Ermin Bicakcic: "Hier ist ständiges Mitdenken gefordert"

Im Interview mit Goal sprach Bicakcic über die Ausbildung beim VfB, den schwachen Rückrundenstart der TSG und die spielerischen Anforderungen unter Markus Gisdol.

Krisengipfel und Derbytime: Sowohl der VfB Stuttgart als auch die TSG Hoffenheim sind ohne Sieg in die Bundesliga-Rückrunde gestartet. Im anstehenden Baden-Württemberg-Derby (ab 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) müssen beide Klubs dringend punkten. Ermin Bicakcic ist einer von acht TSG-Spielern, die in ihrer Karriere schon das VfB-Trikot getragen haben. Der Bosnier wurde von 2005 bis 2009 in der Jugend der Schwaben ausgebildet.

Im Interview mit Goal sprach der TSG-Innenverteidiger über seine Jahre beim VfB, den schwachen Rückrundenstart von 1899 und die spielerischen Anforderungen unter Markus Gisdol.

Herr Bicakcic, als einziges Team der Bundesliga ist die TSG Hoffenheim mit drei Niederlagen in die Rückrunde gestartet. Ist es ein Trost, wenn man bedenkt, dass 1899 mit Augsburg, Bremen und Wolfsburg gleich die drei Teams der Stunde als Gegner hatte?

Bicakcic: "Eigentlich nicht, denn wir hatten uns viel vorgenommen in der Winterpause. Leider haben wir vieles von dem vermissen lassen, was wir auf den Platz bringen wollten. Deswegen gilt es jetzt, unsere Grundtugenden wieder zu verinnerlichen, zielstrebig zu sein, und natürlich auch die Dinger einzunetzen. Aber man merkt natürlich, wenn eine Mannschaft Selbstvertrauen hat. Ich denke, wir haben gar nicht so schlecht gespielt, aber die Gegner waren einfach in einer starken Phase. Dann klappt alles – und bei einem selbst halt nicht. Wir müssen das abhaken und uns jetzt auf das nächste Spiel gegen den VfB Stuttgart konzentrieren."

Wie Ihre Teamkameraden Sven Schipplock, Sebastian Rudy oder Andreas Beck stammen auch Sie aus der VfB-Jugend. Ist das Derby eines der Saison-Highlights?

Bicakcic: "Natürlich ist es ein "besonderes" Spiel, weil ich aus der Region komme und dort ausgebildet wurde. Ein Stück weit ein bin ich immer noch ein 'Stuttgarter Junge', habe dort meine gesamte Berufsausbildung durchlaufen und von der Jugendabteilung bis hin zu den Profis gespielt. Andererseits versuche ich prinzipiell, in jedem Spiel alles zu geben. Insofern ist es dann auch unerheblich, ob ich gegen den VfB spiele oder eine andere Mannschaft."

Die Nachwuchsförderung des VfB Stuttgart genießt schon lange einen hervorragenden Ruf. Was macht sie aus?

Bicakcic: "Die Stuttgarter Jugend ist eine der erfolgreichsten, wenn nicht die erfolgreichste in Deutschland und die Ausbildung dort habe ich als Geschenk empfunden. Man wird dort sehr gut auf das Leben als Profi vorbereitet, taktisch wie athletisch, und an einen hohen Grad an Organisation herangeführt: Man lernt früh, dass es wichtig ist, dass Laufwege stimmen oder man richtig steht. Das Spielverständnis wird früh gefördert. Es ist ja wie eine Ausbildung, man lernt das komplette Handwerk einmal – und dort eben sehr gut. Für mich persönlich war die Disziplin am wichtigsten, die ich mir dort angeeignet habe. Ich habe gelernt, dass es ohne harte Arbeit nicht geht, Talent ist nicht alles. Ich habe Freunde, die waren sicher bessere Kicker, doch am Ende sind eben Ehrgeiz und Wille ganz entscheidende Faktoren."

Trauen Sie dem VfB den Klassenerhalt zu?

Bicakcic: "Mit solchen Prognosen tue ich mich immer schwer. Was ich aber sagen kann, ist, dass der Kader auf jeden Fall die Qualität hat, die Klasse zu halten. Ich bin auch überzeugt, dass der VfB es schafft und wünsche der Mannschaft alles Gute – nur nicht gegen uns."

In diesem Sommer holte Sie Markus Gisdol nach Hoffenheim. Seine Philosophie erklärte er neulich so: "Bei eigenem Ballbesitz sollen alle Spieler Qualitäten nach vorne zeigen." Was bedeutet das für einen Innenverteidiger?

Bicakcic: "Es ist ja kein Geheimnis, dass Markus Gisdol bei meinem Wechsel eine wichtige Rolle gespielt hat. Die Gespräche, die wir hatten, haben mich sehr schnell überzeugt, auch von dem Fußball, für den er steht. Die Umstellung von Braunschweig zu Hoffenheim war dann enorm, weil hier ganz anders gespielt wird. Ich habe mich schon sehr weiterentwickelt, alleine schon, weil ich als Innenverteidiger viel mehr in den Spielaufbau involviert bin. Hier ist ständiges Mitdenken gefordert, auch wenn wir nicht im Ballbesitz sind. Es ist wichtig, zu erkennen: Sollen wir rausrücken und stellen oder nicht und steht der Gegner schon unter Druck? Pressing funktioniert letztendlich nur, wenn alle mitmachen, von vorne bis hinten."

Was muss für den Rest der Rückrunde besser werden? Und wo sehen Sie für sich persönlich noch Potenzial?

Bicakcic: "Der Rückrundenstart ärgert uns deswegen sehr, weil wir um unsere Qualität wissen und von ihr überzeugt sind. Wir haben sie aber nicht auf den Platz gebracht: Kompakt stehen, zielstrebig sein und vorne natürlich die Dinger einnetzen. Persönlich würde ich in Zukunft gerne noch mehr Führungsqualitäten entwickeln. Aber das kommt mit der Zeit. Und schlussendlich stehen wir als Team aber alle in der Verantwortung."

Tipico

Sie haben als Innenverteidiger durchschnittlich 8,3 klärende Aktionen pro Partie, ein Top-Wert, begehen dabei aber relativ wenige Fouls. Fast wie Sergio Ramos …

Bicakcic: "Dass ich gleichzeitig wenige Fouls benötige, spricht dafür, dass mein Timing besser geworden ist. Es stimmt, dass ich Ramos schon lange bewundere: die Zweikampfstärke, die Robustheit. Ich sage ja immer gerne: hart, aber fair. Seine hervorstechendste Eigenschaft ist natürlich die Leidenschaft, die er zeigt. Solche Duelle wie mit Diego Costa passieren dann einfach, das gehört dazu. Da sind zwei Spieler, die beide mit allen Mitteln gewinnen wollen. Als Profi kennt man solche Duelle, ab und an werden auf dem Rasen halt Worte gewechselt. In der sportlichen Auseinandersetzung ist das auch nicht so außergewöhnlich."

Der Wechsel zu 1899 war für Sie auch eine Rückkehr in die Heimat. Was gefällt Ihnen an der Rhein-Neckar-Region? Andreas Beck meinte, in Heidelberg nicht erkannt zu werden, kann auch ein Vorteil sein ...

Bicakcic: "Die Region hat für mich natürlich eine große Rolle gespielt, schon weil meine Familie hier wohnt. Heidelberg ist zudem eine sehr schöne Stadt. Und es stimmt: Es kommt seltener vor, dass man in der Innenstadt angesprochen wird. Das Leben hier gefällt mir sehr gut, so wie es ist. Deswegen bin ich auch in Richtung Altstadt gezogen, hier kann man sich vom Fußball gut ablenken. Aber gelegentlich werde ich schon erkannt oder um ein Autogramm gebeten."

Seit Ihrem Weggang vom VfB liegen drei erfolgreiche Jahre hinter Ihnen. Was war der Höhepunkt: Der Braunschweiger Aufstieg 2013 oder die WM-Teilnahme mit Bosnien-Herzegowina 2014?

Bicakcic: "Der Aufstieg war natürlich überwältigend. Aber: Ein Aufstieg kann in einer Sportlerkarriere öfter vorkommen als eine WM-Teilnahme. Mit Bosnien haben wir Geschichte geschrieben, standen im Maracana. Das ist das Nonplusultra, ein Traum, der in Erfüllung ging. Wir hatten uns alle mehr erhofft, die Enttäuschung war im ersten Moment natürlich da und auch richtig. Am Ende des Tages war es aber unsere erste Teilnahme und wir können alle auf uns stolz sein, den bosnischen Fußball vor der ganzen Welt repräsentiert zu haben. Wir sind uns bewusst, dass wir durch den Trainerwechsel erstmal eine schwierige Situation hatten, aber jetzt ist Frankreich 2016 das Ziel."

Ein Höhepunkt in Brasilien war sicherlich die Partie gegen Argentinien und Lionel Messi. Wie geht man so etwas ran?

Bicakcic: "Vor dem Spiel hat man sowieso den Tunnelblick. Dass er ein Ausnahmekönner ist und sehr schwer zu verteidigen ist, weiß jeder. Aber: Falscher oder zu großer Respekt kann da keine Rolle spielen. (Lacht) Wenn ich gekonnt hätte, hätte ich ihm am Trikot gepackt, um ihn zu stoppen. Am Ende will ich das Spiel ja für mich entscheiden. Das Interessante als Profi ist, sich in einem Spiel mit dem Weltbesten zu messen. Ich hatte das Glück, mir von Messi persönlich ein Bild zu machen. Ich kann sagen, dass er ein sehr korrekter und lockerer Typ ist. Dass er weiß, was er kann, ist normal. Das hat nichts mit Arroganz zu tun."

In Spanien gab es zuletzt eine Diskussion um Neymar und seine Tunnels gegen Verteidiger. Wie sehen Sie das als Abwehrspieler?

Bicakcic: "Nein, ich denke, das ist einfach die Art und Weise, wie er Fußball spielt. Wenn ich Angreifer wäre, würde ich auch mit allen Mitteln versuchen, meine Ziele zu erreichen. Nicht, um jemanden bloßzustellen. Vielleicht sollte sich auch der Abwehrspieler hinterfragen, warum er sich dreimal tunneln lässt. Dass man dann natürlich dumm aussieht, ist klar. Aber das sind eben Spieler, die gerne zocken und tief in die Trickkiste greifen, einfach, weil sie es auch können. Nein, ich nutze alle meine Möglichkeiten. Am Ende sind wir alle Profis und wollen unsere sportlichen Ziele erreichen."

Auch Defensivspieler haben ihre Kniffe ...

Bicakcic: "Es gibt Verteidiger, die geben dir nach dem ersten Tunnel auf die Beine. Beim zweiten Mal fragt man sich vielleicht, ob man es nochmal versucht. Aber wie gesagt: Solche Auseinandersetzungen gehören im Sport einfach dazu, dieser Siegeswille wird von einem ja auch erwartet. Wenn das Spiel aus ist, sollte man alle Scharmützel gut sein lassen."

Sie sind in den sozialen Netzwerken sehr aktiv und pflegen den direkte Kontakt mit den Fans. Wie wichtig ist Ihnen das?

Bicakcic: "Ich möchte einfach den Leuten was geben und in der heutigen Zeit gehört das dazu. Ich will den Fans auch eine persönliche Seite zeigen. Geh mal ins Stadion ohne Fans - ohne sie sind wir nichts. Gerade die sozialen Netzwerken bieten die Chance, nicht nur den TSG, sondern auch meinen eigenen Fans etwas zurückzugeben. Ich mache es gerne, bin wohl auch der Typ dafür und werde es auch in Zukunft weiter so halten."

Wir danken für das Gespräch!
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