Steffen Freund: "Die Fans lieben Mesut Özils Stil"

Die Insel ist seine zweite Heimat: Exklusiv bei Goal spricht Freund über die Kultur, den Fußball und seinen Heldenstatus in England.

Arosa. Im Ally Pally, dem legendären Darts-Tempel in London, tummeln sich skurrile Gestalten. "Es ist wie Oktoberfest und Karneval zugleich", so Steffen Freund zu Goal. Er frönte im Dezember mit seiner Familie dem Spektakel, feierte mit. Und um nicht unangenehm aufzufallen, schlüpfte er in ein besonderes, violettes Outfit.

Bei der Schneefußball-WM in Arosa sprach der 45-Jährige, bis zum Sommer Technischer Direktor bei Tottenham Hotspur, über den Hintergrund, die deutsche Neidgesellschaft, Englands neue DNA, Mesut Özil sowie seine Zukunft. Plus: Ist Gareth Bale sein Geld wert?

Herr Freund, was hat es mit Ihnen und den Teletubbies auf sich?

Steffen Freund: (lacht) Ich hatte eine Wette mit meiner Familie verloren und musste in das Kostüm schlüpfen. Dass es in Deutschland solche Wellen schlägt, war nicht zu erwarten. Was man wissen sollte: Bei einer Darts-WM wird den ganzen Tag Party gemacht, mit Bier, Verkleidungen, großartiger Stimmung. Also alles völlig normal …

Wie steht es um Ihre Darts-Skills?

Freund: Ich treffe die Scheibe, nicht mehr und nicht weniger. Wie eine Legende wie Phil Taylor das kleine Triple-20-Feld malträtiert, ist beeindruckend. Mir passiert das eher durch Zufall. Eine Faszination habe ich dennoch entwickelt. Der Sport ist in England riesig.

So wie der Fußball …

Freund: Ich genieße die Atmosphäre jedes Wochenende. Es ist eine Ehre, in der Premier League zu sein. Tottenham zählt zu den größten Vereinen, die Atmosphäre an der ständig ausverkauften White Hart Lane ist sensationell. Zur Saison 2017/2018 wird noch dazu unser neues Stadion fertig. Ich bin hier als Aktiver aufgelaufen, war Co und bin jetzt Technischer Koordinator. Ein Bespiel steht für diese wunderbare Zeit: Wir verloren ein Derby gegen Arsenal. Ich war mausetot und dachte mir: "Mensch, bloß nicht aus der Kabine gehen." Die Fans pfiffen uns nicht aus, sie applaudierten. Die Achtung geht, sofern du mit Herz kickst, nie verloren. Ist ein Team besser, wird das honoriert.

Der größte Unterschied zu Deutschland?

Freund: Auf der Insel ist vieles lockerer! Die Fans freuen sich, wenn sich ein hochbezahltes Idol für Tottenham Hotspur entscheidet. Hier leben sehr fleißige Menschen, die vor allem im teuren London mit oft geringeren finanziellen Mitteln auskommen müssen. Da gibt es aber trotzdem keinen Neid. Sie lieben den Fußball, zelebrieren und feiern ihn ohne Ende. Selbst wenn es mal nicht so läuft. So lange der Einsatz stimmt, geht der Respekt nicht verloren. In Deutschland ist die Stimmung schneller negativ und bei Erfolgslosigkeit verliert man sofort die Geduld.

Was braucht ein Deutscher, um in England populär zu werden?

Freund: Zwischen den Ländern herrscht eine Art Hassliebe. Obwohl jeder weiß, dass unsere Spieler und Trainer Weltformat haben, wagt man sich selten an sie heran. Es ist daher gut, dass sich Per Mertesacker oder Mesut Özil bei den Gunners bewähren. Wenngleich Özil in den Medien keinen leichten Stand hat, lieben die Fans seinen Stil. Und Per ist sowieso ein Leader. Grundsätzlich ist es so: Man muss die Mentalität kennenlernen und die deutschen Elemente einbringen. Eines wird in allen Stadien respektiert: Leidenschaft.

David Ginola, Ihr früherer Kamerad, rief Sie ehrfurchtsvoll "Arbeit". Ihr Ethos bescherte Ihnen sogar eine Berufung in die Spurs-"Hall of Fame".

Freund: David meinte das sehr respektvoll. Ich bin für ihn viel gelaufen, wie in Dortmund für Andreas Möller. Bei Tottenham erlebte ich viereinhalb Saisons mit Höhen und Tiefen: Wir holten den League Cup und verloren das FA-Cup-Finale. Ich riss mir das Kreuzband und feierte mein Comeback. Ein Tor gelang mir nie. Wenn ich was traf, dann die Eckfahne. So ist um mich dieser Kultstatus entstanden. Willst du als Deutscher in England erfolgreich sein, gilt es, den Mittelweg der Mentalitäten zu finden.

FREUND ÜBER HOLTBY

Die Karriere nach der Karriere führte Sie zurück gen Tottenham: 2012 verließen Sie den DFB - wie groß war die Umstellung?

Freund: Vom Jugend- in den Männer-Bereich zu wechseln, ist der größte Schritt. Sehr viele Betreuer unterschätzen das. Die Arbeit und der Umgang mit einer Männermannschaft sind viel komplexer und schwieriger. Diesen Job sollte man sich nicht zu früh zutrauen. Ich wurde bei den Spurs zunächst Assistent. Mit Andre Villas-Boas und Tim Sherwood hatte ich zwei junge Vorgesetzte, denen ich dank meiner Erfahrung helfen konnte. Gerade Villas-Boas, der nie gespielt hat, vertraute meinem Gespür.

Nach der Weltmeisterschaft in Brasilien zählt deutsche Expertise vermutlich noch mehr …

Freund: Genau. Die Engländer blicken mit Respekt auf den Erfolg des deutschen Fußballs – da es in den letzten Jahren sehr viele Talente nach oben geschafft haben. Das Zusammenwirken zwischen DFB, Nachwuchsleistungszentren und Vereinen funktioniert. Als Endprodukt steht der WM-Titel. Die FA-Verantwortungsträger haben nach dem Gruppen-Aus die Missstände erkannt und reagieren nun darauf. Da kommt endlich Bewegung rein.

Inwiefern?

Freund: Sie entwickelten ebenfalls eine Philosophie, ihre DNA. Gary Neville, ein hervorragender Analyst und Assistent von Roy Hodgson, war maßgeblich daran beteiligt. Wie sie konkret aussieht, weiß ich nicht. Ich werde mir das Buch demnächst zu Gemüte führen. Man orientierte sich an Spanien, Frankreich und Deutschland. Sie haben über diese konkrete Philosophie ihren Auswahl-Mannschaften ein Leitlinie gegeben und profitierten dann auf höchster Ebene davon. Das ist der richtige Weg. In der Premier League wiederum gilt es, die Balance zu finden.

Was meinen Sie damit?

Freund: Die Klubs sind finanziell so stark, dass sie jederzeit auf dem Markt zuschlagen können. Um die Größenordnung zu verstehen: Ein Absteiger kassiert alleine schon rund 50 Millionen Pfund an TV-Geldern. Wozu also einen Jungen ausbilden, mühsam heranführen und Fehler, die zu einer normalen Entwicklung gehören, akzeptieren, wenn ein fertiger Nationalspieler aus Deutschland, Spanien oder Italien sofort hilft. So denken Manager. Der Nachwuchs bleibt auf der Strecke.

Tipico

Liegt der Fehler im System?

Freund: Fehler darf man das nicht nennen. Die Premier League ist die interessanteste Liga der Welt, fast 1,5 Milliarden werden über die Fernsehrechte eingenommen. In der Bundesliga sind es lediglich 700 Millionen – und wir reden von der Weltmeister-Liga. Wo liegt hier der Fehler? Ich glaube, man ist sportlich weiterhin auf Augenhöhe. Wobei in England die Dichte extremer ist. Dadurch blähen die Kader auf, weil die Funktionäre für alle Fälle gerüstet sein wollen. Es kann aber nicht sein, dass die Queens Park Rangers einen Kader von über 40 Mann haben.

Für genügend Nachschub wäre demnach gesorgt.

Freund: Raheem Sterling, Harry Kane, Saido Berahino oder Luke Shaw haben es ja vorgemacht – sie sind bei ihren Arbeitgebern allesamt Leistungsträger. Englands U17 wurde zudem Europameister, das darf man in der Diskussion nicht vergessen. Da sind viele Hochveranlagte dabei, Joshua Onomah von Tottenham ist einer davon. Mit 17 steht er vor dem problematischen Sprung in die erste Mannschaft. Für ihn ist es schwer, in die Phalanx einzubrechen. Hier gilt es, den Hebel anzusetzen.

Warum gelingt Mega-Talenten wie Gareth Bale indes der Durchbruch?

Freund: Er ist eine Ausnahme. In jungen Jahren verfügte er über diesen Zug zum Tor und war nicht aufzuhalten. Seine körperlichen Voraussetzungen sind unglaublich – daran arbeitet er ständig. Bei seiner Dynamik wird dir Angst und Bange. Er weiß sie auch mit technischen Fähigkeiten umzusetzen. Was mich am meisten beeindruckt, sind die Freistöße mit Links. Er ist der erste Fußballer, der den Ball in alle vier Richtungen gleichzeitig schießen kann (lacht). Ich erinnere mich an ein Tor gegen Liverpool im Jahr 2012: Der Schuss hatte eine so krumme Flugbahn, dass Pepe Reina in der falschen Ecke stand. Wir dachten, er wäre abgefälscht. War er allerdings nicht.

Wie tickt Bale charakterlich?

Freund: In der Persönlichkeitskategorisierung des DFB wäre er ein Individualist. Für solche Stars ist das nicht ungewöhnlich. Er ist introvertiert und keiner, der vor der Mannschaft spricht und sie mit Worten führt. Er tut das mit Taten. Wenn mal niemand den Ball will, holt er ihn sich und die Kollegen können durchatmen. Seine Qualitäten sind unglaublich.

Sind sie 100 Millionen Euro wert?

Freund: Ich beantworte die Frage als Geschäftsführer: Real Madrid holte durch seinen Wechsel zwei Titel. In der Verlängerung der Champions League erzielte er das vorentscheidende 2:1, in der Copa del Rey gegen Barcelona machte er den Unterschied. Das bringt zusätzliche Einnahmen und sein Trikot verkauft sich von selbst. Ich würde sagen, er ist sein Geld wert. Für Tottenham war er ein Verlust. Weltklasse-Akteure wie ihn kann man über einen längeren Zeitraum nicht ersetzen. Derzeit liegen wir auf Platz sechs, zum Vierten sind es drei Punkte. Dort wollen wir hin.

Wie nah sind Sie noch an der Truppe?

Freund: Mein Jobprofil hat sich grundlegend verändert. In der Koordinator-Rolle bin ich nicht mehr am Trainingsgelände, sondern an der White Hart Lane. Ich agiere als eine Art Botschafter des Klubs. Zuletzt war ich vier Wochen in Shanghai und Peking. Für mich ist es eine neue, sehr lehrreiche Perspektive.

Ihr Vertrag läuft im Sommer aus. Welche Funktion reizt sie mehr: Coach oder Manager?

FREUND WETTER GEGEN BLATTER

Freund: Grundsätzlich traue ich mir beides zu. Ich weiß nach den letzten Jahren, wie die Strukturen sein müssen, wie man den Aufsichtsrat, das Board, überzeugt: Warum lohnt sich eine Investition in Spieler XY? Schafft man es durch ihn in die Europa League, oder den Klassenerhalt? Die Fragen gilt es im täglichen Betrieb zu beantworten, das traue ich mir ob der Erfahrungen bei Tottenham und dem DFB zu. Unter Sportdirektor Matthias Sammer war es damals nicht leicht. Jeder, der ihn kennt, weiß, wovon ich spreche. Letztlich aber brachte mich die Zeit extrem nach vorne. Ich bin bereit für den nächsten Schritt.

Wie soll der aussehen?

Freund: Die Tendenz stand heute ist, dass ich im Sommer eine neue Herausforderung antreten werde. Wo, ob in England oder in Deutschland, ist derzeit völlig offen. Es gibt auch interessante Gespräche, zu denen man zum jetzigen Zeitpunkt aber nicht mehr sagen kann. Für mich ist am Ende entscheidend, dass die Perspektive stimmt, egal ob als Sportdirektor oder als Trainer.

Oder beides in Personalunion, wie es in England üblich ist.

Freund: In England findet langsam ein Umdenken statt. Arsene Wenger leistet seit 17 Jahren beim FC Arsenal Sensationelles. Er bringt beide Pflichten unter einen Hut. Andere überfordert das komplett. Entsprechend gewinnt die Koordinator-Rolle zunehmend an Bedeutung. Die Boards erkennen, dass Fußballvereine nicht wie Fabriken aufgebaut sind, wo einer alles bestimmt.

Weg vom Traditionalismus, hin zur Moderne?

Freund: Es ist ein Prozess, der gemächlich Fahrt aufnimmt. Um die Richtung vorzugeben, braucht es meines Erachtens Spezialisten. Der Chef-Trainer muss sich auf die Mannschaft konzentrieren. Das Drumherum wird immer mehr, die Last immer größer. Rahmenbedingungen zu schaffen, erfordert Konsequenz. Bei Bayern arbeiten Persönlichkeiten wie Karl-Heinz Rummenigge, Matthias und Pep Guardiola erfolgsorientiert zusammen. Sie sind ein Vorbild, wie Hoffenheim oder auch RB Leipzig.

Wie bitte?

Freund: Ich nenne bewusst diese Vereine weil sie in der Außendarstellung falsch wahrgenommen werden. Sie handeln frei von altgedienten Strukturen, gehen neue Pfade, die vom Sponsor in vollem Umfang mitgetragen werden. Die finanzielle Beweglichkeit hilft natürlich dabei.