Siegfried Held: "Wir haben nach Bier gesucht"

Vor 50 Jahren gewann Borussia Dortmund den Europapokal der Pokalsieger. Siegfried Held schoss das 1:0. Im Interview erzählt er über das Finale von Glasgow.

Am 5. Mai 1966 schrieb Borussia Dortmund Fußballgeschichte. Im Glasgower Hampden Park trat die junge Dortmunder Mannschaft gegen den FC Liverpool im Finale des Europapokals der Pokalsieger an und gewann völlig überraschend mit 2:1. Mit dabei war damals auch Siegfried "Siggi" Held. Er schoss das 1:0 für den BVB und ist heute eine der Legenden des BVB.

Im Interview erzählt er über das Spiel, warum die Party nach dem Sieg nahezu ausfiel und erklärt, wie die Mannschaft von Thomas Tuchel in der Europa League gegen den FC Liverpool auftreten muss.

Herr Held, vor 50 Jahren haben Sie Geschichte geschrieben. Wie fühlt sich das heute für Sie an?

Held: Wissen Sie, 50 Jahre sind eine lange Zeit. Das ist heute doch sehr weit weg. Aber es sind natürlich sehr schöne Erinnerungen an das Finale im Europapokal der Pokalsieger.

Damals gewann Borussia Dortmund den ersten Europapokal der Vereinsgeschichte. Dabei galt der FC Liverpool als großer Favorit.

Held: Ich kann nur für mich sprechen, aber ich war vollends davon überzeugt, dass wir dieses Spiel gewinnen würden. Dann hat man uns mitgeteilt, auf der anderen Seite würde nur die zweitbeste Mannschaft des FC Liverpool stehen. Deshalb hatten wir keine Minderwertigkeitskomplexe. Unser damaliger Trainer Willi Multhaupt sagte damals, wenn wir zehn Mal gegen Liverpool spielen, verlieren wir neun Partien. Aber heute sei das eine Mal zum Gewinnen.

Und dann haben Sie tatsächlich das 1:0 geschossen…

Held: Ich war voller Selbstbewusstsein und Optimismus. Ein Pass von Lothar Emmerich springt kurz vor mir noch einmal auf. Ich habe dann einfach geschossen und der Ball ist plötzlich im Tor. Heute habe ich aber nicht mehr so richtig die Erinnerung an dieses eine Tor. Dafür ging es zu schnell und als Stürmer habe ich ja viele Tore geschossen (lacht).

In der regulären Spielzeit gab es damals keinen Sieger, Liverpool glich noch aus. In der Nachspielzeit hatten Sie das 2:1 auf dem Fuß, Stan Libuda hat schlussendlich getroffen. Hat Sie das – bei aller Freude – geärgert, dass Ihr Schuss nicht schon drin war?

Held: Wenn der Ball drin ist, ist er drin. Wir waren alle überglücklich, dass uns der zweite Treffer gelungen war. Da war überhaupt kein Platz für Ärger.

Aki Schmidt hat erzählt, dass hätten damals eigentlich auf einer anderen Position spielen sollen. Wie kam es dazu?

Held: Ich war immer Mittelstürmer in der ersten Zeit bei Borussia. Ich war allerdings immer einer, der viel auf die Flügel rochiert ist. Emma (Anm. d. Redaktion: Lothar Emmerich bildete mit Siegfried Held die "Terrible Twins") kam das zugute. Er ist immer gerne in die Mitte gegangen und ich bin über die Flügel gekommen. Ich war ein laufstarker Spieler, der auch gerne gelaufen ist. Das ganze Spielfeld war meins. Von daher war das nichts Überraschendes.


Siegfried "Siggi" Held (rechts) schoss im Finale gegen den FC Liverpool 1966 das Führungstor.

War es im Nachhinein vielleicht das beste Spiel, in dem Sie auf dem Platz standen?

Held: Das würde ich jetzt nicht sagen. Ich habe so oft für den BVB gespielt und jedes Einzelne war besonders. Ich möchte gar keins herausheben. Es war ein toller Erfolg in einem sehr wichtigen Spiel. Als erste deutsche Vereinsmannschaft einen internationalen Titel zu gewinnen hat uns mit Stolz erfüllt. Ob es das beste Spiel der Karriere war, möchte ich aber so nicht sagen.

Während des Spiels war der Platz tief, es war anstrengend. Wie fielen die Feierlichkeiten nach dem Sieg aus?

Held: Mit Feierlichkeiten war am Abend nicht mehr viel. Wir hatten ein Hotel eineinhalb Stunden von Glasgow entfernt. Als wir dann endlich zurückkamen, hatten die schon Feierabend. Wir mussten uns dann was zusammensuchen. Unser Spielausschlussobmann hatte eine Salami im Koffer - Gott weiß warum! Das hört sich jetzt sicherlich komisch an. An der Theke haben wir nach Bier gesucht, haben aber auch nur noch ein bisschen gefunden. Die große Feier fiel deshalb aus.

Umso größer fiel der Empfang in Deutschland aus…

Held: Das war überwältigend. Schon am Flughafen haben uns viele Leute empfangen und uns zugejubelt. Als wir dann mit dem Bus nach Dortmund gebracht wurden, sind wir im Süden von Dortmund in Cabrios umgestiegen und in die Stadt eingefahren. Uns haben sehr viele Menschen zugejubelt. Als junger Spieler, der erst ein Jahr bei Borussia spielt, der noch nicht mitgemacht hatte, war das einmalig und sehr überwältigend.

Welche Bedeutung hatte der Pokalsieg für den Verein?

Held: Das ist für mich schwer zu beantworten – auch wenn ich so lange beim BVB gespielt habe. Wenn eine Mannschaft etwas zum ersten Mal erreicht, ist das für das eigene Renommee toll. Was das für einen Verein bedeutet, ist für mich schwer abzuschätzen. Es war auf jeden Fall ein Höhepunkt in meiner Fußballkarriere und für Borussia was für den Briefkopf (lacht).

Für Sie persönlich war das Jahr 1966 ohnehin sehr erfolgreich Sie wurden schließlich noch WM-Zweiter...

Held: Richtig. Für mich als Bundesliganeuling war dieses Jahr unbeschreiblich. Es war der Einstieg in die große weite Fußballwelt.

Sie haben sich mal selbst als "der erste Ausländer in einem Team, in dem alle anderen aus Westfalen oder dem Ruhrpott stammten" bezeichnet. Heute ist das Normalität. Warum sind Sie bis heute so eng mit dem BVB verbunden?

Held: So habe ich mich im Nachhinein bezeichnet, das stimmt (lacht). Ich habe ja sehr lange für den BVB gespielt, auch noch eine zweite Periode von 1977 bis 1979. Insgesamt war ich neun Jahre bei dem Verein. Seit dieser Zeit habe ich meinen Wohnsitz in Dortmund gehabt, auch wenn ich als Trainer woanders war. Als Trainer ist es ja so, dass man schneller beurlaubt ist, als man denkt. Deswegen habe ich mich damals für einen festen Wohnsitz entschieden.

Sie sind als Trainer unter anderem in Island, Japan oder Thailand gewesen. Was haben Sie dort für Erfahrungen gesammelt?

Held: Wenn man in solchen Ländern unterwegs ist, sieht man, wie wohlgeordnet in Deutschland alles ist, wie groß die Lebensqualität hier ist. In den Ländern kann man sicherlich auch gut leben, aber die Bedingungen sind mitunter schwierig. Dennoch möchte ich diese Erfahrungen nicht missen. Ich habe bei allen Stationen viel erlebt und gelernt.

Kommen wir zum aktuellen sportlichen Geschehen. Der BVB spielt jetzt gegen den FC Liverpool in der Europa League. Mit dem Duell gegen Jürgen Klopp für viele etwas Besonderes. Für Sie mit Blick auf 1966 auch?

Held: Ob das jetzt Liverpool oder ein anderer Verein ist, spielt für mich nicht die große Rolle. Es geht in diesem Duell um das Weiterkommen in der Europa League. Wichtig wäre ein Weiterkommen, aber es wird sehr schwer.


Im Hinspiel hatte der BVB Probleme mit dem aggressiven Auftreten den FC Liverpool

Waren Sie überrascht, dass sich der BVB im Hinspiel so schwer getan hat?

Held: Nein. Mir war klar, dass es eine heiße Kiste wird. Die Chance stand 50 zu 50 und das sind sie jetzt eben immer noch.

Mit welcher Einstellung müssen die Spieler im Rückspiel antreten?

Held: Es wird ein sehr körperbetontes Spiel. Man hat bereits in Dortmund gesehen, dass die Engländer härter in Zweikämpfe gehen. Da dürfen die Dortmunder nicht überrascht sein. Die spielerischen Mittel, die in der Mannschaft stecken, sind aber besser als die beim FC Liverpool .Wenn es die Spieler schaffen, diese zum Tragen zu bringen, bin ich zuversichtlich.

Holt der BVB endlich den noch fehlenden UEFA-Pokal?

Held: Ich glaube schon. Wenn die Mannschaft das zeigen kann, was in ihr steckt, wird es dieses Jahr gelingen.