtigen Schritt gegangen bin.

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Sie sind mit 25 einer der Älteren im blutjungen Leipziger Team und dennoch ist es auch ihre erste Bundesliga-Saison. Dachten Sie irgendwann in den letzten Jahren, dass der Bundesliga-Zug abgefahren ist?

Halstenberg: Nein, ich habe schon immer daran geglaubt. Natürlich hat man über all die Jahre gemerkt, dass ich vielleicht eher so etwas wie ein Spätzünder bin. Denn einige spielen schon mit 16 oder 17 Jahren Bundesliga. Bei mir war das anders. Ich habe immer hart gearbeitet, mich von der Regionalliga über die 3. und 2. Liga in die Bundesliga hochgearbeitet. Mir tat das auch gut, dass ich alle Stationen durchlaufen habe. Gerade in der 3. Liga habe ich noch einmal einen ganz anderen Biss bekommen.

Wie schwierig waren die Umstiege in die jeweils höhere Liga?

Halstenberg: Die 3. Liga ist eher körperbetont, dort wird auch viel mehr mit dem Gegenspieler geredet auf dem Platz. Das hat mich auf jeden Fall geprägt. In der Bundesliga dagegen steht das Fußballerische im Vordergrund. Dort herrscht eine immense Qualität. Dadurch, dass ich jeden einzelnen Schritt immer dann gemacht habe, als ich wirklich bereit war, war die jeweilige Umgewöhnung nicht so groß.

Wird in der Bundesliga denn nicht auch gepöbelt?

Halstenberg: So gut wie gar nicht. Ich denke, man hat deutlich mehr Respekt voreinander.

2011 wechselte Sie von Hannover zu Borussia Dortmund. Gab es bei 96 keine Perspektive, zu den Profis aufzusteigen?

Halstenberg: Es gab Gespräche, nach denen mir Hannover nur einen Amateurvertrag angeboten hat. Ich habe mich aber durchaus bereit gefühlt, den nächsten Schritt zu gehen. Nach zwölf Jahren Hannover musste deswegen ein Tapetenwechsel her.

Wie surreal ist es, dass der Verein, der Ihnen damals keine Chance gab, heute in der 2. Liga spielt und Sie beim Bundesliga-Zweiten Stammspieler sind?

Halstenberg: Das ist schon verrückt. Natürlich war das damals traurig und auch ein Stück weit enttäuschend. Ich musste dann eben einen anderen Weg gehen und habe diesen auch erfolgreich bestritten. Als Hannover vor zwei Jahren wieder Interesse gezeigt hat, hat mir das gezeigt, dass ich alles richtig gemacht habe.

Wie wichtig war der Aufstieg von Dortmund in die 3. Liga 2012 für Ihren weiteren Werdegang?

Halstenberg: Das war auf jeden Fall sehr wichtig. Es war so, dass es lange nicht danach aussah, dass wir aufsteigen würden. Wir hatten keinen Druck von oben, hatten einfach nur Spaß und hatten zusammen eine gute Zeit. Mit den letzten Spieltagen hat es dann doch noch geklappt. Und in der 3. Liga habe ich eine Menge dazu gelernt, etwa körperlich dagegen zu halten. Deswegen war dieser Aufstieg für meine Entwicklung mehr als wichtig.


Ralph Hasenhüttl schenkte Marcel Halstenberg bisher in jedem Spiel von Beginn an das Vertrauen

Über St. Pauli ging es dann 2015 zu Leipzig. Wie lief der erste Kontakt ab?

Halstenberg: Es gab schon zu Dortmunder Zeiten von Leipziger Seite Interesse an mir. Damals war der Schritt aber noch zu groß und der Wechsel zu St. Pauli der richtige. Danach ging es dann sehr schnell. In Hamburg habe ich gut gespielt, Tore gemacht und dann kam Ralf Rangnick auf  mich zu und wollte mich gern verpflichten.

Wie lange hat es gedauert, bis Sie sich an Leipzigs intensive Art, Fußball zu spielen, gewöhnt hatten?

Halstenberg: Unter David Wagner spielten wir beim BVB schon ähnlich. Natürlich ist es hier noch einmal ein Stück weit intensiver, was das Pressing und die Laufarbeit betrifft. In den ersten zwei Wochen bin ich jeden Tag mit Muskelkater rumgelaufen. (lacht) Das war schon eine große Umstellung. Das Training ist hier viel spezifischer und auch anstrengender, was natürlich auch daran liegt, dass hier durch unseren Kader ein anderes Qualitäts-Level herrscht.

Warum versuchen so wenige andere Teams, taktisch so wie Leipzig zu spielen?

Halstenberg: Dortmund hatte in den Meisterjahren unter Jürgen Klopp eine ähnliche Art, Fußball zu spielen. Hier bei Leipzig wird bereits in der Jugend darauf geachtet, dass die Abläufe sich automatisieren. Und genau so ist das bei den Profis in der Vorbereitung. Man wird sowohl läuferisch auch als spielerisch optimal darauf vorbereitet, schnell umzuschalten und gedanklich schneller zu sein als der Gegner. Hier wird auf jede Kleinigkeit geachtet, um bei Bedarf an jeder kleinen Schraube drehen zu können. Darauf arbeitet nicht nur das Team hin, sondern auch das Team hinter dem Team. Es ist unglaublich, wie akribisch und professionell hier gearbeitet wird.

Wie verhält sich das bei Ihnen als Außenverteidiger genau?

Halstenberg: Vor dem Spielen erhalten wir spezielle Videos von den Gegenspielern, mit denen wir uns sehr gut einstellen können. Die Szenen werden dann mit den Trainern genau besprochen, damit man auch auf kleinste Details achtet.

Mit dem schnellen Leipziger Fußball haben Sie in dieser Saison unter anderem Ihren Ex-Klub Borussia Dortmund geschlagen. Etwas ganz Besonderes?

Halstenberg: Natürlich. Ich habe damals bei Dortmund gemerkt, dass es für mich nicht mehr weitergehen würde. Und dann habe ich mich ganz besonders gefreut, gegen alte Kollegen zu spielen. Es war eine hohe Anspannung da und ich war auch etwas nervös. Umso schöner war es, dass es vor eigener Kulisse mit dem 1:0-Sieg geklappt hat.

Welcher Mitspieler beeindruckt Sie am meisten?

Halstenberg: Mit Timo Werner haben wir einen ganz speziellen Typ, der gefühlt erst 18 ist und schon über 100 Bundesligaspiele hat (lacht). Auf dem Platz zeigt er eine immense Qualität. Aber das ganze Team hat ein hohes Niveau und wir können auf jeder Position zwei Spieler einsetzen, die ihre Qualitäten haben. Zudem sind fast alle sehr jung und können sich noch enorm weiterentwickeln.

Merkt man die fehlende Erfahrung manchmal?

Halstenberg: Wie man sieht, funktioniert das bisher ziemlich gut, obwohl wir im Schnitt meist deutlich jünger sind als der Gegner. Zumal es mit Marvin Compper, Stefan Ilsanker oder Dominik Kaiser ja auch einige Ältere gibt. Generell sind die Qualität und der Hunger nach Erfolg aber viel wichtiger als das Alter.

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Haben Sie im Sommer insgeheim damit gerechnet, überraschen zu können?

Halstenberg: Natürlich wussten wir, was wir für eine Qualität in der Mannschaft haben. Schon im Training merkt man, dass einiges möglich sein könnte, aber im Wettkampf muss man das dann auch erst einmal umsetzen. Aber dass wir bereits so viele Punkte sammeln konnten, überrascht uns wie die meisten anderen auch. Damit hat vor der Saison sicher niemand gerechnet.

Dass das Ankommen so gut klappt liegt auch an Ralph Hasenhüttl. Was macht ihn besonders?

Halstenberg: Er weiß genau, wie er mit uns umgehen muss. Er weiß, wann er Dinge laufen lassen muss und wann er einschreiten und auch mal laut werden muss. Er hat da ein sehr gutes Gespür. Natürlich hat er auch ein enormes Fachwissen. Bei Spielen weiß er genau, wie er uns anleiten muss und was die richtigen Worte in der Halbzeit für uns sind.

Das DFB-Team hat bekanntlich auf den Außenverteidiger-Positionen ein Problem. Beschäftigt Sie das?

Halstenberg: Ich würde lügen, wenn ich sagen würde, dass die Nationalmannschaft mich absolut nicht beschäftigt. Aber natürlich konzentriere ich mich jetzt erst einmal auf den Verein. Es ist meine erste Bundesligasaison und ich will möglichst viele Spiele machen und mit RB Leipzig noch weiterhin großen Erfolg haben. Wenn dann irgendwann einmal der Anruf kommen würde, wäre das natürlich ein Traum.