EXKLUSIV
Timo Gebhart wurde deutscher U17-Meister mit 1860 München und U19-Europameister 2008. Er galt als Mann der Zukunft und spielte beim VfB Stuttgart zu Beginn stark auf. Seine Karriere nahm dennoch einen anderen Verlauf. Weil ihm Verletzungen in die Quere kamen und ein bisschen auch er selbst.
Heute spielt der mittlerweile 27-Jährige in der 3. Liga bei Hansa Rostock. Er ist Stammspieler und zeigte bisher starke Leistungen. Auch wenn ihn am Mittwoch ein Muskelfaserriss zurückwarf, ist er guter Dinge und glücklich wie lange nicht mehr. Im exklusiven Interview mit Goal spricht er über ein unvergessenes Duell mit Barca, den prägendsten Trainer seiner Karriere, das unschöne Ende beim FCN und seine Zukunft.
Im Sommer sagten Sie, Sie würden es Ihren Kritikern und sich selbst zeigen wollen, was Sie drauf haben. Das ist gelungen, oder?
Timo Gebhart: Ja, das denke ich doch. Ich fühle mich hier sehr wohl und bin richtig happy, dass es bei mir so gut läuft. Ich denke, meine Leistungen stimmen soweit und ich kann mit vier geschossenen Toren zufrieden sein. Alles andere als zufriedenstellend sind natürlich unsere Ergebnisse zuletzt. Wir brauchen dringen wieder einen Sieg. Für mich kann ich aber nur betonen, wie glücklich ich bin, wieder Spaß am Fußball zu haben und in so einer tollen Mannschaft zu spielen, die Fans hat, die uns teilweise 700 Kilometer begleiten und immer zu uns stehen. Die Verletzung ist natürlich sehr ärgerlich. Aber Gott sei Dank ist es nur eine kleine Verletzung und ich werde nur zwei Spiele fehlen.
Warum ausgerechnet Hansa Rostock?
Gebhart: Mir war sehr wichtig, dass ich in eine Mannschaft komme, in der ich gebraucht werde und dass ich eine Rolle als Leistungsträger einnehme. Nachdem ich schwierige Zeiten hatte, stand der Spaß am Fußball im Vordergrund. Das Angebot von Hansa klang sehr gut, man hat sich intensiv um mich bemüht. Dieses Gefühl der Wertschätzung hat letztendlich den Ausschlag gegeben. Und meine Entscheidung war goldrichtig.
Samed Yesil: Spielen für die Zukunft
Springen wir zu Ihren fußballerischen Anfängen. 2009 führten Sie Deutschland mit drei Scorerpunkten im Finale gegen Italien zum U19-EM-Titel. Wie haben Sie das Spiel in Erinnerung?
Gebhart: Das war natürlich ein überragender Moment. Ich habe damals ein gutes Turnier gespielt und es war unglaublich, als junger Spieler einen EM-Titel zu holen. So etwas vergisst man nicht.
Nach dem Turnier wechselten Sie zum VfB Stuttgart, wurden auf Anhieb Stammspieler und spielten in der Champions League gegen den FC Barcelona und Stars wie Lionel Messi oder Xavi. Welchen Spieler haben Sie besonders in Erinnerung?
Gebhart: Es war ein absolutes Highlight. In diesem Alter Champions League gegen die beste Mannschaft der Welt – das werde ich mein Leben lang nicht vergessen. Als ich jung war, war Thierry Henry immer mein Vorbild. Und plötzlich spielte ich selbst gegen ihn. Es war wie ein Traum. Ich habe dann auch mit ihm Trikots getauscht. Messi war natürlich auch unglaublich. Aber den hat schließlich jeder als Vorbild. (lacht)
Ihr Trainer war damals Christian Gross. Sie betonten immer wieder den Stellenwert, den er für Sie hatte.
Gebhart: Das stimmt. Er spielt eine sehr, sehr große Rolle in meinem Werdegang. Er hat mir immer das Vertrauen geschenkt, das man als Spieler braucht. Er hat mich zum Beispiel einmal zum Kapitän gemacht. Weil er voll auf mich gesetzt hat, haben die Leistungen dann auch gestimmt. Auch fußballerisch habe ich viel von ihm gelernt.

Gebhart gewann 2008 an der Seite heutiger Nationalspieler wie Lars Bender die U19-Europameisterschaft
2011/12 haben Sie unter Bruno Labbadia dann Ihren Stammplatz verloren.
Gebhart: Ich hatte, als der neue Trainer kam, zwei Bänderrisse innerhalb kürzester Zeit, die jeweils operiert werden mussten. Danach war es dann sehr schwer, mich wieder ranzukämpfen. Es hat dann nicht mehr funktioniert. So ist das im Fußball.
Schwierig war dann auch Ihre Zeit in Nürnberg. Was hat gefehlt?
Gebhart: Zunächst möchte ich betonen, dass ich auch sehr schöne Erinnerungen an meine Zeit dort habe. Als Profi will man aber spielen und aufgrund anhaltender Leistenprobleme habe ich genau das eben oft nicht. Ich trat oft auf der Stelle und war vielleicht zu ungeduldig.
Es kam zu einem unschönen Ende. Zuletzt mussten sie mit anderen Aussortierten trainieren.
Gebhart: Das war natürlich alles andere als schön, wenn einem auf diese Art klar gemacht wird, dass man abgeschrieben ist.
Im Anschluss wechselten Sie nach Rumänien. Wie kam es denn dazu?
Gebhart: Laurentiu Reghecampf, der Trainer von Steaua Bukarest, hat selbst in der Bundesliga gespielt und kannte mich deshalb. Über meinen ehemaligen Mitspieler Ciprian Marica wurde dann der Kontakt hergestellt. Und wir haben uns getroffen. Das Interesse wurde konkreter und ich dachte mir: 'Warum nicht mal was ganz Neues ausprobieren.'
Was sind die größten Unterschiede zu Deutschland?
Gebhart: Die Stadien sind natürlich kleiner, die ganze Mentalität ist eine andere, In Rumänien achtet niemand so extrem auf Disziplin wie in Deutschland. (lacht) Fußballerisch hat sich der Fußball dort aber in den letzten Jahren enorm weiterentwickelt. Technisch und taktisch haben die Teams mittlerweile alle ein gutes Niveau. Die Liga war richtig gut und auch Steaua hat ein ganz starkes Team.
Mit den Medien gerieten Sie aufgrund einer kuriosen Geschichte in Konflikt.
Gebhart: (lacht) Ja, das war absurd. Wir hatten einen ganz normalen Mannschaftsabend und waren abends unterwegs und am nächsten Morgen stand in der Zeitung, ich sei in einem dubiosen Massagesalon mit Prostituierten gewesen. In Rumänien ist medial alles ein bisschen extremer, es lauern überall Papparazzi. Ich bin einmal zu IKEA gefahren, um dort ein paar Sachen zu besorgen, und am nächsten Tag war ein Foto davon in der Zeitung. (lacht) Das hat schon absurde Dimensionen angenommen. Natürlich wird alles aufgebauscht, um eine Geschichte zu haben. Bei mir kam hinzu, dass ich natürlich Fehler gemacht habe. Die wurden dann wieder herausgekramt und dann hatte ich meinen Stempel als Bad Boy.

Vor einigen Jahren spielte Gebhart noch in der Champions League gegen den FC Barcelona
Wie ist das aktuell bei Rostock? Ruht die Vergangenheit endlich oder werden sie weiterhin mit Fehlern von früher konfrontiert?
Gebhart: Als es zum Wechsel kam, haben natürlich viele diesen Stempel hervorgeholt. Aber mittlerweile werde ich mit sehr viel Respekt behandelt. Man muss einfach verstehen, dass die Medien sich auf diese alten Storys stürzen, das ist eben deren Job. Ich habe hier aber meine Leistung gebracht und es geht deshalb vor allem um mich als Fußballer. Alles andere zählt für mich nicht.
Würden Sie etwas anders machen?
Gebhart: Natürlich habe ich einige Fehler gemacht, die ich so heute nicht mehr machen würde. Aber man kann sie nicht ändern. Und man muss auch berücksichtigen, dass ich jung war und wir alle auch nur Menschen sind. Ich habe mich weiterentwickelt und schaue nach vorne. Ich habe gerade richtig Spaß am Fußball und das ist doch das Wichtigste.
Sie sind erst 27, im besten Fußballalter also. Ist ein Wechsel in die 2. Oder sogar die Bundesliga ein Ziel?
Gebhart: Natürlich traue ich mir das zu und ich habe auch schon bewiesen, dass ich die Qualität habe. Aber jetzt geht es für mich nur darum, Leistung zu zeigen und so das mir hier entgegen gebrachte Vertrauen zu rechtfertigen. Jeder Fußballer will aber natürlich in der Bundesliga spielen.
Geleakt: das sind Barcas neue Trikots
Was war der schlimmste Moment Ihrer Karriere?
Gebhart: Das war auf jeden Fall die Verletzung bei Nürnberg. Das war sehrt hart. Auch psychisch muss man als Vollblutfußballer erst einmal damit klarkommen, wenn man plötzlich draußen sitzt. Ich wurde dann abgeschrieben – ein schlimmes Gefühl, das ich niemandem wünsche. Das ist auch der Grund, warum ich Hansa so dankbar bin, dass ich hier endlich wieder Fußball spielen kann.
Zum Abschluss noch ein Kontrast zu den negativen Erinnerungen. Was war Ihr schönster Moment?
Gebhart: (überlegt) Für mich persönlich war das mein erstes Tor für Rostock. Nach allem, was ich durchgemacht habe, war das die pure Befreiung. Genau so war es beim Tor gegen Magdeburg, das ich in der 93. Minute geschossen habe. Ich habe kaum Luft bekommen. (lacht) Das muss man sich mal vorstellen. Das war einfach nur geil! Sie dachten jetzt, ich sage Barcelona, oder? (lacht) Aber manchmal sind es im Leben die kleinen Dinge, die am wichtigsten sind.