"Können das Ganze auch verzögern" – Wie Schalke 04 von Viagogo unter Druck gesetzt wurde

Das leidige Thema um den gekündigten Vertrag mit dem Tickethändler hat der Revierklub hinter sich gelassen. Die ganze Wahrheit wurde jedoch noch nicht erzählt.

EXKLUSIV
Ein Bericht von Hassan Talib Haji

Gelsenkirchen. Der FC Schalke 04 hat in seiner über 110-jährigen Vereinsgeschichte vieles erlebt. Der Klub gewann Meisterschaften und Pokale, brachte große Bundesligastars hervor und sonnte sich im Ruhm. Doch auch schattige Zeiten durchlebte der Verein. Wie zum Beispiel die Monate nach dem Vertragsabschluss mit der umstrittenen Ticketbörse Viagogo AG. Es war eine Partnerschaft, die den Verein und die Mitglieder entzweite, Risse in den Klub trug.

Am 27. November 2014 gab der FC Schalke 04 mit großer Erleichterung eine Pressemitteilung heraus. Per Schiedsspruch stellte die Deutsche Institution für Schiedsgerichtsbarkeit (DIS) in Köln die Rechtmäßigkeit der Vertragskündigung des Klubs aus dem Vorjahr fest. Viagogo war fortan für Schalke 04 Geschichte. Diese Geschichte wurde zwar zu Ende erzählt, einige Dinge blieben dabei jedoch im Verborgenen. Goal deckt sie auf.

Rückblick: Ursprünglich wurde vom FC Schalke 04 mit Viagogo ein Vertrag geschlossen, der zum 1. August 2013 in Kraft treten sollte. "Wir hatten noch ein vertragliches Dienstleisterverhältnis mit CTS Eventim bis zum 31. Juli 2013, unserer damaligen Ticketbörse", erklärt Schalkes Marketingvorstand Alexander Jobst im exklusiven Gespräch. Der Vertrag mit Viagogo sah maximal 3.000 Eintrittskarten für Schalker Bundesligaheimspiele pro Saison vor, bei denen der Verein keine Vollauslastung der Veltins Arena erwartete. Zudem durfte auf diesen Tickets seitens Viagogo nur ein Aufschlag von maximal 100 Prozent erfolgen. Horrende Ticketpreise für Schalke-Spiele sollte es fortan auf der Plattform also nicht mehr geben. Schalke 04 hätte als offizieller Ticketpartner des Kartenhändlers 1,2 Millionen Euro jährlich eingenommen. Die Vertragsdauer betrug drei Jahre. Ein sehr lukratives Geschäft.

Das folgenschwere Versäumnis

Viagogo wollte jedoch einen Monat früher starten, was zunächst nicht möglich war. Zwei Ticketanbieter parallel unter Vertrag zu haben, schloss sich aus, da jeder Anbieter Exklusivität voraussetzt. Schalke kam Viagogo entgegen, wie Jobst anmerkt: "Wir haben in den Vertragsgesprächen mit Viagogo damals vereinbart: Wenn wir es ermöglichen, dass CTS Eventim vorher aussteigt, werden wir die Kooperation mit Viagogo bereits zum 1. Juli 2013 beginnen, was im Übrigen auch der Wunsch des Ticketanbieters war. Andernfalls dann spätestens zum 1. August." Schalke 04 hatte daraufhin den Ausstieg mit CTS Eventim geklärt und die Partnerschaft hätte nun mit Viagogo wie vom Ticketanbieter erbeten zum 1. Juli 2013 beginnen können. Nun allerdings stellte sich ein folgenschweres Versäumnis der Verantwortlichen des Klubs heraus.

Die eigentlich greifende Vereinbarung zwischen Schalke 04 und Viagogo zum 1. Juli war seitens des Vereins und dem Tickethändler zuvor nicht explizit schriftlich in Vertragsform festgehalten worden, "was man uns durchaus zum Vorwurf machen kann", gesteht Jobst ein. Denn der Klub kommunizierte stets öffentlichkeitswirksam, dass ab dem 1. Juli für jedes auf dem Online-Portal angebotene Schalke-Ticket die vertraglichen Regeln gelten, die der Verein zum Missfallen von Viagogo nach außen trug, um der harten Kritik der Mitglieder und Fans etwas entgegenzustellen. Eigentlich wäre die Geschichte, kritisch begleitet von den Gegnern des Vertrages, angelaufen und das Thema wäre drei Jahre lang ausgesessen worden.

Je näher es jedoch zum Start kam, umso passiver wurde Viagogo. "Unsere technische Abteilung hat kein Feedback mehr von ihnen erhalten", so der 41-Jährige. Plötzlich war für den Revierklub völlig unklar, ob Viagogo überhaupt in der Lage sei, zum 1. Juli zu beginnen. Hätte dies nicht zu 100 Prozent funktioniert, "wäre die Kritik von allen Seiten auf uns eingeprasselt." Diese Situation wurde von Viagogo offenbar inszeniert. Und der Tickethändler ging einen Schritt weiter, einen sehr drastischen.

"Einige Tage vor der Jahreshauptversammlung bekam ich einen Anruf von Steve Roest (Manager von Viagogo, Anm. d. Red.) . In diesem teilte er mir mit, dass Viagogo zum 1. Juli startklar wäre. Allerdings nur unter der Bedingung, Viagogo noch mehr Karten und Spiele zu gewähren", verrät Jobst und ergänzt: "Steve Roest sagte mir am Telefon: 'Wir können das Ganze auch verzögern.' Das wäre aus unserer Sicht katastrophal gewesen."

Das falsche Spiel

Viagogo hätte den Start zum 1. Juli also absichtlich verzögert, wenn der Tickethändler kein größeres Kartenkontingent und mehr Wettbewerbe erhalten hätte – dagegen wäre Schalke machtlos gewesen. Diese Situation kam einer Erpressung gleich. Zu diesem Vorwurf wollte sich Viagogo auf Goal -Anfrage nicht äußern.

Der Verein bezeichnete das Vorgehen des Tickethändlers in einer Stellungnahme vom 24. September 2013 als Ausübung von "massivem Druck". Denn vertraglich wurde - wie schon erwähnt - nur der 1. August festgehalten. Hätte Viagogo den Start verzögert, hätte sich der Ticketanbieter auf der eigenen Internet-Verkaufsplattform im gesamten Juli nicht an die von Schalke verkündeten Vertragsinhalte (100 Prozent Aufschlag inklusive aller Transaktionsgebühren, nur Bundesligaheimspiele) halten müssen. Es wären demnach weit mehr Karten dort angeboten worden, zu Preisen, die Schalke nicht hätte deckeln können.

Der Klub wurde von Viagogo in eine Notsituation gebracht, denn ein Sturm der Entrüstung seitens der Mitglieder, Vertragsgegner und Presse wäre die Folge gewesen. Das Versäumnis des Vereins, die Vereinbarung zum 1. Juli nicht schriftlich in Vertragsform festgehalten zu haben, wurde dem Klub und auch Jobst zum Verhängnis. Dieses Druckmittel nutzte Viagogo gemäß der Worte von Jobst aus, Schalke 04 gab nach und der Vertrag wurde geändert. Der Klub erhöhte das Kontingent auf maximal 3.600 Karten je Bundesligaheimspiel und gewährte Viagogo eine Option auf 300 Tickets pro Champions-League-Spiel. Goal liegt ein entsprechender E-Mail-Verlauf zwischen Jobst und Roest vor, der dies bestätigt.

>>>> Lest auf der zweiten Seite, wie sich Viagogo selbst ein Bein stellte und Jobst die turbulente Zeit der großen Kritik an Schalke und ihm erlebte. <<<<