Yoann Gourcuff: Der tragische Niedergang eines Genies

Er galt als kommender Superstar und Zidane-Nachfolger. Inzwischen ist Yoann Gourcuff 30 - und hat eine tragische Geschichte hinter sich. Goal sprach mit seinem Entdecker.

EXKLUSIV

In Ploemeur scheinen sich die Uhren langsamer zu drehen. Als Trabantenstadt für das nahe gelegene Lorient besteht der 18.000-Einwohner-Ort größtenteils aus Wohnhäusern. In der Luft liegt der bretonische Geruch nach Meersalz und Algen, es sind nur wenige Kilometer zum Strand. Die Hektik der Hauptstadt Paris liegt ebenso weit entfernt wie urbanes Multikulti-Leben. Ploemeur ist ein ruhiger Ort, der fast introvertiert daherkommt und weder Atlantik-Tourismus-Hochburg noch Industrie-Städtchen ist, sondern einfach nur Ploemeur. Nicht mehr und nicht weniger.

Mustafi exklusiv: "Keiner weiß, was für ein Mensch ich bin"

Es passt perfekt, dass hier, im nordwestlichsten Zipfel Frankreichs, Yoann Gourcuff geboren wurde. Denn der inzwischen 30-Jährige gilt als Gegenentwurf zum lauten, bunten Profi mit auffälliger Frisur und dickem Schlitten vor der Villa. Er gilt überhaupt als einer, der nicht wirklich in die Branche passt. Als einer, der zu klug ist, um an trainingsfreien Tagen PlayStation zu zocken und lieber Bücher liest oder den Politikteil der Zeitung.

Hier, in der Ruhe Ploemeurs, erblickte Gourcuff im Sommer 1986 das Licht der Welt, 17 Tage, nachdem das hoch gehandelte französische Team um Platini, Giresse, Tigana und Fernandez gegen deutsche Pragmatiker ausgeschieden war. Paradoxerweise kam die Equipe Tricolore der Achtziger Gourcuffs späterem Spiel am nächsten. Man kann ihn also durchaus als einen bezeichnen, der zu spät geboren wurde.

"Er hatte etwas Besonderes"

2001 wechselte Gourcuff vom FC Lorient zum größeren Bretagne-Klub Stade Rennes, wo sein Vater Christian, vorher als Trainer ebenfalls bei Lorient, einen Job angenommen hatte. Dass der Wechsel des Teenagers mehr war als eine Gefälligkeit auf Weisung des neuen Cheftrainers, zeigte sich schnell. "Er war einer der besten Spielmacher, die ich in diesem Alter jemals gesehen habe", sagt Laszlo Bölöni, unter dem Gourcuff 2004 als 17-Jähriger bei den Profis debütierte, gegenüber Goal.

Bölöni muss es wissen. Bis 1998 war der frühere Trainer, der der ungarischen Minderheit in Siebenbürgen angehört, Rekordnationalspieler Rumäniens. 1984 nahm er an der EM teil und 1986, gut zwei Monate vor Gourcuffs Geburt, gewann er mit Steaua Bukarest gegen den großen FC Barcelona sensationell den Europapokal der Landesmeister. Inzwischen hat der 63-Jährige seine Karriere beendet, im Laufe seiner Laufbahn stand er unter anderem bei Nancy, Monaco, Lens, in Griechenland, Katar und Saudi Arabien an der Seitenlinie. Und bei Sporting.

Dort förderte er die Karriere des heutigen Weltstars Cristiano Ronaldo. Bölöni hatte schon immer diesen Blick für Talent, selten täuschte er sich. "So wie ich es damals bei Cristiano wusste, dass er ein Großer werden würde, war ich mir bei Yoann sicher", sagt er am Telefon in flüssigem Englisch. "Er hatte etwas Besonderes. Er konnte in seinen Aktionen ganz plötzlich etwas machen und keiner wusste, wie er es gemacht hatte."

Auserkoren zum Zidane-Nachfolger

Dass Bölöni auch ein Trainer der etwas anderen Art ist, genau wie Gourcuff ein Spieler der anderen Art ist, half sicher beim Start des dunkelhaarigen, großgewachsenen Regisseurs in die erbarmungslose Profiwelt. Denn Bölöni hat studiert, ist ausgebildeter Zahnarzt, spricht fünf Sprachen und ein bisschen Spanisch, spielt leidenschaftlich gern Schach. Er war bereits 2004 ein Trainer-Ästhet, der Waldläufe verpönte und trotz seines autoritären Führungsstils Freigeister wie Gourcuff nicht zwang, sich dem Team unterzuordnen.

Erlebe die Ligue 1 live und auf Abruf auf DAZN. Hol' Dir jetzt Deinen Gratismonat!

"Als dieser schüchterne Junge zu uns kam, sagte ich ihm: 'Spiel einfach wie immer.'" Ein Ratschlag, den Gourcuff nur teilweise beherzigte. In der Saison 2004/05 kam er meist als Joker. "Es gab Spiele, in denen man sah, dass er mit sich haderte und nicht zufrieden war. Das blockierte ihn dann für das ganze Spiel. Gleich zu Beginn der Saison gab es ein Spiel, das wir 3:1 verloren. Yoann verlor gleich zu Beginn einen Ball. Danach war er nicht mehr der Yoann, den wir aus dem Training kannten. Als ich ihn danach kritisierte, sagte er gar nichts, sondern schaute einfach nur auf den Boden."

Dennoch baute Bölöni weiter auf das Talent, das 2005/06, das Vertrauen seines Mentors spürend, aufblühte und endlich das tat, in dem er begnadeter war als fast alle anderen; er spielte Fußball. Er wurde Stammspieler, erzielte sechs Tore und legte vier weitere Treffer vor. Viel mehr noch als die Zahlen ragte jedoch seine Eleganz heraus, die ihn schon bald zum Nachfolger Zidanes auserkor und die Journaille in Verzückung versetzte, dass es just im Moment des tragischen Abgangs Zizous diesen Regisseur in der Bretagne gab, der – wenn freilich weitaus weniger entwickelt – das Auge für magische Momente und den Fuß für entscheidende Aktionen hatte.

2006 nahm Gourcuff dann ein Angebot des AC Mailand an. 4,5 Millionen flossen dafür in den Norden Frankreichs. Milan, damals das beste Team der Welt, mag schon für psychisch gefestigte Extravaganten respekteinflößend sein, für den 20-Jährigen Gourcuff, der bis dato nur die Bretagne mit der Nähe zum Meer und dem bodenständigen Naturell kannte, waren die Rossoneri dagegen mindestens drei Nummern zu groß.

Mailand ist Modestadt. Sie ist laut, launisch, mal glitzernd wie der Broadway und mal dreckig, zynisch und aggressiv. Damals, als Superstars wie Maldini, Nesta, Pirlo, Seedorf, der brasilianische Ronaldo und Kaka das schwarz-rote Trikot trugen, war der Hype ein weltweiter. Milan war eine Marke, die zu vertreten sich einige der besten Fußballer des Planeten vereinigten. Und mittendrin im Trubel aus Fan-Ekstase, Werbedeals, Superstars und Hysterie: der Junge von der Küste, der introvertierte Gourcuff.

Es gab im Kader nur einen anderen des Französisch Mächtigen und Gourcuff war einsam. Da konnte auch der als einfühlsam geltende Carlo Ancelotti nichts machen. Der hatte schließlich anderes zu tun, als sich um einen No Name, und nichts anderes war Gourcuff im vor großen Namen strotzenden Kader, zu kümmern. Die Champions League zu gewinnen zum Beispiel.

"Yoann tat genau das Falsche"

Zwar stand Gourcuff sogar bei acht Spielen in der Königsklasse und bei 21 in der Liga auf dem Rasen, eigentlich eine gute Quote für einen blutjungen Neuen, der große Schatten Kakas aber machte ihm zu schaffen. Denn in Italien musste er sich mit dem Brasilianer, der zu dieser Zeit einer der besten Kicker der Welt war, messen lassen. Die beiden ähnelten sich nicht nur äußerlich, sondern auch in ihren Bewegungen und ihrer Spielweise. Wenngleich Kaka mehr Speed auf das Grün brachte, waren beide keine kleinen, wendigen Techniker, sondern großgewachsene, Eleganz verkörpernde Taktgeber.

"Yoann tat genau das Falsche", sagt Bölöni. "Er versuchte nicht, sich etwas von Kaka abzuschauen, sondern maß sich mit ihm. Das ist verrückt. Er war so jung und verglich sich in jedem Training, jedem Spiel mit dem besten Spieler der Welt. Er verkrampfte." Und das immer mehr. Im Finale der Champions League stand er nicht einmal mehr im Kader. Anstatt alles mitzunehmen, litt er in der Ferne still vor sich hin.

Wie sehr, deuten Aussagen von Legende Paolo Maldini, getätigt gegenüber L'Equipe, an: "Gourcuff war in Mailand zu 100 Prozent falsch. Sein Problem war sein Verhalten. Er hat sich nicht in den Dienst des Teams gestellt. Er hat nicht sofort Italienisch gelernt. Er war nicht immer pünktlich. Es sind Dinge passiert, die ich nicht sagen kann. Er wird wissen, was gemeint ist." Die Boulevardpresse spekulierte wild, das Gerücht, er habe ein Alkoholproblem, machte die Runde, er sei homosexuell entprang der hysterischen Gerüchteküche.

Durchbruch in Bordeaux

In der Folgesaison wurde es nicht besser, die Spielzeit noch weniger. Als 2008 ein Leihgebot aus dem Süden Frankreichs eintraf, zögerte Gourcuff nicht lange und wechselte zu Girondins Bordeaux, das immerhin 1,4 Millionen an Gebühr für einen Spieler aufwendete, der in Italien nie seinen Rhythmus fand. Er traf auf Laurent Blanc, der das System auf Gourcuff ausrichtete und ambitionierte Pläne verfolgte. Als Zehner in einem 4-4-2 mit Raute spielte Gourcuff die Saison seines Lebens. Mit teilweise überragenden Leistungen führte er Bordeaux zum Meistertitel.

Er debütierte im französischen Nationalteam und wurde am Ende der Saison Frankreichs Fußballer des Jahres. Mit 22 war er da, wo ein Fußballer seines Formats hingehört und dort, wo Bölöni prophezeit hatte. Es entstand ein regelrechter Hype. Die größte Fußballzeitschrift Frankreichs, L'Equipe, kreierte ein Titelblatt, auf dem Gourcuff nebst Zidane zu sehen war. Nur zwei Worte standen darunter: "Der Nachfolger“. Der schon 2006 aufgekommene Vergleich lag nun näher denn je. Denn erstens war Gourcuff jetzt der beste Zehner Frankreichs und zweitens spielte er nun wie Zidane als 22-Jähriger für Girondins.

Zidane selbst schmetterte die Vergleiche keineswegs ab. Er adelte den Bretonen gegenüber Europe 1 Sport: "Was er auf dem Feld tut, ist außergewöhnlich. Besonders in seinem Alter." Als Unterschied zu ihm selbst fiel ihm nur die launige Bemerkung ein, dass Gourcuff mehr Haare habe und besser aussehe.

Die Top-Vereine standen freilich Schlange. Galliani flog persönlich nach Frankreich, um Gourcuff zu einer Rückkehr zu seinem Stammverein AC Mailand zu bewegen. Mit an Bord ein Millionenscheck, der ihn zu einem der Top-Verdienerr der Rossoneri gemacht hätte. Aus England wurden beinahe alle Top-Vereine vorstellig und auch Real Madrid rief bei Berater Didier Poulmaire an. Doch Gourcuff erinnerte sich an die für ihn furchtbaren Momente in Mailand – und sagte ihnen allen ab.

Denn er hatte endlich wieder Spaß am Fußball. Zwar wurde Girondins in der Folgesaison nur Sechster, Gourcuff aber hatte weiter seine magischen Momente. Etwa in der Champions League, wo er in beiden Spielen die Bayern vor unlösbare Probleme stellte und Bordeaux zu zwei Siegen gegen den von Louis van Gaal gecoachten deutschen Rekordmeister und zum Gruppensieg ohne Niederlage führte, obwohl mit Juventus Turin ein weiteres Schwergewicht Gegner war.

Galerie: Die besten Torjäger 2016

Im Sommer verließ Blanc den Verein. Und mit ihm Top-Stürmer Marouane Chamakh, der Hauptvollstrecker von Gourcuffs Pässen. Es war klar, dass Girondins eine Nummer zu klein geworden war für den U19-Europameister von 2005, der wie 2009 ins Ligue-1-Team der Saison gewählt worden war.

Also wechselte er für die für französische Verhältnisse astronomische Summe von 22 Millionen Euro zu Olympique Lyon, dessen Präsident Michel Aulas das erneute Verpassen der Meisterschaft nach sieben Titeln in Serie zwischen 2002 und 2008 überhaupt nicht schmeckte, und der sich die Rückkehr des Erfolgs kaufen wollte und Gourcuff als "fehlendes Puzzleteil" und "Königstransfer" betitelte.

686 Tage verletzt

Was beidseitig eine Erfolgsgeschichte werden sollte, wurde zum Albtraum, von dem sich bis heute weder Lyon noch Gourcuff erholten. Mehrere schwere Verletzungen setzten ihm zu, volle 686 Tage fehlte er seit dem Wechsel zu Lyon. Das sind fast zwei volle Jahre. Bedenkt man die fragile Psyche des sensiblen Spielmachers, weiß man um das verheerende Ausmaß eines solchen Verletzungspechs.

Im Sommer 2015, fünf Jahre nach seinem Wechsel, war er plötzlich vereinslos. Bei Lyon hatte er nur selten für Glanzpunkte gesorgt, für die Fans, die schon lange die Ausbootung einiger Stars forderten, blieb er das 22-Millionen-Euro-Missverständnis, das frühere Mega-Talent, das nur noch ein Schatten seiner selbst war.

Nach zwei Monaten ohne Arbeitgeber, wechselte Gourcuff schließlich dorthin, wo alles angefangen hatte, zurück zu Stade Rennes. Die Öffentlichkeit interpretierte diesen Schritt als verzweifelte Flucht eines Gescheiterten in die Arme seines Heimatklubs. 

Tragisch in Richtung Karriereende

Auch der Schritt, der Heilung für die geschundene Seele des Yoann Gourcuff werden sollte, barg neuen Schmerz. In seiner ersten Saison stand er nur zwölfmal auf dem Platz, davon kein einziges Mal über die volle Distanz. In der aktuellen Saison, vor dessen Beginn er 30 wurde, läuft es besser. Trainiert von seinem Vater, stand er bei sechs von elf Partien auf dem Rasen. Mehr als die Hälfte also. So viel, wie lange nicht mehr.

So muss man inzwischen denken bei ihm, in kleinen Dimensionen. Denn wenn man realistisch ist, muss man zugeben, dass er sich bei all dem Pech glücklich schätzen kann, überhaupt in einer besseren Erstligamannschaft Fußball zu spielen und nicht Sport-Invalide zu sein.

Es ist das Schicksal eines Spielers, der einen Weg ging, den er nie gehen wollte. Niemand weiß, was passiert wäre, hätte er 2009 das Angebot Gallianis angenommen und wäre er als Nachfolger des zu Real abgewanderten Kaka nach Mailand zurückgekehrt. So oder so: Die Causa Gourcuff zeigt mit voller Wucht die Tragik des modernen Fußballs und wie erbarmungslos die Kluft zwischen dem In-die-Luft-Heben und dem Fallen-gelassen-Werden ist.

So verwundert es kaum, dass er die Medien meidet. In einem seiner seltenen Interviews mit dem TV-Sender Stade 2 sagte er: "Ich schütze mich, weil es viele schlechte Menschen gibt. Zurückhaltend zu sein, ist eine Form des Schutzes." Er schaute ganz ernst und ein bisschen traurig und sagte dann langsam und abwägend, so wie man es von ihm gewohnt ist: "Den Medien ausgesetzt zu sein, stört mich mehr, als dass es mich glücklich macht."