Niklas Dorsch: "Robben gibt sogar beim Essen Vollgas"

Seit David Alaba schaffte es kein Talent mehr beim FC Bayern. Niklas Dorsch möchte das ändern. Goal traf das Juwel zum Interview.

Niklas Dorschs Traum hat sich bereits erfüllt. Ab nächster Saison läuft der Profivertrag des 18-Jährigen bei Bayern München. Dort möchte er, nachdem er in dieser Saison bereits mit ins Trainingslager nach Katar durfte, durchstarten und in die Fußstapfen von Alabas, Müller und Co. treten.

Im exklusiven Interview mit Goal sprach er über den Alltag als Talent beim FCB, sein erstes Training mit den Profis, die wichtigste Eigenschaft, um es zu schaffen und verriet, wer ihn ganz besonders inspiriert. 

Wie erlebt man große Champions-League-Abende des FC Bayern als Jugendspieler?

Niklas Dorsch: Für uns ist das super, weil wir oft Karten in den ersten beiden Reihen bekommen. Da ist es natürlich noch mal eine andere Erfahrung, wenn man die Spiele hautnah miterlebt.

Sie haben auch schon bei den Profis mittrainiert …

Dorsch: Im Winter war ich in Katar dabei und im normalen Trainingsalltag bin ich auch immer dabei, wenn mal einer gebraucht wird.

Können Sie sich an das erste Mal erinnern?

Dorsch: Ja, sehr gut. Und das aus gutem Grund. Ich bin beim allerersten Mal einem Spieler so unglücklich auf den Fuß gestiegen, dass er die nächsten zwei Wochen verletzt war, was natürlich unangenehm war. Er hat aber zum Glück sehr locker reagiert, denn es war ja keine Absicht.

Bei Bayern München zu spielen, bedeutet für einen 18-Jährigen mit Sicherheit auch, auf viel zu verzichten.

Dorsch: Ich bin mit 14 von der Familie und meinen Freunden weggezogen und habe fortan im Internat gewohnt. Natürlich muss man auf fast alles verzichten, das Gleichaltrige machen. Von 8 bis 16 Uhr hatte ich immer Schule und zwischendurch einmal Training und danach wieder Training. Abends gab's dann noch was zu essen und so sah eigentlich jeder Tag aus. Nur mittwochs hatte man am Nachmittag frei, da konnte man dann mal in die Stadt gehen oder sich mit Freunden treffen, worauf man natürlich auch nicht immer Lust hat, wenn man so viel trainiert.

Wie kann man sich Abende im Internat von Bayern München vorstellen?

Dorsch: Es gibt einen großen Aufenthaltsraum, wo es eine PlayStation gibt, wo man FIFA zocken kann oder auch Fernsehen schauen kann. Wenn Bayern auswärts spielt, schauen wir hier zum Beispiel Champions League.

Haben Sie Angst, auf so vieles zu verzichten und es dann, wie so viele, bei Bayern nicht zu schaffen?

Dorsch: Angst sollte man natürlich nicht haben. Aber man sollte dieses Szenario im Hinterkopf behalten. Deswegen sollte man immer einen Plan B in der Schublade liegen haben, denn es kann alles passieren.


Niklas Dorsch (r.) beim Interviewtermin an der Säbener Straße mit Goal-Reporter Maximilian Schmeckel

Wie sieht bei Ihnen dieser Plan B aus?

Dorsch: Bei mir war es so, dass ich an der Fachoberschule mein Abi machen wollte, nach zwei Wochen aber schon die maximale Anzahl an Fehlstunden erreicht hatte, weil ich immer mit der Nationalmannschaft unterwegs war. Das alles nachzuholen, war unmöglich. Also musste ich mich entscheiden: Schule oder Fußball. Der Vorteil ist, dass es sich im Fußball sehr schnell entscheidet, ob es reicht oder nicht. Ich bin noch relativ jung, könnte also, wenn es nichts mit der Profikarriere wird, mein Abi immer noch nachholen. Ich könnte mir zum Beispiel vorstellen, Sport auf Lehramt zu studieren, wenn es nichts wird mit der Profikarriere.

Mit welchen Erwartungen kamen Sie mit 14 zu Bayern?

Dorsch: Ich hatte gar keine Erwartungen. Die erste Frage meines Vaters, als wir hier ankamen, war, wieviel es kostet, damit ich hier wohnen darf. Da wurden wir freundlich beiseite genommen und uns wurde gesagt, dass das selbstverständlich kostenlos ist und vom Verein übernommen wird. Erwartungen hat man so jung nicht. Der Profiberuf ist noch so weit weg, da will man einfach nur kicken.

Sie kamen vom 1. FC Nürnberg. Wie groß war der Unterschied, als sie plötzlich beim Weltklub Bayern München spielten?

Dorsch: Nürnberg ist auch ein großer Klub, aber natürlich war hier vieles anders. Alleine das ganze Drumherum ist der Wahnsinn. Hier sind Massen an Fans beim Training der Profis, es ist alles geregelt, Zufälle gibt es hier nicht. Inzwischen spreche ich sogar mit einer Ernährungsberaterin und esse seitdem weniger Nutella. (lacht)

Wie kam Ihr Wechsel nach München zustande?

Dorsch: Ich war immer schon fußballbegeistert und wollte schon bei meinem Bruder mitspielen, als ich noch nicht mal richtig laufen konnte. Mit 14 habe ich dann für Nürnberg gespielt und oft spielten wir gegen Bayern. Nürnberg hat mir keinen Internatsplatz angeboten und als dann Bayern mich gefragt hat, ob ich mir vorstellen könnte zu wechseln, musste ich nicht lange überlegen.

Wie groß ist die Ehrfurcht, wenn man plötzlich mit Weltstars trainiert?

Dorsch: Ehrfurcht sollte man nicht haben, Respekt natürlich schon. Man kann aber nur Eindruck hinterlassen, wenn man sich auch traut und Risiko geht. Und genau das wollen die Trainer und Verantwortlichen ja sehen: dass man sich etwas zutraut und nicht erstarrt, nur weil Weltmeister neben einem stehen.

Wie reagieren die Profis, wenn ein Talent wie Sie plötzlich mit dabei ist. Oliver Kahn soll drei Jahre lang mit Bastian Schweinsteiger kaum ein Wort geredet haben …

Dorsch: Der Großteil hat mich super aufgenommen, hat ständig gefragt, ob alles okay ist und ob sie uns helfen können. Auch jetzt grüßen mich viele, wenn man sich an der Säbener Straße über den Weg läuft. Thomas Müller zum Beispiel: Ich lief nach dem U23-Training ins Jugendhaus und die Profis absolvierten gerade ihr Trainingsspiel. Auf einmal schreit Thomas über das ganze Gelände: 'Servus Dorschi'. Menschlich ist er für mich auch sehr wichtig und bringt mir viel bei.


Einsatz gegen Amateure: Niklas Dorsch (r.) in einem Freundschaftsspiel der ersten Mannschaft

Was sind die wichtigsten Dinge, die Sie sich von Lahm, Müller und Co. abschauen können?

Dorsch: Ein wahnsinniger Unterschied ist das unfassbare Tempo. Man hat viel weniger Zeit als bei der U23. Mental musst du viel schneller sein. Auch die Intensität ist eine ganz andere. Am Anfang war ich schon nach dem Aufwärmen mit den Kräften am Ende. (lacht) Was ich aber auch merke, ist, dass man sich schnell gewöhnt an die Geschwindigkeit und es mit der Zeit immer leichter fällt, mitzuhalten.

Wie groß ist der taktische Unterschied?

Dorsch: Natürlich hat man die Grundlagen schon drauf. Bei Bayern achtet man darauf, dass alle von klein auf Ballbesitzfußball spielen. Die Formation spielt dabei nicht die wichtigste Rolle. Sonst gibt es aber natürlich gerade bei einem Trainer wie Pep Guardiola viel Neues. Ich bin aber jemand, der sich recht leicht tut, wenn es ums Verstehen von taktischen Anweisungen geht. Wenn man es dann verstanden hat, ist man schon beeindruckt, wie man auf so etwas kommen kann.

Gibt es einen Spieler, der Sie besonders beeindruckt?

Dorsch: Arjen Robben ist der Wahnsinn! Von dem Moment, in dem er das Trainingsgelände betritt, bis zu dem, in dem er es wieder verlässt, gibt er Vollgas, immer 100 Prozent. Sogar beim Essen danach. (lacht) Positionsbedingt schaue ich mir natürlich viel von Arturo Vidal oder Xabi Alonso ab.

Dabei spielten Sie gar nicht immer im zentralen Mittelfeld.

Dorsch: Genau, am Anfang war ich bei Bayern Außenspieler und war auch recht erfolgreich und torgefährlich. Als ich dann in der U17 war, habe ich das erste Mal bei den Profis mittrainiert und schon im zweiten oder dritten Training kam Hermann Gerland zu meinem Trainer und sagte: 'Niklas muss in der Mitte spielen.' Dabei ist es dann geblieben. Und es läuft auch gut, auch wenn ich seitdem kein einziges Tor mehr geschossen habe. (lacht) In der Mitte sollte man mit Ball und auch ohne Ball alles können, wovon ich noch weit entfernt bin.

Viele entscheiden sich wegen der hohen Qualität des Bayern-Kaders gegen einen Wechsel an die Isar. Sie haben sich trotzdem entschieden, diesen Weg zu gehen.

Dorsch: Der große Vorteil, wenn man es bei Bayern München nicht schafft, ist, dass man es ja noch bei vielen anderen Vereinen schaffen kann. Ich persönlich brauche große Herausforderungen, dann gehe ich bis ans Limit und noch weiter.

Pep Guardiola ist dafür bekannt, junge Spieler zu fördern. Wie ist der Umgang als Talent mit ihm?

Dorsch: Pep behandelt alle Spieler gleich. Wenn er in jemandem etwas sieht, dann nimmt er sich auch die Zeit, um ihn zu fördern und nach dem Training ein Einzelgespräch zu führen. Im Trainingslager in Katar habe ich so viel gelernt.

Wie sieht Ihre konkrete Planung für die nahe Zukunft aus?

Dorsch: Ab nächster Saison läuft mein Profivertrag. Da ist natürlich wichtig, am Anfang so oft wie möglich dazuzugehören. Das wird sicherlich nicht einfach. Ein konkretes Zeitfenster habe ich aber nicht, da bin ich ganz entspannt. Es kann natürlich auch schnell gehen. Das sehe ich an meinem guten Freund und Zimmerkollegen bei der Nationalmannschaft, Felix Passlack, der jetzt schon zwei Bundesligaspiele absolviert hat. Es kann ein Tag entscheiden, ob es klappt oder nicht.

Im Sommer kommt ein neuer Trainer …

Dorsch: Klar, dann muss sich jeder wieder neu beweisen und alles geben. Da versuche ich natürlich, aufzufallen und einen positiven Eindruck zu hinterlassen.

Wie wichtig ist in jungen Jahren die Selbsteinschätzung für den weiteren Werdegang?

Dorsch: Das ist das Wichtigste! Sich zu überschätzen, kann zu einem großen Problem werden. Ich bin immer selbstkritisch und versuche täglich, mich zu verbessern. Talent ist nicht alles, man muss auch vollen Einsatz bringen. Ich glaube sogar, dass man es mit weniger Talent und 100 Prozent Einsatz eher schafft als andersherum.

Hat sich in Ihrem Umfeld etwas verändert, dadurch, dass der Traum vom Fußballprofi inzwischen so nah ist?

Dorsch: Wenn ich in meiner Heimat bin, merkt man das schon extrem. Mein Bruder spielt in der A-Klasse und wenn ich zuschauen bin, kommen eine Menge Leute und fragen mich, wie es läuft. Mein Freundeskreis ist aber noch der gleiche, denn echte Freunde mögen einen so, wie man ist, und nicht, was man ist.