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HSV-Boss Beiersdorfer: "Wir brauchen uns nicht zu verstecken"

Nach einem turbulenten Jahr mit dem Fast-Abstieg aus der Bundesliga ist beim Hamburger SV mittlerweile Ruhe eingekehrt. Mit 14 Punkten aus zehn Spielen stehen die Rothosen im Mittelfeld der Tabelle. Eine ordentliche Ausbeute, doch das soll erst der Anfang sein. Im Interview mit Goal spricht der Vorstandsvorsitzende Dietmar Beiersdorfer über den schwierigen Start, seine Ziele für die Zukunft und ein neues Leitbild, das den HSV prägen soll.

Herr Beiersdorfer, vor mehreren Jahren schrieben Sie an einer Doktorarbeit zum Thema "Strategisches Management im Profifußball". Müssten Sie mit der Erfahrung von heute alles wieder umschreiben?

Dietmar Beiersdorfer: Es ging damals um eine Balanced Scorecard, in der ich versuchen wollte, eine Verbindung zwischen Sport und Wirtschaft zu schaffen, um Management-Prozesse für einen Fußballklub anzupassen. Das gab es bis dahin nicht. Die Arbeit konnte ich allerdings aus Zeitgründen nicht fertig stellen, weil ich 2002 Sportdirektor beim HSV geworden bin. Umschreiben müsste ich sie zwar nicht, strukturell sehe ich es heute wie damals. Das Spiel hat sich aber verändert.

Inwiefern?

Beiersdorfer: Die koordinativen und kognitiven Ansprüche sind enorm gestiegen. Gleiches gilt für die Auffassung von taktischen Vorgaben. Die vor mehr als zehn Jahren eingeführten Nachwuchsleistungszentren produzieren und entwickeln Spieler auf sehr hohem Niveau. Man erkennt relativ schnell, wenn ein Spieler diese Ausbildung nicht genossen hat. Allerdings ist festzustellen, dass viele Spieler zu stromlinienförmig sind. Die eigene Kreativität leidet oft unter dem kollektiven Spielansatz. Ich sehe daher noch immer sehr gerne Spieler, die etwas machen, was man nicht erwartet. Solche Typen gibt es aber immer seltener.

Ist Ihr Innenverteidiger Cleber ein solcher Typ?

Beiersdorfer: Cleber ist ein typischer Spieler, der mit Sicherheit nicht in einer Ausbildungsakademie aufgewachsen ist, sondern erst spät mit dem Fußball angefangen hat. Er war zunächst Boxer, kommt daher extrem über seine körperliche Konstitution. Cleber ist ein Spielertyp, den es nicht häufig gibt. Aufgrund seiner Art verfügt er zusätzlich über Autorität auf dem Platz.


Goals HSV-Korrespondent Daniel Jovanov (r.) und Dietmar Beiersdorfer beim Interviewtermin in Hamburg

Der Trend geht seit Jahren in Richtung offensiven Tempofußball. Schaut man sich die Entwicklung der letzten Jahre an, scheint man sich beim HSV davon abzukoppeln. Wie lange kann das noch gut gehen?

Beiersdorfer: Im letzten Jahr gehörten wir gemessen an der Spielkultur zu den schlechtesten Teams der Liga, das müssen wir zugeben. Es war sehr viel Kampf dabei, hinzu kam der enorme Druck, der auf der Mannschaft lastete. Der Zweck hat ein Stück weit die Mittel geheiligt. Von heute auf morgen ist die Spielkultur nicht zu ändern. Wir waren in einer Situation, in der der HSV in allen Bereichen zerrüttet war. In dieser Saison sind wir nun den nächsten Schritt gegangen, spielen besser Fußball und die Spieler können sich besser entwickeln.

Aufgrund der schlechten Entwicklung der vergangenen Jahre haben über 8000 Mitglieder des HSV im Mai 2014 für eine grundlegende Reform ihres Klubs gestimmt und verzichten dafür weitestgehend auf ihre Mitbestimmungsrechte. Fühlen Sie sich dem Wahlauftrag der Initiative HSVPlus eigentlich verpflichtet?

Beiersdorfer: Was war denn der Wahlauftrag?

Neustrukturierung der gesamten Organisation, sportliche und wirtschaftliche Konsolidierung, die Förderung von jungen Talenten statt der Verpflichtung teurer Stars ...

Beiersdorfer: Es ist schön und es freut mich, dass die Protagonisten der Initiative das gesagt und versprochen haben. Man muss aber sehen, was davon umsetzbar ist. Wenn wir von eigener Nachwuchsentwicklung sprechen, geht es um einen Zirkel von sechs, sieben Jahren. Man kann nicht erwarten, dass nach einem halben Jahr nur noch 18- oder 19-jährige Spieler aus Hamburg und der Region bei uns spielen.

Das hat auch niemand erwartet. Vielmehr geht es um Neuverpflichtungen wie Behrami, Olic oder Spahic, die ihren sportlichen Zenit überschritten haben und viel Geld kosten.

Beiersdorfer: Wir haben danach entschieden, was zu diesem Zeitpunkt sportlich wichtig erschien. Wir haben im Winter Olic geholt, weil wir einen erfahrenen Spieler gebraucht haben, der keine Anpassungszeit benötigt. Unsere aktuelle Mannschaft charakterisiert eine gewisse Stabilität und Balance, die zum Beispiel ein Spieler wie Spahic gebracht hat. Entweder hat man ein Konzept, das über Jahre aufgebaut wurde, oder man hat Spieler, die der Mannschaft Struktur geben. Und wir hatten nichts von beidem.

Entsprechend hoch sind Ihre Investitionen gewesen. Müssen Sie weitere Anteile am HSV verkaufen, um die Entwicklung voranzutreiben und handlungsfähig zu bleiben?

Beiersdorfer: Ich habe zu Beginn meiner Amtszeit deutlich gemacht, dass wir sowohl sportlich als auch wirtschaftlich ein Sanierungsfall sind. Zur Stabilisierung unserer wirtschaftlichen Lage gehe ich von weiteren Anteilsverkäufen aus. Wir mussten vor allem im sportlichen Bereich in neues Personal investieren. Im Jugendbereich hatten wir nur einen einzigen Torwarttrainer für alle Mannschaften. Andere Klubs waren da infrastrukturell und personell ganz anders aufgestellt.

Ist der Abstand im Nachwuchs zu Vereinen wie Wolfsburg oder Leipzig noch immer extrem groß?

Beiersdorfer: Ich würde Ihnen gerne ein paar Zahlen nennen, da fallen Sie rückwärts vom Stuhl. Selbst 13-Jährige haben heutzutage Berater. Es ist ein total umkämpfter Markt, in dem Summen gezahlt werden, die ein normales Maß längst überschritten haben. Wir müssen deshalb mit Inhalten überzeugen.

Zum Thema Nachwuchsförderung wurde im Zuge der Strukturveränderung Thomas von Heesen als Aufsichtsrat präsentiert. Ein halbes Jahr später trat er zurück. Ist damit das von ihm angeschobene Projekt, junge Talente heranzuholen, auf Eis gelegt?

Beiersdorfer: Ja. Aufgrund seiner Trainertätigkeit in Polen gibt es mit Thomas von Heesen darüber zur Zeit keinen weiteren Austausch. Natürlich ist es uns weiter ein Anliegen, junge Talente frühzeitig an uns zu binden und sie auszubilden.

Welche Vision verfolgen Sie im Nachwuchs und an welcher Kennzahl messen Sie Erfolg oder Misserfolg?

Beiersdorfer: Es geht zunächst um kleine Schritte. Wir verbessern zum Beispiel aktuell die Talentsichtung. Als wir anfingen, gab es keinen einzigen Nachwuchssichter. Mittlerweile haben wir mehrere Scouts in den Regionen. Zum Vergleich: Wolfsburg oder Leipzig beschäftigen einen Scout nur für Hamburg. Das verdeutlicht die großen Unterschiede. Grundsätzlich ist unser Ziel, jedes Jahr Spieler aus den eigenen Reihen im Profikader zu integrieren und zu wichtigen Stützen der Mannschaft zu entwickeln.

Die Integration eigener Talente dürfte Teil Ihres Leitbildes sein, das Sie aktuell mit vielen unterschiedlichen Interessensvertretern innerhalb des Vereins diskutieren. Warum bestimmen Sie nicht einfach, wofür der HSV stehen soll?

Beiersdorfer: Es ist nicht mein Leitbild, sondern das des gesamten HSV, das auch über meine Amtszeit hinaus Bestand haben soll. Man muss auch zwischen Zielen, Strategien und dem Leitbild unterscheiden. Klar gibt das Management Ziele und Strategien vor. Ich habe kürzlich einen Artikel gelesen, der den Zustand des Vereins ziemlich treffend beschrieben hat. Dort hieß es, dass der HSV der am stärksten zerrüttete Verein der Bundesliga war. Jetzt versuchen wir, die Teile wieder zusammen zu setzen. Mein Ansatz ist, den Menschen Verantwortung zu übertragen, die diesen Verein täglich mitgestalten. Als Mitarbeiter muss man Akzeptanz und Respekt für seine Leistung erfahren. Dies kann man dadurch vermitteln, indem man sie mit einbezieht.

Wie?

Beiersdorfer: Wir haben einen großen Workshop veranstaltet, bei dem sich zum Beispiel ehemalige Aufsichtsräte, Spieler und Mitarbeiter aus allen Bereichen gegenübersaßen und diskutiert haben. In verschiedenen Arbeitsgruppen versuchen wir nun unsere Leitsätze herauszustellen, die für alle eine verbindliche Orientierung schaffen. Am Schluss müssen meine Kollegen und ich es aber vorleben. Und alle HSVer miteinander leben.

Und wofür soll der HSV stehen?

Beiersdorfer: Das kann erst nach der Fertigstellung kommuniziert werden.

Sind Feindbilder ein Bestandteil dieses Leitbildes? Auf Facebook gab der HSV für das Spiel gegen Leverkusen das Motto "Kommt ihr uns mal nach Hause" aus. Die digitale Hetzjagd auf zwei ehemalige Spieler war somit von offizieller Seite eröffnet worden.

Beiersdorfer: Nein, wobei man die beiden Fälle nicht miteinander vergleichen kann. Jonathan Tah wollte nicht mehr für uns spielen. Wir sahen uns dann gezwungen, ihn zu verkaufen. Beim anderen Fall geht es um eine fragwürdige Krankschreibung. Ich habe das Gefühl, dass unsere Fans ein gutes Gespür haben. Dass Hakan Calhanoglu ausgepfiffen wird, war aufgrund der Vorgeschichte nicht anders zu erwarten. Ich will nicht päpstlicher als der Papst klingen, aber er hat einen Beitrag geleistet, dass die Fans so auf ihn reagieren. Natürlich soll im Stadion niemand verletzt werden, das steht außer Frage. Pfiffe mussten wir aber alle schon aushalten.

Zum Abschluss ein Blick auf die Tabelle. 14 Punkte und Platz zehn klingen beruhigend. Sind sie es auch?

Beiersdorfer: Wir müssen weiterhin alles dafür tun, um unsere Position zu festigen. Die Art und Weise, wie wir mittlerweile auftreten, welche Mentalität und welchen Einsatz wir an den Tag legen, erfreut mich als HSVer sehr. Da verzeiht man es der Mannschaft eher, wenn ein Spiel auch mal verloren geht. Wir brauchen uns auf keinen Fall zu verstecken. Es gibt aber keinen Grund, sich in Sicherheit zu wiegen. Wir erwarten von unserer Mannschaft, dass sie sich weiterhin zerreißt, um die bestmögliche Platzierung für den HSV zu erreichen.

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