Branimir Hrgota: "Habe keine Angst vor Josip Drmic"

Noch ist Hrgota ohne EM-Minute, aber das Warten ist er gewohnt: Bei Goal spricht er über seine Teilzeit in Gladbach, den Drmic-Transfer & König Ibra.

In Brünn, der zweitgrößten Stadt Tschechiens, residieren die Schweden. Dort haben sie ein schickes Fünf-Sterne-Hotel bezogen, mitten im Zentrum. Wenn Zeit ist, verrät Branimir Hrgota, schlendern sie gerne durch die Gassen. Man brauche diesen Kontrast, um keinen Lagerkoller aufkeimen zu lassen: "Wir gehen raus, trinken Kaffee, oder zocken Playstation." Das bringe ihn auf andere Gedanken, sagt er, dem es besonders der US-Serien-Hit "Entourage" angetan hat.

Wie er sich die Zeit vertreibt, hat er bei Borussia Mönchengladbach auf den Europacup-Reisen längst gelernt. Ebenso sich in Geduld zu üben. Häufig sitzt der 22-Jährige nur auf der Bank – auch bei der U21-EM, wo er bisher vergeblich sein Debüt herbeisehnte. Vor dem Gruppen-Finale gegen Portugal (20.45 Uhr im LIVE-TICKER) spricht er über Teilzeitarbeit, veraltete Torjäger-Klischees und König Ibra. Plus: Was er zu Josip Drmic, dem neuen Konkurrenten sagt.

Tipico

Branimir, wie haben Sie das Mittsommer-Fest gefeiert?

Branimir Hrgota: Ganz ruhig! Bei uns in Schweden hat es eine große Tradition. Familie und Freunde kommen zusammen, man trinkt, isst, lässt es sich gut gehen. Wenn man so möchte, kann man es mit Weihnachten vergleichen. Hier hatten wir ein gemeinsames Abendessen. Bei manchen waren noch die Familien mit dabei.

Dem sensationellen Erfolg über Italien folgte bei der EM ein 0:1 gegen England. Wie sehr ärgert der Last-Minute-Gegentreffer?

Hrgota: Es ist schade, mit dem Unentschieden hätten wir einen wichtigen Schritt Richtung Halbfinale gehen können. Auf dem Niveau entscheiden Kleinigkeiten. Wir hielten uns bis fünf Minuten vor Abpfiff schadlos. Das Tor fiel nach einer Ecke und war schwer zu verteidigen. Jesse Lingard traf den Ball einfach super. Gegen Portugal ist nun alles möglich. Wir müssen versuchen, gefährlich zu sein. Unser Ziel war bis jetzt, hinten sicher zu stehen und wenig zuzulassen. Das ist gelungen. Jetzt gilt es, die Balance zu finden und zu zeigen, dass man uns zu Unrecht unterschätzt.

Ihnen blieb die Reservistenrolle vorbehalten. Warum?

Hrgota: Der Trainer hat seine Überlegungen und die akzeptiere ich. Ich versuche im Training, mich aufzudrängen und meine Leistung zu bringen. Ich würde lieber auf dem Platz stehen, trotzdem unterstütze ich die Kollegen. Erhalte ich die Chance, werde ich sie ergreifen.

In Gladbach erlebten Sie 2014/15 Höhen und Tiefen. Mit welchen Gefühlen blicken Sie zurück?

Hrgota: Am Anfang lief es sehr gut, ich bekam viel Einsatzzeit – gegen Ende weniger. Für mich ist die Saison abgehakt. Im Sommer startet jeder bei null, dann werde ich wieder Vollgas geben. Ich möchte dem Trainer zeigen, dass er mich öfter bringen kann.

Was fordert Lucien Favre von Ihnen?

Hrgota: Wir arbeiten an vielen Dingen. Du kannst immer schneller werden, immer besser, immer die Technik perfektionieren. Er beschäftigt sich mit mir und hat mir in vielen Extraschichten geholfen, voranzukommen. Der Rest ergibt sich von selbst.

Etwa der Stammplatz? Ihr Widersacher Max Kruse wechselt nach Wolfsburg.

Hrgota: Ich sah Max nicht als Konkurrenten. Wir durften letzte Saison einige Male zusammen ran und kamen gut miteinander aus. Zwischen uns gab es keine Probleme. Ich bin sowieso jemand, der nicht auf Ärger abzielt.

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Sollte ein Goalgetter nicht egoistischer denken?

Hrgota: Nein, warum? Wenn ein Stürmer gut spielt, ist es kein Thema, wer trifft. Die Zeiten, in denen nur darauf geachtet wurde, sind vorbei. Heutzutage kämpfst du für die Mannschaften. Gewinnt sie, hast du es richtig gemacht. Egoismus ist fehl am Platz.

Gladbach setzt Ihnen nun Josip Drmic vor die Nase. Was halten Sie davon?

Hrgota: Ein Blick auf unseren Kader zeigt, dass wir einen Angreifer holen mussten. Irgendwann würde es sonst knapp werden. Das Wichtigste ist: Ich weiß, was ich kann und werde den Kollegen und dem Trainer zeigen, dass sie auf mich zählen können. Ich habe keine Angst vor Drmic, keine Angst davor, zweite Wahl zu sein.

Wohin geht die Borussia-Reise nach Platz drei im Bundesliga-Endklassement?

Hrgota: Schwer zu sagen. Wir beschäftigen uns damit nicht. Wir sagen nicht, wir gehen auf Bayern-Jagd. Das wäre zu hoch gegriffen. Immerhin gibt es andere Konkurrenten, die finanziell wesentlich stärker sind. Wir geben einfach unser Bestes, dann sehen wir, wo wir am Ende stehen. Ein Top-Platz ist sicher realistisch.

Und was haben Sie in der Champions League vor?

Hrgota: In erster Linie wollen wir Spaß haben. Für uns geht ein Traum in Erfüllung. Wir dürfen uns mit den Besten messen. Wir sind gut genug dafür. Zwar warten harte Brocken in der Gruppenphase, trotzdem werden wir es genießen.

Barcelona, Real Madrid, Chelsea, Juventus oder Paris gehören zu den möglichen Rivalen. Da wäre der "Mr. Europacup" gefragt …

Hrgota: (lacht) Ich hoffe doch, in der Champions League meine Spuren zu hinterlassen. Letzte Saison war ich in der Europa League sehr erfolgreich – mir sind acht Tore gelungen. Mal sehen, was diesmal rausspringt. Wir werden uns als Mannschaft auf jeden Fall gut aus der Affäre ziehen und können es weit schaffen.

Branimir Hrgota (l.) und Zlatan Ibrahimovic beim Training der A-Nationalmannschaft

Ein Duell mit Zlatan Ibrahimovic, PSG-Superstar und Landsmann, wäre bestimmt reizvoll.

Hrgota: Ich lernte Zlatan beim Nationalteam kennen. Er ist ein Weltstar, es macht Laune, mit ihm zu kicken, weil er große Stärken besitzt. Als Kontrahent kommt man gegen ihn aber schwer an.

Wie tickt jemand, der zwischen Genie und Wahnsinn wandelt, dessen Persönlichkeit beinahe so groß ist wie der Eiffelturm?

Hrgota: Man sollte sich kein Bild zurechtlegen, bevor man ihn nicht kennengelernt hat. Er ist nicht so, wie er sich auf dem Platz oder vor der Kamera gibt. Für mich ist er ein guter Typ, nicht abgehoben. Er lässt dich nicht spüren, dass er über dir steht. Trotzdem ist er ganz speziell. Von ihm kann ich lernen. Dennoch eifere ich ihm nicht nach.

Was Sie beide verbindet, sind ihre Wurzeln auf dem Balkan. Wie schwer war Ihre Kindheit im hohen Norden?

Hrgota: Natürlich hätten wir besser leben können. Meine Eltern taten allerdings alles Erdenkliche für uns. Ich erinnere mich an die Anfangszeit nicht, denn als wir vor dem Krieg geflohen sind, war ich ein Baby. Für meine große Schwester war es deutlich schwerer.

Sie gelten als ruhiger, besonnener Kerl, der auf dem Boden geblieben ist. Werte, die Ihnen wohl stets vorgelebt wurden, oder?

Hrgota: Ja, meine Familie hat großen Anteil daran. Sie machte schlimme Zeiten durch und hatte sich in einem fremden Land zurechtzufinden, das prägt und gibt man dem Nachwuchs wahrscheinlich mit. Ich persönlich kenne letztlich nur das Leben in Schweden. Uns ist es dort nie schlecht gegangen – und mittlerweile sowieso nicht.

Folge Christoph Köckeis auf