Felix Magath über Zeit bei Fulham: "Die Situation war schon zu verfahren"

Felix Magath spricht im exklusiven Goal-Interview über seine Erfahrung in London, den englischen Fußball und die Vorstellung, sich minutenlang von ihm anstarren zu lassen.

Hamburg/London. Wir sind in einem Hotel im Südwesten Londons verabredet. Felix Magath, 61, hat hier einige Monate gewohnt, ehe er sich in der Nähe ein Haus angemietet hat. Er möchte bleiben, erzählt er. Die Stadt gefällt ihm. Doch sein Abenteuer in der Premier League ist schneller beendet, als er gehofft hatte. Zwölf Punkte aus zwölf Spielen reichen nicht, um den FC Fulham in der ersten Liga zu halten.

Auch in der zweiten Liga hat Magath keinen Erfolg. Nach sechs Niederlagen in sieben Spielen ist Schluss. In den englischen Medien wird er nach seinem Rauswurf harsch kritisiert. Gegen Behauptungen, er habe unter anderem Spieler in sein Büro gerufen und angeschwiegen, übermäßige Geldstrafen und andere Geschichten wehrt er sich auch via Facebook, geht zum Teil juristisch dagegen vor. Ein sensibles Thema. 

Herr Magath, welches Fazit ziehen Sie nach Ihrer ersten Trainerstation im Ausland?

Felix Magath: Mir hat es sehr gut gefallen in England. Auch die zweite englische Liga hat mir aufgrund der Spielweise großen Spaß gemacht. Da sind noch Kampf und Leidenschaft drin, was ich beim Sport sehr schätze.

Sind Sie mit einem langfristigen Ziel angetreten?

Magath: Ich bin niemand, der sich mit einem Mittelfeldplatz zufriedengibt. Auch lasse ich mich ungern dazu drängen, nur den kurzfristigen Erfolg zu suchen. Damit macht man sich natürlich nicht überall beliebt, weil bei vielen Vereinen nur noch von Spieltag zu Spieltag gedacht wird. Ich bin nicht zu Fulham gekommen, nur um den Abstieg zu vermeiden, sondern weil ich etwas aufbauen wollte. Der Kader stand vor einem Umbruch. Am meisten Freude macht mir der Aufbau einer jungen Mannschaft, die das Potenzial hat in der Spitze mitzuspielen. Eine meiner Stärken liegt darin, einen Umbruch erfolgreich zu gestalten und perspektivisch zu arbeiten.

Wie lautete der Auftrag beim FC Fulham?

Magath: Der Auftrag war zunächst, den Abstieg zu vermeiden. Der FC Fulham hat im Sommer 2013 knapp zwanzig neue Spieler geholt, im Januar kamen sieben weitere dazu. Ich hatte im Februar eine Kadergröße von 45 Spielern. Können Sie sich vorstellen, wie aus einer solchen Gruppe eine Mannschaft entstehen soll, wenn man in einer Saison 27 neue Spieler holt? Ich war der dritte Trainer in einer Saison, sollte unter dem Druck der Abstiegsangst kurzfristig etwas zimmern. Die Situation war schon viel zu verfahren.

War Ihnen das vor der Vertragsunterschrift klar?

Magath: Die Personalsituation war bekannt. Das war die größte Schwierigkeit. Es gab zu viele Veränderungen innerhalb eines Jahres, um in einer solchen Situation eine Einheit zu formen. Man kann einen Trainerwechsel vornehmen, doch dann müssen die richtigen Entscheidungen getroffen werden. Wenn auch der zweite Trainer mit seinen Verpflichtungen falsch liegt, haben Sie als dritter Mann kaum noch eine Chance. Nach Trainerwechseln läuft es in der Regel kurzfristig besser, weil die Spieler kein Alibi haben und in der Verpflichtung stehen. Bei Fulham hat der Trainerwechsel eine gegenteilige Wirkung gehabt und die Verpflichtungen in der Winterpause haben nicht gegriffen.

Was entgegnen Sie Kritikern, die Ihr Training und Ihren Führungsstil infrage stellen?

Magath: Es wird immer wieder versucht, unser Training als veraltet abzustempeln. Wenn Sie heute in die Medien schauen, stellen Sie fest, dass funktionelles Training hochmodern ist. Das bedeutet, dass man mit seinem Körper und leichten Hilfsmitteln wie Kurzhanteln oder Medizinbällen arbeitet. Werner Leuthard (Konditionstrainer, Anm. d. Redaktion) und mich hat man dafür in die Ecke gestellt. Es weiß doch keiner im Detail, was und wie wir trainieren. Man schaut bei einem Training zu, hört sich die Jammerei eines schlechten oder mittelmäßigen Spielers an, und urteilt dann über uns. Sprechen Sie doch mal mit Raul, der am Ende seiner Karriere gesagt hat er wäre so fit wie selten. So etwas wird medial aber nicht transportiert. Stattdessen bekommt ein Spieler, der es nirgendwo zu etwas gebracht hat, eine Plattform, um unsere Methoden zu kritisieren. Dabei gibt es nur wenige Spieler, die schon mal etwas von Trainingslehre gehört, geschweige ein Buch darüber gelesen haben. Dass wir neben den fittesten Spielern auch die wenigsten Verletzungen hatten, findet sich in der Berichterstattung nie. Das wird einfach verschwiegen.

Was ist an der Geschichte dran, Sie hätten Spieler in Ihrem Büro minutenlang angestarrt?

Magath: Stellen Sie sich die Situation doch mal vor. Wie absurd ist das? Es sitzt doch keiner da und lässt sich drei Minuten von mir anstarren. Ich achte auch nicht darauf, ob ein Spieler blinzelt oder nicht. Was ist das für ein Schwachsinn?

Nach Ihrem Start in London war zudem zu lesen: Magath streicht sofort die freien Tage.

Magath: Es gehört zum heutigen Zeitgeist, dass oberflächlich berichtet wird. Man hinterfragt nicht, dass ein neuer Trainer auch genügend Zeit benötigt. Wenn ich zum Beispiel an einem Sonntagmorgen einen Lauf ansetze, ist das Straftraining. Bei anderen nennt sich das Regenerationstraining. Mittlerweile hat sich dieses Bild so verfestigt, dass auch die Spieler von vornherein alles nur als "Strafe" empfinden. Was meinen Sie, was hier los war, als wir unter der Woche an einem Tag zwei Mal trainieren wollten? Das war man in Fulham nicht gewohnt. Man hat es als "Strafe" betrachtet, wobei das in der Bundesliga völlig normal ist.

Im Gegensatz zur Bundesliga gilt in den englischen Ligen ein strafferer Zeitplan. Wie oft ist Training überhaupt möglich?

Magath: Während der Saison können Sie kaum noch trainieren, weil es unter der Woche fast immer ein Spiel gibt. Wir haben im Sommer sieben Wochen Vorbereitung gemacht. In der Vorbereitungszeit muss man intensiv mit der Mannschaft arbeiten können, da man im Saisonverlauf kaum mehr dazu kommt. Um einen gelungenen Start zu erleben, braucht ein Trainer seine vollständige Mannschaft daher schon zu Beginn der Vorbereitungszeit. Dies war in Fulham leider nicht der Fall.

Was halten Sie von Training unter Ausschluss der Öffentlichkeit?

Magath: Ohne Zuschauer können Sie besser arbeiten. Stellen Sie sich vor, Sie müssen einem Spieler vor tausend Zuschauern einen Fehler erklären. Da stellen Sie ihn doch bloß. Das ist unter Ausschluss der Öffentlichkeit besser, man ist unter sich.

Empfehlen Sie das der Bundesliga?

Magath: Selbstverständlich. Besonders dann, wenn Sie viele junge Spieler unter Vertrag haben, die mit dem Druck der Öffentlichkeit erst mal klarkommen müssen. Vor Publikum können Sie mit den Spielern doch nicht arbeiten. Es geht dabei nicht um den Trainer, sondern um die optimale Entwicklung des Spielers. Und dazu muss man Fehler machen dürfen, ohne dabei zu verkrampfen.

"Wenn ich an einem Sonntagmorgen einen Lauf ansetze, ist das Straftraining. Bei anderen nennt sich das Regenerationstraining."
 

Nach dem Abstieg aus der Premier League gab es große personelle Veränderungen. Welches Ziel wurde in der Sommertransferperiode verfolgt?

Magath: Es hat einen radikalen Schnitt innerhalb der Mannschaft gegeben. 24 Spieler haben den Verein verlassen, zwanzig neue, darunter acht aus der eigenen Jugend, kamen hinzu. Die Transferbilanz ist ausgeglichen. Außerdem haben wir den Altersdurchschnitt erheblich gesenkt. In der Öffentlichkeit wird immer wieder darüber geschrieben, wie viele Spieler ich verpflichtet habe, aber nicht, dass mehr Spieler den Verein verlassen haben.

Bei den Neuverpflichtungen fällt immer wieder der Name Ross McCormack, der mit knapp zwölf Millionen Euro der teuerste Transfer aller Zeiten in der zweiten englischen Liga gewesen ist.

Magath: Obwohl ich in Pressekonferenzen des Öfteren betont habe, dass ich an Vertrags- und Transfergesprächen nicht teilgenommen habe, somit dafür auch keine Verantwortung übernehmen kann, wurde ich in der Berichterstattung als der Alleinverantwortliche für diesen Transfer dargestellt.

Sie haben viele junge Spieler aus dem Nachwuchs in die erste Mannschaft hochgezogen. Wie beurteilen Sie die Qualität in der Jugendakademie?

Magath: Man kann feststellen, dass in Deutschland im Nachwuchsbereich sehr gute Arbeit geleistet wird, sodass in der Bundesliga viele junge Spieler aktiv sind und auch in der Nationalmannschaft überzeugen. Im Gegensatz dazu hat der englische Fußball Schwierigkeiten, junge Spieler aus den eigenen Reihen in die Premier League und die Nationalmannschaft zu bringen. Es wird zum Beispiel berichtet, dass der FC Fulham eine hervorragende Akademie habe. Aber kein Spieler aus dieser Akademie hat den Weg in die A-Nationalmannschaft geschafft oder sich in der Premier League etabliert.

Es gibt eine “Home Grown Player”-Regelung, die vorschreibt, dass mindestens acht Spieler unabhängig von ihrer Nationalität in einem der FA angehörigen Vereine ausgebildet worden sein müssen. Was halten Sie das für sinnvoll?

Magath: Das ist zwar gut gemeint, hat aus meiner Sicht aber keine positiven Auswirkungen.

Am Dienstag gibt es auf Goal den zweiten Teil des Interviews mit Felix Magath.

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