Milos Jojic: Dortmund? "Ich bekam keine Chance mehr"

Erst gefeiert, dann abgetaucht: Jojic bekam die Schnelllebigkeit des Sports zu spüren. Ein Gespräch über fehlenden Kredit, Klopps Schweigen und ekstatische Fans.

Leise und bedacht redet er. Gerne lässt er die Augen zur Seite schweifen, oder gen Boden. Milos Jojic drängt sich nicht ins Rampenlicht. Er ist keiner der Sorte Lautsprecher. Abseits des Fußballs hat er nichts zu tun mit der Glitzerwelt. Er hegt ein Faible für Literatur. In Büchern da findet er sein Gleichgewicht, das ihm hilft, schwierige Phasen zu überstehen. Davon erlebte er in den letzten Monaten bei Borussia Dortmund reichlich.

From Zero to Hero – und zurück: Im Winter 2014 gekommen, wusste Jojic prompt zu gefallen. Die vergangene Saison möchte er jedoch schleunigst abhaken. Gerade mal neun Minuten bestritt er in der Rückrunde. Meist pendelte er zwischen Bank und Tribüne, zwischen leiser Hoffnung sowie totaler Ernüchterung. Im Goal -Interview gewährt der 23-jährige Serbe, aktuell bei der U21-EM, Einblicke in sein Seelenleben. Bei der Ursachenforschung tappt er dagegen im Dunklen.

Herr Jojic, wie sehr schmerzt die 0:4-Blamage gegen Tschechien?

Milos Jojic: Sehr. Wir waren nicht auf der Höhe und haben einen gebrauchten Tag erwischt. Dieses Ergebnis spiegelt den Verlauf wider – es hätte sogar böser enden können. Mir fehlte bei uns die Leidenschaft, der letzte Wille in entscheidenden Szenen. Eigentlich zeichnet uns das aus. Letztlich begingen wir einfach zu viele taktische Fehler und waren nicht imstande, die Verkettung zu stoppen.

Nach der Punkteteilung mit Deutschland durften Sie hoffen, nun steht man vor dem Gruppen-Aus …

Jojic: So schnell kann es bei einem Turnier gehen. Das einzige Gute ist: Wir haben unsere Lektion nun gelernt und die Lehren daraus gezogen. Die Dänen sind am Samstag ähnlich untergegangen, sie sind in einer ähnlichen Situation. Wir brauchen einen Sieg, um ins Halbfinale einzuziehen. Dort wollen wir hin und darauf bereiten wir uns bis ins letzte Detail vor. Wir verschwenden keinen Gedanken daran, vorzeitig abreisen zu müssen. Deutschland wird uns gegen Tschechien die nötige Schützenhilfe geben, da bin ich mir sicher.

Was brauchen Sie nach solchen Klatschen, um den Kopf freizukriegen?

Jojic: Mir reicht ein gutes Buch. Ich brauche diese ruhigen Momente, um meinen inneren Frieden zu finden, um Abstand zu kriegen. Lesen ist meine Leidenschaft. Für andere sind es Filme und Serien. Nur deutsche Bücher kann ich noch nicht lesen, dafür reichen meine Sprachkenntnisse nicht (lacht).

Fällt es Ihnen schwer, Deutsch zu lernen?

Jojic: Nein, mir fällt es tatsächlich recht leicht. Dialekte bereiten mir Probleme, sonst funktioniert die Verständigung reibungslos. Es war mir wichtig, schnell voran zu kommen, um am Teamleben teilnehmen zu können und nicht ständig nachzufragen, was gesagt wurde. Mittlerweile verstehe ich vieles, nur das Reden fällt mir schwer. Da muss ich voll konzentriert sein. Trotzdem meinen die Leute, ich sei weiter als manch anderer, der erst seit eineinhalb Jahren in Deutschland ist.

Wie gefällt es Ihnen bislang?

Jojic: Sehr gut. Ich fühle mich wohl und genieße das Leben in Dortmund. Am liebsten würde ich bis zu meinem Karriereende dort bleiben (lacht).

In seiner ersten Bundesliga-Saison lief es für Milos Jojic noch rund

Dabei liegt ein enttäuschendes Jahr hinter Ihnen. Was waren die Gründe?

Jojic: Ich weiß nicht, warum ich plötzlich außen vor war. Über die Sommerpause konnte ich mich im Team etablieren. Als es zu Beginn in der Bundesliga nicht lief, wurde ich rausgenommen und saß entweder auf der Bank oder der Tribüne. Ich habe im Training alles gegeben, um eine neue Chance zu erhalten. Die bekam ich nicht mehr. Wieso? Keine Ahnung. Jürgen Klopp sprach mit mir nicht darüber.

Dortmund steckte in einer handfesten Krise. Glauben Sie, dass sie vielleicht zu leise für die Situation waren?

Jojic: Nein, ich gebe immer hundert Prozent, für das Team und für mich. Das bin ich mir schuldig, denn ich habe hart für meinen Traum geschuftet. Ich übernehme als Spieler gerne Verantwortung und erfülle, was der Trainer fordert. Dass ich privat zurückhaltend bin, mehr als andere Kollegen, hat keine Bedeutung. Für mich ist die Ausgeglichenheit wichtig, um runterzufahren. Nur dann kann ich neue Herausforderungen in Angriff nehmen.

Inwiefern lässt sich das mit dem hochstilisierten Fußball-Business vereinbaren?

Jojic: Wissen Sie, ich versuche alle meine Pflichten bestmöglich zu erfüllen. Ob Training oder Partie, ob Umgang mit Fans oder Journalisten. Manchmal fällt das nicht leicht, etwa nach einem 0:4. Jeder verlangt Erklärungen von dir, ohne das Ganze Revue passieren zu lassen, findet man die nicht. Für unbeteiligte Personen ist das schwer nachzuvollziehen. Ich bin trotzdem niemand, der an Fans und Journalisten vorbeistapft, wenn ich gefragt bin. Das gehört zum Profi-Dasein.

Tipico

Was schwirrt Ihnen gleichwohl durch den Kopf, wenn Sie vom Fehleinkauf Milos Jojic hören?

Jojic: Ich kann damit umgehen. Letztlich fokussiere ich mich auf den Klub und meine Position. Wenn Dortmund zu mir sagen würde, dass es besser wäre, zu gehen, würde ich das akzeptieren. Obwohl es wehtäte. Bisher ist das nicht passiert – Gerüchte hin, Gerüchte her. Letztlich treiben mich kritische Stimmen an. Ich will zeigen, dass ich besser bin. Ich will es Thomas Tuchel beweisen. Für mich zählt im Moment einzig und alleine der BVB.

Welchen Chancen rechnen Sie sich aus?

Jojic: Ich bin ein optimistischer Mensch. Bis jetzt habe ich mit dem neuen Trainer nicht gesprochen, das passiert dann zu gegebener Zeit. Letztlich ist die Situation ohnehin klar: Mein Vertrag in Dortmund läuft noch drei Jahre – ich blicke positiv in die Zukunft.

Positiv zu bleiben, ist bestimmt nicht immer leicht.

Jojic: Natürlich nicht. Wer will schon zusehen? Ich war enttäuscht, die Situation tat weh. Allerdings konnte ich nichts machen. Ich bin davon überzeugt, nächste Saison mehr Einsätze zu bekommen.

Milos Jojic (l.) mit Goal-Redakteur Christoph Köckeis

Bei der U21 Serbiens zählen Sie zu den Leistungsträgern. Was bedeutet es für Sie, nun ihrer Passion nachkommen zu dürfen?

Jojic: Für mich ist die EM eine Möglichkeit, wieder auf mich aufmerksam zu machen und zu zeigen, wozu ich fähig bin. Jede einzige Minute, die ich hier sammle, fühlt sich gut an. Ich gewinne langsam Rhythmus und Selbstvertrauen zurück. Mein Land zu vertreten, macht mich stolz.

Die Serben sind ein stolzes Volk. Was bedeutet der Fußball für sie?

Jojic: In Deutschland unterstützen die Fans ihre Klubs. In Serbien ist Fußball für einige ihr Leben. Man kann es schwer erklären, wenn man es nicht erlebt hat. Jeder sollte sich ein Bild vor Ort machen und ein Derby zwischen Partizan und Roter Stern Belgrad anschauen, da wird klar, dass es um mehr geht als Tore.

Und Sie hatten Ihre Sternstunde gegen Roter Stern.

Jojic: Im Mai 2013 wurde ich eingewechselt und traf kurz vor Schluss per Freistoß. Als ich Richtung Fans lief, jubelten die schon auf der Laufbahn. Sie waren alle da. Mir wurden nach Schlusspfiff die Kleider fast vom Körper gerissen (lacht). Jeder wollte was von mir – ich gab ihnen, was ich geben konnte. Es gibt dieses Foto in Unterhose auf dem Platz, das verdeutlicht, wie verrückt die Fans sind. Sie legen alle Energie rein und identifizieren sich mit dir. Du kannst sie glücklich machen. Das ist ein unglaubliches Gefühl. Ich hoffe, wir stellen sie am Dienstag gegen Dänemark ebenfalls zufrieden.