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Amin Younes im Exklusiv-Interview: "Viele Talente gehen daran kaputt"

Kaiserslautern. Amin Younes ist für Borussia Mönchengladbach das, was man gemeinhin als echtes Eigengewächs bezeichnet. Schon im Alter von sieben Jahren schloss er sich dem Fohlen-Nachwuchs an, entwickelte sich zu 1,68 Meter geballter Kreativität. Der absolute Durchbruch in Gladbach gelang allerdings noch nicht, vor der laufenden Saison wurde der gebürtige Düsseldorfer für eine Spielzeit in die 2. Bundesliga an den 1. FC Kaiserslautern verliehen.

Dort, am Betzenberg, traf sich der U21-Nationalspieler zum exklusiven Interview mit Goal, sprach unter anderem über seinen Werdegang, gefährliche Verlockungen, den Libanon und seine besondere Beziehung zu zwei speziellen Trainern.

Herr Younes, vor etwa einem Jahr haben Sie gesagt, dass ein Weggang aus Gladbach "tatsächlich schwer vorstellbar" wäre. Wann ist die Entscheidung gereift, dass doch mal ein Tapetenwechsel her muss?

Amin Younes: Der Wechsel kam erst relativ spät zustande. In der Vorbereitung habe ich mit Lucien Favre und Max Eberl Gespräche geführt und wir sind dann zu dem Entschluss gekommen, dass eine Ausleihe für mich und meine Entwicklung aktuell das Beste ist.

Sie betonen sehr häufig, dass Sie noch viel lernen müssen. Auch Favre hat immer wieder gesagt, dass Sie noch Zeit brauchen – was haben Ihnen in dieser Hinsicht die ersten Monate in Kaiserslautern gebracht?

Younes: Sehr, sehr viel. Hier habe ich die Spielzeit, die ich in Gladbach zuletzt weniger bekommen habe. Die Spiele von Anfang an tun mir gut, geben mir Selbstvertrauen. Ich denke, jeder Fußballer kann ein Lied davon singen, wie wichtig es ist, regelmäßig zu spielen. Und wenn du diese Möglichkeiten bei dem einen Verein nicht bekommst, musst du es eben bei einem anderen probieren. Ich habe in Gladbach viel gelernt, aber gutes Training alleine reicht für eine Entwicklung eben nicht aus. Dafür sind die Spiele, die Wettkampferfahrung wichtig. Dazu lernen kann ich in allen Bereichen, meine Stärken verbessern, meine Schwächen ohnehin.

Sie sind mit sieben Jahren nach Gladbach gekommen. Trotz dieser kompletten Ausbildung in einem Nachwuchsleistungszentrum gelten Sie als Typ "Straßenfußballer". Oder vielleicht gerade deswegen?

Younes: Im Verein war das weniger ein Thema. Gerade in Deutschland lernt man viel in Bereichen wie Taktik und Disziplin, viel für das Spiel gegen den Ball. Das ist sicherlich auch ein Pluspunkt der Ausbildung hierzulande.

 

Warum beinhaltet Ihre Spielweise dennoch viele solcher Straßenfußballer-Elemente?

Younes: Dieses instinktive Handeln ist einfach sehr stark in mir drin. Bei mir war es damals in der Jugendzeit so, dass ich noch zuhause wohnen durfte, nie im Internat war und daher außerhalb des Trainings bei Borussia immer mit meinen Freunden zocken konnte. Das war für mich positiv. Denn gewisse Feinheiten im Umgang mit dem Ball, im Eins-gegen-Eins lernt man eigentlich nur auf der Straße. Da hatten wir früher einen kaputten Ball und 50 Jungs, die damit spielen wollen. Du musst schon was drauf haben, um dann die Kugel zu verteidigen (lacht).

Tipico

Wie wichtig ist die Fähigkeit, Eins-gegen-Eins-Situationen lösen zu können, im heutigen Profi-Fußball?

Younes: Sehr wichtig. Spieler, die das gut drauf haben, machen den Fußball aus. Und wenn jeder auf dem Feld Eins-gegen-Eins spielen kann, sowohl defensiv als auch offensiv, kann man immer Überzahl schaffen. Im Spiel nach vorne heißt das zum Beispiel: Wenn du einen Gegenspieler ausspielst, muss automatisch einer aus deiner Mannschaft frei sein. Entscheidend ist, dass man da hinkommt, diese Situationen zu erkennen und gut auszuspielen.

Einer, der ebenfalls große Stärken im Dribbling hat, ist Sinan Kurt. Roland Virkus, Direktor Jugend und Amateure bei Borussia Mönchengladbach, hat kürzlich in einem Interview mit SPOX gesagt, dass Gladbach für ihn die bessere Wahl gewesen wäre. Wie haben Sie Kurt kennengelernt?

Younes: Er ist etwas jünger als ich, hat aber im letzten Jahr öfter bei uns im Profi-Team trainiert. Daher kenne ich ihn recht gut. Er ist charakterlich ein sehr guter Junge, hat einen guten linken Fuß, ist schnell und stark im Eins-gegen-Eins.

Was halten Sie von seinem Weg?

Younes: Ich kann es verstehen, dass er den Schritt zu Bayern gewagt hat. Gladbach hat Spieler wie Andre Hahn oder Thorgan Hazard verpflichtet. Daher wäre es dort für ihn ohnehin schwierig geworden, zu spielen. Bei Bayern sitzt man vielleicht auch auf der Bank, kann aber von Spielern wie Ribery und Robben lernen.

Ähnlich wie bei Kurt waren bei Ihnen die Erwartungen sehr hoch, als Sie im Sommer 2012 fest zu den Profis kamen. Sie wurden seinerzeit in der Vorbereitung von vielen Beteiligten gelobt. Wie schwierig war es, als Talent plötzlich damit umgehen zu müssen?

Younes: Es ist sicherlich nicht einfach, wenn du auf einmal als so junger Spieler derart im Fokus bist. Ich bin nicht der Typ, der gerne im Mittelpunkt steht. Deswegen gefällt es mir in Kaiserslautern sehr gut: Hier hat man nicht so viel Trubel, kann sich in Ruhe entwickeln, die familiäre Atmosphäre bekommt mir.

Würden Sie die bisherige Zeit in Gladbach im Nachhinein als enttäuschend bewerten?

Younes: Klar will man immer spielen. Speziell ich bin jemand, der einfach nur Fußball spielen will, egal wo das ist. Ich habe in Gladbach immer Gas gegeben, bin im Training jeden Tag ans Limit gegangen. Das ist das Wichtigste für mich. Ob ich mir jetzt mehr erwartet oder erhofft hätte, das ist heute ohnehin unbedeutend.

Der FCK hat keine Kaufoption. Geht es im Sommer also auf jeden Fall zurück nach Gladbach?

Younes: Man weiß nicht, was im nächsten Jahr passiert. Momentan sieht es so aus.

Sie haben zu Gladbacher Zeiten gesagt, Rückschläge immer betont positiv anzupacken. Woher rührt diese Einstellung?

Younes: Mein Vater stammt aus dem Libanon, immer wenn ich Urlaub habe, ob Sommer oder Winter, bin ich dort bei Verwandten. Wenn man die Situation im Libanon sieht, weiß man, wie gut wir es hier in Deutschland haben. Daher fällt es einfacher, Rückschläge im Fußball richtig einzuordnen.



Welche Einstellung hat man dann gegenüber den Verlockungen des Profi-Geschäfts, sprich Geld, teuren Autos oder all den gängigen Star-Allüren?

Younes: Als Profi hat man viel um sich herum, was verlockt, was ablenken kann. Viele Talente gehen daran kaputt, bleiben auf der Strecke. Dinge wie teure Autos gehören irgendwo dazu, man hat hart dafür gearbeitet und wenn man es sich leisten kann, ist das eine schöne Sache. Aber man darf sich davon nicht ablenken lassen. Ich persönlich lege nicht viel Wert darauf.

Zurück zum Sportlichen: Favre gibt ja stets das Bild vom fußballbesessenen, sehr akribischen Trainer ab. Ist er auch mal locker, macht mal einen Spaß?

Younes: Wenn es um Fußball geht ist er jemand, der alles perfekt haben will, alles perfekt machen will und sehr detailverliebt ist. Aber im persönlichen Umgang, im Bus oder wenn man in der Freizeit mal zusammen sitzt, ist er eigentlich ganz locker und bringt auch mal einen Witz.

Sie betonen immer wieder, dass Sie Favre viel zu verdanken haben. Was meinen Sie genau damit?

Younes: Er ist einfach ein Top-Trainer, seit über drei Jahren bei Gladbach. Das ist schon eine Leistung. So konstant gut zu arbeiten, ist überragend. Vor allem taktisch habe ich bei ihm brutal viel gelernt. Deswegen hege ich keine negativen Gedanken über ihn, nur weil ich in Gladbach nicht viel gespielt habe.

Bei der U21-Nationalmannschaft haben Sie mit Horst Hrubesch ebenso einen Trainer, der Sie prägt. Dass er bei Ihnen im Vergleich zu Mitspielern besonders hart drauf haut, gefällt Ihnen. Warum?

Younes: Weil er damit diese Verspieltheit, die ich oft in mir habe, aus mir heraus prügelt beziehungsweise mir immer wieder vor Augen hält, dass ich meine Stärken effektiver zur Geltung bringen muss. Dabei fördert er einerseits dieses kleinteilige Spiel, sprich zum Beispiel Doppelpässe auf engem Raum – aber fordert gleichzeitig ein, dass es der Mannschaft helfen muss.

Sind Sie ein Typ, der ab und zu mal einen auf den Deckel braucht, um voll fokussiert zu bleiben?

Younes: Schwierige Frage. Ich würde sagen nein. Aber Herr Hrubesch ist der Meinung, dass es schon so ist (lacht). Wir haben ein sehr, sehr gutes Verhältnis, telefonieren oft und stehen ständig in Kontakt. Er war bei der Entscheidung, zum FCK zu gehen, mit im Boot und hat mich bestärkt.

Eine abschließende Frage: Sie haben nach Ihrem ersten Einsatz in Kaiserslautern die Stimmung im Stadion gelobt. Was setzt mehr Adrenalin frei – Betzenberg oder Borussia Park?

Younes: Ich will es mal so sagen: Im Borussia Park habe ich eben schon gespielt, als er voll war. Ich bin gespannt, wie es am Betzenberg ist, wenn der mal ausverkauft ist. Aber auch so, wenn 20.000 oder 30.000 Leute Stimmung machen, ist das genial, bei einem Zweitligisten gibt es das wohl nirgendwo anders auf der Welt.